Das letzte Mahl
Es gibt diese Situation auch in unserem Leben: zum letzten Mal, ein Abschiedsmahl. Zum letzten Mal zusammen sitzen, essen und trinken. Manchmal wissen Menschen es vorher. Eine sterbenskranke Frau lädt ihre Freundinnen noch einmal zum Frühstück ein, und alle spüren: Es ist das letzte Mal, dass sie einander im Kreis der Freundinnen lebend sehen.
Eine Familie feiert die Goldene Hochzeit der Großeltern, und da viele Gäste schon weit über siebzig Jahre alt sind, rechnen alle damit, dass man den einen oder die andere vielleicht zum letzten Mal sieht. Wenn in unseren Klöstern in den kommenden Wochen und Monaten die hohen Professjubiläen gefeiert werden, können ähnliche Gedanken aufkommen.
Manchmal aber weiß man es vorher nicht. Man erfährt die Todesnachricht und erinnert sich an die letzte Begegnung: vielleicht ein Familienfest, eine Geburtstagsfeier, wo man noch beisammen war, gesund und munter. Gerade die gemeinsamen Feste, die Mahlfeiern sind es, die in Erinnerung bleiben, auch wenn jemand schon gestorben ist: Da war er noch dabei, als wir unser Jahresessen hatten, und jetzt fehlt er uns.
Viele von uns haben im Kino einen Film gesehen, der Besucherrekorde brach, weil er unter die Haut ging. Der Film heißt: Von Menschen und Göttern. Vielleicht erinnern Sie sich an eine Szene ziemlich am Schluss. Die Brüder sitzen zum letzten Mal zusammen und feiern ein Fest. Es ist Gründonnerstag. Sie wissen wohl noch nicht, dass es ihr letztes gemeinsames Mahl und das letzte Mal ist, aber sie scheinen es zu ahnen. Ein Bruder schenkt Rotwein aus, den es in diesem Kloster im Atlasgebirge in Algerien sicher nur selten gibt. Dann stellt er den Kassettenrecorder an, Tschaikowskis Schwanensee wird gespielt. Kein Wort wird gesprochen. Es ist ganz still. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Jeder ist berührt von der Dichte des Moments, vom Wissen um den nahen Abschied und Tod, auch wenn keiner genau weiß, dass es schon in der folgenden Nacht soweit sein wird. Die Mönche werden abgeholt und auf einen Berg geführt: Gemeinsam besteigen sie den Kalvarienberg ihres Martyriums. - Diese Szene vom gemeinsamen letzten Mahl ist im Film ein Moment, der unter die Haut geht, ein heiliger Augenblick. Er hat fast liturgische Züge.
Kann man sich eine bessere Einführung vorstellen in die Liturgie des heutigen Tages als diese Szene des Films? Die Nacht ist angebrochen, „in der er ausgeliefert wurde“ (vgl. 1 Kor 11, 23-29). In dieser Stunde lädt Jesus ein zu einem Mahl, zum Letzten Abendmahl. „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ So trägt er den Jüngern auf. „Er brach das Brot“: Von Anfang an wird das Abendmahl auch als Brotbrechen bezeichnet. Klingt das nicht fast gewaltsam? Das Brot wird gebrochen, geteilt. Wie das Weizenkorn in die Erde fällt und zerbricht, damit neues Korn wird, wie die Körner gemahlen werden, damit daraus Brot wird, so wird das Brot gebrochen. Wollen wir es essen, müssen wir es teilen.
Das ist wie ein Zeichen: Das Brot des Lebens wird gebrochen, damit es uns zuteil wird. „Das ist mein Leib für euch.“ Das Brot des Lebens kommt uns zugute, indem es gebrochen wird. Jesus geht seinen Weg zu Ende und zerbricht.
Und der Kelch: „Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut.“ Auch der Wein ist ein Zeichen: Die Traube wird gekeltert (zerbrochen), damit daraus Wein wird. Die Seite des Gekreuzigten öffnet sich, es fließen Wasser und Blut. „Der Neue Bund in meinem Blut“. Christus bindet sich an uns, und diese Bindung zerbricht nicht: nicht einmal im Tod. Sie hält den Tod aus. Bis zum Letzten, bis aufs Blut hält Jesus diesen Neuen Bund mit uns durch. Wir können aus der Welt heraussterben, aber herausfallen aus der Gemeinschaft mit ihm können wir nicht.
„Das ist mein Leib für euch.“ Das letzte Abendmahl ist zugleich Jesu erste Messe, seine Primiz, bevor er die Messe seines Lebens am Kreuz zelebriert. Indem Jesus mit Leib und Blut „real präsent“ ist, ganz da für uns, geschieht auch mit uns etwas: Nicht nur Wein und Brot werden verwandelt, auch wir können uns wandeln. Wir selbst bleiben nicht, was wir vorher waren. Aus einem zusammen gewürfelten Haufen wird eine geistliche Gemeinschaft, aus einer Körperschaft des öffentlichen Rechts der Leib Christi. Der hl. Augustinus bringt auf den Punkt, was Wandlung bedeutet:
„Empfangt, was ihr seht: Leib Christi,
damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi.“
Nicht wir laden dazu ein. Die Tischgemeinschaft mit Jesus erwächst nicht aus gegenseitiger Sympathie, nicht einmal aus unserer Würdigkeit. Christus lädt ein: Es geht nicht an das Buffet vieler religiöser Angebote, es geht an den „Tisch des Herrn“, zum „Mahl des Lammes“. Der Tisch des Herrn darf deshalb nicht verwechselt werden mit einer x-beliebigen Tafel. Der Tisch des Herrn ist mehr als ein Essen zur Erinnerung an eine bedeutende Persönlichkeit. Das Mahl des Lammes ist mehr als ein Leichenschmaus, der bald zweitausend Jahre nach denselben Ritualen abläuft. Wenn wir Menschen uns an unsere Toten erinnern, kommen sie nicht einfach wieder zurück. Worte, Bilder, Geschichten sind alles, was wir miteinander an Erinnerung teilen können.
„Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Das ist mehr. Jesus ist tatsächlich da. „Das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14), nicht nur in der Krippe von Bethlehem. An Weihnachten hat das Wort Fleisch angenommen im Menschen Jesus von Nazareth. Am Gründonnerstag geht die Fleischwerdung des Wortes weiter: „In der Nacht, in der er ausgeliefert wurde“, gab Jesus sich in die Hände der Menschen. Und heute wie bei jeder heiligen Kommunion: Da setzt sich diese Auslieferung, diese Hingabe fort. Jesus hat uns gezeigt, was es heißt, Menschen in die Hände zu fallen. Gleich wird Jesus uns in die Hand gegeben: „Der Leib Christi“ mir in die Hände gelegt. Es liegt an mir, was ich aus Jesus mache.