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Hirtenwort des Bischofs Dr. Bertram Meier zur Fastenzeit 2023

Geschwisterlichkeit schafft Einheit

25.02.2023 18:00

Liebe Schwestern und Brüder, kaum ein Wort macht uns derzeit so zu schaffen wie dieses: Einheit. Einheit unseres Landes – Einheit Europas – Einheit der Welt – Einheit unter den Konfessionen – Einheit in der Kirche. Die Einheit bröckelt, der Stil der Auseinandersetzungen wird härter, Demonstrationen und Streiks nehmen zu. Das betrifft nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirche. Das Klima ist rauer geworden, die Atmosphäre wirkt angespannt, die Aufrüstung der Worte wächst. Die Versuchung liegt nahe, sich herauszuhalten und das Weite zu suchen.

Doch der Rückzug ins Private ist keine Lösung. Wir sind Teil einer Schicksalsgemeinschaft: Die Menschheit und die Eine Welt gehören eng zusammen. Erst vor wenigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, an einer internationalen Konferenz in Abu Dhabi teilzunehmen. Es ging um eine „globale Allianz für Toleranz und Geschwisterlichkeit“. Zunächst war ich zögerlich, ob ich den weiten Weg auf mich nehmen sollte, doch dann durfte ich ausgerechnet auf der Arabischen Halbinsel eine Erfahrung der Geschwisterlichkeit machen, mit der ich nicht gerechnet hatte: Luftveränderung tut gut, frei Durchatmen noch besser, am besten aber ist es, wenn wir uns als Brüder und Schwestern in eine große Solidargemeinschaft begeben, um miteinander für die Schöpfung – das gemeinsame Haus, das uns Gott anvertraut hat – zu sorgen.1
 
Jeder Provinzialismus des Glaubens, Denkens und Handelns ist fehl am Platz. Wir sind global vernetzt. Alle tragen Verantwortung für das Schicksal aller. Wir müssen zugeben, dass wir am Klimawandel und den damit verbundenen Krisen mitschuldig sind. Wenn wir unsere Mitgeschöpfe nicht geschwisterlich behandeln, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass sich jetzt die Schöpfung an uns rächt. Doch ehrlich gesagt: Wenn wir anfangen, mit der universalen Solidarität ernst zu machen, fühlen wir uns nicht selten hoffnungslos überfordert. Sollen wir die ganze Welt schultern? Das hat selbst Herkules nicht geschafft. Der christliche Glaube löst nicht alles, aber er kann Mutmacher und Vitaminspritze sein. Glaube erscheint dann nicht mehr als Bremse einer Humanisierung der Welt, sondern als deren Motor – als Energiequelle gerade in Zeiten, da Resignation und Depression den Impuls zu mutigem Handeln oft zu erdrücken drohen. Trotz aller Grenzen gibt der Glaube die Hoffnung nicht auf, dass dieselben Menschen zur Gestaltung einer besseren Welt fähig sind.
 
Diesen Gedanken möchte ich anhand einer Fabel erklären: Sie erzählt von zwei Vögeln. Der eine liegt auf dem Rücken, die Beine starr gegen den Himmel gestreckt. Der andere Vogel fliegt vorbei, sieht das und fragt verwundert: „Was ist denn mit dir los? Warum liegst du auf dem Rücken und streckst die Beine so starr nach oben?“ Der Angefragte antwortet: „Ich trage den Himmel mit meinen Füßen. Wenn ich sie einziehe, stürzt der Himmel zusammen.“ Genau in diesem Moment rauscht ein Windstoß durch den Baum. Ein Blatt löst sich und fällt raschelnd zu Boden. Erschrocken dreht sich der Vogel um und fliegt schnell weg.2
 
