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Predigt von Bischof Bertram anlässlich der Glockenweihe in St. Remigius, Raisting

„Die Wirkkraft des Wortes Gottes in gewaltig“

11.07.2026 17:30

Lieber Mitbruder Martin Bestele, liebe Schwestern und Brüder in Christus! Ein entscheidendes Wort steht am Ende des heutigen Evangeliums: „Höre!“ Dass die Jünger bereit werden, auf Gottes Wort zu hören, ist das zentrale Anliegen, das Jesus mit diesem Gleichnis vom Sämann transportieren möchte. Liebe Gläubige der Pfarreiengemeinschaft Pähl – Raisting – Wielenbach, liebe Ortsgemeinde, ich danke Ihnen, dass Sie auf einen Aufruf, der vor einigen Monaten an Sie erging, gehört haben als klar wurde, dass die Pfarrkirche der Sanierung bedarf. Danke an alle, die neben den Zuschüssen, die von Staat und Kirche kommen, dazu beigetragen haben, dass die Kirche die Mitte ihres Dorfes bleibt und die Glocken auch in Zukunft in den Straßen von Raisting zu hören sind.

Ton cis/des 2, 72 cm, 230 kg – was für Außenstehende willkürlich daherkommt, ist für Sie von spezifischer Bedeutung. Schließlich war ein ganzer Bus anwesend, als die Glocke hl. Remigius vor wenigen Wochen in Innsbruck gegossen wurde. Nun gesellt sie sich zu jenen Glocken, die aus der einstigen Füssener Kirche Zu den Acht Seligkeiten stammen. Zusammen ergeben sie eine neue unverwechselbare Symphonie. Und jeder vor Ort weiß – so klingt St. Remigius.

Doch wofür steht dieser Klang? Kirchenglocken sind weit mehr als öffentliche Uhren, die durch die Glockenschläge die Zeit angeben. Im Mittelpunkt der heutigen Sonntagslesungen steht die Rede von Gottes Wort. Daraufhin nämlich sollen die Jünger und auch wir unsere Ohren spitzen. In drei Punkten möchte darauf eingehen, wie das gelingt und welche Rolle unsere Kirchenglocken dabei einnehmen können.

 

1. Gottes Wort vernehmen

Spielen die Glocken eine bestimmte Abfolge, so kann ein Außenstehender beobachten, wie Dorfbewohner aus allen Richtungen auf die Pfarrkirche zugehen. Sie rufen uns zusammen, um Gottes Wort zu hören und an seinen Tisch zu kommen. Nun meint aber dieses Hören weniger eine akustische Wahrnehmung als vielmehr einen inneren Vorgang. Gott klopft in erster Linie nicht an unserem Trommelfell an, sondern an unserer Herzenstür. Wenn Sie im Gottesdienst sein Wort aus der Bibel hören, so wäre es zu viel verlangt, dass Sie alles behalten und begreifen, was vorgetragen wird. Aber welches Wort, welcher Gedanke rührt Sie heute an? Nehmen Sie nur einen Satz aus jedem Gottesdienst in die Woche mit, um weiter darüber nachzudenken und das eigene Tun daran auszurichten. So kann Gottes Wort in ihrem Alltag wirksam werden.

Gott spricht nicht nur durch biblische Verse zu uns, sondern auch durch Ereignisse, Begegnungen und die Schönheit der Schöpfung. Woran erkennen wir seine Stimme? Ist sie so unverwechselbar wie ein Kirchengeläut? Im Johannesevangelium verwendet Jesus das Bild von Schafen und ihrem Hirten. Schafe folgen nur der Stimme ihres Hirten, andere Menschen interessieren sie schlichtweg nicht. Das hat sich die letzten 2000 Jahre nicht verändert. Dennoch ist es in unserer lauten Welt alles andere als selbstverständlich, die oft leisen Töne Gottes zu vernehmen. Vielleicht müssen Sie sich in den kommenden Wochen auch erst einmal an den veränderten Klang der neu eingesetzten Glocken gewöhnen. Mit der Stimme Gottes ist es ähnlich. Wir müssen uns damit auseinandersetzen; es braucht Übung, damit wir sie aus den vielen Stimmen des Alltags heraushören. Das Lesen der Hl. Schrift, die Sakramente und der Reichtum christlicher Spiritualität helfen uns auf dem Weg der Gotteserkenntnis und der Reifung unseres Gewissens. Ja, wir müssen Gott einen guten Boden bereiten wollen, darum geht es im zweiten Punkt.

  

2. Sich Gottes Wort zu eigen machen

Wahrnehmen, was Gott mir sagen will, das ist das Erste. Hinzu tritt eine zweite Herausforderung. „Es bewirkt, was ich will“ (vgl. Jes 55,11) heißt es in der ersten Lesung. Das klingt so einfach – wie der Regen auf die Erde trifft, um seine Wirkung zu entfalten, so verhält es sich auch mit Gottes Wort. Doch das heutige Evangelium lehrt uns etwas Anderes - etwas, was unserer Lebens-realität entspricht: Zwischen Gottes Wort und seiner Wirkung liegt eine bedeutsame Instanz: das menschliche Herz, manchmal vielleicht auch der berühmte „bayrische Sturkopf“.

