Predigt zum Aschermittwoch der Künstler von Bischof Dr. Bertram Meier am 17. Februar 2021 im Hohen Dom zu Augsburg

Damit aus dem Leben ein Kunstwerk wird

17.02.2021 11:30

„Wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir her. Wenn du betest, geh in deine Kammer und schließ die Tür zu.“ (Mt 6, 2.6) Liebe Schwestern und Brüder, haben Sie dieses Evangelium gerade auch mit anderen, stärker sensibilisierten Ohren als sonst gehört?

Nach diesem absoluten Ausnahmejahr, in dem wir auf Abstand zueinander gehen mussten, die Einschränkung der Sozialkontakte zuerst empfohlen, dann angeordnet und kontrolliert wurde und wir seit Monaten fast nur auf die eigenen vier Wände verwiesen sind: Da erscheint dieser Appell Jesu zum Rückzug, dieser Verweis auf das Wirken im Verborgenen beinahe unangenehm penetrant und weckt vielleicht inneren Widerstand.

„Tue Gutes und sprich darüber!“ lautet seit langem ein Slogan der Werbe- und Marketingbranche und wir haben uns vielfach schon daran gewöhnt, Taten und Ereignisse, die nicht in der Öffentlichkeit präsentiert und verhandelt werden, als weniger wichtig, ja vielleicht sogar als zu vernachlässigen anzusehen. Menschenrechts- und Hilfsorganisationen können ein Lied davon singen, wieviel Kraft es kostet, neben dem unmittelbaren Einsatz vor Ort auch noch um die Aufmerksamkeit der restlichen Welt zu buhlen. So ist es unbedingt notwendig, dass auch kirchliche Hilfswerke wie Adveniat, Misereor, Renovabis und Missio, (um nur die bekanntesten zu nennen) nicht nachlassen, durch Werbeplattformen, Mailings und Infomaterial im Gespräch zu bleiben!

Damit wir uns recht verstehen: Jesus startet mit seinen Ratschlägen keinen Aufruf zur Vereinzelung oder zur Abgrenzung. Er behauptet auch nicht, dass das „stille Kämmerlein“ allein der Ort ist, an dem man Gott begegnen kann. Er möchte vielmehr seine Hörerinnen und Hörer und alle, die auf der Suche nach dem „Mehrwert“ ihres Lebens sind, auffordern, sich selbst besser kennenzulernen:

Was treibt mich an? Was will ich erreichen mit meinem Auftreten? Was ist die Motivation für mein Handeln? Was wünsche ich mir, dass dabei „herausspringt“?

Jesu Botschaft lädt ein, weniger auf andere zu schauen, sondern zunächst bei sich selbst einzukehren. Umkehr ohne Einkehr ist nicht möglich. Dazu muss ich erst in mir selbst Klarschiff machen – das ist Sinn und Zweck der siebenwöchigen Fastenzeit. Sogar die erwachende Natur hilft uns dabei: Der Frühling weckt die Lebensgeister; und in diesem Corona-Winter sehnen wir uns noch mehr als sonst danach, wieder ins Freie zu kommen, frische Luft und Bewegung zu genießen – aber bitte: immer unter Beachtung der Vorsichtsmaßnahmen!

Jesus, der selbst eine intensive Wüstenzeit durchgemacht hat, weiß genau, wo unsere Versuchungen liegen: Auch ich bin in den letzten Wochen einer Versuchung erlegen. Aufgrund der zahlreichen Corona-Infektionen in meinem Umfeld habe ich mich Mitte Januar zur Impfung bereit erklärt, weil ich damals überzeugt war, damit das Beste für die Menschen zu tun, mit denen ich zusammenarbeite oder die ich in meinem bischöflichen Dienst treffe. Ich habe die Einladung zur Impfung angenommen, im Vertrauen darauf, dass es so rechtens ist. Ich sehe jetzt, dass die Annahme dieses Impfangebots ohne eingehende persönliche Prüfung ein Fehler war. Meine Impfung erscheint als Bevorzugung, die ich so nie wollte. Ich kann verstehen, dass Menschen, die sehnsüchtig auf eine Impfung warten, sich durch mein Verhalten verletzt fühlen. Daher bitte ich herzlich um Verzeihung. Es war nie meine Absicht, anderen zu schaden oder etwas wegzunehmen.

