Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier bei der Vollversammlung des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Augsburg am 18. Juni 2021

Die Synodale Kirche und der Synodale Weg: Geduldig zuhören, auf die Wortwahl achten und mit der Weltkirche gehen

18.06.2021 16:00

Seit 15 Monaten leben wir mit Covid 19. Corona ist gekommen, um zu bleiben. Auch wenn die Zahlen rückläufig sind, selbst wenn die Quote der Geimpften stetig steigt, müssen wir davon ausgehen, dass es auf absehbare Zeit kein „coronafreies Deutschland“ gibt. Was im Herbst sein wird, weiß keiner. Langsam öffnet sich unser Leben wieder. Dafür sind wir alle dankbar. Doch für Entwarnung ist es zu früh. Dennoch dürfen wir uns Gedanken machen darüber, wie unser „Start-up“ als Kirche aussehen wird. 

Vom Diözesanrat erwarte ich mir viel. Denn Sie bilden die vielen Frauen und Männer, jungen und alten Christinnen und Christen ab, die sich von Corona nicht einschüchtern ließen. Mit Kreativität und Phantasie haben Sie alles getan, um das kirchliche Leben aufrechtzuerhalten – unter z.T. schweren Bedingungen, Einsprüchen aus den eigenen Reihen, Auseinandersetzungen um Fragen des Kommunionempfangs, der Maskenplicht und anderes mehr, was nicht den Kern, sondern die Schale unseres Glaubens ausmacht.

Als ich vor knapp zwei Jahren zum Diözesanadministrator gewählt wurde und zunächst auf Zeit unser Bistum leitete, wandte ich mich am 25. Juli 2019 an die mir anvertrauten Gläubigen. Meine Worte von damals sind mehr als ein Echo, sie sind auch heute aktuell: „Dankbar habe ich das Miteinander wahrgenommen, das in unserem Bistum vielerorts herrscht. Doch das Miteinander ist ausbaufähig. Denn es gibt auch Nebeneinander oder gar Gegeneinander. So sollte auch unser Weg in die Zukunft geprägt sein vom Bemühen um Gemeinsamkeit. Andernfalls zerfallen unsere Initiativen und Projekte – mögen sie noch so gut gemeint und professionell gemacht sein - in eine Fülle einzelner Stimmen, die nicht zusammenklingen. Deshalb müssen wir einander Beistand leisten: Beistand im seelsorglichen Tun, Beistand im Leben, Beistand im ehrlichen Austausch und nicht zuletzt Beistand im Gebet. Die Erfahrung, dass niemand im Stich gelassen wird, ist eine Klammer, die unsere Gemeinschaft im Bistum zusammenhält. Im Blick auf die Einheit greife ich gern auf das Sprichwort zurück: „Im Notwendigen herrsche Einmütigkeit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem aber die Liebe.“[1]

Diese Gedanken schlagen die Brücke zu dem, was Papst Franziskus sich als synodale Kirche wünscht. Am 17. Oktober 2015 – anlässlich des 50jährigen Jubiläums der Einrichtung der Bischofssynode – sagte er: „Die Welt, in der wir leben und die in all ihrer Widersprüchlichkeit zu lieben und ihr zu dienen wir berufen sind, verlangt von der Kirche eine Steigerung ihres Zusammenwirkens in allen Bereichen ihrer Sendung. Genau dieser Weg der Synodalität ist das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet. (…) Eine synodale Kirche ist eine Kirche des Zuhörens, in dem Bewusstsein, dass Zuhören ‚mehr ist als Hören‘. Es ist ein wechselseitiges Anhören, bei dem jeder etwas zu lernen hat: das gläubige Volk, das Bischofskollegium, der Bischof von Rom – jeder im Hinhören auf die anderen und alle im Hinhören auf den Heiligen Geist, den ‚Geist der Wahrheit‘ (Joh 14,17), um zu erkennen, was er ‚den Kirchen sagt‘ (vgl. Offb 2,7).“

Daher rate ich zur Tugend der Geduld: Warten wir ab, welche Auswirkungen der Impuls des Papstes hat, der für die ganze Welt wünscht, sich synodal aufzumachen. Im Hinblick auf den Synodalen Weg in Deutschland schlage ich vor, nichts zu überstürzen, sondern uns einzuklinken in den weltweiten synodalen Prozess, der bis 2023 dauern soll. Wir brauchen also nicht noch mehr Tempo machen. Hektik ist kein guter geistlicher Rat. Zudem könnten wir uns auf dem Synodalen Weg noch mehr von den Kirchen unserer Nachbarländer inspirieren lassen. Jedenfalls wäre es vermessen zu meinen: „Am deutschen Wesen soll die Weltkirche genesen.“ Vor allem: Fangen wir bei uns selber an! Praktizieren wir synodale Kirche und hören wir aufeinander, um zu erkennen, was der Geist uns sagt! Ich erneuere meine Bitte: Haben wir keine Angst vor dem Heiligen Geist! Gott ist mit uns. Eine synodale Kirche ist eine Werkstatt des Heiligen Geistes.