Liebe Schwestern und Brüder, wir sind hier auf dem Land, daher ist uns dieses Gleichnis nicht fern. Selbst wer kein Landwirt ist, begreift: Das beste Saatgut nutzt nichts, wenn Erdreich und Klima nicht mitspielen. Und Gottes Wort ist das beste Saatgut, das wir erwerben können. Menschen aller Generationen haben erfahren, dass ihnen dieses Wort Orientierung schenkt und dass es sie am Leben hält. Die Psalmen singen mehr als ein Lied davon. Daher lohnt es sich, wenn wir uns den folgenden Fragen stellen: Wie steht es um die Bodenbeschaffenheit meines Herzens? Bin ich bereit, das Wort Gottes aufzu-nehmen, es mir zu eigen zu machen? Atme ich regelmäßig Kirchenluft – nicht Kirchenmief, den gibt es auch! Aber beschäftige ich mich mit meinem Glauben? Oder lass ich das Wort Gottes im Trubel des Alltags ersticken oder gar an mir abprallen wie einen Samen am steinernen Felsen?

Die Wirkkraft von Gottes Worten ist gewaltig. In der Schöpfungsgeschichte ruft Gott Meere, Pflanzen, Tiere und den Menschen aus dem Nichts in die Existenz. Hätte uns Gott als Marionetten erschaffen, würden wir jeden Impuls, der von ihm kommt, ohne Umschweife umsetzen. Aber die menschliche Willensfreiheit setzt der unmittelbaren Wirkkraft seines Wortes eine Grenze. Weil Liebe Freiheit braucht, hat Gott sich in eine gewisse Abhängigkeit begeben. Gott fragt nach Zustimmung und braucht unser Mittun, damit sein Wort auf der Erde Wirkung zeigt. Damit sind wir beim letzten Punkt unseres Dreischritts.

  

3. Gottes Wort verkünden

Auch das wird im Gleichnis vom Sämann deutlich: Wir, die Kirche, Priester wie Gläubige, sind beauftragt, sein Wort in die Welt zu tragen. Wir verlängern den Klang der Glocken in eine Gesellschaft hinein, die nicht auf den Ruf dieser Glocken reagiert. Wir sind bestellt, um Saatkörner des Guten auszustreuen in einer Welt, die immer noch in Geburtswehen liegt (Röm 8,22). Damit spricht Paulus im Römerbrief die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen an: die grundsätzliche Verfasstheit des Menschen, der nach Glück strebt und sich in einer unvollkommenen Welt vorfindet.

Diese Geburtswehen, das ist das Stöhnen all derer, die in Sklaverei leben, die Gewalt und Unrecht erfahren und ohnmächtig spüren, dass ihre Lebensbe-dingungen nicht ihrer Würde entsprechen. Es ist die Unruhe des Menschen, der von Gewinnmaximierung getrieben und von Technik vereinnahmt wird und darin doch keine Erfüllung findet. Es ist die verborgene Sehnsucht nach einem Frieden im Herzen, wie ihn nur Gott geben kann – eine Sehnsucht, die nicht wenige durch rastlosen Konsum zu stillen versuchen. Klage, Unruhe, Verdrängung – es sind verschleierte Formen moderner Gottsuche. Auch wir Christen sind davon betroffen. Und doch liegt es an uns, einen Unterschied zu machen. Uns ist das Handwerkszeug gegeben, um die Spuren Gottes in unserm eigenen Leben zu entdecken. Uns ist sein Geist gegeben! Uns sind Geschwister im Glauben gegeben.

Gemeinsam sind wir von Gott in diese komplex gewordene Welt gestellt, um die Sprache zu entziffern, mit denen unsere Nächsten heute nach Gott fragen. Es liegt an uns, Worte, Ton und Takt zu finden, die der leidende, der geschäf-tige und der abhängige Mensch verstehen kann, damit die Frohe Botschaft ihn erreicht. Darin sind wir alle Lernende. Und doch sind wir zuversichtlich, denn wir kennen den Meister! Jesus Christus - von ihm geht unsere Sendung aus und die dürfen wir selbstbewusst wahrnehmen. Er verheißt denen, die dem Klang seiner Stimme folgen (vgl. Joh 10), hundertfache Frucht. Und auf sein Wort ist Verlass!

Liebe Schwestern und Brüder, drei Punkte sind es, woran uns die Glocken erinnern – ich will es noch einmal kurz zusammenfassen: Dem Wort Gehör schenken, es sich zu Eigen machen und die Frohe Botschaft ins Heute übersetzen. Bitten wir Gott am heutigen Tag darum, dass der Klang der Kirchenglocken nicht nur unsere Ohren, sondern auch unser Herz erreiche. Machen wir uns auf, Gottes Wort so zu hören, dass es nicht leer zu ihm zurückkehrt, sondern reiche Frucht daraus hervorgeht.

Schriftlesungen vom 15. So. i. J.; Evangelium als Kurzfassung (Mt 13,1-9)