„Der Grundstein der Kirche ist gelegt: Jesus Christus“
Liebe Schwestern und Brüder, „ich habe ein fürstliches Haus für dich gebaut, eine Wohnstätte für ewige Zeiten.“ (1 Kön 8,13) Mit diesen stolzen, aus heutiger Sicht vielleicht sogar überheblich klingenden Worten kommentierte König Salomo im 10 Jh. v. Chr. die Erbauung des Tempels in Jerusalem, die er in Auftrag gegeben hatte.
Dabei war dem mächtigen Herrscher Israels, der später vor allem für seine Weisheit gerühmt wurde, wohl bewusst, dass alle irdische Pracht vergänglich ist und gänzlich verblasst vor der unermesslichen Größe Gottes. Passend ordnete er darum die Errichtung dieses gewaltigen Bauwerks ein, wenn er in seinem großen Weihegebet, aus dem wir in der ersten Lesung einen Abschnitt gehört haben, sagt: „Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger [also] dieses Haus, das ich gebaut habe.“ (1 Kön 8,27) Und dennoch: Für den klugen König war klar, dass es im Zentrum seines Reiches einen solchen Gott geweihten Ort braucht, an dem der Name des Herrn verehrt und seine Anwesenheit gefeiert wird. Hier an dieser heiligen Stätte sollte das Volk Israel unablässig zu Gott rufen und um sein Erbarmen bitten.
Heute knapp 3000 Jahre später sind auch wir als katholische und evangelische Christen überzeugt, dass es solche besonderen Räume braucht, die allein dem Gebet und der Gottesbegegnung dienen, wo uns nichts ablenken soll. Die Kirchen St. Stephan und St. Ulrich in Söcking sind solche Orte. So freue ich mich sehr, dass wir heute den Abschluss der Renovierungsarbeiten und die Wiedereröffnung der ehemaligen PfarrkircheSt. Stephan feiern konnten. Vorhin haben wir Taufort und Ambo gesegnet. Besonders schön finde ich, dass wir das in ökumenischer Verbundenheit mit unseren evangelischen Mitchristen getan haben. Es ist ja schon recht einzigartig und ein wunderbares Zeichen, dass der Kirchenraum von St. Stephan von beiden Konfessionen genutzt wird, verbunden im Glauben an den einen Gott, der sich uns in Jesus Christus offenbart hat.
Im Vorfeld dieser Feier kamen mir drei Gedanken, die ich Ihnen gerne mitgeben will. Sie handeln von der Erneuerung unserer Kirche (1), Jesus Christus als dem Fundament unseres Glaubens (2) und unserem gemeinsamen Auftrag als Christinnen und Christen (3).
1. Das Haus Gottes hat Risse
Schauen wir zunächst noch einmal zurück. Fünf Jahre ist es her, dass deutliche Risse in der Außenwand der Kirche St. Stephan festgestellt wurden. Eine fachmännische Überprüfung ergab einen spreizenden Dachstuhl, wodurch die Wände nach außen gedrückt wurden und auf lange Sicht sogar Einsturzgefahr drohte. Als Folge mussten morsche Balkenteile ausgetauscht, der Glockenturm stabilisiert und schließlich das komplette Dach erneuert werden. Dies alles war nötig, um die statische Sicherheit zu garantieren und die denkmalgeschützte Kirche zu retten.
