Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zur Aussendung des Friedenslichts am 12. Dezember 2021

Die „Lichtgrenze“ in Berlin – das Friedenslicht von Bethlehem

12.12.2021 14:32

Erinnert ihr euch an das Wort des Jahres 2014? Es wurde in der Woche vor dem 3. Advent von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) bekannt gegeben und lautete: Lichtgrenze.

Wieso Lichtgrenze? Ich kann mich noch genau erinnern. Im Fernsehen wurde es immer wieder gezeigt: 8000 weiße, leuchtende Ballons markierten den ehemaligen 15 km langen Mauerverlauf und die Grenze in der geteilten Stadt Berlin. Damit riefen sie auch das bittere Leid in Erinnerung, das mit der Mauer verbunden war. Umso größer dann die Freude, als am 9. November genau um 19.00 Uhr alle 8000 Ballons spektakulär gen Himmel stiegen und die Grenze im wahrsten Sinn des Wortes „aufgehoben“ haben. In dieser Lichtinstallation steckte eine emotionale und visuelle Kraft, mit der man die Freude und die Dankbarkeit am Gedenktag des Mauerfalls 25 Jahre danach wunderbar ausgedrückt hat. Mittlerweile sind noch einmal fünf Jahre ins Land gezogen. Im Herbst haben wir auf 30 Jahre Mauerfall zurückgeschaut – Gott sei’s gedankt! Das ist die Lichtgrenze in unserem Land. Die meisten von Euch kennen die Ereignisse wahrscheinlich nur noch aus Erzählungen oder aus Büchern. Schön, dass die Mauer – eine Grenze, die Berlin und ein ganzes Land teilte – nunmehr Geschichte ist.

Lichtgrenze: Das war vor 2000 Jahren schon einmal eine wuchtige Kraft am Himmel. In der Weihnachtsgeschichte lesen wir, dass der Engel des Herrn zu den Hirten trat und die Herrlichkeit des Himmels sie umstrahlte. Dass muss schon ein recht grelles Leuchten gewesen sein, weil alle erschraken und sich fürchteten. Doch dann spricht der Engel die alle Spannung lösende Botschaft: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, Christus, der Herr.“ (Lk 2,10f.)

Wer kennt sie nicht - die Geschichte von Weihnachten! Die Geburt eines kleinen Kindes hilfloser Eltern in einer Asylunterkunft in der Nähe von Bethlehem, weil es sonst angeblich keinen Platz für sie gab. Es war Nacht und dazu war es kalt. Ein wie auch immer eingerichteter Stall oder eine Grotte, eine Höhle, diente als Kreissaal für das göttliche Kind. Ausgerechnet hier, am Rande der Stadt, führt Gott seinen Plan aus, dass sein einziger Sohn zur Welt kommen soll. Mehr noch: dass die bisher unüberwindbare Grenze zwischen Gott und Mensch, zwischen Himmel und Erde aufgehoben wird. Dass Menschen, die im Dunkeln sitzen, ein Licht sehen – ein großes Licht, wie es der Prophet Jesaja vorausgesagt hat (Jes 9,1). Und dass mit diesem Licht aus Bethlehem der so lange ersehnte Friede in die Welt einzieht: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14) 

Von der Lichtgrenze habe ich gesprochen. Fangt ihr etwa zu zweifeln an? Wo in der Welt – bitte schön – ist denn in den 2000 Jahren seit Christi Geburt wirklich Frieden eingekehrt? In diesem zu Ende gehenden Jahr gab es – wie Forscher herausfanden – so viele Konflikte und Kriege wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Von den Flüchtlingen und Asylsuchenden in der ganzen Welt ganz zu schweigen. Ich erspare mir traurige Statistiken und lasse nur die Bibel sprechen: Schon der Prophet Jeremia bescheinigt uns: „Sie sagen Friede, Friede und ist doch kein Friede.“ (Jer 6,14)

Auch heute schreien die Menschen nach Frieden; gleichzeitig nehmen die Konflikte zu. Ziehen wir noch einmal die Bibel zu Rate: Dort meint Frieden nicht nur die Abwesenheit von Gewalt, Terror und Krieg. Frieden heißt „Schalom“, das bedeutet Wohlergehen, Glück und Heil. Die Juden sagen „Schalom“, die Moslems „Salam“, und wir Christen reden vom Frieden. Darin sind sich die drei großen monotheistischen Weltreligionen einig, dass sich alle Menschen, die guten Willens sind, Frieden wünschen.

