Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier in der Heimatgemeinde Kaufering am Sonntag, 31. Oktober 2021

Back to the roots! Zurück zu den Wurzeln!

31.10.2021 11:00

So fühle ich mich heute. Zum ersten Mal als Bischof von Augsburg besuche ich meine Heimatgemeinde Kaufering. Tief bewegt schaue ich auf den Ort meiner Kindheit, Zeuge meiner ersten Schritte, meiner ersten Worte, meiner ersten Wege – in den Kindergarten, in die Kirche, zur Schule, auch zum Frisör oder Zahnarzt. Herzlich danke ich meinem jetzigen Heimatpfarrer – Dir, Helmut Friedl, der Du mich zu diesem Gottesdienst eingeladen hast.

Ich grüße alle Bewohner von Kaufering. Schon vor einigen Wochen hatte ich ja die Ehre, mich als ersten Eintrag im Goldenen Buch des Marktes Kaufering zu verewigen. Dankbar denke ich an meine Altersgenossen, mit denen ich zur Schule ging und mit denen ich seit meiner Kindheit und Jugend verbunden bin – als Ministrant und Wölfling, als Mitglied im Jugendausschuss und bei anderen Aktivitäten. Ja, wir haben damals manches auf die Beine gestellt – die Jugendgottesdienste, Betstunden am Gründonnerstag, den Fronleichnamsaltar … und dabei viele frohe und lustige Stunden erlebt in der Ministrantengruppe oder bei Ausflügen. Und wir haben einander auch geärgert – ich weiß noch, wie mich manche ganz schön zur Weißglut brachten, als ich Oberministrant war.

Wenn ich auf die Geographie meiner Kindheit schaue, dann denke ich an mein Elternhaus, das nur drei Gehminuten von hier entfernt ist. Und gleichzeitig erinnere ich mich, dass es mich schon als Kind in diese Kirche gezogen hat: ins Gotteshaus, wo ich spürte, dass hier der Herr wohnt und ich ihm nahe sein wollte. Voller Dankbarkeit werden in mir Bilder lebendig von meinen Eltern – vom viel zu früh verstorbenen Vater und von meiner mittlerweile über 90-jährigen Mutter, die nunmehr im Afraheim im Schatten des Augsburger Domes wohnt. Auch meiner Schwester Alexandra verdanke ich viel: Fünf Jahre jünger als ich, hat sie dafür gesorgt, dass es mir als Bruder nie langweilig wurde. Und ich glaube, dass sie es in meiner Nähe auch nicht immer leicht gehabt hat.

Elternhaus und Gotteshaus: Das muss ich ergänzen durch ein zweites Gotteshaus, die Pauluskirche, die ich durch meinen evangelischen Vater, meine Großeltern und das Pfarrerehepaar Aschoff gut kennenlernen durfte. Wie im Elternhaus die natürlichen Spuren für Menschlichkeit und Ehrlichkeit gelegt wurden, so habe ich die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt als Mutterboden erlebt, in dem meine Berufung zum Priester wachsen und gedeihen konnte: ohne Zwang, aber mit Wohlwollen und Interesse begleitet von meinem langjährigen Heimatpfarrer Ludwig Epp, dem ich immer noch eng verbunden bin. Später hat dann P. Franz Schaumann SDB dafür gesorgt, dass die Verbindung zu Euch, liebe Heimatgemeinde, nie abgerissen ist, obwohl ich ja viele Jahre in Rom und an anderen Wirkungsorten war. Ja, hier in Maria Himmelfahrt hat sich viel Wichtiges in meinem Leben ereignet: die Erstbeichte, die Erstkommunion, die Heimatprimiz, das Silberne Priesterjubiläum und jetzt der erste Gottesdienst als Bischof von Augsburg. Wieviel Gutes und Aufbauendes durfte ich von Euch Kauferingern mitnehmen, wieviel Samenkörner wurden hier in den Mutterboden meines Glaubens eingesenkt! Dafür bin ich sehr dankbar.

Oft frage ich mich: Woran soll man uns Christen erkennen? Was macht einen Priester aus – oder gar einen Bischof? Nicht an Stab und Mitra, nicht an einer bestimmten Uniform, einem Abzeichen oder einer Ehrennadel, nicht an einer Urkunde oder einem Zeugnis sollen uns die Menschen erkennen, sondern am Doppel- bzw. Dreifachgebot: Gott und den Nächsten lieben wie sich selbst (vgl. Mt 22,37f.). Die Welt lechzt nach Liebe. Ohne Liebe trocknet sie aus, erkaltet sie. Manche sprechen von einer „Eiszeit der Herzen“. Menschen, die sich ausleben, spüren, dass sie im Tiefsten des Herzens, leer sind. Manche große Liebe hat sich im Lauf der Zeit „zerlebt“. Dem gilt es entgegenzusteuern. Liebe ist Gabe und Aufgabe, Indikativ und Imperativ zugleich. Bevor wir etwas tun, dürfen wir Liebe empfangen: Christen als Leute, die sich von der unendlichen Liebe Gottes beschenken lassen. In Jesus Christus ist diese Liebe handgreiflich geworden. In IHM können wir Gottes Liebe förmlich mit Händen greifen.

