Ein Kompass für das Kirchenjahr 2021/22

Lasst Euch in die Wüste schicken!

20.11.2021 18:00

Liebe Schwestern und Brüder, wie viele wissen, trage ich als zweiten Vornamen „Johannes“. Seinem Beispiel will ich folgen, dem Wort meine Stimme geben.1 Jesu Cousin verkündete in der Wüste von Judäa: „Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.“ Johannes verstand sich als „Stimme, die in der Wüste ruft: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ (Mt 3,1-3)

Der Herr, dem der Weg bereitet und die Straße geebnet werden soll, ist Jesus. Wir dürfen davon ausgehen, dass er zunächst ein ganz normales Leben in Nazareth führte – als „Sohn des Zimmermanns“ (Mt 13,55). Eingeführt in die religiöse Praxis eines gläubigen Juden, deutet in den Jahren seines „verborgenen Lebens“ nichts darauf hin, wer Jesus wirklich ist, was in ihm steckt und welche göttliche Mission er erfüllen soll. Das ändert sich mit einem Schlag, als er etwa dreißig Jahre alt ist.

Jesus reiht sich in die Warteschlange derer ein, die sich von Johannes im Jordan taufen lassen wollen. Als er aus dem Wasser steigt, hat er ein Schlüsselerlebnis: Der Himmel öffnet sich und eine Stimme nennt ihn den „geliebten Sohn (Gottes), an dem ER Wohlgefallen gefunden hat“ (vgl. Mt 3,17). Damit liegt die wahre Identität Jesu offen vor „ganz Judäa und allen Einwohnern Jerusalems“ (Mk 1,4). Der himmlische „Lautsprecher“ krempelt Jesu Leben um: Er verlässt Familie, Betrieb und Heimat. Gleichzeitig fängt er an, leidenschaftlich für das Himmelreich zu werben: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; alles andere wird euch dazugegeben.“ (Lk 12,31; Mt 6,33). Das heißt: Gegen alle menschlichen Herrschaften richtet Gott sein eigenes Königtum auf – ein göttliches Kraftfeld, das neue Maßstäbe setzt.[2]

Wie geht Jesus mit dieser Ernennung aus heiterem Himmel um? Was muss er lernen, „obwohl er doch Sohn Gottes war“ (Hebr 5,8)? Wir dürfen, ja wir müssen uns die innere Erschütterung vorstellen, die ein solcher Anspruch, Sohn Gottes und Messias zu sein, im Leben Jesu hervorruft. Die öffentlich gemachte Berufung Jesu am Jordan zeigt: Jesus wird mit Wasser „von unten“ und mit dem Heiligen Geist „von oben“ getauft. Der Dreißigjährige wird gleichsam „neu geboren“!

Was tut Jesus? Und noch zuvor gefragt: Was tut er nicht? Er macht kein Einführungspraktikum bei den Hohepriestern. Er geht nicht zu den Pharisäern, um dort ein vertieftes Bibelstudium zu absolvieren. Er wendet sich nicht an die Leviten, um bei ihnen im Jerusalemer Tempel die korrekte Liturgie einzuüben. Er gönnt sich auch keine Auszeit in der Gemeinschaft der Essener, die in Qumran am Toten Meer durch radikale Strenge und Befolgung der Reinheitsgebote das Reich Gottes vorbereiten wollen. Auf solche Kurse und Angebote verzichtet Jesus. Stattdessen berichten die Evangelisten: „Erfüllt vom Heiligen Geist, verließ Jesus die Jordangegend. (…) Und sogleich trieb der Geist Jesus in die Wüste.“ (Lk 4,1; Mk 1,12) Im Griechischen steht „euthys“, sofort, d.h. ohne Aufschub, ohne Zögern. Alles andere kann warten. Jesus lässt sich vom Geist im Sinne eines „spirituellen Navigationssystems“ vierzig Tage in der Wüste umherführen. Jesu Weg zeigt die Pädagogik Gottes, wie sie der Wüstenheilige Charles de Foucauld beschreibt: „In die Wüste muss man gehen und darin verweilen. Dort wird man leer. Man weist alles aus sich heraus, was nicht Gott ist. Jeder, der Frucht bringen will, muss notwendigerweise durch die Zeit der Wüste gehen. Es braucht dieses Schweigen, diese Sammlung, dieses Vergessen alles Geschaffenen. In einem solchen Zustand richtet Gott sein Reich in ihm auf; denn man kann nur geben, was man hat.“[3]

