Predigt am Fatimatag 13.5.2021 in der Pfarrkirche Herz Jesu in Augsburg

Als Maria dem Papst das Leben rettete...

13.05.2021 16:00

Vor 40 Jahren hielt die Welt den Atem an. Auf dem Petersplatz fielen Schüsse. Ich war damals Neugermaniker und absolvierte mein erstes Studienjahr in Rom. Mit Gästen aus der Heimat war ich bei der Generalaudienz. Wir wurden Zeugen für das abscheuliche Attentat auf den Nachfolger Petri.

30000 Besucher der Audienz erlebten, wie der Papst zusammenbrach. Mehmet Ali Agca, ein türkischer Profikiller, hatte aus nur wenigen Metern geschossen. Er war als Priester getarnt. Was den Mann zu dieser Tat bewog, bleibt wohl ein Rätsel.

Papst Johannes Paul II. überlebte das Attentat um Haaresbreite. Der Anschlag fand am Gedenktag der Erscheinung der Gottesmutter Maria im portugiesischen Fatima statt. Ihr schrieb der Papst im Rückblick seine Rettung zu. So hat er schon kurz nach seiner Genesung sein blutbeflecktes Zingulum nach Fatima geschickt; ein Jahr später überbrachte er eine Pistolenkugel persönlich der Gottesmutter. Die wurde dann in die Krone dieser Marienstatue eingefügt. Ein Jahr nach dem Attentat, am 13. Mai 1982, dankte Johannes Paul II. der Muttergottes von Fatima. Sein Pontifikat hatte er ja ihr geweiht: Totus tuus – lautete sein Wahlspruch als Bischof und Papst: Ganz der Deine.

In einer Tonbandbotschaft, die der Papst einiege Tage nach dem Attentat aus der Gemelli-Klinik an die Pilger auf dem Petersplatz richtete, erneuerte er dieses Versprechen. Zugleich sprach er auch von Mehmet Ali Agca - dem Mann, der ihn angeschossen hatte – und nannte ihn sogar „Bruder“: „Ich bete für den Bruder, der mich verwundet hat und dem ich aufrichtig verzeihe.“

Am 27. Dezember 1983, dem Fest des Apostels der Liebe Johannes, besuchte der Papst den zu lebenslanger Haft verurteilten Attentäter im Rebibbia-Gefängnis in Rom, um ihm erneut Vergebung zuzusprechen. Zu Beginn des Treffens – so wird erzählt – sagte Mehmet Ali Agca, er habe Angst vor der Rache der Gottesmutter. Der Papst beruhigte ihn: „Die Muttergottes hat keine Rachegedanken. Auch Ali Acga könnte sich an die Gottesmutter wenden, denn jeder Moslem hat ja Verständnis für Marienverehrung. Maria kommt auch im Islam vor und die Jungfrauengeburt ist auch Teil eigentlich der Überlieferung des Korans.“

In der Nähe eines Heiligen leben und arbeiten zu dürfen, ist ein Geschenk. Es wurde mir zuteil, als ich als junger Priester von 1996 bis 2002 im Sekretariat von Johannes Paul II. Dienst tat. Vieles könnte ich erzählen, doch heute möchte ich eine Seite herausheben, die seinem Pontifikat das geistliche Profil gab. Das Attentat machte den hl. Papst Johannes Paul II. zum Apostel der Barmherzigkeit. 1997 hat er in Łagiewniki – dort, wo Sr. Faustyna Kowalska gelebt hat und begraben ist, gesagt: „Die Botschaft von der Göttlichen Barmherzigkeit hat in gewisser Weise das Bild meines Pontifikats geprägt.“ (7. Juni 1997)

Ich lade ein, mit mir auf den Weg von Papst Johannes Paul zu schauen, wie er das Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit erlebt, erlitten, durchdacht und vermittelt hat. Bei seinem letzten Besuch in Polen – es war der Abschied von seiner Heimat im Jahr 2002 – hat er die neue Basilika von Łagiewniki als Heiligtum der göttlichen Barmherzigkeit eingeweiht. Ich zitiere einige Sätze aus dieser Predigt, die ich nicht nur als Auftrag an seine polnische Heimat, sondern als Bitte des Papstes an die ganze Weltkirche gerade für unsere Zeit deute. Damals am 17. August 2002 sagte der Papst: „Wie dringend braucht die heutige Welt das Erbarmen Gottes. Aus der Tiefe des menschlichen Leids erhebt sich auf allen Erdteilen der Ruf nach Erbarmen. Wo Hass und Rachsucht vorherrschen, wo Krieg das Leid und den Tod unschuldiger Menschen verursacht, überall dort ist die Gnade des Erbarmens notwendig, um den Geist und das Herz der Menschen zu versöhnen und Frieden herbeizuführen. Wo das Leben und die Würde des Menschen nicht geachtet werden, ist die erbarmende Liebe Gottes nötig, in deren Licht der unfassbare Wert jedes Menschen zum Ausdruck kommt. Wir bedürfen der Barmherzigkeit, damit jede Ungerechtigkeit in der Welt im Glanz der Wahrheit ein Ende findet.“

