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Predigt im Pontifikalgottesdienst in Babenhausen anlässlich der Wiedereröffnung der Pfarrkirche St. Andreas

Kirchen halten die Gottesfrage wach

18.10.2026 11:29

Lieber Herr Pfarrer Brom, sehr verehrte Mitglieder des Fördervereins der Pfarrkirche St. Andreas, verehrte Spenderinnen und Spender, liebe Schwestern und Brüder in Christus! Diese Pfarrkirche hat viele Freunde! Vielleicht gehören Sie zu jenen, denen die Kirche St. Andreas ganz besonders am Herzen liegt. Zu diesem Freundeskreis gehören viele Patinnen und Paten, darunter prominente Persönlichkeiten und jene, die sich über Monate hinweg im Förderverein engagiert haben, um diese Sanierung zu stemmen.

Die ersten Kirchenschließungen in unserem Bistum machen uns schmerzlich bewusst: die Kirche inmitten von Dörfern und Städten - das ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Vielleicht ist Ihnen das während der Phase der baubedingten Schließung ebenfalls bewusst geworden. Es war ein Kraftakt sowohl die Außenfassade als auch das Innere von St. Andreas zu renovieren, ein „Jahrhundertprojekt“, wie Pfarrer Brom es in Interviews genannt hat. Vergelt‘s Gott allen, die sich an der Generalsanierung von St. Andreas beteiligt haben. Das war keine Selbstverständlichkeit, zumal die Bewohner Babenhausens durch die Zerstörungen des verheerenden Hochwassers finan­ziell eh sehr herausgefordert sind! Mit Ihrer Spende und Ihrem Engagement setzen Sie ein Statement: Unsere Kirchen sind nicht überflüssig, sondern sie sind für uns von größter Bedeutung und Wert. Die Kirche St. Andreas ist fester Bestandteil Ihrer Marktgemeinde, sie gehört zu Ihrer Identität, zu Ihrer Geschichte und auch zur Geschichte der Fuggerfamilie und unseres Bistums.

Welche Bedeutung können unsere Kirchengebäude noch haben? Dieser Frage will ich heute entlang der eben gehörten Schriftlesungen nachgehen.

1. Kirchen halten die Gottesfrage wach

Schauen wir zunächst ins Evangelium. Johannes der Täufer weist zwei seiner eigenen Jünger auf Jesus hin, als dieser an ihnen vorübergeht: „Seht, das Lamm Gottes!“ In der Kunst wird Johannes oft mit einem deutlichen Zeigefinger dargestellt. Er macht auf Jesus aufmerksam - ohne diesen deutlichen Finger­zeig hätten die beiden Jünger ihn verpasst!

Ist nicht jeder Kirchturm so etwas wie ein Fingerzeig auf Gott hin?

Wie viele von Ihnen bewegen sich tagtäglich in einem Umfeld, in dem die Frage nach Gott keine Rolle mehr spielt. Praktizierende Christen gelten mancherorts als Exoten; die Gottesfrage ist für die breite Masse unserer Bevölkerung in den Hintergrund gerückt. Unsere Kirchen, Kapellen und Wegkreuze aber halten diese Frage wach. Schon von Weitem sichtbar, spricht ein jeder Kirchturm: „Hier wohnt Gott!“. Er ragt dabei einerseits in den Himmel, zugleich weist er auf das Kirchengebäude hin, mit dem er in Verbindung steht.

Damit sind die beiden Dimensionen angesprochen, die uns in der Lesung aus dem ersten Buch der Könige begegnet sind. Im sogenannten Tempelweihgebet heißt es: „Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe.“ (1 Kön 8,27) Wenn wir fragen, wo Gott zu finden ist, dann ist Gott weder auf den Kirchenraum noch auf den Himmel zu beschränken. Die Antwort wäre vielschichtig; aber wir Christen haben das große Glück, dass Gott sich für uns greifbar gemacht hat. Denken wir an das Johannesevangelium, das von Beginn an festhält: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt…“ (Joh 1,14). Wörtlich ist das übersetzbar mit: „Er hat sein Zelt unter uns aufgeschlagen.“ Die Tabernakel sind jene Zeltstätten, in denen Gott im Zeichen des Brotes mitten unter uns ist – jenes Geheimnis, das wir in dieser Stunde versammelt um den Altar feiern. Unsere Kirchen sind nicht leer; Gott erweist uns in Jesus Christus seine bleibende Nähe: im Brot und freilich auch in seinem Wort. 

2. Kirchen sind Orte, an denen der Mensch zu Gott kommen kann

Wenn wir auf die Bauphasen blicken, folgte auf die Sanierung der Außen­fassade, die Erneuerung des Kircheninneren. Eine Kirche von außen wahr­nehmen ist schön und gut. Aber wir müssen schon auch hineingehen und schauen, was hinter der Tür liegt. Unsere Kirchen bergen Kunstschätze von großem Wert, Fresken, Gold und Stuck: Hier wurde nicht gespart, weil Gott es uns wert ist! Und doch können wir seine Größe und Herrlichkeit dadurch nicht mehren. Das Gotteshaus ist auch für uns gedacht. Wir brauchen Räume, in denen wir als Christen zusammenkommen können. Wir brauchen Orte, die es uns leichter machen, mit Gott in Berührung zu kommen. Diese Kirche will so ein Ort sein. Wir müssen nicht hierherkommen, um Gott gnädig zu stimmen, sondern sind um unseretwillen eingeladen, regelmäßig in das Gotteshaus ein­zutreten.

