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Predigt von Bischof Bertram zum Auftakt des Franziskusjubiläums in der Wallfahrtskirche Maria Hilf in Klosterlechfeld

„Danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt“

08.02.2026 18:30

Liebe Schwestern und Brüder! Wer nach Klosterlechfeld kommt, kann an vielen Stellen erkennen, welch große Verehrung dem hl. Franz von Assisi in dieser Gemeinde zuteilwird. Da gibt es einen „Franziskus-Kindergarten“, den „Franziskanerplatz“, einen „Franziskus-Brunnen“, das ehemalige Franziskaner-Kloster und den vom Franziskanerpater Sebastian Höß erdachten Kalvarienberg, der lange Zeit als Grablege der hier verstorbenen Franziskaner diente. Die ganze Ortsgeschichte gründet in den Wallfahrten hierher zur Kirche Maria Hilf, deren Betreuung einst Franziskaner übernahmen und um deren Klosterbau herum sich Menschen ansiedelten.

So freut es mich, dass die kirchliche und politische Gemeinde Klosterlechfeld für 2026 gemeinsam ein „Franziskusjahr“ ausgerufen haben, um an den 800. Todestag dieses Heiligen aus Assisi zu erinnern, der uns allen, auch und gerade in unserer heutigen Zeit, noch viel zu sagen hat.

Zu diesem feierlichen Anlass habe ich mir ein weiteres Mal dessen Testament durchgelesen und bin an einem bestimmten Satz hängen geblieben. Dieser lautet: „Danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt.“[1] Es lohnt sich, über diese Worte nachzudenken, und so möchte ich Ihnen zwei Gedanken dazu anbieten.

1. „Danach hielt ich eine Weile inne…“

„Danach hielt ich eine Weile inne…“ – Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal bewusst eine Weile innegehalten, in sich hineingehört, Ihre Gedanken sortiert? In einer zunehmend als hektisch empfundenen Zeit leiden ganz viele Menschen darunter, dass sie das Gefühl haben, getrieben zu sein und nicht mehr mitzukommen. Stichwort: Hamsterrad. Die rasanten Entwick­lungen, beispielsweise im Zuge der Digitalisierung, aber auch das Zusammen­brechen vermeintlicher Sicherheiten im politischen und sozialen Bereich beunruhigen große Teile der Bevölkerung. In einer solchen Situation ist es nicht nur ratsam, sondern für das eigene Wohlbefinden geradezu notwendig, von Zeit zu Zeit einen Schritt zur Seite zu machen, durchzuatmen und sich innerlich neu zu sammeln.

Daher lege ich Ihnen sehr ans Herz, sich mit der Person und dem Leben des hl. Franz von Assisi zu beschäftigen. Dessen Erfahrungen und Handlungen haben seit Jahrhunderten Menschen aller Gesellschaftsschichten inspiriert und in vielen Fällen dazu beigetragen, ein erfüllteres Leben im Sinne der Botschaft Jesu Christi führen zu können. Wie und auf welche Weise, darüber ließe sich vieles sagen. Ich möchte Ihnen heute nur ein paar Impulse mitgeben, die für mich die franziskanische Spiritualität auszeichnen:

