Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier im Dom beim Trauergottesdienst für Altoberbürgermeister Hans Breuer am 25. Juni 2021

Das Augenzwinkern des OB

25.06.2021 10:00

„Suchet das Wohl der Stadt!“ (Jer 29,7) Vor gut einem Jahr, nachdem ich zum Bischof ernannt worden war, habe ich mir ein Motto gesucht und es über meine Aufgabe als Seelsorger gestellt. Wenn wir ein Motto für Oberbürgermeister Hans Breuer wählen dürften, würde wohl der Vers aus dem Mund des Propheten Jeremia passgenau sein Wirken für Augsburg auf den Punkt bringen: „Suchet das Wohl der Stadt!“

Von diesem Gedanken war unser Altoberbürgermeister zutiefst beseelt. Viele trauern heute um ihn. Hans Breuer war geschätzt, geachtet, beliebt – weit über die Parteigrenzen hinweg. Drei Amtsperioden – von 1972 bis 1990 – stand er am Ruder der Stadt. Die 18 Jahre im Amt – das ist länger als die Kanzlerschaft von Angela Merkel! – werden getoppt von 65 Jahren gemeinsamer Jahre mit Ehefrau Sieglinde, die heute mit ihrem Sohn Hans-Jürgen, der Familie und den Angehörigen um Hans Breuer trauert. Herzliche Anteilnahme!

In den Schmerz des Abschieds, der auch bei Tod eines 90-Jährigen mitschwingt, mischen sich auch Gefühle von Dankbarkeit und Wertschätzung, die diesen Tag bestimmen. Geboren am 16. September in Troppau im Sudetenland, musste Hans Breuer schon als Kind und Jugendlicher erfahren, was „Leben in Fülle“ heißt: kein Spaziergang, sondern auch Stationen des Kreuzwegs. Von 1945 bis 1946 war er in einem tschechischen Arbeitslager, dann musste er – wie auch andere unserer mittlerweile betagten Mitbürgerinnen und Mitbürger -  die sog. „alte Heimat“ verlassen, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen. Hans Breuer packte an. Einerseits absolvierte er eine Berufsausbildung zum Elektrotechniker, andererseits stieg er bald in die Gewerkschaftsarbeit ein und wurde auch Mitglied der SPD. Im Italienischen gibt es ein interessantes Wortspiel: Sindacato – sindaco. Sindacato heißt Gewerkschaft, sindaco Bürgermeister. In diesem Wortspiel zeigt sich, dass Hans Breuer, der Gewerkschaftler, gleichsam prädestiniert war für den Bürgermeister. So wurde er 1972 zum ersten Mal zum Oberbürgermeister unserer Stadt gewählt. Die Menschen mochten ihn; von der Mehrheit der Bevölkerung geachtet, wurde er zweimal wiedergewählt. In der Mitte seines Wirkens standen – bei allen anderen Projekten, die er anstieß und verwirklichen half – die Sozial- und die Sportpolitik. Sicher kein Zufall, dass 1972 auch Augsburg eine Art Außenstelle der Olympischen Spiele wurde: die Kanustrecke am Eiskanal. Die Maxime des Handelns von Hans Breuer lautete: Der Mensch muss in die Mitte!

Hans Breuer lächelte gern, er war ein Mann mit feinem Humor, ein nachdenklicher Optimist. Offen ging er auf Menschen zu. Er konnte Vertrauen wecken und Vertrauen bewahren. Und am liebsten lockte er die guten Seiten der Menschen hervor. In großer Dankbarkeit hat er auf seinen Lebensweg zurückgeschaut. Auf die Frage, ob er mit seinem Leben zufrieden sei, konnte man hören: „Mehr als zufrieden.“

Weggefährten und Freunde, aber auch einstmals politische Gegner, berichten von Begegnungen mit einem überzeugten Demokraten, mit einem Sozialdemokraten, der möglichst ohne Vorurteile, neugierig und großherzig auf andere Menschen zuging. Diese Zugewandtheit in Treffen und Sitzungen blieb bei vielen Bürgerinnen und Bürgern in Erinnerung. Sie erlebten einen Menschen, der sich mit großem Elan und voller Zuversicht in die Verantwortung für unsere Stadt und weit darüber hinaus rufen ließ. Die Suche nach Ausgleich und Konsens war ihm ein Herzensanliegen. Sie bestimmten seine Art, schwierige und kontroverse Herausforderungen anzugehen. Davon hat Augsburg profitiert. „Seine“ Stadt gab ihm den Dank zurück, indem sie ihn mit den Titeln des Altbürgermeisters und des Ehrenbürgers auszeichnete.

Wer Porträtfotos von Hans Breuer anschaut und tiefer betrachtet, entdeckt einen offenen Menschen mit einem schelmischen Lächeln, einem verschmitzten Augenzwinkern. Dieses Augenzwinkern spricht Bände. Es scheint, als wolle uns Hans Breuer ohne Worte sagen: „Das Beste kommt erst noch. Ich habe mein Leben hier auf Erden gelebt und abgeschlossen. Ich habe vieles bewirkt, geleistet und gestaltet. Aber das war es noch nicht. Was gestern war, ist zweitrangig. Es geht um das Morgen, die Zukunft. Und da fehlt noch was: das ewige Leben.“ Lassen wir uns von diesem „Breuerschen“ Augenzwinkern die Neugier wecken auf das, was der Jesuit Alfred Delp im Angesicht des Todes, von den Nazis ins Gefängnis gesperrt, mit gefesselten Händen geschrieben hat: „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“ Dieses Wort ist uns heute mit auf den Weg gegeben: Lasst uns dem Leben trauen – und das Leben wartet auf uns, auf Hans Breuer ebenso wie auf jede und jeden einzelnen von uns.

Als Hans Breuer am 30. April 1990 aus dem Amt des Oberbürgermeisters verabschiedet wurde, gab es ein großes Feuerwerk. Dort war der Schriftzug zu lesen: „Alles Gute, Hans!“ Heute gibt es zwar kein Feuerwerk, aber den Schriftzug von damals rufen wir ihm nach: Alles Gute, Hans! Leben wartet auf dich. Amen.