Das Kleeblatt der drei Stiftungen
Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Angehörige der weitverzweigten Familien Fugger, liebe Mitarbeitende der Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Stiftungs-Administration, liebe Schwestern und Brüder in Christus, noch stehen wir in der Weihnachtsoktav. Soeben haben wir gehört, wie sich im Jerusalemer Tempel die Generationen begegnen: die 84jährige Prophetin Hanna, lebenserfahren und gottesfürchtig – vermutlich gehört beides enger zusammen als uns bewusst ist -, trifft auf den neugeborenen Christus, den verheißenen und sehnsüchtig erwarteten Erlöser. Sie erkennt den verborgenen Gott trotz seines zweifachen Incognitos: Der ganz Andere, der Schöpfer des Universums, hat in Gestalt eines Menschenkindes Fleisch angenommen, ja mehr noch: er wollte als Sohn armer Leute, unerkannt und verachtet, unter den Menschen leben.
In einer seiner Predigten fragt der selige John Henry Newman, erst jüngst von Papst Leo XIV. zum Kirchenlehrer ernannt, ob es wohl einen Unterschied gemacht hätte, wenn Christus als Fürst zur Welt gekommen wäre. Und er gibt zur Antwort: „Wäre er als großer Fürst oder Edelmann gekommen, dann hätte die Welt, ohne auch nur einen Deut mehr um seine Gottheit zu wissen, doch zumindest zu ihm als Fürsten aufgeschaut und ihn geehrt; da er aber in Niedrigkeit kam, nahm er eine zusätzliche Demütigung auf sich – die Verachtung -; er wurde von seinen Geschöpfen geringgeschätzt, verhöhnt, achtlos übergangen und seiner Ehre ruchlos beraubt.“ [1]
Was war es also, das Hanna veranlasste, unter all den armen Leuten, die es ja immer zuhauf gibt, auf dieses unscheinbare junge Elternpaar mit seinem Säugling aufmerksam zu werden?
Der Evangelientext gibt uns einen indirekten Hinweis, indem er den Alltag der hochbetagten frommen Frau mit einem einzigen Satz charakterisiert: „Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.“ (Lk 2,37b) Eine absolute Ausnahmebiografie werden jetzt manche unter uns denken – ja, nach unserer heutigen Vorstellung von einem erfüllten Leben sind Betätigungsfelder wie Fasten und Beten tatsächlich völlig ‚abgedreht‘, eben einfach ‚aus der Zeit gefallen‘.
Wir setzen heute meist andere Prioritäten: Wenn wir im Alter schmerzlich spüren, dass unsere Sinne schwächer werden, wir eine Brille, ein Hörgerät oder auch Operationen brauchen, um unseren Anspruch an Lebensqualität nicht zurückschrauben zu müssen, dann sind wir erst einmal dankbar für den hohen medizinischen Standard, an dem wir hierzulande Anteil haben dürfen. Darüber hinaus suggerieren uns Slogans wie „80 ist das neue 60“, dass es sich auszahlt, keine Mühen und Kosten zu scheuen, um weiterhin vorn dran oder zumindest ‚mittendrin‘ dabei zu sein. Doch wie steht es demgegenüber mit unseren inneren, den – von Newman so genannten - „geistigen Sinnesorganen“? Müssten wir nicht auch sie trainieren?
Das ist wohl das Geheimnis der 84jährigen Hanna, die der Text noch in diesem hohen Alter als Prophetin, als jemanden, der die Zukunft vorhersagt, bezeichnet: Sie sieht mehr und schärfer als die Jüngeren, die oft an der Oberfläche hängen bleiben; sie ist wacher als alle, die eifrig ihre Eigeninteressen verfolgen.
