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Predigt des Bischofs Dr. Bertram Meier in Bissingen mit anschließendem Mariengebet anlässlich 550 Jahre Wallfahrt Buggenhofen
am Donnerstag, den 13. Mai 2021

Der Christ ist kein „Hans-Guck-in-die-Luft“

13.05.2021 12:34

"Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein..." - Sie kennen wohl alle diesen mittlerweile legendär gewordenen Song von Reinhard Mey, der die Faszination des Fliegens besingt und die grenzenlose Freiheit über den Wolken. "Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein."

Christi Himmelfahrt rückt uns in die Nähe dieses Chansons, wenn die Apostelgeschichte erzählt: Er wurde vor ihren Augen emporgehoben, und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken (vgl. Apg 1, 9). Trotzdem dringen wir nicht zur Schau der ganzen Tiefe des heutigen Festes vor, wenn wir bei dieser gleichsam nach außen geklappten Erzählung stehenbleiben. Es geht darum, von der Verpackung zum eigentlichen Kern vorzustoßen. Jedenfalls ist der Christ kein „Hans-Guck-in-die-Luft“. Auch wenn wir vom Himmel träumen, bleiben wir mit beiden Beinen auf dem Boden. Auch an Himmelfahrt heben wir nicht ab.

Was bedeutet "Himmelfahrt"?

Die englische Sprache unterscheidet, wo wir Deutschen nur ein Wort kennen. Wenn wir vom Himmel reden, gibt es für den Engländer zwei Mög­lichkeiten: den "sky", den Himmel als geographischen Begriff, und den "hea-ven" als Ort und Zustand eines sinnerfüllten und glücklichen Lebens. Rein­hard Mey schwärmt vom "sky", wenn er die grenzenlose Freiheit im Flugzeug besingt; unsere Hoffnung und unsere Heimat aber ist der "heaven": Vater unser im Himmel. (...) Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden.

Wahrscheinlich ist die Rede von Christi Himmelfahrt die älteste Chiffre, derer Menschen sich bedienen, um das eigentliche Ziel ihres Lebens auszu­drücken. Nicht so sehr ans Ende gerückt als "Finale" des Lebens Jesu sollten wir seine "Himmelfahrt" verstehen, sondern als Grundsymbol dessen, was ER für uns war und ist, und was der Mensch an Seiner Seite einmal erfahren darf. Das "Finale" des göttlichen "Opus" an Ostern ist die "Ouvertüre" einer neuen großen "Symphonie", in der die Menschen aller Zeiten und Orte sowie der ganze Kosmos zusammenklingen.

Wie alles im einzelnen zugegangen sein mag, das wissen wir nicht. Aber die Heilige Schrift, besonders Lukas, "malt" uns mit seinen Worten einige Bilder, die als Brücke dienen können vom grenzenlosen Flug durch den "sky" zur Erfüllung im "heaven".

Eine erste Momentaufnahme halten wir in der Formulierung fest: "Beim gemeinsamen Mahl" (Apg 1, 4.6) wurde er vor ihren Augen emporgehoben. Dies ist die Wiedergabe der Einheitsübersetzung. Im wörtlichen Sinn heißt es aber: Der Herr hat "Salz mit ihnen gegessen". Salz war die kostbarste Gabe der Gastfreundschaft und somit Inbegriff dieser Tugend schlechthin. Das be­deutet: Jesus nahm seine Jünger in seine Gastfreundschaft auf, die nicht nur eine äußere Geste bleibt, sondern Beteiligung am eigenen Leben. Salz hat noch eine andere Bedeutung. Es ist Passionssymbol. Es ist Würze und Konser­vierungsmittel, das der Verwesung, dem Tod, entgegenwirken soll. Was im­mer hinter dem gemeinsamen Essen des Salzes stecken mag, die Absicht des Evangelisten ist klar: Jesus ist nicht in eine Idee hinein auferstanden. Nicht nur seine "Sache" sollte weitergehen, sondern seine "Person": deshalb das Salz als Zeichen intimer Lebensgemeinschaft, die der Auferstandene mit seinen Freunden pflegt.

