Gott begleitet uns auf unseren Wegen
Liebe Dillinger Franziskanerinnen, lieber Herr Pfarrer Zitzler, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, ich bin ein „Buchloer Kindl“ – und sogar ein stolzes! Ich kehre immer wieder gerne in meine Geburtsstadt zurück. Hier erblickte ich das Licht der Welt, hier wurde ich getauft, und zwar in jener Kapelle des Krankenhauses St. Josef, in dem die Dillinger Franziskanerinnen seit 111 Jahren gewirkt und gelebt haben.
Deswegen war es mir wichtig, an diesem heute so besonderen Tag in Buchloe zu sein: Wir verabschieden Sie, die vier verbliebenen Franziskanerinnen, und dieser Abschied fällt uns allen recht schwer. Seit den 1960er Jahren sind Sie hier – also fast ein ganzes Leben lang. Wie kann man sich dieses Krankenhaus ohne die Schwestern vorstellen, die seine Atmosphäre mit ihrer beruflichen Kompetenz, aber auch mit ihrer Glaubensstärke und Güte geprägt haben?
Trotzdem soll die Schwermut nicht das letzte Wort haben. Wir sind gekommen, um Ihnen, liebe Schwestern, ein großes Dankeschön zu sagen – und natürlich auch, um Gott zu danken, der die Wege der Dillinger Franziskanerinnen in Buchloe über mehr als ein Jahrhundert hinweg begleitet hat.
Wir tun dies, indem wir Eucharistie feiern – Eucharistie bedeutet auf Griechisch „Danksagung“. Der Tisch des Herrn spendet Trost, aber auch Hoffnung; er heilt und stärkt uns in unserem Glaubensleben. Die Kirche lebt von der Gegenwart des Herrn in Brot und Wein. Auch wenn wir Abschied nehmen, bekennen wir: Christus ist da! Und er ist immer mit uns, wohin unsere Wege uns auch führen.
Ausgehend von den Lesungen will ich Ihnen drei Stichworte mitgeben.
1. Das erste lautet: Geborgenheit.
Gott begleitet sein Volk, ja alle Völker der Erde, und kümmert sich um sie. Beim Propheten Jesaja lesen wir: „Gott, der Herr, wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen (… ). An jenem Tag wird man sagen: Siehe, das ist unser Gott, auf ihn haben wir gehofft, dass er uns rettet.“ (Jes 25,8–9) Gott lässt uns also nicht allein und vergisst uns nicht. Trotzdem spüren wir seine Gegenwart nicht immer in unserem Leben. Manchmal befinden wir uns in großer Bedrängnis oder leben in tiefer Angst: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich ver-lassen?“, ruft der Psalmist (Ps 22,2), und diese Worte wiederholt Jesus Christus selbst am Kreuz (vgl. Mt 27,46; Mk 15,34).
In anderen Situationen gewinnt ein Gefühl der Leere oder Gleichgültigkeit die Oberhand in unserer Seele. Und doch ist Gott da – vielleicht gerade in diesen Momenten auf besondere Weise. Seine Wege sind unergründlich, er überrascht uns oft; doch es kommt der Augenblick, in dem wir sein rettendes Handeln erkennen und sein heiteres Licht spüren.
Dann können wir sagen, dass wir „wunderbar geborgen“ sind, wie der große Glaubenszeuge Dietrich Bonhoeffer mitten in der Finsternis seiner Gefangen-schaft schrieb. Diese Geborgenheit schenkt uns die Frohe Botschaft des gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus, der Mitte und Ziel unseres Lebens ist.
2. Das zweite Stichwort heißt: Durchhaltevermögen.
Der Apostel Paulus schreibt an die Philipper: „Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung. Alles vermag ich durch den, der mich stärkt.“ (Phil 4,12–13) – Ich bin skeptisch gegenüber all denen, die behaupten, der Weg des Glaubens führe immer nur aufwärts. Die Botschaft Jesu Christi ist „das Wort vom Kreuz“ und kein Wohlstandsevangelium. Die Nähe zu Gott lässt sich nicht an Macht oder Reichtum messen. Gerade die Verwundeten sind es, die in seine Gemeinschaft aufgenommen werden.
Hier denke ich an den hl. Franz von Assisi. An dessen leidenschaftliches und zugleich leidvolles Zeugnis für das Evangelium erinnert sich heuer die welt-weite Christenheit. Die Armen, die Schwachen und die Diskriminierten – sie sind die besonderen Freunde Gottes, der Wunden heilt.
