Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Chrisammesse am 31. März 2021 im Hohen Dom zu Augsburg

Das Priestertum des Dienstes im sakramentalen Volk Gottes

31.03.2021 12:15

Es ist ein wunderschöner Morgen im September. Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau, fast wolkenlos. Die große Glocke läutet mit wuchtigem Klang den Tag ein. Ich stehe im Atrium von St. Peter in Rom, und schaue in das weite Kirchenschiff. Es ist leer.

Die Peterskirche – wo die Menschen sonst Schlange stehen – ist leer. Nur ein paar wenige Gläubige sind da, um an einzelnen Altären die hl. Messe mitzufeiern. Als ich am Nachmittag noch einmal in die mächtige Basilika gehe, um dem hl. Papst Johannes Paul II. einen Besuch abzustatten, bietet sich mir fast dasselbe Bild. St. Peter ist leer.

Mit leeren Kirchen haben wir es häufig zu tun. Vor einem Jahr waren öffentliche Gottesdienste ganz verboten; bis heute müssen wir uns an Hygienekonzepte und Abstandsregeln halten. Viele unserer Kirchen – vor allem auch die kleinen auf dem Land – sind oft leer. Ist das die Zukunftsprognose für die Kirche nach Corona? Bleiben leere Kirchen zurück, wenn die Pandemie endlich einmal vorbei ist? Hoffentlich nicht! Doch ganz ehrlich muss ich auch sagen: Von Corona abgesehen, sind unsere Kirchen nicht zufällig leer. Sie wurden auch „leer gepredigt“. Das oberflächliche Gerede mancher Priester und Diakone hilft den Menschen fürs Leben wenig. Politik sei in Deutschland viel zu sehr säkularisierte Religion, sagte unlängst Ulf Poschardt, Chefredakteur der Zeitung „Die Welt“. „Im Gotteshaus muss das Theologische dominieren“, fordert der Journalist. Doch womit speisen wir die Menschen ab? Was setzen wir ihnen vor? Umgekehrt gilt: Der politische Kontext taugt nicht für Satire gegen die Religion, wie es etwa beim diesjährigen Nockherberg der Fall war, wo der Windsbacher Knabenchor den Choral „Macht hoch die Tür“ auf Markus Söder hin parodierte, und der sog. Fastenprediger messianische Titulaturen auf Krisenmanager anwandte.

Deshalb ist es mir ein Herzensanliegen, liebe Brüder, Euch für Euren Dienst zu danken, den Ihr nun schon seit mehr als einem Jahr unter Corona-Bedingungen leistet. Neben der Verkündigung und dem Gottesdienst übertreffen viele von Euch sich gegenseitig an Kreativität in Nächstenliebe und Caritas, um das Evangelium vom heilenden und tröstenden Gott den Menschen nahe zu bringen. Denn wer ein reines Herz haben will, muss sich die Hände schmutzig machen. Viele gehen an die Peripherie: an die kirchlichen und sozialen Ränder, aber auch an die Grenzen der eigenen Belastbarkeit. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, in Corona-Zeiten Seelsorger zu sein. Während meiner Quarantäne, in die ich mich vor Weihnachten begeben musste, fühlte ich mich wie ein Tiger im Käfig. Wie gern wäre ich nach draußen gegangen, es drängte mich zu den Menschen – ja, da habe ich mich vorgedrängelt, um als erster Hirte denen nahe zu sein, die mich als Priester, Gesprächspartner und Seelsorger brauchten. Mit dieser Drängelei war ich nicht allein: Ein extra Vergelt’s Gott geht an die Frauen und Männer, die im Krankenhaus und in Seniorenheimen Dienst tun und sich nicht scheuen, selbst gefährdet zu werden. Ich bin dankbar, dass es Euch gibt!

Deshalb freue ich mich, heute zum zweiten Mal als Bischof mit Euch die Chrisammesse zu feiern. Dabei erinnere ich an die beiden Prioritäten, über die wir beim ersten Mal im September an Kreuzerhöhung miteinander nachgedacht haben: Die Zeit kommt vor dem Raum (1). Und die Evangelisierung geht der Sakramentalisierung voraus, d.h. das Sakrament folgt dem Wort Gottes (2). Der Blick auf die leeren Kirchen lässt uns auf eine dritte Priorität schließen, die Papst Franziskus so umschreibt: „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee. Es gibt eine bipolare Spannung zwischen der Idee und der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist etwas, das einfach existiert, die Idee wird erarbeitet. Zwischen den beiden muss ein ständiger Dialog hergestellt und so vermieden werden, dass die Idee sich schließlich von der Wirklichkeit löst. Es ist gefährlich, im Reich allein des Wortes, des Bildes, des Sophismus zu leben. (…) Das schließt ein, verschiedene Formen der Verschleierung der Wirklichkeit zu vermeiden: die engelhaften Purismen, die Totalitarismen des Relativen, die in Erklärungen ausgedrückten Nominalismen, die mehr formalen als realen Projekte, die geschichtswidrigen Fundamen-talismen, die Ethizismen ohne Güte, die Intellektualismen ohne Weisheit.“[1] (Evangelii gaudium, Nr. 231)