Eine zweite Momentaufnahme knipsen wir im Moment, als Jesus sich von den Jüngern trennt. Wir sehen, wie Jesus seine Hände ausbreitete und sie segnete (vgl. Lk 24, 50). Das letzte Bild, das wir von Jesus festhalten kön­nen, sind seine ausgebreiteten Hände, die Gebärde des Segnens. Die Himmel­fahrtsikonen der Ostkirche haben dieses Bild zur eigentlichen Mitte des Ge­schehens gemacht. Himmelfahrt ist die Segnung des Menschen und der gan­zen Schöpfung. Die Hände Christi sind zum Dach geworden, das uns deckt und schützt, und zugleich zur öffnenden Kraft, die die Tür der Welt nach oben auftut. Der Segen ist Zeichen des Abschieds. Der Segnende geht, aber indem er segnet, bleibt er auch. Von nun an ruht der Segen des Auferstandenen über unserer Welt und über jedem einzelnen von uns. Gerade deshalb liegt ein eigenartiger Widerspruch über diesem Abschied: Jesus geht und bleibt zu­gleich. Wir spüren Abstand und Nähe in einem, Entzug und Gabe zugleich, Verlust und Gewinn. Denn über dem Abschied steht Jesu Versprechen: "Ich lasse euch nicht als Waisen zurück" (Joh 14, 18). Mit diesem Wort im Rücken gehen die Jünger in die Welt hinaus - als Gesegnete, nicht als Verlassene. Denn sie wissen, daß sie nie mehr allein sein werden, sondern unter segnenden Händen stehen, wo immer sie gehen.

Eine weitere Momentaufnahme bekommen wir heute geschenkt: ein Bild, das schon vorher aufgenommen wurde und an diesem Tag in einem ganz neuen Licht erscheint: Ecce homo. Wir haben es festgehalten am Karfreitag, als Pilatus der verhetzten Menschenmasse den geschundenen und zerschlage­nen Jesus gezeigt hat: "Ecce homo". Damit hat er auf das geschändete und ge­tretene Antlitz des Menschen überhaupt gezeigt. "Seht ihn euch an - das ist der Mensch." Christi Himmelfahrt deutet das Ecce homo neu. Denn der Zeigefin­ger des Pilatus weist nur auf eine Seite hin. Jesus ist nicht nur Haupt voll Blut und Wunden. Christus ist das Haupt der Kirche, das Haupt der ganzen Schöp­fung. Deshalb wird an Christi Himmelfahrt der ganze Mensch rehabilitiert. Das "Ecce homo" des Karfreitags ist umgewertet: Nicht das Geschlagenwer­den erniedrigt, sondern das Schlagen. Nicht das Bespucktwerden macht klein, sondern das Bespucken. Nicht der Verhöhnte, sondern der Verhöhnende ist geschändet. Nicht der Hochmut macht den Menschen groß, sondern die De­mut. Nicht die Selbstherrlichkeit erhebt ihn, sondern die Gemeinschaft mit Gott, zu der er fähig ist.

Wir haben bisher viel von Jesus gesprochen, aber wenig von uns. Eine Momentaufiiahme sollten wir nicht vergessen zu machen: das Bild, das unser eigenes Innenleben aufnimmt. Der heilige Augustinus bringt in einer Predigt zu Christi Himmelfahrt das Motiv auf den Punkt: "Hodie Dominus noster Jesus Christus ascendit in coelum; ascendit cum illo cor nostrum". Heute steigt unser Herr Jesus Christus in den Himmel auf. Mit ihm erhebt sich unser Herz. Himmelfahrt ist also nicht nur ein Schauspiel für die Jünger, sondern ein Vorgang, der sie selbst betraf. Es ist ein Sursum corda, ein "Erhebet die Herzen", eine Bewegung nach oben, in die wir alle hineingerufen werden. Ich werde Sie am Anfang des eucharistischen Hochgebetes wieder auffordern: "Erhebet die Herzen!" Unsere Antwort soll keine auswendiggelernte Floskel sein. "Wir haben sie beim Herrn", das bedeutet: Mensch, denk daran, daß du dein Herz "oben" verankern sollst, nicht in den Niederungen deiner oft allzu menschlichen Fehler und Schwächen. Denk daran, daß Jesu Schicksal dein Weg werden kann: "für uns und zu unserem Heil vom Himmel herabge­stiegen" an Weihnachten, "aufgefahren in den Himmel", nachdem er seine Sendung erfüllt hat. Der Herr ist Bewegung nach oben. Nur wenn wir uns selbst bewegen oder besser: von ihm bewegen lassen, indem wir aufschauen und unser Herz zu ihm aufsteigen lassen, werden wir uns selbst und alles, was uns umgibt, aus seiner Sicht sehen lernen.

