Predigt von Bischof Bertram zum Requiem von Prälat Konrad Hölzl am 18. November 2021 im Augsburger Dom

„Apostel des Ohres“ und „Seele von Mensch“

18.11.2021 14:00

1967: eine Zeit des Aufbruchs. Die Kirche bewegte sich mit dem Rückenwind des Zweiten Vatikanischen Konzils. Auch bei uns im Bistum, angeregt durch den konzilsbegeisterten Bischof Dr. Josef Stimpfle, herrschte Aufbruchsstimmung. Einen besonderen Grund dafür gab es in Thierhaupten. Der ganze Ort freute sich über die Priesterweihe, die Konrad Hölzl am 23. Juli in St. Ludwig in München empfing. Alles war auf den Beinen und stolz auf den Sohn der Gemeinde, als er auf dem Sportplatz unter freiem Himmel Primiz feierte. Die ersten Priesterjahre standen ganz im Zeichen des gerade zu Ende gegangenen Konzils, das viel länger dauerte, als man anfangs gedacht hatte. In vielen Dingen betraten die Konzilsväter Neuland und Konrad hat während seines Studiums an der Ludwig-Maximilians-Universität und der geistlichen Formung am Georgianum München mit Staunen und Freude erlebt, welch frischer Wind da aus Rom über die Alpen wehte.

1967 durfte er die ersten Schritte als Priester im Dienste Jesu Christi gehen, anfangs als Kaplan unter der Anleitung eines bewährten Pfarrers, der sich mit der konziliaren Aufbruchsstimmung etwas schwergetan haben mag; dann - ab 1972 - war er sein eigener Herr und konnte zeigen, was er gelernt hatte. Ob in Günzburg - „seiner ersten Liebe“, wie er die Pfarrstelle nannte -, in Kaufbeuren oder später in der Dompfarrei: Konrad verstand sich zuallererst als Diener der Einheit. Oft sprach er, ich erinnere mich gut, von seiner „lebendigen Gemeinde“. Sie war für ihn nicht nur äußere Struktur, sondern geistliches Leben. Besonders lag ihm bis zuletzt die festliche Feier der Liturgie am Herzen. Auch im Ruhestand in Lindau brachte sich Konrad ein und zelebrierte oft und gern die Eucharistie. Das war ein Statement: „Als Domkapitular bin ich emeritiert, doch als Priester bleibe ich aktiviert.“

Damit sage ich: Die Aussetzung des Allerheiligsten geht weiter. Die Kirche setzt Jesus Christus aus. Jeden Sonntag versammeln wir uns um die Eucharistie, die dem Gang der Woche die Richtung gibt. Das hat Konrad als Dompfarrer deutlich gezeigt: Die hl. Messe täglich um 9.30 Uhr und den Pfarrgottesdienst am Sonntag hat er fast immer persönlich gehalten. Nur selten ließ er sich dort vertreten, denn er war überzeugt: „Bei diesen Gottesdiensten erreiche ich meine Stammpfarrei.“   Hier kommt mir ein bekanntes Lied in den Sinn, das den Bezug auf Psalm 87 in lebendige Erfahrung ummünzt: „Alle meine Quellen entspringen in dir, in dir, mein guter Gott“. Wie kann das Bild von der Quelle auf die Eucharistiefeier angewandt werden, besonders im Blick auf unsere kirchliche Lebenskultur?  Das trifft alle Katholiken, besonders aber uns Priester. Für uns soll ja die hl. Messe „tägliches Brot“ sein.