Es gibt allerdings auch heute noch gute Gründe, es einmal mit dem Lebensstil à la „Prophetin Hanna“ zu versuchen: Wie oft werden wir von Menschen, die uns wohlwollen, aufgefordert, unsere Körpersignale nicht zu überhören, Stresssymptome wie Schlaflosigkeit nicht einfach mit Medikamenten zu behandeln, sondern auf die Work-Life-Balance zu achten, um nicht einem schleichenden Burn-out zum Opfer zu fallen. Ich muss mich da auch selbst bei der Nase packen: Nehme ich mir die nötige Zeit für die Stille, die Wahrnehmung meines Atems und die innere Verbindung mit allem, was lebt? Setze ich mich der Realität meiner Geschöpflichkeit aus und der Tatsache, dass mein Leben unaufhaltsam einem Endpunkt zustrebt? Wir alle wissen: Die Praxis des Fastens und Betens ist in den Kulturen der Welt ein sehr hilfreiches Mittel, um sich wieder selbst spüren zu können – das heißt: die Abhängigkeit von Nahrung, Wärme, Schlaf und nicht zuletzt von der Geborgenheit bei DEM, der unser Schöpfer, Ursprung und Ziel unseres Lebens, ist.
Ich bin davon überzeugt, dass die Missachtung Gottes mit der Missachtung dessen, was für uns Menschen als Einzelne und als Menschheitsfamilie gut ist, unmittelbar zusammenhängt. „Wenn“ heute vielen Menschen „nichts fehlt, wo Gott fehlt“, wie es der Buchtitel des Theologen Jan Loffeld benennt, dann ist das kein Zustand, der wie ein Plateau gehalten werden könnte, sondern der Beginn eines Prozesses der beschleunigten Aufgabe von allem, was Halt, Ordnung und Orientierung gibt.
Die Anzeichen dafür mehren sich: Für viele Menschen gerät die Welt zunehmend aus den Fugen. Verschwörungserzählungen und Untergangsszenarien haben Hochkonjunktur. Der Mensch ist eben keine Maschine und die Maschine kein Mensch, auch wenn die Faszination der Künstlichen Intelligenz uns augenblicklich genauso in ihren Bann zieht, wie es die physikalischen Erfindungen am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts taten. Wir dagegen sind lebendige Wesen: störanfällig und fehlerhaft, machtgierig und anschmiegsam, von einer Anpassungsfähigkeit, die unter allen Lebewesen ihresgleichen sucht, und doch auch einer mindestens ebenso großen Beharrlichkeit, ja Uneinsichtigkeit - wenn wir z. B. in der Frage der positiven Beeinflussung unseres Klimas nur an die Diskrepanz denken zwischen klarer Evidenz, fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen einerseits und der mangelnden Bereitschaft, entsprechend präventiv zu agieren, andererseits.
Jakob Fugger, dessen Todestag vor 500 Jahren wir heute mit diesem Gottesdienst gedenken, gehörte ganz sicher zu den Vordenkern und Weitsichtigen seiner Zeit. Er war ein nüchterner, pragmatischer Mann, der sich keinen Illusionen über die Begrenztheit des Lebens hingab. Er wusste, dass der Tod unerwartet und rasch kommen konnte, hatte er doch seinen beiden Brüdern und Geschäftspartnern Georg (1453-1506) und Ulrich (1441-1510) das Grabgeleit gegeben und bereits vorher vier seiner sechs Brüder in jungen Jahren verloren. Welch eine Todesbilanz in einer Familie!
Stellen Sie sich nur einen Augenblick vor, das würde heute geschehen – und doch geschieht es in diesem Augenblick in vielen Teilen der Welt, dass Krieg, Seuchen und Naturkatastrophen ganze Familien auslöschen. Vor diesem biografischen Hintergrund ist das Motto der Familie Fugger, das bis heute unter der Sonnenuhr in der Fuggerei zu lesen ist, „Nütze die Zeit“ – ein Zitat aus den Epheserbrief[2] - sicher auch als indirektes Memento mori zu verstehen.
Ich möchte mich nicht in die Reihe jener zahlreichen Kommentatoren stellen, die hinter den drei Stiftungen, die Jakob Fugger im Alter von 62 Jahren einrichtete und deren 500jähriges Bestehen die Familien Fugger und die Stadt Augsburg 2021 mit Recht groß gefeiert haben, nur einen genialen Finanzcoup mit anderen Mitteln, gewissermaßen der religiösen Kryptowährung des 16. Jahrhunderts, erkennen wollen.
