Predigt beim Festgottesdienst zum Treffen der Nikolaus-Bruderschaft am 27.11.2020 in Missen

Der heilige Nikolaus als Licht einer neuen Menschlichkeit

30.11.2020 12:37

Spuren im Schnee, im Sand oder im Lehm ziehen viele Menschen an, ganz gleich, ob es sich um die Spur eines Tieres handelt, der ein Jäger folgt, oder die Spuren von Menschen, denen ein Lebensretter nachgeht. Um das Suchen und Finden einer Spur geht es auch im religiösen Leben. Wir suchen nach der Spur Gottes, die sich durch den Alltag zieht.

Manche werden glücklich davon erzählen können, dass Gott in ihrem Leben seine Spuren hinterlassen hat. Andere werden von der dunklen Seite berichten, dass diese Spuren plötzlich aufhörten oder sich im Sande des Lebensschicksals verlaufen haben. Doch im Herzen bleibt eine Sehnsucht zurück: eine Unruhe, die uns zu geduldigem Suchen bewegt.

Liebe Schwestern und Brüder!

In den letzten Tagen hat einer in vielen Häusern und Wohnungen seine Spuren hinterlassen, in mehr oder weniger korrekter Bischofskleidung und sicher nie ohne den langen weißen Bart, mit dem man ihn übrigens schon im 8. Jahrhundert dargestellt hat. Die Zeiten sind hoffentlich vorbei, in denen Eltern ihren Kindern drohten: „Warte nur, wenn der Nikolaus kommt, dann steckt er dich in den Sack“. Mancher, der in die Rolle des Bischofs Nikolaus schlüpfte, war alles andere als ein Heiliger. Ihm bereitete es Freude, Kindern Angst einzujagen. Doch Bischof Nikolaus war kein Kinderschreck, sondern ein Kinderfreund. Wer Sankt Nikolaus feiert – wie eine Nikolausgemeinde! – oder Bischof Nikolaus darstellt, der sollte auch wissen, wer Bischof Nikolaus war. Was hätte uns der heilige Nikolaus heute zu sagen, wenn er nicht nur nachgespielt würde, sondern leibhaftig vor uns stünde?

1. Der älteste Biograph des heiligen Nikolaus, ein gewisser Archimandrit Michael, sagt in seiner Lebensbeschreibung, dass Nikolaus von der Erhaben-heit Christi seine Würde empfing wie der Morgenstern von der aufgehenden Sonne sein Funkeln. Nikolaus lebte im 4. Jahrhundert und amtierte in der kleinen Stadt Myra im damaligen Kleinasien, der heutigen Türkei. Als Bischof sei er eine lebendige Spur Gottes, gleichsam ein Nachbild Jesu Christi gewesen: „In dem Glanz seiner Tugenden – sagt der Biograph – leuchtet die Gerechtigkeit der Sonne auf“. Die Überlieferung hat den heiligen Nikolaus immer mit jenem Bischof Nikolaus gleichgesetzt, der am Konzil von Nizäa teilnahm und zusammen mit dieser ersten großen Bischofsver-sammlung das Bekenntnis zur wahren Gottheit Jesu Christi formulierte: Jesus Christus, „Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. Dieses Bekenntnis hat der heilige Nikolaus eigenhändig mit unterschrieben. Dieses Bekenntnis spre-chen wir bis heute jeden Sonntag. Das ist die erste Spur, die Bischof Niko-laus über viele Jahrhunderte hindurch bis heute für uns gelegt hat.

Wie sich doch die Zeiten gleichen! Damals ging es um die Frage, wer Jesus Christus war: nur ein Mensch oder der Sohn Gottes? Heute ist diese Frage aktueller denn je. Was feiern wir eigentlich an Weihnachten? Nur ein Fest der Menschlichkeit, des neuen Humanismus, oder aber Gott selbst, der uns in Jesus Christus gezeigt hat, wie Menschsein sinnvoll gelingen kann. Letztlich geht es um die Frage, ob Gott so mächtig ist, dass er ganz klein werden kann; ob Gott so mächtig ist, dass er in unser oft so armseliges Leben einsteigen kann, ohne sich selbst darin zu verlieren; ob Gott so mächtig ist, dass er uns lieben kann trotz unserer Ablehnung und Kälte. Wenn aber Gott zu weit weg ist, um uns wirklich lieben zu können, dann ist auch die menschliche Liebe nur ein leeres Versprechen.

Entpuppen sich manche menschliche Liebesversprechen vielleicht deshalb als Versprecher, weil wir Gott zu wenig zutrauen? Wenn Gott nicht lieben kann, wie sollte der Mensch es dann können? So ging es beim Be-kenntnis zur Menschwerdung Gottes letztlich auch um unsere Möglichkeit, menschlich zu leben, zu lieben und zu sterben.