Jeder einzelne Mensch, gleich welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, welchen Alters, in welcher gesundheitlichen Verfassung, ganz gleich, welchen sozialen Status und welche Fähigkeiten er hat – wirklich jede und jeder ist ein von Ewigkeit her geliebtes Geschöpf aus der Hand Gottes. Schon die Propheten des Ersten Bundes wurden nicht müde, diese Wahrheit immer und immer wieder zu sagen. Und darum haben sie das Volk Israel mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, ermahnt, getröstet und aufgefordert, den „Weg des Lebens“ (Ps 16,11) weiterzugehen: „Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“ (Dtn 30,19).

So ist es nur folgerichtig, dass der Initiator des Aschermittwochs der Künstler, der französische Schriftsteller und Diplomat Paul Claudel (1868-1955), nach dem Zweiten Weltkrieg auf eine Retraite-Idee (1914) des Zeichners Adolphe Willette zurückgriff. „Retraite“ meint ursprünglich den Zapfenstreich bei der Kavallerie und trifft als „Rückzug“ aus dem Alltag genau den Kern des Aschermittwochs als Auftakt der österlichen Bußzeit: sich Zeit nehmen, im Herzen Raum schaffen für Gott. Dazu passt die lapidare Antwort, die Claudel seiner weiblichen Hauptperson im Drama „Der seidene Schuh“ (1925) in den Mund legt. Sie reagiert damit auf die Liebesbeteuerungen ihres Verehrers und sagt: „Füllen kann nur Gott.“

Ja, wirkliche Erfüllung können wir einander nicht schenken; die gibt es auf Erden nicht. Der Mensch – mag er sich noch so aufmandeln – ist immer eine Nummer zu klein. Gerade Hochsensible, Hochbegabte und Künstler wissen, wie sehr Ideal und Wirklichkeit auseinanderklaffen, oder wie weit – mit Worten des Soziologen Hartmut Rosa – „unstillbare Resonanzsehnsucht und wechselseitige responsive Erreichbarkeit“ auseinanderliegen. Weil es menschliches Streben ausmacht, dass er „erkenne“, „was die Welt/im Innersten zusammenhält“ (Goethe, Faust I) und wir dabei unsere „Weltreichweite“ beständig vergrößern wollen, um uns die Welt verfügbar, ja gefügig zu machen, deshalb überschreiten wir allzu oft die von Gott gesetzten Grenzen und machen uns schuldig – heute in einem Ausmaß und in einer Intensität, wie es für den Einzelnen schier unfasslich ist. Künstler sind sowohl Teil als auch Seismographen dieser Entwicklung. Auch sie umkreisen unermüdlich diese Grenzen, denken wir z.B. an das Allroundgenie Leonardo da Vinci und alle, die den Menschen in den Mittelpunkt des Kosmos stellten. Doch wenngleich der Mensch die Krone der Schöpfung ist und der Schöpfer ihm die Note „sehr gut“ ausstellt (Gen 1,31), liegt gerade darin die Versuchung, dass der Mensch sich selbst auf den Thron Gottes setzt und sich nicht mehr als Treuhänder, sondern als Herr der Schöpfung aufspielt. Gibt es nicht zu denken, wenn die renommierte Virologin Ulrike Protzer in der Globalisierung und der steigenden Zahl der Weltbevölkerung Gefahren für neue weltweite Pandemien ausmacht und in einem Atemzug warnt: „Das weitere Vordringen von Menschen in die Natur trägt zu Krankheitsausbrüchen mit weiter Verbreitung bei.“ Denn so kämen Menschen mit neuen Erregern in Kontakt, die von Tieren auf sie überspringen und sich dann von Mensch zu Mensch verbreiten können. (nach DPA-Interview vom 8.2.2021)

Der heutige Aschermittwoch ist für uns eine Einladung zu Rückzug und Einkehr – nicht nur aus Gründen des Infektionsschutzes, denn Entwarnung darf es noch nicht geben, sondern als Appell zur grundsätzlichen Besinnung auf das, was trägt, auf das, was unser Menschsein ermöglicht und auch künftig gelten soll. Als äußeres Zeichen der ernsthaften Bereitschaft zählt dazu die Tradition von Fasten und Abstinenz. Wir alle wissen ja, wie wichtig der Zusammenklang von außen und innen ist und folgen als Christen auch darin dem Vorbild unseres Herrn.