Die beiden Jünger hätten es beim bloßen Hinweis des Johannes belassen können, aber sie sind Jesus buchstäblich nachgefolgt. Aus einem Augenblick der Aufmerksamkeit wurde eine intensive Begegnung, die das weitere Leben verändert hat. „Was sucht ihr?“ (Joh 1,38) ist die Frage, die Jesus an sie stellt. Die beiden Jünger sind so fasziniert von ihm, dass sie sagen: Wir wollen wissen, wo du wohnst. In diesem kurzen Dialog steckt so vieles: Jesus konfrontiert die beiden interessierten Jünger mit ihrer Sehnsucht. Wenn sie daraufhin nach dem Wohnort Jesu fragen, heißt das: Wo können wir dich finden? Wie lebst du? Wir wollen bei dir sein. Die Jünger erahnen, dass in der Person Jesu die Antwort auf das Fragen und Suchen ihres Lebens zu finden ist.

Das dürfen wir auf unser Leben übertragen: Bleiben wir nicht bei Äußerlich­keiten stehen. Gemeinschaft, Rituale und Bräuche bieten uns Halt, all das ist unverzichtbar; aber der Raum des Glaubens wird dort nochmal geweitet und vertieft, wo wir in eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus finden. Kirchen sollen Orte sein, an denen wir Jesus besser kennen lernen: im Wort und im Sakrament. Ob im Gottesdienst oder beim stillen Verweilen – machen wir uns bewusst, dass wir beim Eintritt in den Kirchenraum in seine Gegenwart eintreten dürfen. Dort darf unsere innere Sehnsucht zur Sprache kommen. Der Frieden und die Ruhe, die wir im Raum einer Kirche erfahren, rühren von Gott selbst her. Jesus selbst sagt, dass er einen Frieden geben kann, den die Welt nicht zu geben vermag (vgl. Joh 14,27). Und unsere Welt sehnt sich danach: nach äußerem Frieden und auch nach innerer Ruhe und Kraft. Und da kommen wir ins Spiel!

3. Ein Haus aus lebendigen Steinen sein

Das Kirchengebäude steht als Bild dafür, was wir selbst sein sollen: „Tempel des Heiligen Geistes“ (1 Kor 6,19); oder wie es der Petrusbrief ausdrückt: „lebendige Steine eines geistigen Hauses“ (1 Petr 2,5). Ein Vorbild dafür ist der Apostel Andreas, der Kirchenpatron der Babenhausener Pfarrkirche. Andreas ist einer der beiden Jünger aus dem Evangelium, auf die ich in der Predigt schon mehrmals geblickt habe. Er lernt Jesus kennen und ist sicher, in ihm den Messias gefunden zu haben: Jesus ist der, auf den Israel gewartet hat. Auf Jesus will er, Andreas, seine ganze Lebens- und Zukunftshoffnung setzen. Diese Gewissheit behält er nicht für sich. Es drängt ihn förmlich dazu, anderen davon zu erzählen. Folglich kann Andreas seinen eigenen Bruder dafür gewin­nen, ebenfalls ein Jünger Jesu zu werden: Simon Petrus, der später eine so entscheidende Rolle im Jüngerkreis eingenommen hat.

Nun spielt eine Messiaserwartung, wie sie im Alten Israel verankert war, in unserem Umfeld freilich keine große Rolle. Aber denken wir an die Suche nach Sinn, Glück und Frieden, die jeden Menschen früher oder später umtreibt. Jesu Gegenwart bringt auch heute Licht in die Finsternis; er macht heil, was ver­wundet und zerrissen ist. Vielleicht hat die ein oder der andere von Ihnen schon so eine Erfahrung machen dürfen.

Wenn ich auf die große Spendenbereitschaft blicke, die Sie aufgebracht haben, dann nehme ich an, dass es Ihnen dabei nicht nur um den Erhalt von Stein­mauern und Kunstwerken ging. Ich denke, Ihr Engagement für dieses Gebäude ist von all diesen Facetten motiviert, die ich angesprochen habe. Ich bin mir sicher, viele unter uns haben im Raum der Kirche Sinn und Halt für ihr Leben gefunden. Ich möchte Ihnen Mut zusprechen, dass Sie anderen von der positiven Kraft erzählen, die der Glaube in ihr Leben bringt. Stellen Sie das Licht, das Gott Ihnen schenkt, nicht unter den Scheffel! Gott will uns zu einem geistigen Haus aus lebendigen Steinen aufbauen (vgl. 1 Petr 2,5). Wir selbst dürfen so etwas wie ein Kirchturm, ein Fingerzeig Gottes, inmitten dieser Welt sein!

Der Blick auf und in die Pfarrkirche hilft uns dabei: Von außen erinnert sie daran, die Gottesfrage wach zu halten, und im Innern dürfen wir seine beson­dere Nähe spüren. Jedem Menschen wird mit der Taufe zugesagt, Gottes Liebe in Worten, Taten und Gesten zu verkünden – inner- und außerhalb dieser Mauern! Nehmen wir diesen Auftrag Christi ernst, er traut es uns zu! Damit können wir zuversichtlich sein, dass unsere Kirchen nicht nur von Grund auf saniert, sondern auch in Zukunft von Geist und Leben erfüllt sein werden. Amen.