  • Da ist zunächst die Liebe zur Schöpfung. Die meisten von uns wissen es vermutlich, wie sehr der hl. Franz seine Mitgeschöpfe geliebt hat, zu denen er auch die Elemente der Erde zählte. Am schönsten spiegelt sich dies in seinem berühmten „Sonnengesang“ wider, in dem er Gott für alle seine Geschöpfe lobt. Sein Verständnis, dass diese Welt ein Lebensraum ist, in dem Pflanzen, Tiere und Menschen miteinander verbunden sind, und seine Ableitung daraus, dass man allen Geschöpfen mit höchster Wertschätzung begegnen sollte, ist aktueller denn je. Umso mehr freue ich mich, dass seit einigen Jahren – sicher auch motiviert durch die Enzyklika „Laudato si‘“ des verstorbenen Papstes Franziskus - viele Menschen in unserem Bistum sich für den Erhalt der Umwelt einsetzen. Erst vor wenigen Tagen habe ich wieder den diözesanen Schöpfungspreis verliehen und engagierte Frauen und Männer aus Pfarreien, Schulen und Verbänden mit unserer diözesanen „Laudato si‘“-Plakette ausgezeichnet. In zahlreichen Projekten haben sie sich um die Bewahrung der Schöpfung verdient gemacht. Lassen wir nicht nach und sorgen wir uns weiter um unser gemeinsames Haus, das uns von Gott unserem Schöpfer zur Pflege (vgl. Gen 2,15) übergeben wurde! Gerade die Natur in all ihrer Vielfalt und Schönheit kann ein Ort sein, wo es uns leichter gelingen kann innezuhalten, um auf Gottes Stimme zu hören.[2]
  • Ein weiterer Impuls ist die Liebe des hl. Franz zu seinen Mitmenschen. Es wäre falsch, aus diesem Mann einseitig eine Art „Öko-Heiligen“ machen zu wollen, ohne seine außergewöhnliche Nächstenliebe zu würdigen. Nicht umsonst wurde der spätere Ordensgründer in der Heiligsprechungsbulle von 1228 dezidiert als „alter Christus“ – „zweiter Christus“ bezeichnet. Dies rührt sicher auch daher, dass Franz von Assisi an einem bestimmten Tag seines Lebens ganz bewusst seine Kleider abgelegt und auf sein Erbe als Sohn eines reichen Tuchhändlers verzichtet hat, um ein Leben in Armut und für die Armen zu führen. So steht auch der Satz in seinem Testament - „Danach hielt ich eine Weile inne“ - im direkten Zusammenhang mit seinen Erfahrungen beim Umgang mit Aussätzigen. Während es ihn nach eigenen Worten früher sogar ekelte, diese Menschen anschauen zu müssen, empfand er nach seiner inneren Wandlung „Süßigkeit der Seele und des Leibes“[3], wie er wörtlich schrieb, indem er ihnen half und Barmherzigkeit erwies. Nun kann man eine solch radikale Hinwendung zu den Notleidenden sicher nicht von jedem erwarten. Doch stünde es unserer Gesellschaft, die so viel Wert auf komfortable Freiheit und Selbstverwirk­lichung des Einzelnen legt, gut an, sich an der Nächstenliebe des hl. Franz ein Beispiel zu nehmen, um sozial zu denken und entsprechend zu handeln.
  • Noch einen Impuls will ich anfügen: Er kreist um die Suche nach der göttlichen Wahrheit, die alle menschlichen Grenzen sprengt. Als Franziskus im Jahr 1219 in der ägyptischen Hafenstadt Damiette auf den damaligen Sultan Malik al-Kamil zuging, um mit ihm über den Frieden zwischen Christen und Muslimen zu sprechen, kann das durchaus als Versuch eines interreligiösen Dialoges angesehen werden, den wir gerade heute so dringend brauchen. Franziskus wusste, dass Gottes Liebe allen Menschen gilt, egal welcher Herkunft, Kultur oder Religion. Auch das sollten wir uns als Christinnen und Christen immer wieder ins Bewusstsein rufen und uns für weltweiten Frieden und Dialog einsetzen.

Soweit diese kurzen franziskanischen Impulse zum ersten Teil des Satzes „Danach hielt ich eine Weile inne…“. Werfen wir nun noch einen Blick auf den zweiten Teil, wo es heißt: „und verließ die Welt“.  

2. „…und verließ die Welt.“

Was soll das bedeuten, wie kann man die „Welt verlassen“? In anderen Über­setzungen heißt es, „und ging […] aus der Wirklichkeit“[4]. Franziskus erklärt es uns, wenn er schreibt, dass er bei allem Tun immer wieder das Gebet suchte, und in den „Kirchen, die in der ganzen Welt sind“[5], einen solchen Glauben fand, dass er „innen und außen“[6] Segen verspürte. Dies scheint mir eine sehr wichtige Botschaft zu sein: Der Heilige gibt offen zu, dass er selbst oft gar nicht wusste, was genau er eigentlich tun sollte. Er betete aber, und am Ende war es immer der Herr, der ihm offenbarte, auf welche Weise er das Evangelium leben sollte.

So dürfen auch wir darauf vertrauen, dass Gott uns hilft, unsere jeweilige Berufung zu finden. Das zeigen auch die Tageslesungen: Beim Propheten Jesaja steht, dass wir Hungrigen das Brot brechen, Armen helfen und keinem übel nachreden sollen (vgl. Jes 58,7.9). Von Paulus können wir in seinem Korintherbrief lernen, dass wir uns nicht selbst überschätzen und uns stets der eigenen Begrenztheit bewusst sein sollen (vgl. 1 Kor 2,3f.). Und schließlich ermutigt uns Jesus im Evangelium, „Salz der Erde“ (Mt 5,13) und „Licht der Welt“ (Mt 5,14) zu sein. Wie das Salz die Speisen schmackhaft und haltbar macht, wie das Licht die Finsternis vertreibt, so sollen auch wir mithelfen, dass diese Welt ein besserer und gerechterer Ort für alle wird. Dabei kommt es nicht auf schöne Reden an, sondern vor allem auf Taten (vgl. Mt 5,16).

Folgen wir also den Spuren des „poverello“, wie der hl. Franz von Assisi mit Spitznamen genannt wurde, indem wir uns in diesem Jubiläumsjahr neu oder noch bewusster von dessen Worten und Taten inspirieren lassen. Dass dies gelingen möge und Franziskus auch weiterhin das Leben der Gemeinde in Klosterlechfeld prägt, dazu wünsche ich Ihnen mit den Worten dieses verehrungswürdigen Heiligen: „Pace e bene“  - „Frieden und Heil“!

Schriftlesungen vom 5. Sonntag im Jahreskreis A

[1]https://franziskaner.de/testament/, 27.01.2026.

[2] Vgl. M. Theresia Wittemann OSF: Beten unter Bäumen. Spiritualität des Waldes bei Franz von Assisi, Stuttgart 2023.

[3]https://franziskaner.de/testament/, 27.01.2026.

[4] Joseph Bernhart: Franz von Assisi. Leben und Wort, Weißenhorn 2023, 155.

[5]https://franziskaner.de/testament/, 27.01.2026.

[6] Ebd.