Werfen wir einen Blick in die Quellentexte des Zweiten Vatikanischen Konzils: Das eucharistische Opfer wird „Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens“ genannt. „Beim Vollzug des Werkes der Heiligung sollen die Pfarrer dafür sorgen, dass die Feier des eucharistischen Opfers Mitte und Höhepunkt des ganzen Lebens der christlichen Gemeinde ist.“ Die Eucharistie ist „Quelle und Höhepunkt aller Evangelisation.“[1]

„Sag mir, wie du die Eucharistie (mit)feierst, und ich sage dir, wie dein geistliches Leben aussieht.“ Es ist sicher im Sinn von Konrad Hölzl, wenn wir die hl. Messe heute in den inneren Zusammenhang stellen, der sie mit unserem geistlichen Leben verbindet. Damit wird deutlich, dass liturgisches Handeln eng verklammert ist mit spirituellen Grundhaltungen und mit der Befähigung einer Seelsorge, die es sich zum Ziel setzt, Menschen zu Gott zu führen. Dieser ganzheitliche Ansatz ist reizvoll, weil er die eine Mitte aufspürt, die Quelle unseres Tuns. Bei Konrad Hölzl möchte ich besonders das Hören in den Mittelpunkt rücken. Ohne das Sakrament zu schmälern, stelle ich vor allem den Wort-Gottes-Teil heraus.

Denn alles fängt an mit dem Sich öffnen und hören[2]. Die Lesung von der Berufung des Samuel habe ich bewusst gewählt. Inmitten einer großen Familie – es waren 11 Geschwister! – hat Konrad schon als Kind und Jugendlicher hören gelernt. Anhören, zuhören, nicht aushören oder verhören: eine Grundhaltung, die er mit der Muttermilch aufgesogen hat. Sein Elternhaus wurde ihm auch eine Hörschule des Glaubens. Denn der Glaube kommt vom Hören. Das offene Ohr anderen hinhalten und es ihnen anbieten war eine der Stärken von Pfarrer Hölzl. Er musste nicht nur selbst oft das Wort ergreifen in Predigten, Vorträgen und Meditationen; er hat zuerst einmal selbst aufmerksam zugehört - bei Sitzungen, in Gremien, am Samstagnachmittag im Beichtstuhl. Das war Konrad Hölzl: ein echter „Apostel des Ohres“. Jeder Seelsorger sollte ein gutes, in der Musik sagt man sogar, ein absolutes Gehör haben: „Rede Herr, Dein Diener hört“ (1 Sam 3,4). Die Bitte des jungen Samuel muss gerade dem Priester in Fleisch und Blut übergehen, will er sein oft sehr mobiles, von vielen Ansprüchen geprägtes Leben bestehen. Konrad hat sich auch in den Jahren größter Beanspruchung immer wieder in die Stille zurückgezogen, hat die Beziehung zu Gott gepflegt und tat es in den letzten Jahren umso mehr, als die Stille nicht mehr erkämpft werden musste, sondern sogar manchmal bedrückend und einsam machen kann.

Die Fähigkeit, sich einem anderen zu öffnen, in ihn hinein zu hören, was ihn bewegt und umtreibt, ist durchaus nicht selbstverständlich. Doch sie ist eine Grundvoraussetzung für die Seelsorge. Der Wort-Gottes-Teil der Eucharistiefeier kann als eine ganz eigene Schule der Öffnung und des Hörens verstanden werden. Der geistliche Anspruch besteht darin, wach in das Wort Gottes hineinzuhören, wahrzunehmen, wie Gott in seinem Wort nahe sein will, das Wort im eigenen Herzen zu bewegen und es zu bewahren (Lk 2,19.51). Auf diese Weise hat der Wortgottesdienst von seinem Wesen her immer eine marianische Note.

