Predigt von Bischof Dr. Bertram zum Festgottesdienst 100 Jahre Diözesan-Caritasverband am 17. Juni 2021

Caritas kein Blinddarm, sondern Magen der Kirche

17.06.2021 10:51

„Lebensnerv Caritas.“ So hat Rolf Zerfass, ein bedeutender Pastoraltheologe, eines seiner wichtigsten Bücher betitelt.[1] Lebensnerv Caritas: Ist das denn auch Ihre Erfahrung, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas im Bistum Augsburg? Heute feiern wir den 100. Geburtstag des Caritasverbandes. Ist es Ihnen - ja uns allen, die wir gekommen sind - klar, dass Sie mit Ihrem Dienst am Lebensnerv der Kirche stehen, d.h. in einer zentralen, unerlässlichen Aufgabe der Kirche? Kirche ohne Caritas – das wäre wie ein Körper ohne Hand und Fuß. Das hat einer meiner Vorgänger, Bischof Maximilian von Lingg klar erkannt, als er am 16. März 1921 den Caritasverband für unser Bistum aus der Taufe hob.

„Lebensnerv Caritas.“ So hat Rolf Zerfass, ein bedeutender Pastoraltheologe, eines seiner wichtigsten Bücher betitelt.[1] Lebensnerv Caritas: Ist das denn auch Ihre Erfahrung, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas im Bistum Augsburg? Heute feiern wir den 100. Geburtstag des Caritasverbandes. Ist es Ihnen - ja uns allen, die wir gekommen sind - klar, dass Sie mit Ihrem Dienst am Lebensnerv der Kirche stehen, d.h. in einer zentralen, unerlässlichen Aufgabe der Kirche? Kirche ohne Caritas – das wäre wie ein Körper ohne Hand und Fuß. Das hat einer meiner Vorgänger, Bischof Maximilian von Lingg klar erkannt, als er am 16. März 1921 den Caritasverband für unser Bistum aus der Taufe hob.

Was heißt das? Das ist die Frage. Den Bibelfesten fällt sofort das heutige Evangelium ein, das die Brücke von der Caritas zum konkreten Leben schlägt. Eine im besten Sinn „erbauliche Geschichte“, jenseits aller Diskussionen, einfach und durchsichtig erzählt: das Lehrstück vom barmherzigen Samariter.

Eine prekäre Situation. Das anonyme Opfer liegt hilflos im Straßengraben – der glühenden Mittagssonne ausgesetzt, in Lebensgefahr. Dreimal wird in diese Situation ein anderer eingeführt. Ganz „zufällig“ finden sich in ihr der Priester, der Levit und der Samariter wieder. Aber nur einer lässt sich in das Geschehen existentiell verstricken. Allein er läuft nicht vorbei, sondern reagiert und tut, was er tun kann. Öl, Wein, Linnen, Reittier und die fürsorgende Weisung an den Wirt zeigen, dass er das Herz auf dem rechten Fleck hat. So gibt der Samariter nicht nur ein nachahmenswertes Beispiel, sondern verliest dem Hörer der Geschichte auch ganz ordentlich die Leviten. Jedenfalls weiß jeder am Ende ganz genau, dass das: „Geh hin und handle ebenso!“ (Lk 10,37) ihm selber gilt. Kann man eigentlich dazu noch mehr sagen? Vielleicht doch!

Zunächst hält uns Jesus den Spiegel hin: Wenn ich an Kranke, an Menschen mit Behinderung, an Arbeitslose, an Vereinsamte oder Verschuldete denke, an Flüchtlinge und in der Welt Umhergetriebene, dann frage ich mich: Stehen sie wirklich in unserer Mitte? Bei allem Einsatz einer Institution und deren politischem Engagement kommt es darauf an, dass die Menschen vom Rand ins eigene Herz, in die Mitte der Gemeinden, in den Brennpunkt kirchlichen Lebens rücken. Danke, dass wir durch den Verband und viele Pfarreien, aber auch in zahlreichen Orden daran erinnert werden: Caritas ist unser Lebensnerv.

