Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zum 100. Geburtstag des sel. Marcel Callo (1921-1945) am 6. Dezember 2021 in der Ulrichsbasilika

100. Geburtstag von Marcel Callo

06.12.2021 22:08

Zunächst möchte ich ganz persönlich sagen, dass ich mich sehr freue, dass wir heute am Nikolaustag den 100. Geburtstag des seligen Marcel genau an dem Tag feiern, an dem er trifft.

Keine Kurzbiografie dieses jungen Märtyrers für Christus kommt ohne den Hinweis auf seine „tiefreligiöse, fromme Familie“ aus, in der Kinder den wahren Reichtum ausmachten. Und ich stelle mir vor, dass der zweitgeborene Marcel bald als großer Bruder für die zahlreichen kleinen Geschwister fungierte. Eine Schule des Lebens und der Gemeinschaft: Mit 13 Jahren bereits trat Marcel in die CAJ ein, da war er schon längst begeisterter Pfadfinder…

Doch was heißt das eigentlich, „Kind einer frommen Familie“? Ist das eine Floskel, mit der man überdeckt, dass es zur Kindheit eines späteren Seligen keine gesicherten Zeugnisse gibt oder mit der man die Legende nährt, dass außergewöhnlich vorbildliche Menschen „immer schon“ etwas Besonders waren – und deshalb von uns ‚Normalos‘ sowieso nicht nachgeahmt werden können? Man könnte versucht sein, so zu denken, denn Bewunderung ohne Nachahmung kostet so gut wie nichts, hinterlässt aber ein wohliges Gefühl wie Weihrauchduft, der Erinnerungen an vergangene festliche Tage weckt…

Marcel Callo jedenfalls könnte heute noch leben, seinen 100. Geburtstag im Kreise seiner Kinder und Enkel feiern, als Überlebender einer finsteren Zeit, immerhin hat er äußerst bittere KZ- und Zwangsarbeitserfahrungen gemacht. Doch es kam anders: Früh entschied er sich, an das eigene Leben den Maßstab des Evangeliums anzulegen und handelte sich dafür unter seinen Altersgenossen den nicht schmeichelhaft gemeinten Spitznamen „Jesus“ ein. Dies allerdings mag ihn noch mehr angespornt haben, sich beständig zu fragen: Was würde Jesus an meiner Stelle tun?

Was willst Du, Herr, dass ich tun soll?, so fragte auch der junge Francesco Bernardone zu Beginn des 12. Jahrhunderts und ließ sich fortan vom Evangelium und von der göttlichen Stimme in seinem Herzen führen. - Man mag es als Zufall abtun, aber in meinen Augen ist es eine aussagekräftige Fügung, dass der mit 24 Jahren völlig entkräftete Mauthausener KZ-Häftling Marcel Callo ausgerechnet am 4. Oktober, dem Gedenktag des hl. Franziskus von Assisi, seliggesprochen wurde!

Beide jungen Männer setzten alles auf eine Karte, ließen sich auf das Wagnis ein, die unsichtbare Wirklichkeit Gottes höher einzuschätzen als die sichtbare, dem lebendigen Gott mehr zu gehorchen als den Menschen (vgl. Apg 5,29), die, wie wir gerade im Evangelium gehört haben, „den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“ (Mt 10,28).

Dazu gehört, da sind wir uns sicher alle einig, ungeheurer Mut und Durchhaltevermögen. Wenn es uns allein schon bei dem Gedanken an das Leid, das Marcel Callo vom Moment seiner Deportation zur Zwangsarbeit in Deutschland 1943 (Arbeitslager Zella-Mehlis/Thüringen), auch nur mitanschauen musste, kalt den Rücken runterläuft, dann müssen wir uns dafür nicht schämen. Doch vielleicht erahnen wir ganz tief drinnen in unserem Herzen, welche Liebe diesen jungen Mann erfüllte und welchen inneren Weg er da bereits zurückgelegt hatte. Denn hinter dem menschenverachtenden Deportationsbefehl sah er den Auftrag Gottes, als „Missionar“ unter den Schicksalsgenossen wirken zu können.

Bereits 1940 hatte Marcel in der CAJ-Gruppe seiner Pfarrei St. Aubin/Rennes zwei Reden gehalten, in denen er seine Überzeugung aussprach, dass es auf jeden einzelnen aus ihrer Gruppe ankam: „Vereint mit Christus durch ein echt christliches Leben, bemüht sich der CAJler, in all seinen Handlungen dem göttlichen Vorbild, Christus dem Arbeiter, nachzueifern. Er weiß, dass die Leiden und Mühen der Arbeit in Gottes Augen einen großen Wert haben. Er weiß, dass sein Leben sehr kostbar ist, wenn er leidet, und deshalb lacht und singt er immer, selbst wenn er in Not ist.“

– Klingen solche Worte uns Heutigen nicht wie aus einer fernen, längst untergegangenen Welt? 

Aber täuschen wir uns nicht, auch damals bekamen junge Menschen, die als Ministranten, als Leiterinnen einer kirchlichen Jugendgruppe oder eben als Auszubildende und Lehrlinge nicht alles mitmachten, was „man“ so macht, heftigen Gegenwind zu spüren. Mobbing und Stalking, Pornographie und Whistleblowing bis hin zu Lüge und Verrat gab es zu allen Zeiten, auch wenn man es mit jeweils anderen Namen benannte. Marcel Callo machte sich ganz sicher nicht nur beliebt, wenn er sich im Betrieb immer wieder als „Spaßbremse“ betätigte, weil er jüngere Kollegen vor dem derben Sexismus oder den verletzenden Witzen der älteren Arbeiter bewahrte und sie stattdessen zur Hl. Messe einlud.