Dieser Anspruch, marianisch zu sein, trifft den, der das Wort Gottes verkündet, zuerst. Die Anforderung an den Priester beschreibt das Konzil so: „Das Volk Gottes wird an erster Stelle geeint durch das Wort des lebendigen Gottes, das man mit Recht vom Priester verlangt.“ Es ist „die erste Aufgabe der Priester als Mitarbeiter der Bischöfe, allen die frohe Botschaft Gottes zu verkünden.“[3]

Die persönliche Qualifikation, um das Wort Gottes überzeugend verkünden zu können, gründet darin, dass der Priester sich selbst unter das Wort stellt, sich öffnet und zum Hörenden wird. Das Wort, das er verkündet, soll in ihm selbst zur lebendigen Quelle werden. Die bekannte Plastik des Ernst Barlach vom Hörenden könnte Inspiration sein. Der Priester und Seelsorger ist ein Hörender, der in sich hineinlauscht: einer, der das Wort wiegt und wägt, um es dann zu verkünden.

Wer ein wirklicher „Hörer des Wortes“ (Karl Rahner) ist, wird sich auch öffnen können für die Worte der Menschen. Wer umgekehrt ein offenes Ohr für die Freuden und Sorgen der Menschen besitzt, wird sich als geistlicher Mensch danach sehnen, im Wort Gottes Weisung und Sendung zu erhalten. Konrad Hölzl lebte aus und mit dem Wort; er entdeckte darin die Wahrheit, die er in Liebe nahebringen wollte. Wahrheit war für ihn keine Waffe, sondern eine Wohnung. In der Wahrheit zu leben, war ihm eine Selbstverständlichkeit.

Wer Konrads Berufungsweg nachgeht, merkt, dass er dieser Spur des Hörens gefolgt ist. Darin liegt wohl auch das Geheimnis dafür, wie seine Aktivitäten wohl überlegt und wirkungsvoll waren: In Günzburg baute er die neue Kirche St. Martin, in Kaufbeuren begleitete er den Heiligsprechungsprozess der Franziskanerin Crescentia Höss, und in Augsburg war er eingebunden in die historische Feier zur Unterzeichnung der Rechtfertigungserklärung 1999.

Ein Seelsorger braucht ein feines Ohr für die leisen Töne, das unterdrückte Weinen der Trauernden und Leidenden sowie die tonlos gewordene Stimme der Schwerkranken und Sterbenden. Besondere Aufmerksamkeit schenkte Konrad überall, wo er wirkte, den Geburtstagskindern und Jubilaren, Neuzugezogenen und Distanzierten, den Alten und Kranken. Es gab keinen Herz-Jesu-Freitag, an dem er – vor allem während der vielen Jahre der Verantwortung für die Krankenhausseelsorge im Bistum - nicht seine Runde mit der Kranken-kommunion machte, um das Kostbarste in die Häuser zu tragen, was die Kirche zu bieten hat: den Leib Christi, das Brot des Lebens.

Kein Wunder, dass der Ruf des Konrad Hölzl sich auch über die Bistumsgrenzen hinaus verbreitete: ökumenisch zog er weite Kreise – weniger durch theologische Spekulationen, geschweige denn riskante Experimente, sondern durch seine Berechenbarkeit, Klarheit und Ehrlichkeit. Die Partner anderer Konfessionen wussten, was sie sich vom Ökumene-Referenten Hölzl erwarten konnten und was nicht. Er setzte auf den sicheren Weg. Auch beim Frauenbund war Konrad in seinem Element. Dafür war ihm ein besonderes Charisma eigen: das Charisma des Charmes. Man verzeihe mir, wenn ich den Spitznamen, den ich ihm anlässlich seines Goldenen Priesterjubiläums 2017 in Thierhaupten gab, hier noch einmal wiederhole: „Du bist der Johannes Heesters vom Dom!“ Stets hat er nach dem Motto der liberalitas Bavarica[4] gehandelt: leben und leben lassen. Das ist die Einstellung eines noblen und gebildeten Mannes. Nur logisch, dass Konrad auch Ritter vom Heiligen Grab war, verbunden mit Jerusalem und dem Land Jesu!