Vielmehr frage ich: Warum sollte ein Mensch, der trotz seines wirtschaftlichen Erfolges persönlich viele Leiderfahrungen machen musste, in einer Zeit, die – ähnlich der unsrigen - nach dem Prinzip von null und eins funktionierte, in der es neben Schwarz und Weiß keine Grautöne geben durfte, nicht aus menschlich-caritativen Erwägungen heraus seinen Zeitgenossen und deren Nachkommen etwas Gutes tun wollen? Warum sollte der kinderlose Billionär, der seiner Christenpflicht den Berichten zufolge sorgsam nachkam, nicht bei der Vergegenwärtigung des Weihnachtsgeheimnisses eine Ahnung davon bekommen haben, wie wichtig es ist, welche Startbedingungen Menschen haben? Und der deshalb die Fuggerei als „Hilfe zur Selbsthilfe“ gegründet hat, um Bedürftigen solange unter die Arme zu greifen, bis sie wieder auf eigenen Füßen stehen[3] konnten?
Bis heute ist es nicht der schlechteste Weg, sich durch Großzügigkeit ins Gedächtnis der Menschen einzuschreiben und Gott sei Dank erkennen noch immer zahlreiche Vermögende, dass eine „Schenkung mit warmer Hand“ nicht nur finanzielle Vorteile bringt, sondern im besten Fall Schenkende und Beschenkte auch menschlich enger miteinander verbindet. Das Kleeblatt der drei selbständigen Stiftungen Jakob Fuggers, Fuggerkapelle, Fuggerei und Prädikatur bei St. Moritz, ist daher unbedingt als Einheit zu sehen; bildet es doch die drei elementaren Lebensbezüge des Menschen ab: zu Gott, zum Mitmenschen und zu sich selbst bzw. seinen engsten Familienangehörigen.
Der greise Finanzier handelte zweifellos nach den, auch theologischen, Maßstäben seiner Zeit und wies doch mit seinen Stiftungen für alle Zeiten den Weg zu der zeitlosen Einsicht, dass kein Mensch autark und Erfolg - neben Intelligenz und persönlichem Einsatz - immer auch das Ergebnis glücklicher Umstände ist.
Obgleich es darüber keine Aufzeichnungen gibt, bin ich davon überzeugt: Wenn einer wie Jakob Fugger im Gottesdienst die Verse aus dem 1. Johannesbrief, die soeben in der Lesung vorgetragen wurden, aufmerksam und mit wachem Herzen gehört hat, dann waren sie ihm Erinnerung und Stachel zugleich: „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, in dem ist die Liebe des Vaters nicht. Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. Die Welt vergeht und ihre Begierde; wer den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh 2,16f.).
Ich möchte schließen mit dem Gebet, das auf der Rückseite des Sockels der Beweinung Christi-Gruppe hier in der Fuggerkapelle wohl 1957, nach ihrer Wiederherstellung, wie es heißt, „in alter Herrlichkeit“, eingemeißelt wurde: Herr, bewahre uns in Deiner Gnade, verschone uns vor den Schrecken des Krieges und schenke allen, die in Dir ruhen, Deinen ewigen Frieden. Amen.
[1] Vgl. J. H. Newman, Predigt 8: Christus vor der Welt verborgen, S. 170-181, hier: S. 171. In: Roman A. Siebenrock/Jakob Geier (Hg.): Wagnisse des Christseins. John Henry Newmans Weckrufe in die Realisierung des Glaubens heute. Ostfildern 2024.
[2] Vgl. Eph 5,16: Nutzt die Zeit, denn die Tage sind böse; evtl. stand auch der Kolosserbrief Pate: „Seid weise im Umgang mit den Außenstehenden, nutzt die Zeit“ (Kol 4,5).
[3] Vgl. Christiane Ried: Jakob Fugger und sein Glaube: Vor 500 Jahren starb der Augsburger Unternehmer. In: Sonntagsblatt. 360 Grad evangelisch vom 6. November 2025 Jakob Fugger und sein Glaube: Vor 500 Jahren starb der Augsburger Unternehmer | Sonntags
Lesungen (6. Tag der Weihnachtsoktav): 1 Joh 2,12-17; Lk 2,36-40