Das Sonntagsgebot ist ein Geschenk an uns
Liebe Mitbrüder im diakonalen und priesterlichen Dienst, liebe Teilnehmende der Paneuropa-Tage, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an den dreieinigen Gott, „es war mir wie ein ewiger Sonntag im Gemüte“ – lässt der Dichter Josef von Eichendorff seinen „Taugenichts“ ausrufen. Der lustige Geselle folgt in der gleichnamigen Novelle seiner Intuition, verlässt Heimat und Vaterhaus und findet nach einem langen Italienaufenthalt und vielen Verwirrungen doch sein familiäres Glück in vertrauter Umgebung.
„Es war mir wie ein ewiger Sonntag im Gemüte“ – hier hat einer ernstgemacht mit dem dritten Gebot des Dekalogs und darauf vertraut, dass, wer sich an die göttliche Weisung hält und den Alltag unterbricht, zugleich lernt, anders auf sich und die Mitmenschen zu schauen.
„Die kürzeste Definition von Religion ist – Unterbrechung“ heißt ein geflügeltes Wort des Theologen Johann Baptist Metz. Hand aufs Herz: Lassen Sie sich gern unterbrechen? Ich muss gestehen, dass es mir schwerfällt, freundlich zu bleiben, wenn jemand meine Konzentration stört. Schließlich sind die Momente, wo man an einer Sache wirklich dranbleiben kann, rar und es kommt immer wieder vor, dass ich mich auch von der Nacht nicht gern in der Arbeit unterbrechen lasse und dann die Folgen am nächsten Tag zu spüren bekomme. Dabei wissen wir alle: Es tut uns gut, auf den Sonntag als Ruhetag hinzuleben und dann auch mal wirklich nichts oder besser: nichts leistungsorientiert zu tun.
Während meiner Zeit in Rom habe ich versucht, mir ein wenig vom italienischen Dolce Far niente abzuschauen, weil mir klar wurde, dass die Tugend der Gelassenheit eine Basis im Alltag braucht, um wirklich zur zweiten Natur zu werden. Nur wer sich selbst Ruhe gönnt, gesteht sie auch anderen zu. Wenn ich mir zu viel zumute und verbissen ein (Karriere-)Ziel erreichen will, übersehe ich schnell, dass die Menschen, die mit mir oder für mich arbeiten – in den zehn Geboten werden sie ausdrücklich aufgezählt –, außer Atem geraten oder gar die Freude an ihrer Tätigkeit verlieren. Das mag, vermute ich mal, eine Gefahr sein, der Führungskräfte besonders häufig ausgesetzt sind.
Wir sollten aber auch nicht in die Falle tappen und meinen, dass Nichtstun einfach mit Faulenzen gleichzusetzen ist - im biblischen Sinn heißt „du darfst keine Arbeit tun“ so viel wie sich nicht auspowern, sondern zu sich selber kommen, innehalten und nachdenken. „Gedenke, das du Sklave warst im Land Ägypten und dass dich der Herr, dein Gott, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm von dort herausgeführt hat. Darum hat es dir der Herr, dein Gott, geboten, den Sabbat zu begehen“ (Dtn 5,15). Mit einem Wort: Das Sabbat- oder Sonntagsgebot ist ein Geschenk an uns, eine Einladung zum Menschsein in der Vergewisserung über das Woher und Wohin, über den Sinn unseres Lebens, der das bloße Existieren übersteigt.
„An einem Sabbat ging er durch die Kornfelder“ (Mk 2,23) – klingt das nicht nach einem schönen Sonntagsspaziergang?
Doch der weitere Verlauf im Markusevangelium zeigt: die Idylle trügt, hier wird ein göttliches Gebot, das dem Schutz der Menschenwürde und der Gesunderhaltung des Einzelnen diente, komplett auf den Kopf gestellt und gar zur Drohkulisse aufgebaut: Jesus verteidigt seine hungrigen Jünger und heilt einen wegen seiner Behinderung zur Bettelei verdammten Menschen, nur um am Ende seine Gegner so weit zu bringen, dass sie „den Beschluss“ fassen, ihn umzubringen. Menschlicher Starrsinn gegen göttliche Fürsorge – dabei scheint ‚die Moral von der Geschicht‘ so einleuchtend!
Und doch gibt es auch heute viele solcher Situationen, in denen die Barmherzigkeit Gottes an der Hartherzigkeit von Menschen scheitert. Dies hat nicht zuletzt mit vordergründiger Macht zu tun bzw. der Angst, an Macht, Einfluss und Autorität zu verlieren, wenn man nicht alles selbst im Griff hat, weil andere, scheinbar ohne autorisiert zu sein, allgemeine Vorschriften kreativ auslegen, also dem Geiste und nicht dem Buchstaben nach.
„Es war mir wie ein ewiger Sonntag im Gemüte“ – ein solches Lebensmotto ist nicht gleichbedeutend mit Verantwortungslosigkeit und In-den-Tag-Hineinleben, nein: hier wird eine Haltung deutlich, die uns gerade in den aktuellen Sorgen und Ängsten um die Zukunft Europas helfen kann, den klaren Blick und das unverstellte Interesse am Gegenüber und der anderen Perspektive zu bewahren.
Um nicht Gefahr zu laufen, sich auf bloße Nabelschau zu beschränken oder dem Tunnelblick zu erliegen, braucht es das Innehalten und die Standortbestimmung, die Bereitschaft zur respektvollen Auseinandersetzung und den langen Atem für eine Konsensfindung bzw. die Erarbeitung eines Kompromisses.
Im Alleingang und im Durchregieren lässt sich weder im Kleinen noch im Großen etwas Bleibendes erzielen. Wir sind als Menschen aufeinander verwiesen und haben den ständigen Abgleich unserer Gedanken und Gefühle mit anderen nötig. Langdauernde Einsamkeit führt rasch zum Gefühl der Verlassenheit und - das hat die Pandemie erschreckend deutlich gezeigt – zur gedanklichen Verirrung und einer Potenzierung von Ängsten. Dann wird der Mensch „unfähig, die eigene, von den anderen nicht mehr bestätigte Identität mit sich selbst aufrechtzuerhalten. (…) An der Wirklichkeit, die keiner mehr verlässlich bestätigt, beginnt der Verlassene mit Recht zu zweifeln; denn diese Welt bietet Sicherheit nur, insofern sie uns von anderen mit garantiert ist“[1], wie schon die Philosophin Hannah Arendt aufzeigt.
Freuen wir uns also am Geschenk des Sabbats bzw. Sonntags und entdecken wir ihn wieder neu als einen Tag der Gemeinschaft, des Nachdenkens, des Gesprächs und des Gebetes, um so gestärkt in den Alltag gehen zu können!
[1] Zitiert nach Lyndsey Stonebridge: Wir sind frei, die Welt zu verändern. Hannah Arendts Lektionen in Liebe und Ungehorsam. Beck 2024, S. 192.