Predigt bei der Diakonenweihe von Br. Michael Bäumler OSB
in der Klosterkirche St. Ottilien am Samstag, den 12. Dezember 2020

Der Diakon als „Auge der Kirche“

12.12.2020 14:57

Manchmal predigt ein Bild mehr als Worte. Das bewahrheitet sich heute im Blick auf das Bild, das uns der künftige Diakon Bruder Michael Bäumler OSB an die Hand gibt. Es ist mehr als ein Andachtsbild, es ist eine bildhafte Auslegung dessen, was einen Diakon ausmacht.

In den sichtbaren Attributen der hl. Odilia treten die Grunddienste der Kirche ans Licht: 

das Buch: aus dem Wort Gottes leben und es verkünden– Martyria. 

der Kelch: ein Hinweis auf die Eucharistie als Mitte und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens - Liturgia. 

die Augen: den Menschen mit den Augen Gottes sehen - Diakonia. 

Die hl. Odilia kam der Legende nach als blindes Mädchen auf die Welt und wurde in ein Kloster abgeschoben, weil sich die Familie der Blindheit des Kindes schämte. Im Alter von zwölf Jahren wurde sie getauft. Als das geweihte Wasser ihre Augen berührte, geschah das Wunder: Odilia konnte sehen. 

Sehen können - das ist auch mein Wunsch für Sie, lieber Bruder Michael. Mir fällt dazu eine Beschreibung ein, die eine syrische Kirchenordnung aus dem 5. Jahrhundert über den Diakon gibt:

„Wenn der Diakon in einer Stadt tätig ist, die am Meere liegt, soll er sorgsam das Ufer absuchen, ob nicht die Leiche eines Schiffbrüchigen abgeschwemmt worden ist. Er soll sie bekleiden und bestatten. 

In der Unterkunft der Fremden soll er sich erkundigen, ob es dort nicht Kranke, Arme oder Verstorbene gibt, und er wird es der Gemeinde mitteilen, dass sie für jeden tut, was nötig ist.

Die Gelähmten und die Kranken wird er baden, damit sie in der Krankheit ein wenig aufatmen können. Allen wird er über die Gemeinde zukommen lassen, was Not tut. (...) Und der Diakon wird in allem wie das Auge der Kirche sein.“

Der Diakon ist gleichsam das Auge der Kirche. In diesem ausdrucksstarken Bild spiegelt sich der hohe Anspruch wider, den die frühe Kirche an den Diakon stellte. Heute in der Kirche des Klosters St. Ottilien bekommt das Bild vom Auge noch einen besonderen Bezug. Wenn Sie, lieber Bruder Michael, in den nächsten Monaten bis zur Priesterweihe vor allem in der Pfarreiengemeinschaft Mering eingesetzt sind, dann ist dieser Auftrag sowohl für Sie persönlich als auch für Ihre benediktinische Gemeinschaft hier vor Ort Auftrag und Anspruch zugleich: Sie sind Auge der Pfarrei und Auge des Klosters, wenn Sie so wollen: Auge des Bischofs und Auge des Abtes. 

Auge sein. Ich denke an Redensarten wie: „Mit offenen Augen durch die Welt gehen, Augen für etwas haben, ein Auge darauf werfen, jemanden nicht aus den Augen verlieren.“ Mit diesen Aussagen bekommt das Amt des Diakons Profil. Ein Diakon soll in seiner Person das „Auge der Kirche verkörpern. Er muss einen Blick haben, ein Gespür entwickeln, sein inneres Auge einstellen für die materiellen, geistigen und geistlichen Nöte der Menschen und diese nicht für sich behalten, sondern in der Kirche- d.h. für Sie, lieber Bruder Michael, in der Pfarrei und im Kloster zu Gehör bringen und ins Bewusstsein rücken. Damit entspricht der Diakon dem Auftrag, der ihm im Sinn des Zweiten Vatikanischen Konzils ins Stammbuch geschrieben wird: „Mit sakramentaler Gnade gestärkt, dient der Diakon dem Volke Gottes in der Diakonie der Liturgie, des Wortes und der Liebestätigkeit.“ (Lumen gentium, Nr. 29)

Haben wir die Tragweite bemerkt, die in den Worten der Konzilsväter steckt? Alles kirchliche Handeln, jede Form von Seelsorge ist Caritas - Liebesdienst. Verkündigung, Gottesdienst und Nächstenliebe alles gehört hinein in den Diakonat.

