Mastodon
Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am 30. Juni 2024 im Pontifikalamt zum Abschluss der Sanierung der Pfarrkirche St. Ulrich und Afra, Todtenweis

Die Pfarrkirche als Kristallisationspunkt des Glaubens

30.06.2024 09:28

Liebe Schwestern und Brüder,

eine eindrucksvolle Heilungsgeschichte wird uns heute geboten. Markus berichtet uns von Jaïrus, dem Vater eines zwölfjährigen Mädchens. Er bangt um das Leben seiner Tochter. Menschlich gesehen eine hoffnungslose Situation; kein Arzt kann ihr mehr helfen.

Als der Synagogenvorsteher vom Kommen Jesu hörte, setzt er seine ganze Hoffnung auf ihn. Er rennt zum Ufer des Sees und wirft sich vor Jesus auf den Boden: „Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie geheilt wird und am Leben bleibt!“ (Mk 5,23) Was für ein grenzenloses Vertrauen spricht aus diesen Worten. Mich persönlich bewegt diese Geschichte immer wieder aufs Neue! Jaïrus glaubt an Jesus und seine heilbringende Macht – auch da, wo es eigentlich schon zu spät ist. Er vertraut auf ihn und Jesus geht mit ihm.

Doch der Glaube des Synagogenvorstehers wird abermals auf eine schwere Probe gestellt. Boten kommen ihm entgegen und berichten, dass es zu spät ist. Das Mädchen ist gestorben: Lass es gut sein; es hilft alles nichts. Lass Jesus in Ruhe, auch er kann nichts mehr tun. Wie soll er darauf reagieren? Spätestens jetzt wäre es vernünftig sich einzugestehen, dass es vorbei ist; nichts mehr zu machen. Es gilt der traurigen Realität ins Auge zu sehen, sie zu akzeptieren; alles andere wäre utopisches Wunschdenken. Jetzt also noch am Glauben festhalten? Jesus muss den Zwiespalt des Jaïrus gespürt haben. Es ist tröstlich zu sehen, dass er ihn in seinem Zweifeln nicht allein lässt. Er kommt ihm zu Hilfe und redet ihm gut zu: Hab keine Angst! Glaub nur! (vgl. Mk 5,36) Diese Ermutigung, diese Aufforderung nimmt Jaïrus an und er führt Jesus weiter zu seinem Haus. Dort üben bereits Klagefrauen gemäß jüdischem Brauch ihr Amt aus. Für die widersinnig erscheinende Hoffnung des Jaïrus und für die Worte Jesu, das Mädchen schlafe nur, haben sie nur „Hohn und Spott“ übrig: alles lachhaft. Selbst durch das Verlachen lässt er sich seinen Glauben nicht nehmen und Jesus bringt ihm seine Tochter ins Leben zurück.

Das heutige Evangelium zeigt uns, was glauben heißt: Glaube ist Vertrauen in Gottes Gegenwart. Im griechischen Text sind Glaube und Vertrauen ein und dasselbe Wort. Glaube besteht also nicht darin, irgendwelche Vorschriften stur zu befolgen, Glaubenssätze auswendig zu lernen oder moralischen Normen Genüge zu leisten. Ein solcher Glaube ist leer und hohl. Ein vertrauender Glaube hat Jaïrus mit Jesus in Kontakt gebracht und ihm so die Tochter wiedergeschenkt. Solch ein Glaube schafft eine lebendige Beziehung zwischen Gott und uns. Umgekehrt: Ein Kontakt mit Jesus ohne Glauben ist wertlos, er bewirkt nichts. Nur wer sich von ihm ansprechen lässt, seinen Worten folgt und seiner Zuwendung traut, kann auf ihn bauen. Seien wir uns dessen bewusst, wenn wir im Credo unseren Glauben bekennen oder das Vaterunser sprechen. Es geht nicht um das Abspulen von Worten, sondern um ein bewusstes Beten, um ein Bekenntnis des Glaubens. Wenn wir zur Kommunion gehen, sollen wir das nicht „kopflos“ tun. Wir empfangen Jesus Christus nicht aus bloßer Gewohnheit, sondern dürfen ihm in vertrauendem Glauben nahekommen.

Glaube kann nicht gelernt werden wie Vokabeln aus dem Schulbuch. Glaube ist immer ein Wagnis, ein Abenteuer, ein Experiment – aber eines, das sich lohnt! Im Hebräerbrief findet sich eine Art Definition von Glauben: „Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.“ (Hebr 11,1) Wer den Aufbruch des Glaubens wagt, dem bleiben Rückschläge und Zweifel nicht erspart. Unser Glaube kann durch ein jähes Ereignis, das uns aus der Bahn wirft, durch Enttäuschungen in Krise geraten. Doch es gibt auch die tragende Kraft des Glaubens. Im persönlichen Ringen um den Glauben oder wenn wir wegen unseres Glaubens schief angeschaut werden, ein müdes Lächeln ernten, ihn gar für unvernünftig und unsinnig erklärt bekommen, seien wir uns bewusst: Christlicher Glaube ist nicht das Ergebnis einer „Massensuggestion“, er ist auch nichts Abstraktes, kein theoretisches Lehrgebilde, sondern ist höchst lebendig; er hat ein konkretes Gegenüber, eine reale Person, Jesus Christus. So ist nicht nur wichtig, was wir glauben, sondern vor allem, wem wir glauben. An Jesus Christus orientiert sich unser Glaube. Er ist Kompass für unser Leben und Richtschnur für unser Handeln. Ich ermutige Sie, Jesus Christus auf der Spur zu bleiben. Begegnen Sie ihm in den Sakramenten, im persönlichen Gebet und erfahren Sie ihn im Alltag und in Gottes Schöpfung.