Gerade im Alter, als seine Schritte kleiner wurden, durfte er erfahren, dass jemand zuhört, versteht und tröstet, wenn körperliche Einschränkungen und Schwächen Grenzen setzen. Einen besonderen Platz nimmt neben seiner Familie Frau Claudia Schlegel ein, die ihn seit mehr als vier Jahrzehnten in Treue begleitet und stützt. Auch wir Priester sind Menschen. Wir brauchen Freundinnen und Freunde an der Seite. Denn auch uns ist nicht alle Tage danach zumute, aus voller Kehle das Te Deum zu singen! Da ist es gut, von anderen getragen und begleitet zu sein.

Im Jakobusbrief lesen wir: „Wer die Worte des Evangeliums nicht nur hört, sondern danach handelt, der wird durch sein Tun selig sein“ (vgl. Jak 1,17). Das Wort ist Fleisch geworden und es will auch in uns Fleisch annehmen. Der Herr selbst gibt uns einen Hinweis darauf, worin Jüngerschaft und wahre imitatio Christi besteht: „Lernt von mir! Denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29). Der Priester sollte ein Mensch sein, der sich im Zaum hat, der selbstverständlich eingeübt hat, was Papst Franziskus in seinem Schreiben Amoris laetitia jeder Familie ans Herz legt, nämlich „die drei Worte: Bitte! Danke! Entschuldige!“ (Nr. 133). In der Hitze des Alltags sind natürlich auch Priester nur Menschen – aber: Sie folgen keinem leblosen Ideal, sondern dem lebendigen Christus, der nicht nur liebesfähig ist, sondern die unbedingte Liebe selbst. Wie oft bleiben wir hinter unserem Meister zurück; dann ist es gerade die Demut, die uns unbeirrt immer wieder aufstehen und weitergehen heißt.

Aus dieser Zuversicht heraus hat Konrad sein Priestersein gelebt; das merkte man ihm an. Er war Mensch mit Leib und Seele; er hat gern gelebt, wie er in seinem geistlichen Testament vermerkte. Papst Franziskus hätte seine Freude an ihm. Unser Heiliger Vater beklagt oft, dass Christen und auch Priester zu griesgrämig und wenig freundlich aufträten. Solche Priester zögen manchmal ein Gesicht wie „eine in Essig eingelegte Peperoni“. Stattdessen wünscht sich Papst Franziskus die Priester als „Männer der Freude“ (Frühmesse am 10. Mai 2013). Danke, lieber Konrad, für die innere Ruhe und Freude, die aus dir strahlte, auch wenn Dir nicht immer zum Lachen zumute war. Ja wirklich, die Freude am Herrn ist unsere Kraft! (vgl. Neh 8,10) Konrad, Du hast nicht nur eine Seele, die unsterblich ist. Du warst eine Seele von Mensch. So konntest Du die Dir anvertrauten Gemeinden beseelen. Du warst die Seele der Gemeinschaft! „Rede, Herr, Dein Diener hört.“ Auf dieser Erde hast Du die Hörschule des Lebens und Glaubens mit Bravour bestanden. Nun bist Du vorgerückt in eine neue Klassenstufe. Mögest Du die Stimme des Herrn in anderer, ganz neuen Weise hören, wenn er zu Dir sagt: „Konrad, komm! Geh ein in die Freude Deines Herrn.“ Amen.

[1] Lumen gentium 11, Christus Dominus 30, Presbyterorum ordinis 5.

[2] Wenn in den folgenden Ausführungen der Wortgottesteil nur knapp skizziert ist, dann soll das weder als unvollständige Systematisierung noch  als Abwertung  der Bedeutung  anderer Elemente, wie etwa Bußakt, Lesungen, Evangelium, Fürbitten,  usw. gedeutet werden. Es geht hier vor allem um die Eucharistiefeier von der Gabenbereitung bis zur Sendung, also um Mysterium, Communio und Missio.

[3] Presbyterorum ordinis 4.

[4] Vgl. Inschrift über dem Kirchenportal der ehemaligen Klosterkirche der Augustinerchorherren Polling.