Mit Ihrer Weihe zum Diakon werden Sie, Bruder Michael, heute zum Stachel im Fleisch der Pfarrei, in der Sie die nächsten Monate wirken werden, und Ihres Klosters, an das Sie sich durch die Ewige Profess auf Lebenszeit unlängst gebunden haben. Diakonie ist eine Wunde, in die Sie Ihre Hand legen sollen. Denn als Diakon haben Sie den Auftrag, die diakonale Existenz der Kirche dort einzuklagen, wo sie hinter frommen Worten und richtigen Glaubenssätzen, hinter noch so erhabenen, aber folgenlosen Liturgien (womöglich in lateinischer Sprache) ins Hintertreffen oder gar in Vergessenheit zu geraten droht. Wenn sich eine Diözese, eine Pfarrgemeinde oder ein Kloster als diakonische Kirche verstehen will, darf dieses Bekenntnis nicht nur mit dem Blankoscheck von Grundsatzerklärungen ausgestellt, sondern muss mit dem Kleingeld des Alltags eingelöst werden. Wenn der Diakon „Auge der Kirche“ ist, dann sollte in diesem Auge auch der Glaube an das erlösende und befreiende Handeln Jesu Christi aufleuchten. So steht ein Diakon in der Pflicht - wie es im ,,Direktorium für den Dienst und das Leben der Diakone“ (1998) heißt, „die Gleichgestaltung mit Christus, dem Gottesknecht, anzustreben, den sie repräsentieren.“ 

Repräsentieren bedeutet gegenwärtig machen, darstellen, nicht herstellen, keinesfalls sich selbst darstellen. Am Philipperhymnus gilt es, Maß zu nehmen: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, sondern der entäußerte sich und wurde wie ein Sklave (Diakon!) und den Menschen gleich.“ (Phil 2,5f.) Wir müssen uns klarmachen: Das Entscheidende können wir nicht selbst herstellen. Wir können Jesus nicht „machen“, allenfalls dürfen wir ihn darstellen. Bestenfalls können wir den Vorgang, dass Jesus sich uns als Bruder und Erlöser mitteilt, zur Darstellung bringen in Diakonie, Liturgie und Katechese „verleiblichen“. Von nun an dürfen und sollen Sie das tun, lieber Bruder Michael: nicht sich selbst darstellen, nicht Jesus herstellen wollen, sich nicht selbst produzieren, sondern transparent werden, damit ER aufscheinen und durchkommen kann.

Augen sind wie ein Buch. An den Augen kann man eine Menge ablesen. Jemand hat ehrliche, leuchtende, offene, wohlwollende, gütige Augen. Aus den Augen eines Menschen lässt sich ersehnen, wie ernst er es meint. Beim Gespräch in meinem Haus, das einem ersten Kennenlernen dienen sollte, durfte ich erfahren: Ihnen kann man in die Augen schauen. Bewahren Sie sich diesen klaren, reinen, gütigen und ehrlichen Blick! Die Menschen wollen nicht übersehen, sondern angeschaut werden. Das gilt besonders für die, die oft nicht gesehen und keines Blickes gewürdigt werden. Der Diakon sollte ein Auge auf sie werfen und ihnen Ansehen geben. 

Mit ihrer Taufe hat die hl. Odilia ihr Augenlicht geschenkt bekommen. Später ging ihr Jesus Christus auf als Licht, dem sie gefolgt ist als Ordensfrau und Abtissin. Wir wünschen Ihnen, lieber Bruder Michael, dass Sie als Diakon ein Auge haben für die Mitbrüder in Ihrer Gemeinschaft und die vielen Menschen, die Ihnen im Pastoraljahr begegnen werden. Vergessen Sie besonders die am Rande nicht! Weder die Leute an der Peripherie der Gemeinde noch die Randexistenzen, die es auch in einer Klostergemeinschaft geben mag. Und wenn einmal Tage der geistlichen Trockenheit und Wüste kommen, dann sprechen Sie bitte mit Mose, dem Anführer des auserwählten Volkes, auf dem Weg ins gelobte Land: „Verlass uns nicht! Denn du kennst unsere Lagerplätze in der Wüste. Du kannst unser Auge sein!“ (Num 10,31) Herr, führe Bruder Michael ein ins Diakonat. Sei du sein Auge und hilf ihm sehen, wo er gebraucht wird.