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Predigt von Bischof Bertram zum Willeboldsfest in Berkheim

Brüder im Geiste: der hl. Willebold und der hl. Ulrich

28.07.2024 12:05

Liebe Schwestern und Brüder, es ist mittlerweile fast 30 Jahre her, seitdem ich das letzte Mal hier an dieser Stelle stand und als Prediger beim Willeboldfest in Berkheim zu den Gläubigen sprach. Damals war ich Regionaldekan in Neu-Ulm und erinnere mich noch gut an diesen Tag. Auch wenn wir nur wenig über den „Schutzpatron des Illertals“ wissen, der hier vor knapp 800 Jahren seine letzte Ruhestätte fand, bitten die Menschen dieser Region, an der Grenze zwischen den Bistümern Rottenburg-Stuttgart und Augsburg, um seine Fürsprache. So bin ich gern der Einladung des Kirchengemeinderats und Ihres Pfarrers Pater Johannes-Baptist Schmid O.Praem. gefolgt, um mit Ihnen dieses unbekannten Heiligen zu gedenken, an dessen Grab zahlreiche Wunder bezeugt sind.

Auch im Bistum Augsburg gedenken wir im Juli eines großen Heiligen: Kürzlich ging das Jubiläumsjahr zu Ehren unseres Bistumspatrons Ulrich zu Ende, der vor 1100 Jahren Bischof war und vor 1050 Jahren gestorben ist. Dies brachte mich auf die Idee, in meiner Ansprache zwei Eigenschaften herauszugreifen, welche diese beiden heiligen Männer, Willebold und Ulrich, miteinander verbinden, und die auch uns heute eine Hilfe sein können, ein Leben in der Nachfolge Jesu Christi zu führen.

1. Gott auf unserer Lebensreise als Pilger entgegengehen

Schauen wir zunächst auf das Selbstverständnis, Gott auf unserer Lebensreise als Pilger entgegenzugehen. Wir wissen ja nicht viel über jenen Mann aus dem 13. Jahrhundert, dem ein Kranker den Namen Willebold gab. Nur, dass er als fremder Pilger an Allerheiligen 1230 nach Berkheim an der Iller kam und dort in einer Scheune verstarb, woraufhin der Legende nach die Glocken zu läuten begannen und die Luft sich mit Engelsgesang füllte. Ebenso lesen wir in der Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich, dass er ein Pilger war, der mehrfach nach Rom reiste, aber auch an andere Orte, wie z. B. die Abtei St. Maurice d’Agaune in Burgund, um am Grab des heiligen Mauritius zu beten.[1]

Was bewegte die beiden Männer, jeweils ihre Heimat zu verlassen und sich auf beschwerliche und teils nicht ungefährliche Reisen zu begeben? Es war der Wunsch, die heiligen Stätte zu besuchen, um dort zu beten und Bestärkung im Glauben zu erfahren. Jede Pilgerreise beginnt mit einem inneren Aufbruch. Menschen verlassen ihren gewohnten Alltag und machen sich auf den Weg. Manche haben eine Frage und suchen unterwegs nach Antworten. Andere wollen etwas verarbeiten und hoffen auf Heilung. Wieder andere begeben sich auf Sinnsuche und sehnen sich nach einer inneren Erfüllung. Vom heiligen Ulrich lesen wir, dass er auf seinen Reisen gerne die Psalmen sang, die ja das ganze Spektrum menschlicher Gemütszustände umfassen: Freude und Dank, Trauer und Bitte. Das alles hat bei Gott seinen Platz.