Doch ich sehe es Ihren und Euren Gesichtern an: Das klingt immer noch ein wenig nach ollen Kamellen…

Deshalb habe ich eine Überraschung für Euch:

1991, vier Jahre nach seiner Seligsprechung, wurde Marcel Callo ein kleiner Bruder geboren! Ja, ihr habt richtig gehört:

Marcel war an einem kalten Frühlingsmorgen im März 1945 erschöpft und kraftlos in ein offenes Massengrab gefallen und gab kurz darauf sein Leben Gott zurück mit einem Ausdruck in den Augen, den sein Mitgefangener Andreas Tiboldo später so beschrieb: „Sein Blick brachte die tiefe Überzeugung zum Ausdruck, dass er der Glückseligkeit nahe war. Es war ein Akt des Glaubens und der Hoffnung auf ein besseres Leben hin. Ich habe bei keinem Sterbenden (und das waren Tausende!) je einen solchen Blick gesehen.“[1]

Marcel Callo, der von Christus Begeisterte[2], er bekommt am Ende des 20. Jahrhunderts in dem seligen Carlo Acutis einen Bruder in Christus.

In London geboren, wächst Carlo mit seinen sehr begüterten Eltern in Mailand auf, findet durch ein Kindermädchen zum Glauben und wird zu einem beeindruckenden Christen, der in der Schule sich vor allem für die Benachteiligten einsetzt und die tägliche Eucharistie über alles schätzt. Sein Interesse an Informatik und am Internet nutzt er, um andere auf Christus aufmerksam zu machen. Ab seinem 11. Lebensjahr recherchiert er intensiv drei Jahre lang für eine Ausstellung über „Eucharistische Wunder in aller Welt“ und weiß, dass ihm nicht viel Zeit bleibt: Anfang Oktober 2006 wird bei ihm Leukämie diagnostiziert und wenige Tage später, am 12. Oktober, stirbt er an dieser Krankheit, gerade einmal 15 Jahre alt. – Letztes Jahr wurde Carlo in Assisi seliggesprochen und ist dort in der Kirche bestattet, die auf dem Platz steht, auf dem 800 Jahre zuvor der 20jährige Kaufmannssohn Francesco das reiche Erbe seines Vaters ausschlug und arm dem armen Christus nachfolgen wollte.

Drei junge Männer aus drei ganz verschiedenen Zeiten: Doch sie vereint eine tiefe Liebe zu Christus und zu den Menschen, die Gott ihnen als Weggefährten schickt. Alle drei hatten erkannt, was Carlo der jüngste unter ihnen, seiner Mutter einmal anvertraute: „‘Golgotha‘ ist für alle. Niemand kann dem Kreuz entkommen.“ Und: „Der Tod ist der Beginn eines neuen Lebens.“

Das heißt aber nicht, dass man deprimiert einfach auf den Tod warten soll und keine Lebenspläne machen darf!

Marcel Callo änderte auch nach dem Einmarsch der Deutschen (1940) in seine Heimat nichts an seiner besonderen Art des Umgangs mit den Menschen, er verhalf anderen zur Flucht in den unbesetzten Teil Frankreichs und wollte - aller Lebensgefahr zum Trotz, denn seine Schwester Magdalena war bei einem der ersten Bombenangriffe auf Rennes ums Leben gekommen - eine Familie gründen. Aber es kam anders: Seine Verlobte Marguerite sah ihn nach der Deportation (1943) nie mehr wieder und vermutlich dauerte es jahrelang, bis sie die weiteren Stationen seines Leidensweges erfuhr: die Verhaftung im thüringischen Arbeitslager am 19. April 1944, der quälende Aufenthalt im überfüllten Gefängnis in Gotha, die Überstellung in das KZ Flossenbürg und schließlich im Oktober 1944 in das KZ Mauthausen.

So kurz dieses Leben war, so sehr zog es Kreise. Die Menschen, die mit Marcel Callo zusammentrafen, nahmen etwas von jenem „Glanz“ wahr, von dem Paulus an die Korinther schrieb, wie wir in der Lesung gehört haben: „Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!, er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit aufstrahlt die Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi“ (2 Kor 4,6). Dies ist der Funke, den auch Marcel in die Herzen so vieler Menschen gesenkt hat.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Märtyrer Marcel so auch zum Friedensstifter zwischen Frankreich und Deutschland: Sein grausam beendetes Leben bildet bis heute die lebendige Brücke zwischen seiner Heimatstadt in der Bretagne und den Leidensorten in Deutschland und Österreich.

Franziskus von Assisi, Marcel Callo und Carlo Acutis – drei Namen, drei Leben und drei Zeugen der Liebe, die dem Ruf Christi gefolgt sind. Sie haben sichtbar werden lassen, „dass das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4,7), – folgen auch wir ihrem Beispiel. Amen.

 

[1] vgl. seinen Brief aus dem Gefängnis, in dem er Christus als seinen besten Freund beschreibt. Siehe auch: Predigt von Papst Johannes Paul II. bei der Seligsprechung am 4. Oktober 1987, S. 3.

[2] Ebd.