Die Wirklichkeit steht über der Idee. Das gilt auch für uns Priester und Diakone. Selbst wenn wir es wollten: Wir können nicht aus unserer Haut. Die MHG-Studie hat auch das Thema der Beziehung des Klerikers zum Gottesvolk und deren konkrete Ausgestaltung auf die Tagesordnung gesetzt. Missbrauch in verschie­denen Formen zeigt auch Missbrauch von Machtverhältnissen zwischen Klerikern und den ihnen anvertrauten Menschen. Priester werden teilweise nach Jahren des Dienstes erst schuldig (Durchschnittsalter 39 Jahre!), sie konnten sich oft des Schweigens von Verantwortlichen und der Menschen in den Gemeinden sicher sein. Das liegt auch an der Überhöhung des priesterlichen Selbstverständ­nisses, das von verschiedenen Ebenen mitgetragen oder gar gefördert wurde. Selbst wenn man über Vorfälle Bescheid wusste oder sie zumindest ahnte, offen konnte oder wollte man darüber nicht reden. Priester, die schließlich mit einer sakralen Vollmacht ausgestattet sind, scheinen unantastbar, sakrosankt.

Stattdessen sollten wir uns an die gemeinsame Würde und die Einheit aller in dem einen Volk Gottes erinnern, von der bereits der 1. Petrusbrief und andere neutestamentliche Schriften sprechen. Die Bibeltheologie unterstreicht das Bewusstsein aller Getauften, vom Geist gesalbt zu sein (1 Joh 2,20) und eine heilige Priesterschaft zu bilden, die durch Christus geistige Opfer darbringt, die Gott gefallen (1 Petr 2,5). Besonders der Hebräerbrief entfaltet den Gedanken, dass es nur einen Priester gibt: Christus selbst, durch den alle Getauften Zugang zum Vater haben. Er vermittelt das Heil, einen anderen Mittler gibt es nicht. In seiner Lebenshingabe sind alle Opfer vollendet, so dass seinem Opfer nichts hinzugefügt werden muss, außer dass die Gläubigen seine Hingabe mitvollziehen und so dem Vater das angemessene Lob bringen. Darin besteht die priesterliche Würde aller Getauften. Bis heute wird bei der Taufe in der Chrisamsalbung den Neugetauften zugesprochen, Glieder des Gottesvolkes zu sein und teilzuhaben am priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt Christi. Die gemeinsame Taufe verbindet uns. Jeder und jede Getaufte repräsentiert Christus.

Das gilt besonders für den sakramental geweihten Priester, der im Dienst des Gottesvolkes steht. Priester - und auch Diakon - wird man nicht für sich selbst, sondern immer für andere, für das Volk. Es geht um „Pro-Existenz“! Doch in der Geschichte bildete sich eine andere Logik als die des Dienens heraus. Das hängt sicher auch an den verschiedenen Kirchenbildern bereits im Neuen Testament. Es gibt Bilder, die in starken Worten die Nähe zwischen Christus und seiner Kirche ausdrücken, etwa in der Betrachtung der Kirche als Leib Christi (z.B. Eph 4,12), während andere das Gegenüber von Christus und Gemeinde betonen, wenn Christus als Bräutigam der Kirche gesehen wird (vgl. Eph 5,21-33).[2] Dies ist insofern von Bedeutung, als sich die Kirche nicht mit Christus gleichsetzen darf. So sieht Lumen gentium 8 die Kirche in Analogie zu Christus, aber nicht in völliger Deckungsgleichheit. Die Kirche ist nicht Christus. Diese Analogie gilt auch für den geweihten Amtsträger. Selbst Glied des Volkes Gottes, verrichtet er einen Dienst an der Gemeinschaft. Er soll einheitsstiftend wirken, nicht in Konkurrenz zu den anderen Getauften. Sein Dienst besteht darin, möglichst viele Getaufte zu befä­higen, das Evangelium glaubwürdig zu bezeugen. Diesen Dienst kann er nur sinn­voll und fruchtbar tun, wenn er sich selbst als Diener in das Gottesvolk einfügt.

Historisch hat sich leider eine andere Sicht durchgesetzt. Wie Christus seiner Kirche gegenübersteht, so formte sich der Klerus als eigener Stand heraus, profiliert als Gegenüber zur Gemeinde - und zwar nicht nur liturgisch, sondern in sämtlichen Lebensvollzügen. Das sacerdotium ministeriale[3], das Priestertum des Dienstes, wurde zum Amtspriestertum. Die Repräsentation Christi konzentrierte sich auf den Klerus, der sich damit immer mehr von der Gemeinde abgrenzte. Diese Sicht wird problematisch, wenn sie keine Ergänzung mehr findet durch die gemeinsame sakramentale Basis in der Taufe, und wenn der Amtsträger die Analogie vergisst, die in seinem Anspruch steckt, Christus zu vertreten. Er stellt Christus dar, aber er ist kein „zweiter Christus“. Wenn etwa der Generalvikar als alter ego des Bischofs gilt, ist das schon erklärungsbedürftig.[4] Umso mehr trifft dies für Christus und den geweihten Priester zu.

