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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier im Pontifikalgottesdienst in Nördlingen anlässlich der Segnung der neuen Kita St. Josef

„Liebe Deinen Nächsten. Er ist wie Du.“ (Martin Buber)

25.10.2026 10:30

im Evangelium, das wir eben hörten, beantwortet Jesus die Frage nach dem wichtigsten Gebot - vielleicht zur Überraschung des Fragenden, mit der Gottes- und Nächstenliebe. Für ihn wie für jeden redlichen Menschen ist klar: Wer sagt, dass er Gott liebt, soll und wird auch seinen Bruder/seine Schwester lieben, wie es der erste Johannesbrief (1 Joh 4,21) ausdrückt; und umgekehrt, wer seinen Nächsten liebt, das heißt: ihm wirklich von Herzen wohl will, der öffnet sich gleichzeitig für das Geheimnis des transzendenten Gottes.

Wenn wir heute im Anschluss an diese Feier der Danksagung gegenüber Gott – nichts anders heißt ja Eucharistie – für das große, fast vollendete Bau­projekt auch den Segen für die neuerbaute Kita St. Josef erbitten, dann dürfen wir darin getrost die Erfüllung des Gebotes der Gottes- und Nächstenliebe erkennen. Denn dass Planung, Finanzierung und Erbauung des neuen Forums St. Josef weitgehend den Vorgaben entsprachen, ja, dass die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Bund, Stadt und Kirche das Projekt überhaupt ermöglichte, ist keine Selbstverständlichkeit und ein Grund, allen Beteiligten herzlich zu danken.

Anfang des Monats haben die Kinder ihre neuen Räumlichkeiten bezogen und ich kann mir vorstellen, wie groß ihre Freude ist, nun innen wie außen viel mehr Platz zu haben. Ich wünsche den Kindern und ihren Erzieherinnen noch einige strahlende Herbsttage, damit sie ausgiebig ihren neuen Lebensraum erkunden und genießen können!

Tatsächlich hat ja Gottes- und Nächstenliebe, hat Glaube immer mit Freude zu tun. Denn ein griesgrämig oder auch ängstlich gelebter Glaube ist ein Wider­spruch in sich. „Gott will den fröhlichen Geber“, sagt Paulus und er hat recht: Jede/r von uns, der einmal erkannt ist, wie sehr er von der Für- und Mitsorge anderer abhängt, nicht nur als Säugling und bis zur Volljährigkeit, sondern auch in Phasen der Niedergeschlagenheit, des Misserfolgs und der Vergeb­lichkeit während des ganzen Lebens bis hin zu Krankheitseinbrüchen und den letzten Lebenstagen, wird bestätigen: Es tut einfach gut, wenn Menschen füreinander da sind, aufeinander schauen und mich begleiten, wenn ich es gerade nicht oder nicht mehr allein schaffe.

Deshalb freut es mich auch sehr, dass Ihr zweites großes Projekt in unmittel­barer Nachbarschaft, der Hospizbau auf dem Gelände der früheren Kita St. Josef, mit dem im Juli gegründeten Förderverein „Maria Magdalena“ ein stabiles kooperatives Fundament bekommen hat. Auf ihm kann dann hoffent­lich auch dieses Bauvorhaben sicht- und greifbar werden. Meinen herzlichen Glückwunsch an Sie alle, die Sie den langen Atem haben, diese Vision – Menschen am Anfang und am Ende ihres Lebens in Nördlingen einen Ort der Geborgenheit zu sichern - unbeirrt zu verfolgen!

Es war der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber, der in seiner Bibelüber­setzung darauf hinwies, dass der Vers im Buch Levitikus, den Jesus im heutigen Evangelium zitiert, noch eindrücklicher übersetzt werden kann, nämlich mit: „Liebe deinen Nächsten. Er ist wie Du.“ (Lev 19,18) – Gott sei Dank ist dies in der neuen Einheitsübersetzung wenigstens in der Fußnote vermerkt!

„Liebe deinen Nächsten. Er ist wie Du.“ – Es lohnt sich, diese beiden kurzen Sätze einmal in einer stillen Minute auf sich wirken zu lassen. Ich bin davon überzeugt, wer mit ihnen durch seinen Alltag geht, wird sich gerade in den ‚richtigen‘ Momenten - wenn mir etwas über die Hutschnur geht oder kurz bevor mir der Kragen platzt - an sie erinnern und innerlich einen kleinen Schritt zurücktreten und sich eine heftige Reaktion verkneifen. Wir tun ja schließlich auch uns selbst nichts Gutes, wenn zu viel Porzellan zerschlagen wird und der Haussegen schief hängt. Im Gegenteil: Es ist auch ein Zeichen von vernünftiger Selbstliebe zuzugeben, dass ich mich aktuell überfordert fühle und Hilfe von Mitmenschen in Anspruch nehmen möchte. Dies gilt familiär wie in der Gesell­schaft: Wir brauchen einander und wir leben vom gegenseitigen Vertrauen.

Das Wemdinger Viertel, in dem sich das Forum St. Josef mit der neuen Kita befindet, ist mit seinen über 6.000 Einwohnern, soweit ich erfahren habe, das größte Wohngebiet Nördlingens und stark von kultureller und religiöser Vielfalt geprägt. Bei allen Problemen, die Inkulturation und Integration mit sich bringen, bin ich überzeugt, dass gerade kirchliche Gemeindearbeit und vor allem die nun sechsgruppige Kita, mit der alle an der Planung Beteiligten auf den bisherigen Mangel an ausreichenden Kita-Plätzen reagierte, sehr gute Orte von Integration und einem gelingenden Miteinander sein können. Sie, liebe Erzieherinnen, haben hier ja bereits über Jahre viele Erfahrungen gesammelt und können sicher beeindruckende Geschichten erzählen, von ehemaligen Kita-Kindern mit schwierigen Ausgangsbedingungen, die heute ihre Frau bzw. ihren Mann stehen. Ein Zusammenleben, das auf Respekt gründet und der steten Bereitschaft, zwischen dem Eigenen und dem als fremd Empfundenem zu vermitteln, kann so für alle Seiten fruchtbar werden.

Aus der Erfahrung meiner Familie weiß ich, dass eine konfessionsverschiedene wirklich zur konfessionsverbindenden Ehe werden kann und damit zur Ver­tiefung des persönlichen Glaubens führt; und in meiner jahrzehntelangen Arbeit als Verantwortlicher für den Interreligiösen Dialog – auch auf der Ebene der Deutschen Bischofskonferenz – bin ich vertraut mit den gegenseitigen Vorbehalten und Vorurteilen von jeweiligen Andersgläubigen, habe aber immer wieder erlebt, dass unsichtbare Mauern abgetragen und tragfähige Brücken geschlagen werden können.

Daher bildet der vorhin gehörte Lesungstext aus dem Buch Exodus, in dem der Schutz des Fremden ebenso angemahnt wird wie der des armen Mitbürgers, den notwendigen Hintergrund zur Erinnerung Jesu an das eine Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Lassen wir uns also nicht auseinanderdividieren, mögen die negativen Einflüsterer hierzulande auch recht lautstark werden. Bemühen wir uns, jeden Menschen als Geschöpf Gottes und Mitmenschen zu sehen. Darin zeigt sich unser christlicher Glaube und wir dürfen erleben, wie gegenseitige Unterstützung froh machen kann.