Den Sprung des Glaubens wagen
Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst, liebe Schwestern und Brüder im Glauben an den auferstandenen Herrn, geht es Ihnen auch so? Seit wir im Ulrichsjubiläum unter dem Leitwort „Mit dem Ohr des Herzens“ stehen, freue ich mich besonders, wenn in den Lesungstexten vom Hören die Rede ist:
„GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, / damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, / damit ich höre, wie Schüler hören. GOTT, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet“, so hieß es gerade in der 1. Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja (Jes 50,4-7).
„Hören, wie Schüler hören“ – vor über 2000 Jahren genauso wie heute ein Vergleich, der Schmunzeln oder gar Kopfschütteln auslösen kann. Denn wir alle haben etliche Jahre die Schulbank gedrückt und könnten sicher nicht nur eine Geschichte erzählen, in der wir der Lehrkraft nicht zugehört und damit auch nicht gemacht haben, was von uns erwartet wurde. „Wer nicht hören will, muss fühlen“ – die älteren unter uns kennen dieses früher geflügelte Wort oder haben seine Umsetzung sogar am eigenen Leib gespürt.
Doch solche Assoziationen werden dem, was der Prophet hier fast überschwänglich äußert, nicht gerecht: Denn da freut sich einer, dass er hören und sprechen kann, was für ihn und andere aufbauend und stärkend ist! Damit ruft er unser aller Sehnsucht danach wach, von den Mitmenschen nicht niedergemacht und deprimiert zu werden, sondern Gutes zugesprochen zu bekommen. Dazu kommt, dass es heute, wo wir leider häufig erleben, dass Abwertung und Missachtung mehr Konjunktur haben als Wertschätzung und Respekt, besonders wichtig ist, sich einen Ruck zu geben und nicht ins Jammern und Schlechtreden einzustimmen, sondern vielmehr „die Müden zu stärken.“
Der zweite Teil dieser Textstelle führt unmittelbar hin zur Passion, die wir gerade im Evangelium nach Markus gehört haben: „Ich aber wehrte mich nicht / und wich nicht zurück. Ich hielt meinen Rücken denen hin, / die mich schlugen, und meine Wange denen, / die mir den Bart ausrissen. Mein Gesicht verbarg ich nicht / vor Schmähungen und Speichel.“ Auch hier steigen Bilder vor unserem geistigen Auge auf, die wir in den Nachrichten oder Dokumentationen aus den Kriegsgebieten, auf Fotografien aus der NS-Diktatur und Konzentrationslagern gesehen haben: von geschundenen und gequälten Menschen, die in ihrer Wehrlosigkeit unser Mitgefühl, inneren Schmerz und vielleicht auch hilflose Wut auslösen: Denn welche Qualen fügen Menschen einander zu – und wann, so fragen vor allem Kinder und Jugendliche mit Recht, können wir diesen Teufelskreis der Wiederholung, ja der ständigen Steigerung der Grausamkeit endlich durchbrechen?
Jesus Christus hat sich mit allen Leidenden dieser Welt solidarisiert. Er war sich nicht zu schade, unter die Verbrecher gezählt (vgl. Lk 22,37) zu werden; mehr noch: er hat sich ihnen gleichgemacht und sich mit ihnen identifiziert: „Was ihr für eine/n meiner geringsten (Schwestern und) Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).
Er selbst ist am Karfreitag in die tiefe Nacht der Ohnmacht und Gottverlassenheit hinabgestiegen. Er ist uns vorausgegangen, damit wir nicht verzweifeln, sondern vertrauen; vertrauen auf die Allmacht Gottes, die stärker ist als menschliche Machtphantasie, stärker als alle Bosheit der Welt: „GOTT, der Herr, wird mir helfen; / darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; / ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate“ (Jes 50,7). Wagen auch wir dieses Vertrauen – gegen alle Lächerlichmachung unseres Glaubens, gegen Hass und Ablehnung. Die Heilige Woche gibt uns dazu Gelegenheit. Wagen wir den Sprung in den Glauben, den Sprung vom Tod ins Leben!