Predigt bei der Katholischen Hochschulgemeinde Augsburg 26.01.2016
von Domdekan Prälat Dr. Bertram Meier

27.01.2016 16:09

Heute lade ich ein zu einer Zeitreise in das europäische Hochmittelalter: in die Zeit der gotischen Kathedralen, der Artusromane, der Ketzerbewegungen, der Ständegesellschaft, des Minnesangs, der Pest, der Kreuzzüge … Die Reihe ließe sich noch beliebig verlängern.

Anders als heute war die Religion – sprich der christliche Glaube – ein fester Bestandteil der Gesellschaft; die Frage nach dem Weg zum Heil war ein Problem, das viele Menschen existentiell bewegte. So ist es nicht verwunderlich, dass in diese Zeit die Entstehung der sogenannten Bettelorden fällt. Angesichts der Macht- und Prachtentfaltung der römischen Kirche ging es ihnen um eine Rückbesinnung auf die Armut, die Jesus vorgelebt hatte. Die Mitglieder der Bettelorden suchten die Nähe zu den Menschen und siedelten sich bewusst in den Städten an.

Als Thomas von Aquin um 1225 geboren wurde, war der Franziskanerorden gerade einmal 15 Jahre alt, der der Dominikaner erst 10 Jahre. Bei den Benediktinern in Monte Cassino erzogen und aufgewachsen, entschied sich Thomas bewusst für die junge Gemeinschaft der Dominikaner. Wie ist das geschehen?

Als junger Benediktiner, sog. Oblate, wurde Thomas an die Universität Neapel geschickt, wo er das erste Mal mit der Philosophie des Aristoteles in Kontakt kam – eine Begegnung, die für sein weiteres Leben bedeutsam und folgenreich wurde. 1244 traf er das erste Mal auf den Predigerorden der Dominikaner. Deren intellektuelle Ausrichtung zog Thomas sofort in ihren Bann – zum großen Entsetzen der gesamten Familie, die mit allen Mitteln versuchte, den Sohn bzw. Bruder vom Eintritt in diesen neuen Orden abzuhalten. Letztlich akzeptierten sie es doch.

Die nächste Etappe seines Lebens war der Wechsel des Studienortes: Thomas ging nach Paris, wo er Schüler und Mitarbeiter des berühmten Albertus Magnus wurde. Jener soll damals über den jungen Thomas gesagt haben: „Dieser stumme Ochse wird einmal brüllen, dass die ganze Welt davon widerhallt.“ Der Ausspruch verrät gleich mehrere Dinge über Thomas: Zum einen bezogen sich die Worte auf sein Äußeres. Thomas muss ein Hüne von Mann gewesen sein; zum anderen beschreiben sie seine Arbeitsweise: ohne großes Aufheben um sein Tun, aber ausdauernd und unbeirrt. Thomas war literarisch höchst produktiv. Rechnet man den Umfang seines Werkes entsprechend um, so ergibt sich, dass er über 30 Jahre hinweg täglich etwa 12,5 Seiten zu Papier gebracht hat. Das Wenigste davon hat er – Gott sei Dank – selber geschrieben; seine Handschrift ist nämlich extrem schwer zu lesen; vielmehr hat er seine Werke, oft mehrere parallel im „multitasking“-Verfahren, verschiedenen Sekretären diktiert, natürlich auf Latein. Dieser Arbeitsweise ist es unter anderem geschuldet, dass zahlreiche seiner Werke, auch die „Summa Theologiae“, unvollendet blieben.

Nach Abschluss seines Studiums lehrte Thomas zunächst in Paris, bis er 1259 nach Orvieto in Italien – damals Sitz der Päpste - gerufen wurde, um dort Haustheologe zu werden. 1266 begann er sein Hauptwerk, die „Summa Theologiae“, eine systematische Gesamtschau über den damaligen Stand der Theologie. Dem Prolog nach als Lehrbuch für Anfänger gedacht, muss man dies doch als massive Untertreibung sehen. Das Werk umfasst 6000 Artikel gegliedert in sogenannte „Fragen“ und „Bücher“. 1268 kam Thomas nochmals nach Paris. Man hatte ihn gerufen, damit er in einem Streit um die Auslegung der Schriften des Aristoteles Stellung bezöge. Prompt wurde er missverstanden und auf eine Liste der „Irrlehrer“ gesetzt.

1274 ist Thomas von Aquin gestorben: auf einer Reise zum Konzil von Lyon in der Zisterzienserabtei Fossanova 80 Kilometer südlich von Rom, nachdem er zuvor mit großer Andacht die Sterbesakramente empfangen hatte.

So steht er heute vor uns: der große Thomas von Aquin, der Doctor Angelicus. Was würde er uns wohl heute mitgeben, wenn er leibhaftig vor uns stünde und das Wort ergreifen könnte?

