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Predigt zur Stabübergabe von Caritasdirektor DK Dr. Andreas Magg an Diakon Markus Müller am 23. November im Hohen Dom

„Der Caritas Power und Lobby geben!“

23.11.2023 13:28

Lieber Herr Domkapitular, lieber Andreas! Lieber Diakon Müller, lieber Markus! Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der bayerischen und der diözesanen Caritas, liebe Schwestern und Brüder! Sie haben es bereits gemerkt: Wir holen heute das wegen des Sonntags entfallene Fest der hl. Elisabeth von Thüringen nach, ist sie doch die Patronin aller Caritas, aller Nächstenliebe hierzulande und, wie ich meine, trotz unserer so großen Entfernung vom Hochmittelalter eine unerschöpfliche Quelle für die Nachahmung kreativer Liebenswürdigkeit!

„Seht, ich habe es Euch gesagt, wir müssen die Menschen froh machen“, dieser Zuruf Elisabeths an ihre Gefährtinnen, die sich von der bedingungslosen Liebe der Landgräfin zu den Armen und Bedürftigen begeistern ließen, hat auch Sie alle, die Sie unter dem Dach der Caritas arbeiten, erreicht. Sie haben entschieden, in ihre Fußstapfen zu treten. Dafür danke ich Ihnen als Bischof unserer Diözese von ganzem Herzen, auch stellvertretend für alle, die Ihrer Kompetenz, Ihrer Diskretion und Ihrer Empathie so dringend bedürfen.

Natürlicherweise gibt es innerhalb einer solch großen Organisation Abstufungen und nicht jede und jeder ist unmittelbar mit den körperlichen oder seelischen Wunden von Klientinnen und Klienten konfrontiert. Das ist bei aller Ausdifferenziertheit der Einrichtung normal - und könnte doch den Keim zu einer schleichenden Entfremdung für den eigentlichen Auftrag enthalten. Daher sind die Texte, an die uns die Kirche am Fest dieser Frau erinnert, die sich so radikal und unwiderruflich auf die Seite der Unterprivilegierten und Randständigen schlug, wie ein Weckruf – zumal ihnen als „Generalbass“ das ernste Wort Jesu im Markusevangelium zugrunde liegt: „Die Armen habt ihr immer bei euch und ihr könnt ihnen Gutes tun, sooft ihr wollt“ (Mk 14,7).

Wenn wir vor diesem Hintergrund Deinen Abschied als Diözesancaritasdirektor feiern, lieber Domkapitular Andreas Magg, dann wissen wir, dass Du dieser Vorgabe Jesu Christi treu verbunden warst und bleibst. Du wechselst nur den Standort und die Perspektive: von der lokalen und regionalen auf die Landesebene, wie ein Stratege, der vom Flachland auf einen Hügel steigt, um den besseren Überblick zu bekommen!

Drei Verse aus dem 1. Johannesbrief (1 Joh 3,14.17-18) scheinen mir zu diesem Anlass besonders nachdenkenswert zu sein:

  • Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod. und
  • Wenn jemand die Güter dieser Welt hat und sein Herz vor dem Bruder, der Schwester verschließt, die er in Not sieht, wie kann die Liebe Gottes in ihm bleiben? Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.

Die Verbindung zwischen Caritas, der Sorge um den Nächsten, und der persönlichen Sicht auf Leben und Tod, den der Apostel Johannes hier herstellt, erschließt sich uns wohl erst auf den zweiten Blick. Vielleicht auch deshalb, weil wir mehrheitlich als Kinder getauft wurden und die Entscheidung für Christus nicht eine solch lebensbestimmende Abkehr von allem, was vorher war, sein konnte. Tatsächlich aber will Johannes seinen Mitchristen in Erinnerung rufen, dass die Taufe, das Bekenntnis zum gekreuzigten und auferstandenen Herrn, kein einmaliges Ereignis bleiben darf, sondern im Alltag immer wieder neu eingeholt werden muss – oft gegen den inneren Impuls und vor allem gegen den allgemeinen Trend des „Wie Du mir, so ich Dir.“

Christliches Handeln als täglich neue Entscheidung für das wirkliche Leben, auch wenn es andere ganz anders sehen, das illustriert nicht zuletzt eine Episode aus dem Leben der hl. Elisabeth: Nach dem Verlassen der Wartburg traf die junge Witwe bei einem ihrer caritativen Gänge durch die Stadt bei strömendem Regen auf der durchweichten Gasse mit einer alten Frau zusammen, die - auf einem Trittstein stehend - ihr den Weg versperrte und sie mit einem Stoß in den Schlamm warf – verständliche Rache der Unterprivilegierten gegenüber einer Angehörigen der Oberschicht!? Doch die einstige Landgräfin hatte sich im Griff: ohne zu schimpfen, stand sie wieder auf und ging mit einem freundlichen Wort weiter.