Man könnte lachen über den Vogel, der sich so wichtig nimmt, dass er den Himmel tragen will, der aber vor einem kleinen Blatt zu Tode erschrickt und sich aus dem Staub macht. Es geht letztlich um die Frage: Bilde ich mir ein, ich müsse den Himmel stützen, oder weiß ich, dass den Himmel ein anderer trägt? Wer seinen Blick über die Welt hinaus auf den Himmel behält, der hat Hände und Füße, Kopf und Herz frei, um die Solidarität in der Welt zur Entfaltung bringen zu helfen. Was für die Eine Welt gilt, trifft auch für die Eine Kirche zu. Wie oft verfangen wir uns im Netz unserer engmaschigen Ideen, die dem Heiligen Geist wenig Raum lassen! Daher meine Bitte: Kommunizieren wir weniger in geschlossenen Kreisen mit unseren „Lieblingsmenschen“; weiten wir unseren Horizont, indem wir Impulse aus anderen Ländern und Kulturen an uns heranlassen und aufgreifen! Die Priester aus der Einen Welt können uns helfen, wirklich katholisch zu leben. Sie sind keine „Gastarbeiter“, weil bei uns das Personal fehlt, sondern Brüder im Glauben. Wir können voneinander lernen. Dafür bin sehr dankbar. Das gilt auch für die Ordensschwestern, die aus anderen Ländern - bis von Indien und Afrika - den Weg zu uns nach Deutschland gefunden haben und hier vor allem caritativ tätig sind.
 
Menschen, die sich der Einen Welt verpflichtet wissen, gibt es viele. Das freut und tröstet mich. Es zeigt: Wir sind kein Club von Individualisten und Egoisten. Der Schrei der Armen und das Seufzen der Schöpfung übertönen die Schalmeien der Fortschrittsoptimisten. Im Schrei der Armen und im Seufzen der Schöpfung hören wir die Stimme Gottes: Er provoziert uns. Er ruft heraus aus den Absicherungen, die eine moderne Gesellschaft und eine satte Kirche bieten. Uns wird klar: Wenn wir – wie der Vogel der Fabel – den Himmel selbst stützen oder das Paradies auf Erden schaffen wollen, dann überheben wir uns selbst. Es geht auch anders. Pandemie, Klimakrise, Kriege in nah und fern, nun das Erdbeben in der Türkei und in Syrien haben uns Grenzen gesetzt, vielleicht auch unseren Stolz gekränkt. Aber solche Ereignisse sind Chancen, über uns hinaus zu glauben: Wir erwarten „einen neuen Himmel und eine neue Erde“ (2 Petr 3,13). Und wir dürfen dabei das Unsrige tun, damit Gott, der Schöpfer und Erlöser, ans Werk gehen kann.
 
An diesem Sonntag wird in Augsburg die MISEREOR-Aktion für ganz Deutschland eröffnet. MISEREOR ist nicht nur eine Kampagne, sondern auch ein Programm. Jesus selbst hat gesagt: „Ich habe Mitleid mit den Menschen.“ (Mk 8,2) MISEREOR steht für eine Spiritualität solidarischen Lebens. Es geht um nichts weniger als um unser gemeinsames Haus, die Erde, Gottes Garten. Tun wir das Unsrige, damit daraus keine Müllhalde wird. Papst Franziskus legt uns Worte in den Mund, die wir nachbeten können:

„Allmächtiger Gott,
der du in der Weite des Alls gegenwärtig bist
und im kleinsten deiner Geschöpfe,
der du alles, was existiert,
mit deiner Zärtlichkeit umschließt,
gieße uns die Kraft deiner Liebe ein,
damit wir das Leben und die Schönheit hüten.
Überflute uns mit Frieden,
damit wir als Brüder und Schwestern leben
und niemandem schaden.
Gott der Armen,
hilf uns,
die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
die so wertvoll sind in deinen Augen,
zu retten.
Heile unser Leben,
damit wir Beschützer der Welt sind
und nicht Räuber,
damit wir Schönheit säen
und nicht Verseuchung und Zerstörung.
Rühre die Herzen derer an,
die nur Gewinn suchen
auf Kosten der Armen und der Erde. (...)
Danke, dass du alle Tage bei uns bist.
Ermutige uns bitte in unserem Kampf
für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.“3
Amen.

So sei es – mit dem Segen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Augsburg, am Aschermittwoch 2023

+ Bertram
Bischof von Augsburg

1 Vgl. dazu meine Adventskatechesen 2020 „Der Schöpfer wird Mensch“, Augsburger Schriftenreihe Nr. 65.

2 Erzählt u.a. von Klaus Nagorni im SWR2 am 14. Juni 2010.

3 Enzyklika Laudato sí. Über die Sorge für das gemeinsame Haus (2015), Nr. 246.