Doch welches Kontrastprogramm legen manche dazu auf? Da gehen in Deutschland sog. „Querdenker“ und „Wutbürger“ auf die Straße, die den Frieden gefährden, weil sie Hetze und Hass schüren. Da werden Parolen gegen die Juden wieder salonfähig, die an dunkle Zeiten erinnern, wie wir es beim Anschlag auf die Synagoge in Halle vor zwei Jahren erlebt haben. Auch die Fremdenfeindlichkeit wächst. Eine Partei, die Stimmung macht, breitet sich in unserem Land – auch in Bayern – immer mehr aus, indem sie vorgibt, eine „Alternative für Deutschland“ zu sein. Durch ihre Polemik treibt sie einen Keil durch Gesellschaft und Kirche. Ob Jesus, der Friedensbote, das schon geahnt hat: „Frieden hinterlasse ich euch; meinen Frieden gebe ich euch. Nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“ (Joh 14,27)

Liebe Freunde! Vor uns steht eine kleine Flamme, das Licht von Bethlehem. Dieses Licht hat einen weiten, abenteuerlichen Weg hinter sich. In der Geburtsgrotte Jesu in Bethlehem wurde es entzündet, nicht weit weg von der großen Mauer, die alle, die schon da waren, betroffen macht: die Mauer, die sich schneidend zwischen Israelis und Palästinenser schiebt. In einer explosionssicheren Lampe hat dieses Licht den Flug nach Wien geschafft und wird nun in viele Städte Europas gebracht, auch zu uns nach Augsburg, in die Friedensstadt der christlichen Kirchen und Religionen. Dieses Licht aus Bethlehem hat Mauern und Grenzen überwunden, um zu leuchten als Zeichen des Friedens. Es soll weitergereicht werden in Seniorenheime und Kliniken, in Pfarrgemeinden, Kindergärten und Schulen, in Rathäuser, ja sogar bis in den Bundestag nach Berlin.

Liebe Pfadfinderinnen und Pfadfinder! Danke denen unter euch, die sich schon im Vorfeld dieser Feier als Lichtträger betätigt und das Friedenslicht in Wien abgeholt haben. Alle, die heute hierhergekommen sind, ernenne ich zu Botschafterinnen und Botschaftern des Friedens. Gebt das Licht weiter, behaltet es nicht für euch! Und wagt dabei den ökumenischen Schulterschluss! Auch wenn wir hier im Dom beisammen sind, wir Katholiken haben das Friedenslicht aus Bethlehem nicht für uns gepachtet. Suchen wir Verbündete, um den Frieden zu fördern und weiterzutragen: Verbündete unter den Christen, unter den Religionen, in der Politik!

Christsein heißt politisch sein. Und gerade in unserer Zeit merken wir: Der Friede ist zerbrechlich – im Großen wie im Kleinen. Zünden wir nicht nur Lichter an, sondern wagen wir die Begegnung und wenn es sein muss die politische Auseinandersetzung! Haben wir Mut zum Frieden! Ich bin sicher: Das Friedenslicht aus Bethlehem hat Wirkung. Obwohl es so klein ist und schutzlos, es kann mehr ausrichten als die wunderbare Lichtgrenze an der ehemaligen Mauer von Berlin. Deshalb rufe ich euch zu – jeder und jedem ganz persönlich: Nimm es an – das Licht von Bethlehem – und gib es weiter!