Hirtenwort von Bischof Dr. Bertram Meier zum 4. Oktober 2020

Schöpfung bewahren – Umwelt schützen

03.10.2020 18:47

Liebe Schwestern und Brüder,

es gibt Ereignisse im Leben, die vergessen wir nicht. Dazu zählt für mich sicher der Antrittsbesuch, den ich Papst Franziskus kürzlich im Vatikan abstatten durfte.

In einem herzlichen und brüderlichen Gespräch tauschten wir uns auch darüber aus, welche Folgen die Corona-Pandemie für unser kirchliches Leben haben werde. Dabei brachte Papst Franziskus einen Gedanken ins Spiel, mit dem ich heute meinen Brief an Euch beginnen will: Neben dem Virus, das sich auf die Gesundheit schlägt, bewegt den Papst eine Sorge, die darüber hinausgeht. Er sprach von einer „Pandemie der Gleichgültigkeit“, die um sich greife. Je länger ich über diesen Ausdruck nachdenke, umso mehr betrifft er mich. Ja, es stimmt: Es gibt eine Pandemie der Gleichgültigkeit, die ansteckend ist und sich ausbreitet – gesellschaftlich, aber auch in der Kirche. Sie verfolgt das Interesse: Hauptsache, mir geht es gut. Der Nächste, die anderen Länder und Kontinente, die Mitgeschöpfe rücken in den Hintergrund. Die Infektionsketten dieser Pandemie sind letztlich kaum noch zu fassen. Dabei erinnere ich mich an die bewegende Ansprache, die Papst Franziskus mutterseelenallein bei seiner Andacht mitten in der Corona-Krise vor dem Petersdom gehalten hat. Der Platz war zwar menschenleer, aber die Botschaft des Papstes erreichte über die Medien den ganzen Globus. Gern wiederhole ich seine Worte: „In unserer Welt sind wir weitergerast, hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen. In unserer Gewinnsucht haben wir uns ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen und von der Eile betäuben lassen. Wir haben vor Gottes Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“ (27.03.2020) Ich wünsche mir, dass diese Sätze sich verbreiten und Gehör finden, damit wir unser Miteinander und das Antlitz der Erde wahren und erneuern.

Mich persönlich haben diese ernsten Worte des Papstes angespornt, meinen ersten Hirtenbrief als Bischof von Augsburg unter das Motto zu stellen: Schöpfung bewahren – Umwelt schützen. Am heutigen Sonntag feiern wir ja auch Erntedank und gleichzeitig gedenken wir – in ökumenischer Verbundenheit – des hl. Franz von Assisi, der an der Schwelle vom 12. zum 13. Jahrhundert lebte. Mit dem Sonnengesang hat er uns ein wunderbares Loblied auf die Schöpfung hinterlassen. Im Staunen über die Schönheit alles Geschaffenen ruft er uns auf, Gott in all seinen Geschöpfen zu loben. So stimmen wir ein in diesen Hymnus auf Gottes gute Schöpfung: „Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt, mit bunten Blumen und Kräutern.“

Die tiefe Verbundenheit mit der Schöpfung, die in diesem Lied steckt, war neben der Liebe zu den Armen und Schwachen ein besonderer Charakterzug des hl. Franz. Es war ein kleiner Skandal, als rund 800 Jahre später, im Jahr 2015, ein „neuer“ Franziskus, unser Papst, den Finger in eine blutende Wunde legte. In seiner Enzyklika Laudato Si nimmt er kein Blatt vor den Mund: „Unsere Schwester, Mutter Erde, schreit aufwegen des Schadens, den wir ihr aufgrund des unverantwortlichen Gebrauchsund des Missbrauchs der Güter zufügen, die Gott in sie hineingelegt hat.“ (LS 2)

Der Papst spricht Klartext. Er prangert eine Entwicklung an, die ihn tief besorgt: die rücksichtslose Ausbeutung unseres Planeten, die verheerende Umweltkatastrophen nach sich zieht, unter denen unzählige Menschen leiden müssen. Doch Franziskus geht es nicht nur um den Menschen; er möchte Hirte für die ganze Schöpfung sein. So ist sein Text mehr als ein Umweltpapier; es ist ein Dokument für eine neue Weltordnung nach Corona, die er gestern in Assisi mit der Unterschrift unter sein Lehrschreiben „Fratelli tutti“ vorgestellt hat. Dabei geht es um „Geschwisterlichkeit und soziale Freundschaft“.