Jesus hat sich der Wüste gestellt. Er ist der Wüste nicht ausgewichen. Der Sohn Gottes und König des Himmelreichs will nicht sich selbst in den Mittelpunkt rücken, sondern Gott allein die Ehre geben, vierzig Tage in der Wüste lernen für seine Hingabe bis zum Tod am Kreuz. So sind alle, die mit Jesus den „neuen Weg“ einschlagen wollen, in die Wüste eingeladen. Die Apostelgeschichte nennt die Christen „Anhänger des neuen Weges“ (Apg 9,2). Wenn wir doch diesem alten Titel wieder mehr Ehre machten! Der neue Weg führt in und durch die Wüste. Was rät uns der Heilige Geist als „Navigator“?

Stille

Die Wüste ist still, spannungsgeladen zwischen kalten Nächten und sengender Mittagshitze. Mir fällt dazu der hl. Hieronymus ein. Er war Sekretär und Berater des Papstes Damasus. Nach dem Tod seines Vorgesetzten und Gönners fiel Hieronymus in Ungnade und wurde vom päpstlichen Hof buchstäblich in die Wüste geschickt. In der Nähe von Betlehem zog er sich in eine Höhle zurück. Dieser Raum der Stille wurde für ihn zur „Schale der Gnade“[4], zum Geschenk seiner eigentlichen Berufung, dem Wort Gottes nachzuspüren. Dort übersetzte und kommentierte er die Heilige Schrift. In der Stille erschloss sich dem Kirchenvater das „erschwiegene Wort“. Als Resümee hielt Hieronymus fest: „Oh Wüste! In dieser Einsamkeit findest du eine Stille, in der sich Gott leichter entdecken lässt als an irgendeinem anderen Ort der Welt. Dort sehe ich ein großes Licht. Es strahlt stärker als alle rauschenden Festlichkeiten Roms. Ich tauche unter in den Glanz des Himmels.“[5]

Entscheidung

Unter dem offenen Himmel ergeht an Jesus Gottes Wort und Weisung: Das Reich Gottes soll er den Menschen bringen. Um herauszufinden, wie dieser göttliche Auftrag zu erfüllen sei, geht Jesus in die Wüste. Zwischen seiner Taufe und seinem öffentlichen Wirken ist sie Raum und Zeit, in denen sich der Zimmermann aus Nazareth damit vertraut macht, wer er wirklich ist: Sohn Gottes und Heiland der Welt. In der Wüste kann Jesus seinen Auftrag verinnerlichen. Die Stimme vom Himmel geht ihm in Fleisch und Blut über.

Zugleich kennt Jesus auch den religiösen „Zeitgeist“, der ihn umgibt: strenge Einhaltung der Gesetze und Angst vor dem Gericht. Er ahnt wohl auch die Opposition, auf die er stoßen wird. Doch er unterscheidet die Geister, indem er auf einen Gott setzt, „der barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Erbarmen ist“ (Ps 103,8). Damit macht Jesus klar: Das Himmelreich ist kein abstraktes Ideal, sondern eine konkrete Person: In IHM selbst sind „die Güte und die Menschenfreundlichkeit Gottes erschienen“ (Tit 3,4). In der Wüste scheidet Jesus die Geister, so dass eine Entscheidung im Heiligen Geist reifen kann. Unser kirchliches Handeln sollte ein Echo dieser Entscheidung sein. Welche Schlüsse haben wir aus dem Jahr der Barmherzigkeit (2015/16) gezogen, das Papst Franziskus ein Herzensanliegen war? Barmherzigkeit sollte zum Lebensstil der Kirche werden. Sein Wunsch, die Kultur der Barmherzigkeit stark zu machen, darf weder im Sand verlaufen noch im Wind einer Zeit verwehen, die zunehmend hartherzig und kalt ist. Eine barmherzige Kirche muss mehr bieten als die Einladung zur Beichte, den Barmherzigkeitsrosenkranz und den Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit. Erbarmen gehört zur DNA der Kirche, da Gottes Name selbst Barmherzigkeit ist.6

Weisheit

Die Wüste ist ein Ort der Klärung – ein Raum, wo Gott zur Sprache kommt. Schon im Alten Testament verspricht ER, das Volk zu „verlocken: Ich will es in die Wüste hinausführen und es umwerben“ (vgl. Hos 2,16). Als Antwort darauf erwartet Gott mehr als „Aufbruchsrhetorik“, die wir eingeübt haben. Es geht um einen ehrlichen geistlichen Prozess. Wer sich diesem Prozess verweigert, braucht sich nicht wundern, wenn sich nichts wandelt. Die Wüste stellt vieles – auch sicher geglaubte und überlieferte Sätze – in Frage. Doch in der Schule der Wüste geht es weniger um Wissensinhalte, sondern vielmehr um Lebensweisheit. Die kann man sich nicht anlesen wie Lernstoff vor der Prüfung; man kann sie auch nicht einfach nachholen wie Unterrichtsstunden, die durch Corona ausgefallen sind.