Wahrscheinlich ging es den Menschen, von denen wir im heutigen Evangelium gehört haben, nicht anders. Auch sie nahmen lange Fußmärsche auf sich, um Jesus nachzugehen, weil sie spürten, dass von ihm eine besondere Kraft ausging (vgl. Joh 6,1f.). Am Ende, und das ist eine wichtige Botschaft des heutigen Tages, wurden alle, die sich auf die Suche machten, fündig. Gerade in unserer heutigen Zeit, in der viele Menschen verunsichert sind und nach Halt suchen, können wir als Gläubige verkünden: Gott lässt sich finden! Er bleibt nicht fern! Immer wieder lädt er uns ein, zu ihm zu kommen - mit allem, was uns bewegt. „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet!“ (Mt 7,7), sagt Jesus. Wir wissen nicht genau, warum und wohin der hl. Willebold gepilgert war, vielleicht ins Heilige Land. Angesichts der Wunder, die nach seinem Tod geschahen, dürfen wir aber davon ausgehen, dass auch er gefunden hat, wonach er suchte. Wie viele andere vor und nach ihm erfuhr er die Nähe Gottes, der immer für uns sorgen will. Nicht umsonst versteht sich die Kirche, wie es im Zeiten Vatikanischen Konzil steht, als „pilgerndes Volk Gottes“ (vgl. LG 8) auf dem Weg durch die Zeit.

Ich lade Sie ein, über dieses Selbstverständnis nachzudenken und sich zu fragen, an welchen Stellen Ihres Lebens Sie selbst innerlich aufgebrochen sind. Gab es Momente, in denen Sie das Gefühl hatten, eine falsche Abzweigung genommen zu haben? Sind Sie vielleicht Menschen begegnet, die Sie in die Irre geführt haben? Es ist wichtig, dass wir von Zeit zu Zeit innehalten und nachspüren, ob die Lebenswege, die wir eingeschlagen haben, gut für uns sind, und was eigentlich das Ziel ist. Für den hl. Ulrich war es klar, er wollte sich in allem immer mehr Gott nähern[2], wie es in seiner Biographie heißt.

Dass dies jedoch nicht nur durch Gebet und Wallfahrt möglich ist, sondern auch durch gelebte Nächstenliebe, führt mich zu meinem zweiten Gedanken.

 

2. Seine Liebe empfangen und an andere weitergeben

Um ehrlich zu sein, können wir nicht sagen, inwiefern Willebold über sein Pilgersein hinaus ein Mensch war, der auch anderen geholfen hat, wir dürfen es aber stark annehmen. Denn recht verstandenes Pilgern schließt immer auch die Sorge für die Menschen am Wegesrand mit ein. Vom heiligen Ulrich lesen wir, dass er stets die Armen, denen er auf seinen Reisen begegnete, mit Essen versorgte und es ihm ein großes Anliegen war, den besonders Bedürftigen ausreichend Nahrung und Hilfe zukommen zu lassen.[3] Das Teilen des Brotes ist dabei viel mehr als eine Speisung, wie uns die heutigen Tageslesungen vor Augen führen. Wenn der Prophet Elischa über die Früchte und das Brot, welche eigentlich für den Gottesdienst bestimmt waren, sagt: „Gib es den Leuten zu essen“ (2 Kön 4,42), verband er damit eine Botschaft. Zur Zeit des Elischa herrschte eine große Hungersnot. Der Prophet hatte erfasst, dass wir Gott ehren, wenn wir seine Geschöpfe, unsere Mitmenschen, nicht verhungern lassen. Dieser Auftrag gilt bis heute, weswegen es für jeden Christen ein nicht hinnehmbarer Zustand ist, dass noch immer viele Menschen und vor allem Kinder in unserer Welt verhungern, was bei einer gerechteren Verteilung der Nahrungsmittel nicht notwendig wäre. Im Evangelium hörten wir, dass Jesus den Hunger der Menschen sieht, Fünftausend satt macht und seine Jünger sogar noch auffordert, die übrig gebliebenen Brocken einzusammeln, „damit ja nichts verdirbt“ (Joh 6,12). Welch eine Wertschätzung auch der Speisen! Dabei waren es ursprünglich doch nur fünf Brote und zwei Fische. Mit solchen Zeichen will der Herr uns lehren, wie groß die Liebe Gottes zu uns Menschen ist; diese Liebe sollen wir weitergeben - im täglichen Umgang miteinander und in der Aufmerksamkeit füreinander. Nicht zufällig ist darum die zweite Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Epheser ausgewählt: Da geht es um das ganz praktische Leben in der Gemeinde: Jesus nachfolgen heißt demnach auch, „demütig, friedfertig und geduldig“ (Eph 4,2) zu sein. Das klingt, wenn man es so hört, sehr schön. Wir alle wissen aber, dass es Situationen gibt, wo das keineswegs leichtfällt. Bewusst schiebt Paulus hinterher, dass wir einander auch in Liebe „ertragen“ (Eph 4,2) sollen. Wer das Buch von Hape Kerkerling über sein Pilgern auf dem Jakobsweg gelesen hat, erinnert sich vielleicht an eine andere Szene, wo der bekannte Komiker schreibt, welche Geduld ihn das Verhalten anderer Pilger bisweilen gekostet hat. Ja, es ist nicht immer leicht, im menschlichen Kontakt stets die innere Ruhe zu bewahren und wohlgesonnen zu bleiben. Doch genau darin liegt die Basis für den Frieden, in der kleinen Gemeinde wie auch in der großen Welt. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass das Rauben und die Kriege im Jahr 1273 der Überlieferung nach auf die Fürsprache des hl. Willebold ein Ende fanden. Er, der wie der hl. Ulrich Gott in seinem Herzen trug und „mit dem Ohr des Herzens“ hörte, wie es das Motto unseres Ulrichsjubiläums war, kann uns ein Vorbild im Glauben sein.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