Im Blick auf unseren Schöpfer – den Künstler schlechthin, dem wir verdanken, dass unser Leben das Zeug zum Kunstwerk hat – lohnt es sich, auf das erste Lied von der Erschaffung der Welt im Buch Genesis zu schauen. Es schildert, wie Gott dem Menschen – in seiner Ausprägung als männlich und weiblich – den Auftrag erteilt, alles Geschaffene in Seinem Sinne zu verwalten und weiterzuentwickeln (Gen 1,28-31; vgl. Ps. 8,5-7). Wir werden damit buchstäblich Cooperatores Dei, Gottes Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Mitwirkende und Mitschaffende, Künstlerinnen und Künstler des Lebens, Lebenskünstler!

Und tatsächlich: Seit Jahrtausenden hat der Mensch das Angesicht der Erde gestaltet – so sehr, dass man in jüngster Zeit vom Anthropozän, vom Erd-Zeitalter des Menschen, spricht. Heute sind wir allerdings an einem Punkt angelangt, an dem sich uns das anvertraute Gut, die Natur, das Klima, die Fruchtbarkeit der Erde, alles, was wir uns – ja, sind wir ehrlich: in maßloser Gier – gefügig gemacht haben, entzieht und fast völlig „unverfügbar“ (Hartmut Rosa) zu werden droht.

Nutzen wir diese zweite Pandemie-Fastenzeit, die uns nochmals geschenkt – wohlgemerkt: zur Besinnung geschenkt ist, um einzeln und gemeinsam unser Verhalten im Lichte des Evangeliums zu überprüfen und eine Kurskorrektur vorzunehmen. Ich weiß, dass vielen von Ihnen, liebe Kunstschaffende, seit fast einem Jahr durch den Lock-down de facto ein Berufsverbot auferlegt wurde und manche auch Sorgen um die eigene Existenz bedrücken. Doch ich bin überzeugt: Kunst und Kultur gehören zum Menschsein. Kirche und Kunst brauchen einander. Daher meine Bitte: Helfen wir einander, der zerbrechlichen Schönheit, der unbezahlbaren Kostbarkeit und der unendlichen Güte des Schöpfers in seinen Werken inne zu werden. Fassen wir den Vorsatz, in Ehrfurcht und Dankbarkeit die Gaben der Schöpfung so zu gebrauchen, dass sie für alle zugänglich werden – und auch den folgenden Generationen zur Verfügung stehen!

Uns allen lege ich ans Herz: Geben wir besonders in den Familien dem Sonntag wieder seine zentrale Bedeutung zurück. 2021 sind es 1.700 Jahre, seit der römische Kaiser Konstantin mit dem Edikt vom 3. März 321 den Herrentag der Christen zum wöchentlichen Feiertag erhob. Am Tag nach dem Schabbat ist Jesus Christus auferstanden und hat unsere Erlösung vollendet. Nehmen wir ernst, was für viele verfolgte Christ-/innen in aller Welt bis heute unerreichtes Privileg ist: Am Sonntag die Arbeit ruhen lassen, in Freiheit Gottesdienst feiern und freie Zeit genießen. So wie jüdische Gläubige das 3. Gebot, der Heiligung des Sabbats – das heißt übersetzt: Tag des Aufhörens, der Unterbrechung –, einhalten, um es dem Weltenschöpfer gleich zu tun und ihm zu danken. Wir Menschen leben vom Innehalten und der Erinnerung. Sie macht unsere Identität aus und stiftet Gemeinschaft – auch und gerade in Pandemiezeiten. Denn der Schöpfer will, dass unser Leben ein Kunstwerk wird.

 

Zitate aus:

J.W. v. Goethe (1808): Faust. Der Tragödie erster Teil, Nacht (Eingangsmonolog des Faust)

H. Rosa (2020): Unverfügbarkeit. Residenz-Verlag Wien, 7. Auflage, bes. S. 120ff.