1. Ein erstes Anliegen, das er wohl vorbringen würde, bezieht sich auf das Ethos in Argumentation und Auseinandersetzung. In den Objektionen zu den Artikeln seiner Summa Theologiae, also in den der eigenen Position entgegenstehenden Auffassungen, gelingt es Thomas, die Einwände der Gegner richtig und in ihrer Stärke darzustellen. Es gibt Fälle, wo Thomas die Position seiner Gegner sogar noch stärker gemacht hat als diese selbst sie zu präsentieren vermochten. Das Anliegen des Kirchenlehrers gilt bis heute: Es geht um Fairness im Disput. Nur dort, wo der Gegenpart in seiner Stärke gesehen und gewürdigt wird, kann man wirklich überzeugen. Wer nur eine Karikatur der gegenteiligen Position widerlegt, sollte sich nicht rühmen, das stärkere Argument zu haben. Fragen wir uns, wie es heute um den Umgangsstil sowohl der wissenschaftlichen Argumentation als auch der theologischen und innerkirchlichen Auseinandersetzung bestellt ist! In Achtung vor der Position des anderen und in der ehrlichen Absicht, die Gegenposition zu verstehen, in den Konflikt gehen und die Kontroversen führen: Das war das Anliegen des Thomas. Das wäre auch heute guter Stil und die menschlich angemessene Weise des sachlichen Streits und der Lösung von Spannungen.

2. Ein weiteres Anliegen gibt uns Thomas mit auf den Weg: Modern würden wir es „Inkulturation“ nennen. In der Schule des Albertus Magnus hat er eine Arbeit geleistet, die grundlegend sein sollte für Theologie und Philosophie, ja für die Geschichte der Kultur. Thomas studierte Aristoteles und seine Kommentatoren von Grund auf und besorgte sich neue lateinische Übersetzungen der ursprünglich griechischen Texte. So stützte er sich nicht mehr nur auf die arabischen Kommentatoren wie Avicenna und Averroes, sondern konnte selbst die Texte lesen. Er kommentierte einen großen Teil der aristotelischen Werke, wobei er das Wertvolle von dem unterschied, was zweifelhaft oder ganz abzulehnen war; er wies die Übereinstimmung mit den Gegebenheiten der christlichen Offenbarung auf und machte in seinen theologischen Schriften umfangreichen und klugen Gebrauch des aristotelischen Denkens. Papst Benedikt würdigte die Leistung des Aquinaten so: Thomas von Aquin zeigte, „dass zwischen dem christlichen Glauben und der Vernunft ein natürlicher Einklang besteht. Darin bestand die große Leistung des Thomas, dass er in jenem Moment des Aufeinandertreffens zweier Kulturen (…) gezeigt hat, dass sie zusammengehören, dass das, was als mit dem Glauben nicht zu vereinende Vernunft erschien, nicht Vernunft war, und dass das, was als Glaube erschien, nicht Glaube war, wenn er der wahren Vernünftigkeit wiedersprach; so hat er eine neue Synthese geschaffen, die die Kultur der folgenden Jahrhunderte geprägt hat.“ (Generalaudienz vom 2. Juni 2010)

3. Dabei ging es Thomas nicht nur um eine intellektuelle Zusammenschau; seine Gedanken münden schließlich in eine existentielle Synthese. Mag das Ereignis vom 6. Dezember 1273 auch von Legenden umrankt sein, die bleibende Botschaft ist tief und dicht. Mitten in der Eucharistiefeier soll Thomas inne-gehalten und gesagt haben: „Ich kann nicht mehr, denn alles, was ich geschrie-ben habe, scheint mir wie Stroh zu sein im Vergleich mit dem, was ich gesehen habe, und was mir offenbart worden ist.“ Danach soll er keine einzige Zeile mehr zu Papier gebracht haben. Thomas hatte eine überaus eucharistische Seele. Nicht von ungefähr beauftragte ihn Papst Urban IV., der ihn sehr schätzte, in Orvieto mit der Abfassung der liturgischen Texte für das Fronleichnamsfest, das nach dem eucharistischen Wunder von Bolsena eingeführt worden war. Thomas hat der Kirche wunderschöne Hymnen geschenkt, die das Geheimnis der Real-präsenz von Leib und Blut des Herrn in der Eucharistie entfalten. Die Größe der Theologie des Thomas gipfelt in der hl. Messe: dem Geheimnis des Glaubens.

Gottheit tief verborgen, betend nah ich dir.

Unter diesen Zeichen bist du wahrhaft hier.

Sieh, mit ganzem Herzen schenk ich dir mich hin,

weil vor solchem Wunder ich nur Armut bin.

Augen, Mund und Hände täuschen sich in dir,

doch des Wortes Botschaft offenbart dich mir.

Was Gott Sohn gesprochen, nehm ich glaubend an,

er ist selbst die Wahrheit, die nicht trügen kann.

Jesus, den verborgen jetzt mein Auge sieht,

stille mein Verlangen, das mich heiß durchglüht:

Lass die Schleier fallen einst in deinem Licht,

dass ich selig schaue, Herr, dein Angesicht.