Seit Jahrzehnten gelten wir in Deutschland nicht nur als Export-, sondern auch als Spendenweltmeister: Im Kalenderjahr 2021 spendeten die Deutschen so viel wie noch nie seit Beginn der Erhebung im Jahre 2005 und auch 2022 war „trotz der schwierigen Lage aufgrund der hohen Inflation und steigenden Energiepreisen die große Solidarität der Spendenden ungebrochen.“[1] Allerdings: Sie als Seismographen gesellschaftlicher Veränderungen spüren es längst, vor allem beim SKM und SKF: Die Kinder-, Frauen- und Altersarmut wächst erschreckend! Hinzu kommen zahlreiche ukrainische Geflüchtete sowie Schutzsuchende aus den Dauerkriegsgebieten Syrien und Afghanistan. In fast allen afrikanischen Ländern besteht ein Zwang zur Migration, aufgrund von „Verfolgungen, Kriegen, Wetterphänomenen und Elend. Migranten fliehen aus Armut, aus Angst, aus Verzweiflung,“[2] wie Papst Franziskus vor kurzem in seiner Botschaft zum „Welttag des Migranten und Flüchtlings 2023“ feststellte.

„Wenn jemand die Güter dieser Welt hat und sein Herz vor den Geschwistern verschließt, die er in Not sieht, wie kann die Liebe Gottes in ihm bleiben?“ (1 Joh 3,17) - dies ist eine Gewissensfrage, heute so aktuell wie vor fast 2000 Jahren oder vor 800 Jahren zurzeit der hl. Elisabeth. Und auch das ist wahr: Oft ist es das „Scherflein der armen Witwe“, das diejenigen beschämen sollte, die noch immer mehr haben, als sie brauchen. Die Armut verwalten kann nicht unser Ziel sein, sondern Hilfe zur Selbsthilfe, besonders bei jungen Menschen!

Das Vorbild der hl. Elisabeth soll uns inspirieren. Sie griff zu unkonventionellen, und wenn man der Legende glauben darf, geradezu schockierenden Maßnahmen, um akute Not zu lindern, wie das Beispiel des Aussätzigen im Ehebett zeigt. Elisabeth war eine Powerfrau der Caritas und eine Lobbyistin für die Menschen am Rand. Sie zeigt, dass Caritas nichts Liebliches oder gar Verspieltes ist, sondern Ecken und Kanten hat. Ich wage die Behauptung: An der Caritas zeigt sich, ob die Kirche das Evangelium verdaut hat – nicht als Süßigkeit, sondern als tägliches Brot ihres Handelns. Caritas ist oft schwerverdaulich. Caritas kann im Magen liegen. Schon im Mittelalter hatte die Landgräfin Elisabeth erfasst, dass Jesu Botschaft allem zuwiderläuft, was Menschen an Standesunterschieden, an Zugangsbeschränkungen und Exklusionsmechanismen erfunden haben – und darin sind wir leider auf eine schreckliche Art unerschöpflich! Die ungarische Prinzessin mit bayerischen Wurzeln lebt in einer von Krieg, Seuchen und grausamer Ungerechtigkeit geprägten Zeit – die radikale Jüngerin Jesu lebt vor, wie es aussieht, wenn man ernst macht mit der Aufforderung: „Wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit“ (1 Joh 3,18).

Dreh- und Angelpunkt einer solchen Lebenswende ist die goldene Regel, die wir in der Fassung von Lukas 6,31 im Evangelium hörten: „Wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut auch ihr ihnen!“ Darin verdichten sich die Beispiele, die Jesus bringt, nachdem er ausdrücklich begonnen hat: „Euch aber, die ihr zuhört, sage ich…“ (Lk 6,27). An uns liegt es, zu entscheiden, ob wir Zuhörende und Hinhörende „mit dem Ohr des Herzens“ sein wollen, wozu das Motto des Ulrichsjubiläums einlädt.

Sich nicht damit aufhalten zu fragen: Warum sind die anderen so unhöflich? oder Warum soll ausgerechnet ich helfen, wo ich doch gerade Dienstschluss oder Urlaub habe?, sondern in Vorleistung gehen und lernbereit sein - das ist das Magis, das christliche „Mehr“, das die hl. Elisabeth gelebt hat und das ich Dir, lieber Andreas, nach München mitgeben möchte. Werde nicht müde, Dich von den Sorgen und Nöten, den offensichtlichen und verborgenen Leiden der Menschen zum persönlichen Handeln motivieren zu lassen, damit Du auf der Ebene der Landescaritas zum Segen wirst. Halte in Dir immer die pastorale Ader wach! Diese pastorale Ader habe ich auch bei Deinem Wirken in Augsburg sehr geschätzt. Du warst nicht nur Direktor, Du bist vor allem Geistlicher.

Den Stab der Diözesancaritas wirst Du heute an Deinen Nachfolger Diakon Markus Müller weitergeben. Lieber Markus, eine große Aufgabe wartet auf Dich: eine Aufgabe, in der Führen und Leiten angesagt ist. Dazu gehört wechselseitiges Vertrauen und Zutrauen allen gegenüber, die am caritativen Netz im Bistum knüpfen. Für diese anspruchsvolle Aufgabe bringst Du reiche Erfahrung ein und wirst mit Kompetenz unsere Caritas weiter profilieren. Von MISSIO zu CARITAS: Das ist ein guter Schritt.

Lieber Andreas, lieber Markus! Nehmt Euch die hl. Elisabeth zum Vorbild! Gebt der Caritas Power und Lobby! Euch beiden gilt mein Wunsch: Als Gesegnete sollt Ihr ein Segen sein – für Bayern in München und für unser Bistum in Augsburg.

 

[1]Bilanz des Helfens 2022 - Deutscher Spendenrat e.V. (aufgerufen am 5. Oktober 2023).

[2] Vgl. Amtsblatt der Diözese Augsburg vom 19. September 2023, S. 471-474, hier: S. 472.