Bei Firmungen erinnere ich die Jugendlichen gern an das Wort aus der Feder des Antoine de Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Der „Kleine Prinz“ drückt aus, was auf den großen Christus-König noch mehr zutrifft: Nicht Wissen ist Macht; die wahre Autorität gründet in der Weisheit. Der Wissende weiß, was er weiß. Der Weise tut, was er weiß. Wissen allein bewegt lange noch nichts. Es wird erst dann wertvoll, wenn es zur Umsetzung kommt. Obwohl Jesus viel gepredigt hat, war er weniger Lehrer und mehr Praktiker. Was er lehrte, ist Auftrag an uns, Seine Kirche: „Wer die Wahrheit tut, kommt ans Licht.“ (Joh 3,21)

Liebe Schwestern und Brüder,
die wichtigen Dinge gehen nicht virtuell; sie passieren analog. Dazu gehören Glaube, Hoffnung und Liebe. Damit diese drei in uns wachsen können, brauchen wir Wüstenzeiten: Tage und Wochen(enden) ohne Handy, Computer und andere Medien. Gönnt Euch – als Einzelne und Gruppen - regelmäßige Wüstentage! Solche Phasen bringen ans Licht, wie es um unser Christsein und die Kirche steht. Daher mein Rat: Lasst Euch in die Wüste schicken! Diesen Appell bitte ich nicht falsch zu verstehen. Ihr seid keine Sündenböcke, die man in die Wüste treibt. Ich sehe es anders: Die Wüste ist kein „toter Punkt“. Im Gegenteil: Die Wüste lebt. Die Wüste verwandelt. Es kommt der Tag, an dem die Wüste neu erblüht. Brechen wir – wie Jesus – in die Wüste auf, danach folgt der Durchbruch!

Schon jetzt freue ich mich, mit Euch das Lied zu singen, das uns die Jesus-Bruderschaft Gnadenthal geschenkt hat: „Dass du mich einstimmen lässt in deinen Jubel, o Herr, deiner Engel und himmlischen Heere, das erhebt meine Seele zu dir, o mein Gott, großer König, Lob sei dir und Ehre. Herr, du kennst meinen Weg, und du ebnest die Bahn, und du führst mich den Weg durch die Wüste.“7

Für diesen geistlichen Weg segne Euch, umgeben von den vielen Wüstenvätern und -müttern, der barmherzige Gott + der Vater und + der Sohn und + der Heilige Geist.

Augsburg, am 13. November 2021, dem Gedenktag des hl. Stanislaus Kostka

+ Bertram
Bischof von Augsburg

 

[1] Darauf weist das erste Glied meines bischöflichen Wahlspruchs hin: Vox Verbi – Stimme des (menschgewordenen) Wortes.

[2] Wertvolle Impulse empfing ich von Johannes Bours, Wer es mit Gott zu tun bekommt. Schritte geistlicher Einübung in biblische Gotteserfahrungen, Freiburg 1987, bes. S. 83-94. 223-236; Michael Gmelch, Schickt die Bischöfe in die Wüste. Was eine Kirche in der Krise neu von Jesus lernen muss, Würzburg 2020.

[3] Zit. n. Michael Gmelch, Schickt die Bischöfe in die Wüste. Was eine Kirche in der Krise neu von Jesus lernen muss, Würzburg 2020, S. 94f.; vgl. Karl-Heinz Fleckenstein, Botschaft der Wüste. Alles Große kommt aus der Stille, Innsbruck 2016, S. 96.

[4] Hier klingt das zweite Glied meines Wahlspruchs an: vas gratiae – Schale der Gnade.

[5] Zit. n. Karl-Heinz Fleckenstein, Botschaft der Wüste. Alles Große kommt aus der Stille, Innsbruck 2016, S. 64.

[6] Vgl. das Buch von Papst Franziskus, Der Name Gottes ist Barmherzigkeit. Ein Gespräch mit Andrea Tornielli, aus dem Italienischen übersetzt von Elisabeth Liebl, München 2016.

[7] Gotteslob 389, Refrain und 1. Strophe.