Als ich von diesen Problemen und Maßnahmen las, habe ich mich gefragt, ob wir darin in gewisser Weise nicht auch ein Spiegelbild unserer Kirche sehen können. Denn nicht nur St. Stephan, nein, die Kirche als ganze droht derzeit in eine gefährliche Schieflage zu geraten, weil manche Dinge übersehen wurden, wodurch an vielen Stellen Druck entstand. Ähnlich den morschen Balken gibt es kirchliche Strukturen, die schlicht nicht mehr zeitgemäß sind. Schon vor zehn Jahren sprach Papst Franziskus im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium von einer „unaufschiebbaren kirchlichen Erneuerung“ (EG 27). „Ich träume von einer missionarischen Entscheidung [der Kirche], die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient.“ (EG 27), so die Worte des Heiligen Vaters. Die Krankheit der Kirche lag demnach in den letzten Jahren vor allem in ihrer Bequemlichkeit und Verschlossenheit. Ergebnis: Das Haus Gottes bekam Risse. Druck von außen, im Sinne einer immer stärker pluralisierten und individualisierten Gesellschaft, aber auch die wachsenden innerkirchlichen Spannungen und Diskussionen über den rechten Weg der Kirche werden immer mehr zur Zerreißprobe. Wir erleben das gerade im Rahmen der synodalen Beratungen – sei es in Deutschland, sei es in Rom. Während den einen die Reformprozesse nicht schnell genug gehen, fürchten die anderen den Verlust des katholischen Profils. Hier gilt es meiner Meinung nach gut hinzuschauen, ähnlich wie bei einer statischen Überprüfung, und sich zu fragen: Welche Elemente tragen die Kirche und sind unverzichtbare Stützen des kirchlichen Lebens? Oder andersherum, welche Dinge sind veraltet und müssen ersetzt werden, damit der Zusammenhalt nicht gefährdet wird? Es ist erfreulich und wichtig, dass wir uns in der Kirche Gedanken machen und neue pastorale Ideen entwickeln. Gleichzeitig müssen wir aber auch Dinge loslassen: Formate, die ausgedient haben und nicht krampfhaft erhalten werden sollten. Hier sind alle Christinnen und Christen, Kleriker wie Laien, aufgerufen mitzudenken, damit unsere Kirche zukunftsfähig bleibt. Und es sind nicht immer nur die großen Fragen, um die sich alles dreht. Auch im Kleinen gibt es viele Dinge, die das Profil der Kirche verändern. So wurden in St. Stephan auch nicht nur statische Komponenten wie Stützbalken und Außenwände renoviert, sondern ebenso die Altäre gereinigt, Bilder nachbemalt und eine neue Beleuchtung aufgehängt. Übertragen könnte man sagen, dass es bei der Erneuerung der Kirche also nicht nur darum geht, welche Strukturreformen notwendig sind, sondern viel mehr noch, wie wir als Christgläubige in der Welt auftreten. Können die Menschen etwas erkennen, von dem was wir so gerne verkünden? Freundlichkeit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit… Ich bin überzeugt, dass Kirche nur dann eine Zukunft hat, wenn Menschen, die auf der Suche nach Antworten sind, spüren: Christinnen und Christen leben glaubwürdig das, was sie vom Evangelium verstanden haben, am wichtigsten: Die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst (vgl. Mt 22,37ff.). Dies hat uns Jesus selbst gelehrt, ohne den es keine Kirche gäbe, weswegen ich es beinahe bezeichnend fand, im Baubericht zu lesen, dass am Ende aller Renovierungsarbeiten noch etwas sehr Wichtiges in St. Stephan fehlte: das große Kreuz an der Ostseite der Kirche!
2. Ohne Jesus keine Kirche
Es ist das entscheidende Kennzeichen unseres Glaubens und ein Symbol, das alle Christinnen und Christen auf der Welt verbindet: Das Kreuz, an dem unser Herr Jesus Christus hing als Zeichen der Hoffnung und des Lebens. Besonders deutlich wird das, wenn wir auf das heutige Evangelium blicken. Jesus fragt seine Jünger, für wen die Menschen ihn halten. Diese Frage richtet sich auch an uns heute. War der Mann aus Nazareth ein Prophet, ein Wunderheiler, ein philosophischer Lehrer oder einfach nur ein guter Redner? Denken Sie mal an ihren Bekannten- oder Freundeskreis: Was meinen Sie, würden die genannten Personen Ihnen auf diese Frage antworten? Die aus christlicher Sicht einzig richtige Antwort gibt einer, der nie Theologie studiert hat: der Fischer Simon Petrus. Dieser bekennt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Mt 16,16) Es sind nur wenige Worte, die aber fundamental für unser heutiges Glaubensverständnis sind. Der Kirchenschriftsteller Origenes schrieb dazu: Jesus ist der Christus, er übertrifft alles,„was Leben hat, denn er allein besitzt die Unsterblichkeit und ist die Quelle des Lebens [...]