Mit seinem Lehrstück vom barmherzigen Samariter hat Jesus dafür ein Modell entworfen, an dem wir uns messen lassen sollten. Es ist merkwürdig: Jesus tadelt weder den Priester noch den Leviten, die den Halbtoten sehen und vorbeigehen. Sie fühlen sich nicht zuständig. Und in ihrer typischen Situation haben sie sogar recht. Sie wollen rein bleiben, kultisch rein. So dürfen sie kein Blut berühren. Denn sie leben nach dem Gesetz des alten Bundes. Dieses Gesetz verbietet die Liebestat – um der kultischen Reinheit willen.

Gesetze sind notwenig oder es gibt heillose Katastrophen. Aber kann man alles Leben in Gesetze fassen? „Gewissen lässt sich nicht abschieben“, unter diesem Motto demonstrierten in München unlängst katholische Christen für ein neues Nachdenken über die Asylfrage. Ein Gesetzeswerk ist wie ein großes Netz. Gesetz um Gesetz, Masche um Masche fügen sich aneinander. Aber wer sich in diesem System gut auskennt, schlüpft bisweilen durch die Maschen. Jesus hat das Gesetz des Alten Bundes nicht abgeschafft. Er hat es nicht vergrößert und nicht enger gefasst. Aber er greift durch die Maschen hindurch zum Innersten des Menschen, zu seinem Herzen. Er zeigt, wer der Nächste ist.

Welch starkes Zeichen der Herr da setzt! Ein Samariter wird zum Vorbild, der Fremdling, der eigentlich gar nichts mit dem ausgeraubten Juden zu tun hat, der abseits leben muss in einer Art religiöser und kultureller Apartheid, dieser Ausländer mit „falschem Gebetbuch“: er empfindet Mitleid und packt an. Er hilft, so gut er eben kann – mit Öl und Wein, mit Geld und guten Worten. Sein Handeln entspricht nicht dem Gesetz, es kommt von Herzen. Der Überfallene braucht ihn. Das genügt dem, der offenbar keine orthodoxen Vorstellungen über Gott und Welt hat. Der Mann mit dem falschen Gebetbuch wird als Modell hingestellt und richtet zugleich all jene, die mit dem „richtigen Gebetbuch“ in der Hand vom feierlichen Tempelkult in Jerusalem (oder von der prächtigen Pontifikalliturgie der Bischofsstadt?) träumen. Diese Botschaft ist aktueller denn je für uns als Kirche: Es ist nicht getan mit der festlichen Sakramentsprozession; der samaritanische Dienst ist die Nagelprobe, ob unsere Gottesdienste ernst sind und glaubwürdig. Papst Benedikt XVI. schrieb in sein Regierungsprogramm: „Die Kirche kann den Liebesdienst so wenig ausfallen lassen wie Sakrament und Wort.“[2] Das ist die leise Ironie des Augenblicks. Ein ausländischer „Ketzer“ soll unser Vorbild sein!

Einwanderer – Flüchtlinge -  Asylbewerber: Themen, die auf den Nägeln brennen – gerade bei der Caritas. Warum beschäftigen wir uns mit ihnen? Weil es gerade „in“ ist, darüber zu sprechen? Wenn wir nur das zu sagen hätten, was andere auch sagen, sollten wir als Christen lieber schweigen. Denn die Welt braucht keine Verdoppelung ihrer Ratlosigkeiten durch Religion. Sie braucht die Sprengkraft gelebten christlichen Glaubens. Diese schulden wir ihr, auch und gerade in dieser Frage. „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder...“ (Dtn 26,5). So beginnt das Gebet, mit dem der Jude vor den Altar tritt. Es lässt ihn nie vergessen, woher er kommt und aus welcher Geschichte er lebt. Er trägt das Nomadendasein in sich. Das Alte Testament ist eine Kette von Auswanderungs- und Exilserzählungen. Kaum ein Volk ist durch das Pilgersein so geprägt wie die alttestamentliche Gemeinde Gottes. Auf all diesen Wegen zwischen Aufbruch und Heimkommen, zwischen Ausland und Heimat wird immer klarer, dass Jahwe mit seinem Volk unterwegs ist. Gott geht alle Wege mit. Seine „Beweglichkeit“ geht sogar mit ins Exil. Dieser Wurzel ist sich die Gemeinde Jesu bewusst. „Wir sind nur Gast auf Erden.“ Wer die Heimat zum ewigen Privatbesitz oder zur unwiderruflichen Erbpacht erklärt, der überschätzt sich selbst. Außerdem handelt er unchristlich. Wir sind unterwegs, aus vielen Ländern und Nationen, wirklich bunt katholisch. Die Erde ist nicht unsere ewige Heimat, noch weniger ein fest umgrenztes staatliches Territorium. Weil wir selbst „Fremde und Gäste sind in dieser Welt“ (1 Petr 2,11), dürfen wir Fremde und Ausländer nicht abweisen oder vor die Tür setzen. Auch der Fremde ist Mensch wie wir. Er trägt die Züge Christi: „Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35).