Dazu brauchen wir die Vogelperspektive der Himmelfahrt. Das heißt: Wir sollten uns manchmal unsere Welt mit den Augen des Himmels an­schauen. Als ich einmal während meiner Studienzeit mit meiner Doktorarbeit an einen toten Punkt gekommen war und schon glaubte, es ginge nicht mehr weiter, da hat mir eine Ordensschwester den einfachen Rat gegeben: "Herr Kaplan, steigen Sie doch auf die Peterskuppel und schauen Sie sich das Ganze von oben an." Ich folgte dem gutgemeinten Wort. Was ich erfuhr, daran er­innere ich mich noch heute. Als ich von oben auf die Stadt Rom blickte, wur­de alles Große winzig klein. Die imposanten "palazzi" waren plötzlich wie Schuhschachteln, und unser Kolleg am Campo Santo ein Häuschen unter vie­len anderen. Als ich wieder hinunterstieg, mußte ich mich wohl weiter dem Problem Doktorarbeit widmen, aber seine Größe hatte sich relativiert.

Liebe Schwestern und Brüder!

Eigentlich hätte ich gern noch eine letzte Momentaufnahme gemacht. Aber das überlasse ich jetzt Ihnen. Denn der Ort, wo Himmelfahrt sich ereig­net, er läßt sich nicht eindeutig in den Blick nehmen. Für Matthäus ist sie an den Erfahrungsraum von Galiläa gebunden. Was die Menschen in Jesu Nähe erlebt, gehört und gesehen hatten, die Art, wie er lebte, und die Vollmacht, mit der er wirkte - alles fügt sich zusammen und verdichtet sich in der Besteigung eines hohen Berges - des Ortes also, wo der Himmel die Erde berührt.

Lukas jedoch lokalisiert die Himmelfahrt in die Nähe von Jerusalem, der Heiligen Stadt, wahrscheinlich auf den Ölberg. Damit ist zunächst die Erinne­rung an die Todesangst geweckt, aber die Blätter des Ölzweigs sind auch Zei­chen des Friedens, der Aussöhnung zwischen Himmel und Erde, zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Gott und Mensch. Dort auf dem Ölberg, wo das Leiden begann, das "Hinabgestiegen in das Reich des Todes", dort beginnt auch sein Aufstieg: "Wenn ich von der Erde erhöht bin, werde ich alle an mich ziehen"(Jo/z 12, 32).

Wenn man das alles zusammendenkt, erledigt sich von selbst die Be­hauptung, Christi Himmelfahrt sei die Kanonisierung eines überholten Welt­bildes. Es geht um Maß und Ziel unseres Menschseins, nicht um Stockwerke des Weltalls. Es geht nicht um den Platz von Gestirnen, sondern um Gott und

jeden einzelnen von uns, die wir nach "oben" berufen sind, zur "Himmelfahrt mit Christus". Unser Leben hier ist wie eine Pilgerfahrt. Was wir in Rom für einige Tage erleben dürfen - unsere Welt daheim einmal von oben anzu­schauen - , das fügt sich zu einer Lebensform zusammen, die den Berg der Welt im Blick hat, da der Himmel die Erde berührt. Ich denke, jeder von uns kennt einen solchen Ort, wo er - für einige Momente wenigstens - sein "Sur-sum corda" erleben darf, wo sein Herz höherschlägt, wo sein Inneres bei Gott ist. Auf diesen Berg sollten wir regelmäßig steigen - jeder ganz persönlich, um sich im Gebet vor Gott auszusetzen und Ihm das Herz himmelweit geöffnet hinzuhalten. Darum geht es: Den Himmel als Ziel im Blick, aber mit beiden Beinen auf der Erde!

Mensch, weißt du, wo der Himmel ist? Außen oder innen? Eine Hand breit rechts und links. Du bist mitten drinnen.

Weißt du, wo der Himmel ist? Nicht so tief verborgen. Einen Sprung aus dir heraus, aus dem Haus der Sorgen.

Weißt du, wo der Himmel ist?

Nicht so hoch da oben.

Sag doch ja zu dir und mir,

du bist aufgehoben.                                 

(Nach Wilhelm Willms)