Dann folgen die entscheidenden Worte, die eine Art geistliches Testament dieses großen Papstes darstellen: „In diesem Heiligtum möchte heute die Welt feierlich der Barmherzigkeit Gottes weihen mit dem innigen Wunsch, dass die Botschaft von der erbarmenden Liebe Gottes, die hier durch Sr. Faustyna verkündet wurde, alle Menschen der Erde erreichen und ihre Herzen mit Hoffnung erfüllen möge. (…) Im Erbarmen Gottes wird die Welt Frieden und der Mensch Glückseligkeit finden! Euch, liebe Brüder und Schwestern, vertraue ich diese Aufgabe an. Seid Zeugen der Barmherzigkeit!“

Diese Worte des hl. Johannes Pauls II., der er bei seiner letzten Reise einen Tag vor seinem Abschied in Polen zurückgelassen hat, sollen uns als Kirche begleiten auf unserem Weg durch diese schwierige, von Krisen bedrohte Zeit. Der Papst selbst war damals sehr bewegt und fand rührende Worte, die er spontan formulierte: „Zum Abschluss dieses feierlichen Gottesdienstes möchte ich anmerken, dass viele meiner persönlichen Erinnerungen mit diesem Ort in Verbindung stehen, mit Łagiewniki, Vorort von Krakau. Ich kam vor allem während der Besatzung durch die Nationalsozialisten hierher, als ich in der nahegelegenen Solvay-Fabrik arbeitete. Noch heute erinnere ich mich an den Weg von Borek Fałȩcki nach Dȩbniki, den ich jeden Tag mit Holzschuhen an den Füßen zurücklegen musste, wenn ich zur Schichtarbeit ging. Wer hätte geglaubt, dass dieser Mann mit den Holzschuhen eines Tages die Basilika von der göttlichen Barmherzigkeit in Łagiewniki bei Krakau weihen wird.“ 

1942 war Karol Wojtyła in das „Geheimseminar“ eingetreten, das Kardinal Adam Sapieha, der mutige Erzbischof von Krakau, ins Leben gerufen hatte. Ein Mitseminarist Andrzej Deskur, später viele Jahre als Kurienkardinal schwerkrank im Rollstuhl, machte ihn auf die Botschaft von der göttlichen Barmherzigkeit aufmerksam – aus der Feder einer gewissen Schwester Faustyna Kowalska, die 1905 geboren wurde, übrigens im Geburtsjahr von Kardinal Franz König, der mich zum Priester weihte. Mit 33 Jahren ist Sr. Faustyna 1938 gestorben. Schon damals also wusste der junge Karol Wojtyła von dieser einfachen Ordensfrau, an deren Kloster er tagtäglich vorbeiging zur Zwangsarbeit in der Chemiefabrik. Damals schon hörte er von den tiefgründigen Botschaften, die sie von Jesus empfangen hatte und dann in ihrem Tagebuch niederschrieb. Bereits als Weihbischof von Krakau und später als Erzbischof und Kardinal setzte sich Karol Wojtyła unermüdlich und hartnäckig für die Seligsprechung von Sr. Faustyna ein. Doch es gab zunächst viele Widerstände, denn das Heilige Offizium – wie die Glaubenskongregation damals hieß – meldete heftige Bedenken gegen die Schriften dieser Ordensfrau an. Wie sich später herausstellte, war das auch auf fehlerhafte und missverständliche Übersetzungen zurückzuführen. Kardinal Wojtyła musste erst Papst werden, um seinem Wunsch in Rom Nachdruck zu verleihen. So wurde Sr. Faustyna 1993 selig- und im Jahr 2000 heiliggesprochen.

Damit zeigte der Papst, wie zentral die Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes für ihn war. Er sah in Sr. Faustynas Visionen Entfaltung dessen, was uns Jesus rät: eine Antwort auf die gigantischen Ausmaße des Bösen im 20. Jahrhundert, die er in der eigenen Biographie erlebte: die Gräuel des Nationalsozialismus, die Passion des polnischen Volkes unter den Kommunisten: „Die Botschaft von der göttlichen Barmherzigkeit ist mir immer nahe und lieb gewesen. (…) Das war meine persönliche Erfahrung, die ich mit mir nahm auf den Stuhl Petri und die in gewissem Sinn das Bild meines Pontifikats prägt.“ (7. Juni 1997)