Christus hilft uns zu glauben und in unserem Glauben zu wachsen. Er steht uns bei, um in krisenhaften Zeiten nicht zu verzweifeln. Das fordert gerade heute Mut, „gegen den Strom zu schwimmen“. Der Gegenwind, der uns als Kirche entgegenbläst, wird stärker. Die Ursachen sind vielfältig. Selbstkritisch kann man anmerken: Der Glaube mag bisweilen einen auch an Gottes Bodenpersonal verzweifeln lassen. Die gegenwärtige Zeit braucht deshalb mehr denn je Menschen, die als Zeugen erlebt werden, die glaubwürdig sind. Seien Sie glaubwürdige Christen, die Wegweiser in verworrenen Zeiten sind!

Glaube ist also kein Automatismus, schon gar kein „Wünsch-Dir-was-Konzert“. Es ist die Einladung an jede und jeden von uns zu einem persönlichen, innigen Glauben, der zur Entscheidung ruft. Wer im Vertrauen auf Jesus Christus seinen Lebensweg geht, wird den „Mehr-Wert“ des Glaubens erfahren: durch die stärkende Begegnung mit anderen Menschen, durch die Überwindung von Angst und Einsamkeit, in der Kraft wieder aufzustehen, im Durchtragen bzw. in der Heilung körperlicher oder seelischer Erkrankung…

Christlicher Glaube vollzieht sich nicht im luftleeren Raum, isoliert im stillen Kämmerlein. Glaube will sich mitteilen, er will gefeiert werden. Er ist immer rückgebunden an die Gemeinschaft der Glaubenden, die Kirche. Im Vollzug des Glaubens geht es auch um ein Fühlen mit der Kirche. Aus dem Glauben erwächst Verantwortung füreinander und für die Welt. In uns klingen noch die mahnenden Worte des Apostel Paulus an die Korinther aus der Lesung nach, sich im gegenseitigen „Liebeswerk“ mit reichlich Spenden zu beteiligen und so für einen Ausgleich zu sorgen (vgl. 2 Kor 8,7.13). Übersetzt ins Heute heißt das: Es geht darum Sorge zu tragen, dass ein gutes Leben nicht nur für wenige Privilegierte, sondern für alle möglich wird.

Glaube hat also immer auch eine sozial-caritative Komponente. Lassen wir den Worten Taten folgen! Für mich war es ein starkes Signal, dass während der Hochwasserkatastrophe vor rund vier Wochen, als große Teile des Bistums überflutet waren, alle selbstverständlich zusammengeholfen haben – ein Hoffnungszeichen in einer zunehmend individualisierten und zersplitterten Gesellschaft, in der die politischen Gräben tiefer werden. Aus Gesprächen und Besuchen vor Ort weiß ich: Kirche war präsent und bleibt auch vor Ort bei den Menschen – auch über das große Aufräumen hinaus. Mit Soforthilfen konnte die Kirche den vom Hochwasser Betroffenen auch finanziell helfen.

Wir feiern den Abschluss der Renovierung Ihrer Pfarrkirche St. Ulrich und Afra. Ein passenderes Datum so kurz vor dem Ende des Ulrichsjubiläums und so nah am Fest unseres Bistumspatrons am 4. Juli hätte es dafür nicht geben können. Es stecken unglaublich viel Zeit und Mühe, Nerven und Kreativität, nicht zuletzt auch ein erheblicher finanzieller Aufwand in der erfolgreichen Instandsetzung dieser fast 300-jährigen herrlichen Barockkirche. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Sie dürfen stolz sein auf diese Gemeinschaftsleistung!

Danke allen, die mitgeholfen haben, dass diese Kirche den nachfolgenden Generationen erhalten bleibt: Ein herzliches „Vergelts Gott!“ allen planenden und ausführenden Firmen und dem Kirchenpfleger Herrn Josef Leopold sowie der politischen Gemeinde, der Bayerischen Landesstiftung, den örtlichen Vereinen und den vielen Privatpersonen für die großartige finanzielle Unterstützung! Ich werte es als klares Statement, wenn die Gemeinde Todtenweis Geld gerade für die Sanierung des Turmes zugeschossen hat: In neuem Glanz strahlt er weit über den Ort hinaus und in die Landschaft hinein. Wie ein erhobener Zeigefinger weist er gen‘ Himmel. So will er den Bürgerinnen und Bürgern sagen: Schaut her, eure wahre Heimat ist im Himmel! Er ist das Ziel unserer irdischen Pilgerschaft. Und die Kirche bietet Orientierung, um in den Himmel zu kommen.

Als Gemeinde, als Pfarreiengemeinschaft Aindling haben Sie gespürt: Glaube braucht einen Kristallisationspunkt, an dem er sich bündeln und entfalten kann - einen Ort, an dem ich mich in Gottes Hand geborgen weiß. Sonst hätten Sie nicht so viel Energie aufgewendet, um Ihre Pfarrkirche so schmuck wiederherzurichten. Damit zeigen Sie: Die Kirche soll im Dorf bleiben.

Liebe Todtenweiser, liebe Festgemeinde! Herzliche Gratulation zum Abschluss der Sanierungsarbeiten! Wie Sie gemeinsam die Renovierung des Kirchenbaus geschultert haben, so achten Sie bitte aufeinander! Halten Sie zusammen. In unserem Bistums- und Ihrem Pfarrpatron Ulrich haben Sie einen kraftvollen Fürsprecher – folgen Sie seinem Vorbild. Wo Vertrauen und Ermutigung erlebbar sind, kann ein gutes Leben gelingen. Dabei dürfen wir uns bewusst sein, dass Gottes Zusage an Jaïrus auch uns heute gilt: Fürchtet Euch nicht! Glaubt nur!