Unsere Verantwortung für Fremde und Flüchtlinge, für sogenannte Ausländer, kann sich nicht in moralischen Appellen erschöpfen, die uns zur Wohltätigkeit mahnen. Auch können wir uns nicht auf organisierte Zuständigkeiten berufen. Caritas und Diakonie als Institutionen sind wichtig, aber längst nicht alles. Für vieles sind Instanzen da, doch bei aller Organisation und Programmierung bleiben im Leben Zwischenräume, die nur von Mensch zu Mensch ausgefüllt werden können. Das Dogma der Egoisten lautet: „Jeder ist sich selbst der Nächste.“ Der Samariter ist ein Kontrast, zugleich auch Orientierungspunkt, wie Jesus sich uns Christen denkt. Damit sind wir wieder am Anfang unserer Überlegungen: die Caritas als Lebensnerv der Kirche. Wer bei der Caritas arbeitet, ist kein Anhängsel des kirchlichen Lebens. Spitz formuliert: Caritas ist kein Blinddarm, sondern der Magen der Kirche. Und dieser Magen, die Caritas, muss viel verdauen: Schweres, Scharfes, Bitteres, auch Vergiftetes. Manches, was eine zunehmend egoistische Gesellschaft belastet, wird dem Magen der Caritas zugemutet. Gut, dass es die Caritas gibt! Sie ist kein Accessoire, sondern Kern des Evangeliums - für das Leben der Welt. Deus caritas est! Gott ist die Liebe.

Liebe Schwestern und Brüder, Gratulation zu Ihrer wichtigen Aufgabe: Alle, die bei der Caritas tätig sind, sehe ich nicht so sehr als cooperatores veritatis, sondern vor allem als cooperatores caritatis, weniger als Mitarbeiter der Wahrheit, sondern in erster Linie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Liebe. Denn die Liebe ist der Lackmustest für die Wahrheit. Sie sind mehr als Fachfrauen und -männer in sozialer Arbeit. Sie gehören zur Mission der Kirche!

So kleide ich meinen Glück- und Segenswunsch zum 100. Geburtstag unseres Diözesan-Caritasverbandes in Worte, die Papst Franziskus gefunden hat: „Die Mission im Herzen des Volkes ist nicht ein Teil meines Lebens oder ein Schmuck, den ich auch wegnehmen kann; sie ist kein Anhang oder ein zusätzlicher Belang des Lebens. Sie ist etwas, das ich nicht aus meinem Sein ausreißen kann, außer ich will mich zerstören. Ich bin eine Mission auf dieser Erde, und ihretwegen bin ich auf dieser Welt. Man muss erkennen, dass man selber ‚gebrandmarkt‘ ist für diese Mission, Licht zu bringen, zu segnen, zu beleben, aufzurichten, zu heilen, zu befreien. Da zeigt sich, wer aus ganzer Seele Krankenschwester, aus ganzer Seele Lehrer, aus ganzer Seele Politiker ist – diejenigen, die sich zutiefst dafür entschieden haben, bei den anderen und für die anderen da zu sein.“[3]

Pro-Existenz: Darin liegt das Wesen der Caritas. Antworten auf die brennenden sozialen Fragen bleiben wir schuldig, wenn wir in die Ferne schweifen und „das Weite suchen“. Konkrete Not wartet vor der eigenen Tür, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde. Denn den Nächsten suche ich mir nicht aus, er ist einfach da.

[1] Lebensnerv Caritas. Helfer brauchen Rückhalt, Freiburg-Basel-Wien 1992.

[2] Enzyklika Deus caritas est (2005), Nr. 22.

[3] Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (2013), Nr. 273.