Danke, heiliger Nikolaus, dass du uns im Bekenntnis zu Jesus Christus, dem wahren Gott und wahren Menschen, eine Spur hinterlassen hast, in die wir treten dürfen.

2. Der heilige Nikolaus hat das Bekenntnis zu Jesus Christus nicht nur vorgesprochen, er hat es vor allem vorgelebt. Nikolaus ist einer der ersten in der Geschichte der Kirche, die als Heilige verehrt wurden, ohne Märtyrer zu sein. In der Zeit der Christenverfolgungen waren ganz von selbst diejenigen zu den großen Wegweisern des Glaubens geworden, die sich der heidnischen Staatsgewalt entgegensetzten und mit ihrem Leben für ihren Glauben ein-standen. Als die Zeiten sich änderten und Friede einkehrte zwischen Kirche und Staat, da brauchten die Menschen neue Vorbilder, an denen sie Maß nehmen konnten. Nikolaus hat Spuren gelegt als Mensch, als Christ, als Bischof, der da ist und hilft. Sein Wunder ist nicht der große noble Herois-mus, der sich foltern, einkerkern und umbringen lässt. Sein Wunder ist die Güte und Menschenfreundlichkeit seines Umgangs. Seine Heiligkeit liegt darin, dass er groß war in den kleinen Dingen. Der heilige Nikolaus hat es sich zum Motto gemacht, ein Leben lang gut zu sein. In den Heraus-forderungen, die der Alltag stellt, wollte er treu sein und die Liebe bewähren. Als guter Hirte hat er für die Armen und Kranken gesorgt. Alle Notleidenden schätzten seine offene Hand. Viele Geschichten erzählen davon. Und alle Wunder, die später die Legende erfunden hat, variieren nur dieses eine große Thema der Güte und Zuwendung, das die Menschen mit Staunen und Dank als Morgenstern empfanden, in dem das Licht Christi aufleuchtet.

Der heilige Nikolaus hatte ein Herz für die Seinen. An ihm durften seine Zeitgenossen etwas davon spüren, was es heißt: Auch Gott hat ein Herz für die Menschen. Sie konnten begreifen, was Glaube an die Mensch-werdung Gottes bedeutet. Der heilige Nikolaus hat das Dogma von Nizäa ins Handgreifliche übersetzt.

Danke, heiliger Nikolaus, dass du uns in deiner Liebe zu allen Men-schen eine Spur hinterlassen hast, wie wir als Kirche, als Gemeinde, als Chri-sten nicht nur rechtgläubig, sondern vor allem glaubwürdig sein können.

3. Noch eine dritte Spur hat der heilige Nikolaus für uns gelegt. Wenn wir die Legenden um sein Leben lesen, stoßen wir unweigerlich auf die Zahl „drei“. Es sind drei Mädchen, denen Bischof Nikolaus zum Heiraten verhilft. Drei Goldklumpen legt er ihnen unerkannt in die Wohnung und sichert damit ihre Mitgift. Drei Schiffe mit Weizen müssen vor der hungernden Stadt Myra notlanden. Das Gebet des Bischofs um Rettung vor dem Hungertod wird auf diese Weise erhört. Drei Schüler, die von einem habgierigen Wirt ermordet wurden, werden von Nikolaus wieder zum Leben erweckt und den Eltern zu-rückgegeben. In der Zahl „drei“ steckt eine tiefe Botschaft. Drei ist die Zahl der Vollkommenheit. Drei weist auch auf Gott hin, auf den einen Gott in drei Personen. Binden wir Gott und die Vollkommenheit zusammen, dann stoßen wir auf die Liebe: Gott als die vollkommene Liebe. „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 4, 16b).

Danke, heiliger Nikolaus, dass du uns als Spiegel der göttlichen Liebe eine Spur hinterlassen hast, wie auch unser Gemeindeleben gelingen kann: nicht als durchorganisierter Verein, sondern als Gemeinschaft, wo die Liebe und die Güte wohnt.

Liebe Schwestern und Brüder! Liebe Missener!

Der heilige Nikolaus hinterlässt seine Spuren in Ihren Herzen und in Ihrer Gemeinde. Auf Ihren Patron dürfen Sie stolz sein. Möge der heilige Nikolaus Ihnen auch Vorbild sein für die innere Erneuerung Ihrer Herzen! Die tiefste Botschaft aller Nikolausgestalten lautet: am Licht Christi die Kerzen einer neuen Menschlichkeit entzünden. Bischof Nikolaus hat Spuren gelegt. In seine Fußstapfen dürfen wir treten.