Die dem Priester durch die Weihe verliehene Vollmacht ist nicht identisch mit dem Anspruch Christi, Haupt der Kirche zu sein. Sie ist übertragene Vollmacht, denn ohne das Fundament im Volk Gottes kann niemand seinen Dienst als Geweihter ausüben. Wir Priester und Diakone sind Werkzeuge, keine eigene „Kaste“[5]. Wenn ich das so deutlich sage, will ich nicht einer Entsakramentalisie­rung der Weihe das Wort reden, sondern einer Entsakralisierung von Amtsträ­gern, die nicht in allem, was sie tun und lassen, sakrosankt sind – denn wir blei­ben Menschen, auch nach der Weihe zu Diakonen, Priestern und Bischöfen. Wie überträgt sich diese Wirklichkeit auf den Dienst des Bischofs? Wie sieht mein Alltag aus?

Dazu habe ich gut ein Jahr nach meiner Ernennung schon ein paar Erfahrungen gesammelt. Ich fasse sie in Worte des hl. Kirchenvaters Augustinus, der in einer Predigt zu seiner eigenen Bischofsweihe folgendes ausgeführt hat: Der Bischof „muss Unruhegeister zurechtweisen, Kleinmütige trösten, Schwache auffangen, Widersprechende widerlegen, sich vor Intriganten hüten, Unkundige belehren, Träge wachrütteln, Streitsüchtige einhegen, Geltungssüchtige zurückdrängen, Verzweifelnde aufrichten, Zankende zur Ruhe bringen, Arme unterstützen, Unterdrückte befreien, Guten Anerkennung zuteilwerden lassen, Böse ertragen – und ach, sie alle lieben.“[6] So war das schon vor mehr als 1600 Jahren in Afrika, so ist es auch heute bei uns in Augsburg.

Lasst uns nun eintreten in das heilige Triduum! Freuen wir uns auf die Feier dieser festlichen Tage! Und nach Ostern wollen wir weitergehen – mit den Jüngern nach Emmaus. In diesem Jahr können wir nicht groß verreisen, für mich eine geistliche Chance. Ich bin sehr dankbar, dass es im Bistum schon seit vielen Jahren eine eigene Priesterseelsorge gibt. Wir werden das weiter pflegen und ausbauen. Doch die eigentliche Seelsorge für Priester und Diakone geht uns alle an. Sie ist Nächstenpflicht, Dienst am Mitbruder, Sorge füreinander. Wie wäre es, wenn sich jeder von uns einen Mitbruder vornähme, den er schon länger nicht mehr getroffen hat; einen Mitbruder, der seit geraumer Zeit Versammlungen und Begegnungen meidet; einen Mitbruder, der abgetaucht ist: wenn wir diesen Mitbruder anrufen und ihn einladen zu einem gemeinsamen Spaziergang nach Emmaus. Es muss nicht weit sein! Aber vielleicht ereignet sich beim miteinander Gehen das, was die beiden Jünger im brüderlichen Gespräch erfahren durften: Ihr Rücken wurde gestärkt, ihr Herz fing neu zu brennen an - und sie brachen auf, um der versammelten Gemeinde in Jerusalem die Osterbotschaft zu künden. Das wünsche ich allen und jedem einzelnen von Euch: ein brennendes Herz! Amen.

[1]Evangelii gaudium, 231.

[2] Vgl. Jan-Heiner Tück, Den Bräutigam darstellen. Was spricht gegen die Priesterweihe für Frauen, in Herder-Korrespondenz (75. Jg.) 1/2021, 21-25. Das Bräutigam-Motiv legt Papst Franziskus zugrunde, wenn er die Öffnung des Weiheamtes für Frauen strikt ablehnt, obwohl er wiederholt erklärt, die weibliche Präsenz in der Kirche stärken zu wollen, was er auch umsetzt: „Das den Männern vorbehaltene Priestertum als Zeichen Christi, des Bräutigams, der sich in der Eucharistie hingibt, ist eine Frage, die nicht zur Diskussion steht.“ (Evangelii gaudium, 104).

[3] Vgl. gleichnamiger Titel eines Schreibens der Glaubenskongregation vom 6. August 1983.

[4] Die Formel alter ego begegnet im CIC nur in c. 358, wo es vorbehaltlich der Frage möglicher Leitungsgewalt um eine Vergegenwärtigung der Person des Papstes, nicht aber um eine Stellvertretung im rechtlichen Sinne geht.

[5] Medard Kehl, Stephan Keßler, Priesterlich werden. Anspruch für Laien und Kleriker, Würzburg 2010, S. 19.

[6]Sermones 340,3 (De ordinatione episcopi).