“[1]. Er ist wahrhaft der lang ersehnte Messias, was Petrus nicht durch „Fleisch und Blut“, soll heißen als Mensch mit all seiner Begrenztheit erkennen konnte, sondern allein im Heiligen Geist, der vom himmlischen Vater Jesu ausgeht (vgl. Mt 16,17). Wenn Jesus Petrus daraufhin zur Antwort gibt, dass er auf diesen Felsen seine Kirche bauen will (vgl. Mt 16,18), dann muss man das nicht allein auf Petrus bzw. das sich daraus entwickelnde Papsttum beziehen, sondern in erster Linie auf das Bekenntnis, dass in Jesus Gott selbst Mensch geworden ist, um uns die Frohe Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden. Darauf baut die Kirche auf oder wie Paulus sagt: „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“ (1 Kor 3,11) Er ist die Basis unseres Glaubens, darum ist es schon etwas irritierend, wenn Jesus seinen Jüngern befiehlt, keinem zu sagen, dass er der Christus sei (vgl. Mt 16,20). Warum sollte er seine göttliche Identität geheim halten wollen? Es ist erneut Origenes, der sich mit dieser Frage beschäftigt hat und zur Antwort kam, dass es für eine solche Verkündigung zu diesem Zeitpunkt noch zu früh war. Jesus wollte seine Jünger stattdessen vorbereiten, damit sie sich später daran erinnern konnten, wenn er am Kreuz erhöht sterben und später auferstehen sollte. Die Göttlichkeit Jesu kann und darf demnach nicht vom Kreuz getrennt werden. Oder wie Origenes sagt: „Es ist […] nutzlos, ihn [Christus] zu verkünden, über sein Kreuz aber zu schweigen.“[2] Christlicher Glaube basiert darauf, mit Jesus zu leben, zugleich aber auch das Kreuz auf sich zu nehmen und mit ihm zu sterben, begleitet von der Hoffnung auf eine Auferstehung. Das feiern wir in jeder Taufe. Daher freute ich mich sehr, dass wir heute in St. Stephan auch den Taufort sowie den Ambo als zentrale Stellen der Liturgie segneten. Von hier soll die christliche Botschaft hinaus in die Welt getragen werden, was mich zu meinem letzten Gedanken führt.
3. Ihr [selbst] seid Gottes Bau
Jesus ist der Grundstein der Kirche, der gelegt ist, aber „ihr [selbst] seid Gottes Bau.“ (1 Kor 9c), sagt Paulus. Was er damit meint, wird in der zweiten Lesung angedeutet, die wir hörten. Alle, die an Christus glauben, werden zum Tempel Gottes, insofern der Heilige Geist in ihnen wohnt (vgl. 1 Kor 3,16). Christsein beginnt damit, dass wir offen werden für Gottes Gegenwart. Wir tun dies, wenn wir still werden, wenn wir uns in einer der beiden Kirchen in Söcking zum Gebet versammeln. Lassen wir die Stille zu, dann erfüllt uns der Geist Gottes mit der Erkenntnis, dass Jesus wirklich der Messias, der Sohn Gottes, war und ist, der unserem Leben Sinn geben möchte. Wir können Freude darüber empfinden, dass Gott uns in allen Höhen und Tiefen begleiten und jeden Tag aufs Neue sagen will: Habt keine Angst, ich bin da! All das Böse in der Welt, die „Pforten der Unterwelt“ (Mt 16,18), können nicht verhindern, dass Jesus ein für alle Mal am Kreuz gesiegt hat und sein Reich der Liebe sich ausbreitet überall dort, wo Menschen seinen Fußspuren folgen. Dies kann auf ganz verschiedene Weise geschehen: In der Verkündigung, in der Familie, im Einsatz für den Nächsten, in der Sorge um die Schöpfung…Wir alle können und sollen an Gottes Tempel mit bauen. Diesen Auftrag gibt Paulus uns heute mit (vgl. 1 Kor 3,10).
Liebe Schwestern und Brüder, am Ende möchte ich Sie noch einmal zur gelungenen Renovierung Ihrer alten Dorfkirche St. Stephan beglückwünschen und mit einem Satz aus dem Gebet des Königs Salomo schließen, den ich als Wunsch für die Pfarrgemeinde in Söcking etwas modifiziert habe:
„Halte deine Augen offen über deinen Häusern bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, dass dein Name hier wohnen soll!“ (1 Kön 8,29) Achte auf die Menschen, wenn sie hier beten! Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst! Höre sie und sei ihnen allezeit nahe! (vgl. 1 Kön 8,30)
[1] Thomas von Aquin: Catena aurea. Kommentar zu den Evangelien im Jahreskreis, hrsg. von Marianne Schlosser und Florian Kolbinger, Sankt Ottilien 2012, 268.
[2] Ebd., 272.
Die Predigt von Bischof Bertram wurde in Vertretung durch Generalvikar Dr. Wolfgang Hacker vorgetragen.