Als Bischof von Augsburg mache ich mir seine Worte zu eigen: „Ich lade alle Menschen guten Willens ein, mitzumachen und sich um unser gemeinsames Haus und unsere schwächsten Brüder und Schwestern zu kümmern.“ (Mittagsgebet am 24.05.2020) Dieser Einladung des Papstes wollen wir folgen. In drei Anläufen werfen wir einen ehrlichen und schonungslosen Blick auf unseren Planeten, der unsere Schwester ist:

1. Leben in der Gegenwart

Gerade in dieser von Corona geprägten Zeit scheint es, dass durch den Verlust von Sicherheiten und die Verlangsamung der weltweiten Wirtschaft immer mehr Menschen zur Erkenntnis kommen: So kann es nicht weitergehen. Viele der großen Pandemien in den letzten Jahren wurden wohl durch die Übertragung eines Virus von Tieren auf den Menschen ausgelöst. Dabei wird als Ursache oft angeführt, Mensch und Tier kämen sich durch die Vernichtung des natürlichen Lebensraumes der Tiere zu nahe. Ein anderer Grund, der die Entstehung von übertragbaren Krankheiten begünstige, sei eine industrielle Massentierhaltung, bei der unzählige Tiere in möglichst kurzer Zeit gemästet werden, um dann in riesigen Schlachtfabriken am Fließband umgebracht zu werden, damit die Kühltheken der Supermärkte mit Niedrigpreisen glänzen können. Zudem werden Urwälder ohne Rücksicht auf die darin lebenden Indigenen oder die Pflanzenwelt radikal abgeholzt, um dort auf riesigen Flächen Palmöl oder Futtermittel anzubauen, das dann in die reichen Länder exportiert wird. Die ökologischen Auswirkungen sind fatal. In den Bilanzen der Konzerne tauchen sie nicht auf. Gerade die jüngere Generation ist dafür sehr sensibel und fordert zu einer radikalen Änderung unserer Lebensweise auf. Danke für diese prophetische Stimme! Der Lobgesang der Geschöpfe darf nicht untergehen im Schmerzensschrei der Schöpfung.

2. Lernen aus der Vergangenheit

Ein Blick in die Heilige Schrift zeigt, „was uns die großen biblischen Erzählungen über die Beziehung des Menschen zur Welt sagen“ (LS 65). Die Schöpfungsberichte der Bibel wissen, dass Gott die Welt aus Liebe erschaffen hat; jeder Mensch ist ein von Gott geliebtes Geschöpf, dessen Berufung es ist, als „Abbild Gottes“ (Gen 1,27) in Harmonie mit IHM und der Schöpfung zu leben, die Erde zu „bebauen“ und zu „hüten“ (Gen 2,15). Die Ursünde des Menschen liegt in seiner Überheblichkeit, sich selbst zum Schöpfer aufzuschwingen. Er will mehr sein, als er ist: Gott gleich und ebenbürtig.

Papst Franziskus führt uns zum Ursprung der Schöpfung. Wir Menschen müssen unsere Grenzen annehmen und diese Erde, die uns nur „geliehen“ ist, als gute Gärtner hegen und pflegen – zu unserem eigenen Wohl. Wir sind nicht Herrscher, sondern Treuhänder. Schon früh war sich die Kirche dieses Auftrags bewusst. Zeiten der Einschränkung und Selbstbegrenzung wurden eingeführt. In der Bibel gibt es sogar die „Vorschrift“, alle sieben Jahre ein sog. Sabbatjahr zu halten, damit sich der Ackerboden erholen könne. Darüber hinaus gab es alle fünfzig Jahre ein Jubeljahr und eine Art Schuldenschnitt für Notleidende (vgl. Lev 25,10ff). Das haben im großen Jubiläumsjahr 2000 die Kirchen und viele entwicklungspolitische Organisationen in der Kampagne „Erlassjahr 2000“ aufgegriffen. Vieles ist seitdem geschehen, aber noch immer wird unsere Erde ausgebeutet, während der weltweite Hunger ansteigt. Bleiben wir also dran! Es gibt viel zu tun. Gerade die Politiker/innen, die sich um die Eine Welt mühen, brauchen unsere Unterstützung.