Das ist die prägende Gewissheit für unsere christliche Existenz. Wir hätten keine Antwort auf die ersten und letzten Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Lebens, wenn an uns nicht die göttliche Liebeserklärung ergangen wäre: „Ich habe dich beim Namen gerufen. Du gehörst mir“ (Jes 43,1). Durch Gottes Liebe sind wir, was wir sind. Die angemessene Haltung von Geliebten ist dankbare Freude über die Liebe, die ein Leben schenkt, das nicht heute blüht und morgen verwelkt, sondern bleibt und durchträgt: „Dies habe ich zu euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird“ (Joh 15, 11).

Das ist die Mission der Kirche: An der Liebe soll man uns erkennen. Es ist eine üble Gewohnheit, bei dem Wort „Kirche“ an Krise und Kritik zu denken statt an Dankbarkeit und Freude. Kritik hat ihr Recht und ihre Zeit. Wir brauchen sie, damit die Kirche nicht erstarrt, weder träge wird noch bequem. Die Kritik(sucht) darf die Glaubensfreude nicht ersticken. Und vor allem sollte jede Kritik, bevor sie geäußert wird, erst durch das Sieb der Liebe gehen. Das bedeutet: Nur der hat das Recht zur Kritik, wenn er es aus Liebe zur Kirche tut, wenn seine Kritik getragen ist vom Fühlen mit der Kirche (sentire cum Ecclesia). Aufbauende Kritik kann nur von Menschen kommen, denen die Kirche am Herzen liegt.

Gerade diese Zeit ist für die Kirche schwierig. Wir haben mit Gegenwind zu kämpfen – nicht nur von außen, sondern auch von innen. Das Schiff der Kirche schlingert und wankt. Als Bischof bin ich auch verantwortlich, dass die Kirche Kurs hält. So viel ist die Rede von Erneuerung. Während in der Politik die Würfel gefallen zu sein scheinen, streiten wir als Kirche noch um die Richtung, die der wahren geistlichen Erneuerung dient. Wir dürfen die Kirche nicht auf den Kopf zu stellen. Geistliche Erneuerung ist angesagt, nicht strukturelle Transformation. Unsere Kompetenz ist es nicht, die Kirche neu zu erfinden, sondern die Kirche spirituell zu erneuern.

Klimawandel und neue Energiequellen sind in aller Munde. Einverstanden! Mit meinem ersten Hirtenbrief habe ich mich zur Bewahrung der Schöpfung bekannt und das ehrgeizige Ziel ausgegeben, dass die Diözese Augsburg bis 2030 klimaneutral wird. Aber das allein reicht nicht. Auch in der Kirche brauchen wir einen Klimawandel. Setzen wir auf erneuerbare Energien im geistlichen Leben! Ökologisch geht es um erneuerbare Energien wie Solarenergie, Windenergie, Wasserkraft, Biomasse und Erdwärme. Spirituell lege ich folgende fünf erneuerbare Energiequellen dazu: das Wasser der Taufe, die Kraft des Wortes Gottes, das Brot der Eucharistie, den Wind des Heiligen Geistes und die Wärme der Liebe Gottes. Diese göttlichen Energiequellen versiegen nicht; sie sprudeln unentwegt, wenn wir sie nur nutzen. Unsere selbstgemachten Quellen für das kirchliche Leben sind indes schnell aufgebraucht: Konzepte, Programme, Parlamente, Diskussionsrunden und Abstimmungen. Wir merken es selbst: Wir werden müde; uns geht die Kraft aus; wir zerreden und zerstreiten uns. Setzen wir auf die Energie der Liebe Gottes! Amor, ergo sum. Ich liebe, also bin ich.

So wird aus dem Indikativ ein Imperativ: Das Geschenk der Liebe will sich mitteilen. Aus Geliebten werden Liebende. „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage“ (Joh 15, 14). Unsere erste Visitenkarte ist weder ein komplettes Glaubensbekenntnis noch ein ausgeklügeltes Gemeindekonzept, so wichtig das sein mag. Mindestens so glaubwürdig wie das Lippenbekenntnis ist das Lebenszeugnis. Gott schickt uns zu müden, erschöpften und gebrochenen Menschen – manche noch Corona-gebeutelt. Was können sie von uns erwarten? Von uns, die wir so viel – vielleicht manchmal zu viel – von der Liebe reden!

Immanuel Kant hat den Begriff vom „kategorischen Imperativ“ geprägt. Doch die Achtung vor jedem Menschen, die der kategorische Imperativ predigt, wird erst dann gelingen, wenn Gott nicht außen vor bleibt. Wahrer Humanismus hat nur Bestand, wenn er das Menschliche in Gott verankert. Dem Imperativ zu lieben geht der kategorische Indikativ voraus: Du bist geliebt von Gott. Das ist unser christliches Erkennungszeichen, einer Aufgabe zu leben, die uns Gott als Gabe und Vor-Gabe schon geschenkt hat: Liebe. Diese Liebe, diese Zuwendung, ja Geborgenheit habt Ihr mir geschenkt, liebe Heimatgemeinde Maria Himmelfahrt. Sonst wäre ich nicht der, der ich bin. Von Herzen Vergelt’s Gott!