Christus spricht vom ewigen Leben, verspricht aber keinen bequemen Weg dorthin. Glauben braucht Durchhaltevermögen. Versagen, Überforderung und Zweifel gehören dazu. Und manchmal sind wir mit Kräften konfrontiert, die dem Evangelium alles andere als freundlich gegenüberstehen. Wenn wir uns für das Evangelium entscheiden, verbessert sich nicht alles auf magische oder automatische Weise. Und trotzdem gehen wir weiter, im Wissen darum, dass wir nicht allein sind. „Wer glaubt, ist nie allein“, wie Papst Benedikt XVI. immer wieder sagte.
Franz von Assisi konnte die Herausforderungen seines Lebens aushalten in der Gewissheit, dass Jesus Christus ihn begleitet und stärkt. Vertrauen wir unser Leben Gott an und erlauben wir ihm, in unsere Herzen einzutreten und sie mit Hoffnung zu erfüllen!
Schon Jesaja spricht von einer Hoffnung, die bestätigt und gefeiert wird; und Gott selbst richtet diese Feier aus: „Der Herr der Heerscharen wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den feinsten, fetten Speisen, mit erlesenen, reinen Weinen.“ (Jes 25,6)
3. Feier heißt das dritte Stichwort, das ich Ihnen mitgeben möchte.
Gott will nicht nur mit uns zusammen sein; er will mit uns feiern. Der wichtigste kirchliche Vollzug, die Eucharistie, ist eine Feier, ein Festmahl. Die Bilder, mit denen vom Reich Gottes gesprochen wird, sind festliche Bilder. Unser Gott verspricht uns Freude!
So fordert mich das Gleichnis aus dem Matthäusevangelium, das wir gehört haben, besonders heraus. Es handelt von der Tragik der Menschen, die die Einladung zum Festmahl Gottes nicht annehmen wollen. Menschen, die keine Lust darauf haben, mit Gott zu feiern! Wie ist so etwas möglich?
Papst Franziskus hat dieses Gleichnis folgendermaßen kommentiert: „Wie oft hören wir nicht auf die Einladung Gottes, weil wir mit unseren eigenen Dingen beschäftigt sind! Wir kämpfen oft darum, unsere eigene freie Zeit zu haben, doch heute lädt uns Jesus ein, die Zeit zu finden, die befreit: die Zeit, die wir Gott widmen, die das Herz erquickt und heilt, die den Frieden, das Vertrauen und die Freude in uns wachsen lässt, die uns vor dem Bösen, vor Einsamkeit und Sinnverlust bewahrt. Es lohnt sich, denn es ist gut, mit dem Herrn zusammen zu sein, ihm Raum zu geben. In der Messe, im Hören auf das Wort, im Gebet und auch in der Nächstenliebe, denn wenn man den Schwachen und Armen hilft, wenn man mit den Einsamen zusammen ist, wenn man denen zuhört, die um Aufmerksamkeit bitten, wenn man die Leidenden tröstet, ist man beim Herrn, der in den Bedürftigen gegenwärtig ist. Viele denken jedoch, dass diese Dinge »Zeitverschwendung« sind, und so schließen sie sich in ihrer privaten Welt ein. Das ist traurig. Und das erzeugt Traurigkeit. Wie viele traurige Herzen! Weil sie verschlossen sind.“[1]
Liebe Franziskanerinnen,
Sie haben durch Ihr Wirken gezeigt, dass Ihre Herzen nicht verschlossen sind. Ganz im Gegenteil! Jahrzehntelang standen Sie unermüdlich im Dienst der Kranken, im Dienst der Gesellschaft, im Dienst des Evangeliums. Ihr Einsatz in Buchloe war segensreich!
Es sagt viel aus, dass heute so viele Menschen gekommen sind, um Ihnen „Vergelt’s Gott!“ zu sagen. Das sage auch ich Ihnen von ganzem Herzen. Ich bete darum, dass Gott Sie auf Ihrem weiteren Weg mit seiner Nähe begleitet. Mit Ihrer Verabschiedung schließt sich ein Kapitel franziskanischer Präsenz in dieser Stadt. Auch die verstorbenen Schwestern des Konvents möchte ich deshalb in unser Gebet einschließen.
Der Pfarrgemeinde und meiner Geburtsstadt wünsche ich, dass sie das Zeugnis der Dillinger Franziskanerinnen in dankbarer Erinnerung bewahrt und sich auch in Zukunft davon inspirieren lässt. Möge Gott uns alle segnen!
[1] Papst Franziskus, Angelus, Petersplatz, 15. Oktober 2023: https://www.vatican.va/content/francesco/de/angelus/2023/documents/20231015-angelus.html