für mich sind diese beiden Männer, Willebold und Ulrich, Brüder im Geiste. Von ihnen können wir lernen, was es heißt, Gott auf unserer Lebensreise als Pilger entgegenzugehen, seine Liebe zu empfangen und an andere weiterzugeben. In gewisser Weise folgen Tausende Jugendliche aus verschiedenen Ländern in den kommenden Tagen diesem Beispiel, indem sie sich nach Rom aufmachen, um an der internationalen Ministranten-Wallfahrt teilzunehmen. Schön, dass auch aus der Pfarrei Berkheim eine Gruppe mitkommt. Was braucht ein Pilger unbedingt, damit es ihm bei seiner Reise gut geht? Der hl. Willebold zeigt es uns[4]: Einen Pilgerhut. So werde ich nachher die Pilgerhüte der Ministrantinnen und Ministranten segnen, da ich aus meiner Zeit in Rom nur zu gut weiß, wie heiß es um diese Jahreszeit dort sein kann. Euch, die ihr an dieser Fahrt teilnehmt, aber auch allen, die hier zugegen sind, wünsche ich, dass sie auf ihren Wegen allzeit gut behütet sind.

Möge der hl. Willebold kraft seines Glaubens und seiner Bescheidenheit für uns eintreten bei Gott. Ebenso der hl. Ulrich, der uns lehrte, mutig und sozial zu sein. Nicht weit von hier, in Tussa, dem heutigen Illertissen, vermittelte er damals bekanntlich den Frieden zwischen König Otto I. und seinem leiblichen Sohn, dem Schwabenherzog Liudolf, die sich bereits in Kampfformation gegenüberstanden. Folgen wir dem Beispiel dieser beiden heiligen Männer und dienen mit Worten und Taten Gott, unserem Vater, der – wie es Paulus uns heute zuruft – „über allem und durch alles und in allem ist“ (Eph 4,6).

(Schriftlesungen vom 17. Sonntag im Jahreskreis: 2 Kön 4,42-44; Eph 4,1-6; Joh 6,1–15)

[1] Vgl. Gerhard von Augsburg: Vita Sancti Uodalrici. Die älteste Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich, Heidelberg 1993, 219.

[2] Vgl. Gerhard von Augsburg: Vita Sancti Uodalrici. Die älteste Lebensbeschreibung des heiligen Ulrich, Heidelberg 1993, 143.

[3] Vgl. ebd., 115.

[4] Vgl. Statue neben der Kirche.