Lassen Sie mich noch eine Frage stellen, die in den innerkirchlichen Diskussionen akut ist und manchmal zu Spannungen führt: Wollte Papst Johannes Paul II. damit eine besondere Frömmigkeitsform fördern oder der Kirche gar aufdrücken? Wir kennen das Bild von Krakau-Łagiewniki vom barmherzigen Jesus mit den Strahlen, die von ihm ausgehen. Vielleicht beten Sie auch den Barmherzigkeitsrosenkranz oder halten die Stunde der Barmherzigkeit. Sicher hat Johannes Paul diese Art der Frömmigkeit sehr geschätzt, aber er hat sie selten thematisiert. Ihm ging es um etwas viel Tieferes, Grundsätzliches, Umfassendes: In den Botschaften von Sr. Faustyna fand er in einfacher Sprache das, was die große Herausforderung unserer Tage ist. Niemand muss Privatoffenbarungen anerkennen; Privatoffenbarungen sind nicht verpflichtend, aber sie können eine Steilvorlage sein, um ein Grundanliegen der Frohen Botschaft nach vorn zu bringen. In diesem Fall ist es die göttliche Barmherzigkeit: ein Thema, das Papst Johannes Paul II. ein Herzensanliegen war, übrigens auch seinen Nachfolgern Benedikt XVI. und Franziskus.

Papst Johannes Paul wollte der Welt Gott als barmherzigen Vater zeigen. Er selbst hat ja früh seine Eltern verloren, als Kind schon seine Mutter, später – noch vor der Priesterweihe – den Vater, der alles tat, um seinem Sohn das Studium zu ermöglichen, und ihm zur Seite stand. Auch sein Bruder, ein Arzt, starb früh und die kleine Schwester wenige Tage nach der Geburt: Mit Verlusten war Karol Wojtyła vertraut. Nicht durch Zufall trägt die zweite Enzyklika Johannes Pauls II. den Titel: Dives in misericordia. Sie stammt aus dem Jahr 1980 und wird gleichsam eingerahmt von der ersten über Jesus Christus „Redemptor hominis“ (1979) und der über den Heiligen Geist „Dominum et vivificantem“ (1986). Das Bild vom barmherzigen Vater und die Verehrung der Muttergottes haben sich dem Priester, Bischof und Papst tief ins Herz geprägt. Seiner Haltung und seinem Glauben sind sie zum Stempel geworden. Deshalb verwundert es nicht, dass Johannes Paul II. im Lauf seines Lebens immer mehr selbst zu einem Symbol der geistlichen Vaterschaft geformt wurde. Denken wir nur an die unvergesslichen Bilder und Filme über die Weltjugendtage! Mitten unter den jungen Leuten hat sich der Papst pudelwohl gefühlt. Da war er in seinem Element – nicht als Superstar, sondern als Vater der Barmherzigkeit. Papst Johannes Paul II.: ein Pápa wie er leibt und lebt, ein Papá vor allem für die Jugend der Kirche.

Ich vergesse nie, als in den Tagen vor seinem Begräbnis hunderttausende – man schätzt vier Millionen! – Menschen an seinem Katafalk im Petersdom verbeigezogen sind. Ich selbst war damals zufällig auch in Rom. Und immer wieder habe ich junge Menschen gefragt: „Was bewegt euch? Weshalb seid ihr spontan von weither gekommen? Warum steht ihr stundenlang an, um dann für einen Moment stehenzubleiben vor dem aufgebahrten Papst?“ Und fast unisono hörte ich die Antwort: „Wir haben einen Vater verloren. Er hat uns viel gegeben.“   

Wir haben einen Vater verloren. Der Papst hat uns Gott als barmherzigen Vater neu erschlossen. Den barmherzigen Vater brauchen wir gerade heute: in der Pandemie, im Skandal um Missbrauch und Macht, in den kirchlichen Debatten – etwa auf dem Synodalen Weg, die an den Festen der Einheit rütteln. Wir müssen lernen zu vergeben. „Null Toleranz“ darf nicht dazu führen, gnadenlos zu sein. Gerade bei uns Christen muss der Grundsatz gelten: Gnade geht vor Recht! Was immer jemand ausgefressen hat, es gibt bei Gott keinen hoffnungslosen Fall. SEIN Erbarmen preisen wir heute am Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit.  

Ich bin sicher, dass die scheinbare Ohnmacht Gottes, an der wir so leiden, in Wirklichkeit hinweist auf die Macht des ganz Anderen: Gottes Erbarmen, das größer und mächtiger ist als unsere menschliche Gerechtigkeit. Bitten wir für uns, dass wir in Kirche und Politik mit bauen an einer Kultur der Barmherzigkeit! „Jesus, wir vertrauen auf Dich.“ (Sr. Faustyna) Amen.