Bisher haben wir uns mehr mit dem Innenleben der Kirche beschäftigt. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass wir auch eine Mission nach außen haben. Eine synodale Kirche versteht sich als Zeitgenossin der jeweiligen Gesellschaft. Sie begleitet gesellschaftliche Prozesse wohlwollend und zugleich kritisch. Der am 2. Dezember 2019 verstorbene Fundamentaltheologe Johann Baptist Metz (1928-2019), Hauptautor des Schlussdokumentes „Unsere Hoffnung“ der Würzburger Synode, warnte eindringlich vor einer Privatisierung und Marginalisierung des Religiösen. Mit politischer Leidenschaft und intellektueller Redlichkeit hat er sein Anliegen so umschrieben: „Das Christentum kann immer noch eine Ressource für die plurale und säkulare Gegenwart sein, wenn es nicht auf seine Unversöhnlichkeit mit den Kategorien der Welt verzichtet.“

Auch heute haben wir Christen eine Mission: Ja, wir sind eine – nicht immer angenehme - Mission für die Welt (Papst Franziskus)[2]. Einerseits dürfen wir den Anschluss nicht verlieren, andererseits sollten wir uns nicht anpassen. Es geht sowohl um Anschlussfähigkeit als auch um kritische Zeitgenossenschaft. Als Beispiel, das mir Sorge bereitet, nenne ich dumpfe Töne, die in den politischen Auseinandersetzungen zunehmend um sich greifen und die an die Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts erinnern: Beim Gedenken an einen aus politischen Motiven ermordeten Amtsträger, der sich für Asylsuchende und Flüchtlinge eingesetzt hat, bleiben Abgeordnete im Parlament bewusst sitzen; rassistische Äußerungen und provokante Aktionen wie z.B. gegen das Nürnberger Christkind zielen auf gesellschaftliche Spaltung.

Eine synodale Kirche, die sich mit der breiten Zivilgesellschaft gemeinsam auf dem Weg weiß, wird mit Aufmerksamkeit solche Vorgänge wahrnehmen und im Namen des Evangeliums dazu nicht schweigen. Sie wird als Echo des Wortes, das Fleisch geworden ist (vgl. Joh 1,14), ihre Stimme erheben. Nicht wegducken hilft, sondern sich einmischen, sich solidarisch zeigen mit den ungerecht Verfolgten! Das hat der selige Pater Rupert Mayer, der Apostel Münchens, getan. In weiser Voraussicht hat er – als dunkle Wolken auf dem politischen Himmel aufzogen – Parteiversammlungen besucht; er hat gut zugehört und – wenn nötig – mutig das Wort ergriffen. Und auch Dietrich Bonhoeffer; als junger Theologe redete er seiner Kirche ins Gewissen: „Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde zugehören.“[3]

Ohne Zweifel brauchen wir als Kirche insgesamt und als einzelne Christen wieder mehr Profil. Wir sollten erkennbar und selbstbewusst auftreten, „al dente“ sein, wie es im Italienischen heißt: als Christen „mit Biss“, aber nicht verbissen, sondern als solche, die in Freiheit Verantwortung übernehmen und sich dem öffentlichen Diskurs stellen, wo immer es erforderlich ist. Als Christen leben wir nicht nur für uns selbst oder für den engsten Familien- und Freundeskreis. Wir dürfen und sollen etwas wagen, denn Gott ist mit uns, er nimmt seine Verheißung nicht zurück!

Auf unseren eigenenUmgang mit Worten achten: Das wäre für die Zukunft ein guter Vorsatz – bei den innerkirchlichen Diskussionen, im Dialog mit den Politikern auch im Wahlkampf, als Reaktion auf Entwicklungen in unserem Land – und in privaten Gesprächen. Die Radikalisierung der Sprache macht mir große Sorgen. Wir dürfen uns nicht einigeln in unsere „Blase“! Sprechen wir einander weder den guten Willen noch den rechten Glauben ab! Deshalb plädiere ich für eine Abrüstung der Worte. Begeisterung für eine Überzeugung tut gut, aber in Maßen; sonst enden wir – auch religiös in Fanatismus und Extremismus: mit der Konsequenz, in Wagenburgen oder Schützengräben zu landen. Bleiben wir also offen für andere Meinungen! Lassen Sie mich diese Überlegungen in eine Form gießen, die aus der rabbinischen Weisheitsliteratur stammt:

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter.

Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal.“

Über unserem gemeinsamen Weg waltet kein willkürliches Schicksal. Es ist der Herr selbst, der mit uns geht: Immanuel, Gott mit uns. Es gibt Worte, die eine Klammer bilden zwischen Altem und Neuem Bund. Was am Anfang des Matthäus-Evangeliums aus Jesaja zitiert wird, greift das Schlusswort wieder auf: „Siehe, ich bin mit (!) euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ (Mt 28,20) Mit Immanuel an der Seite dürfen wir die Zukunft wagen – über die Pandemie hinaus. Liebe Mitglieder des Diözesanrats, ich baue auf Euch!

[1] Vgl. lateinisch: In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas. Die Sentenz stammt nicht – wie lange angenommen – vom hl. Augustinus, sondern geht zurück auf das Hauptwerk De Republica Ecclesiastica von Marco Antonio de Dominis, London  1617, S. 676.

[2] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium (2013), Nr. 273.

[3] Lic. Dietrich Bonhoeffer, Die Kirche vor der Judenfrage (1933, S. 236). aufgerufen unter : https://de.evangelischer-widerstand.de/html/view.php?type=dokument&id=225 (12.12.2019)