3. Handeln für die Zukunft

Was tut die Diözese Augsburg? Haben wir in Bischof Bertram einen „Öko“, oder soll Augsburg als „grünes Bistum“ Geschichte schreiben? Keine Angst! Mir geht es weder um ein parteipolitisches Signal noch um eine kirchenpolitische Weichenstellung, sondern um das Evangelium: die Frohe Botschaft, die Gott als Freund des Lebens allen Geschöpfen zusagt und nicht nur einer Gruppe von Menschen, die sich „zu viel“ auf dieser Welt herausnimmt. Die Zeit drängt zum Handeln, damit „unser gemeinsames Haus“ bewohnbar bleibt für eine Zukunft, die nachhaltiger und gerechter ist.

„Gott sei Dank“ fangen wir in unserem Bistum nicht beim Nullpunkt an:

-          Schon 2018 haben die deutschen Bischöfe einen 10-Punkte Plan zu nachhaltigem Handeln vorgelegt. Darin werden zehn Bereiche zur Umsetzung der Ideen von Laudato Si genannt. Auf dieser Basis hat die Diözese Augsburg vor, bis zum Jahr 2030 klimaneutral zu sein. Für dieses ehrgeizige Ziel investieren wir in zertifizierte Klimaschutzprojekte, um die Treibhaus­gasemissionen zu kompensieren.

-          In diesen Tagen trat im Bischöflichen Ordinariat ein Klimaschutzmanager seinen Dienst an: Er soll weitere Einsparpotenziale suchen, z.B. ein umweltverträgliches Gebäude­mana­gement durch Photovoltaik oder moderne Heizungsanlagen. Ich selbst will hier mit gutem Beispiel vorangehen.

-          Eine weitere Möglichkeit, etwas zum Klimaschutz beizutragen, ist die Einführung eines kirchlichen Umweltmanagements auf Pfarrebene. Immer mehr Kirchenstiftungen schauen bei der Nutzung und Verpachtung ihres Grundes auf eine möglichst umfassende ökologische Nutzung. Die Stromerzeugung wurde zusammen mit unserem Anbieter diözesanweit auf Wasserkraft umgestellt. Aber auch viele kleinere Projekte, die keine Schlagzeilen machen, helfen.

-          Ein Schöpfungspreis zeigt uns alle zwei Jahre eindrucksvoll, wie viele kreative Ideen es in unseren Pfarreien, Kindergärten, Schulen und kirchlichen Einrichtungen gibt. Auch als Bischof werde ich die Schirmherrschaft über diesen Preis gern weiter übernehmen.

-          Schließlich möchte ich den Arbeitskreis Schöpfung, der von der diözesanen Umweltbeauftragten koordiniert wird, ähnlich wie die Ökumene und die Liturgie als Querschnittsaufgabe zu einer Bischöflichen Kommission aufwerten.

Sicher gibt es Bereiche, wo noch Luft nach oben ist. Aber wir sind auf einem guten Weg. Als Bischof lade ich Euch ein: Helfen wir alle zusammen und ehren Gott, unseren Schöpfer, durch konkrete Taten! Gestalten wir mutig und kreativ die Zukunft mit – aber nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern indem wir einander in den Mantel der Wahrheit helfen: Unser gemeinsames Haus hat nur dann Zukunft, wenn wir dafür sorgen, dass es bewohnbar bleibt. Papst Franziskus ermutigt uns: „Gehen wir singend voran! […] Im Herzen dieser Welt ist der Herr des Lebens, der uns so sehr liebt, weiter gegenwärtig. Er verlässt uns nicht, er lässt uns nicht allein, denn er hat sich endgültig mit unserer Erde verbunden, und seine Liebe führt uns immer dazu, neue Wege zu finden. Er sei gelobt.“ (LS 244f.)

Versprechen wir einander unser Gebet auf dem gemeinsamen Weg zur Bewahrung der Schöpfung! Und wenn Ihr, liebe Schwestern und Brüder, nicht beten könnt oder wollt, dann schenkt einander wenigstens einen guten Wunsch. So gilt mein Segenswunsch Euch allen – den Katholiken und Christen, aber auch allen Menschen guten Willens, die in der Diözese Augsburg leben. Mein Segenswunsch weitet sich auf die ganze Schöpfung. Der Segen Gottes, unseres Schöpfers und Erlösers, sei mit Euch im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Augsburg, zum 4. Oktober 2020, Erntedank und Fest des hl. Franz von Assisi

+ Bertram Meier
Bischof von Augsburg