Predigt-Zeugnis von Bischof Dr. Bertram Meier
beim Gottesdienst in der Basilika St. Ulrich und Afra am Samstag, den 10.7.2021

Corona als „Hochzeit der Freundschaft und des Humors“

10.07.2021 14:48

Fünf Zeugnisse – fünf Erfahrungen – fünf Menschen, die bereit waren, uns daran teilhaben zu lassen. Danke für Ihre Offenheit und die vielen Facetten, in denen Sie uns Ihre Erlebnisse erzählt haben. Danke für dieses persönliche Geschenk, das Sie uns heute machen. Ich bin beeindruckt, betroffen und auch dankbar.

Was soll ich dazu noch sagen? Die Predigt, die ich zur Heilung des Gelähmten schriftlich vorbereitet habe, lasse ich daher ausfallen. Dafür erinnere ich an ein Grundwort, das dieses Evangelium prägt. Es ist das Wort „Freundschaft“. Der Gelähmte hatte Freunde. Sonst wäre er gar nicht zu Jesus gekommen. Die Freunde sind kreativ. Sie wählen einen ungewöhnlichen Weg; sie klettern nach oben; sie steigen Jesus förmlich aufs Dach, um ihren Freund, den Gelähmten, vor den Heiland zu bringen. Die Freunde tragen den Gelähmten zum Herrn.

Auch ich persönlich bin dankbar für alle Freundschaften, die durch die Pandemie getragen haben, die dadurch noch fester wurden. Ohne treue Freunde können wir nicht leben. Was sich in meinen Freundschaften besonders zeigte, war der Humor. Wir haben auch viel gelacht – selbst im Bischofshaus, wo es natürlich vorwiegend ernste Themen gibt.

Humor ist seit jeher ein großes Thema gerade dort, wo Menschen leiden: in Krankenhäusern und Seniorenheimen, bei Todesfällen und in Zeiten politischer Unterdrückung. Der Humor hat – das hat mir Corona gezeigt – einen bevorzugten Platz in der Trauer. Oft erlebe ich, dass trauernde Angehörige sich nicht scheuen, auch komische und witzige Begebenheiten aus dem Leben des Verstorbenen zu erzählen und selbst Zeiten der Krise mit einer Prise Humor beschreiben.

Humor löscht den Kummer nicht aus, aber er macht ihn erträglich. Den Zusammenhang von Humor und Leiden kann man vor allem im jüdischen Humor studieren. Ausgerechnet das Volk, das jahrhundertelang schrecklichsten Verfolgungen und Demütigungen ausgesetzt war und teilweise wieder ist, ist bekannt für seinen Witz, seinen Humor, seinen Schalk. Im Gegensatz dazu fällt mir auf, dass unsere christlichen Fanatiker manchmal so erschreckend humorlos sind … Im Namen Jesu darf man nicht lachen! Meinen sie, doch das Gegenteil ist der Fall: Humor haben heißt sich nicht so furchtbar ernst nehmen.

Denn wer Humor hat, weiß um die Begrenzungen dieses Lebens, aber das ist kein Grund zum Verzweifeln. Ich kann – ich darf lachen, wenigstens lächeln über mich selbst, auch über andere, über menschliche Schwächen oder die Allüren der Mächtigen - nicht nur über Politiker, sondern auch über die neuen Mächtigen: etwa Virologen und Soziologen, die sich in Talkshows ein Stelldichein geben oder wie in Fieberkurven Inzidenzwert, R-Faktor und andere Pandemiebarometer präsentieren.  Nicht nur die Freiheit ist begrenzt, auch die Gesundheit. Dabei geht mir immer mehr die Erkenntnis auf: Gegen den Tod, der jedem und jeder blüht, ist kein Kraut gewachsen, auch wenn wir uns gegen Corona impfen lassen, wozu ich alle ermutige, die noch am Zweifeln sind.

Corona war für mich eine „Hochzeit“ der Freundschaft und des Humors.