Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am 25.4.2021 in St. Martin Kaufbeuren (20 Jahre nach der Heiligsprechung)

Die heilige Crescentia – eine Frau voll Heiligen Geistes

25.04.2021 12:00

Strahlen haben es in sich. Das Wort sitzt uns in den Knochen. Reaktor-schock und Viruspandemie. Jeder weiß, was das heißt. Es gibt Strahlen, die tödlich sind. Man sieht sie nicht, sie liegen in der Luft. Sie gehen durch Mark und Bein. Strahlen: Das Wort kann uns Schrecken einjagen. Doch es vermag auch Begeisterung zu wecken.

Jeder von uns kennt Menschen, von denen etwas ausgeht, die strahlen. An solchen Menschen mögen wir uns reiben, doch schwer können wir uns ihnen entziehen. Menschen mit Ausstrahlung sind magnetisch. Ob positiv oder negativ, sie ziehen uns in Bann.

Jesus hat ausgestrahlt. Seine Strahlkraft ist da bis heute. Er hat nicht nur etwas ausgestrahlt wie prickelnde Jugend, anziehende Schönheit, zupackende Kraft oder souveräne Sicherheit. Jesu Gesicht ist Widerschein des „göttlichen Glanzes“ (2 Kor 4,6). Jesus hat Gott ausgestrahlt; er hat ihn ungebrochen reflektiert, klar und rein. Doch er war kein „Strahlemann“ nach dem Motto: „immer nur lächeln“. Denn Jesus ist kein Siegfried-Typ. Er hat sich dem Leiden gestellt. Ausdruck seiner Leidenschaft: seine Passion. Durch seine Wunden sind wir geheilt. Auch als Auferstandener zeigt er seine Wunden. Christus strahlt durch die tödlichen Wunden am Kreuz. Gerade durch Leiden und Sterben hindurch gewinnt er an Ostern neues Leben: die Kraft einer Ausstrahlung, die Männer und Frauen bis heute in Bann zieht. Es ist sein Heiliger Geist, den der Auferstandene ausstrahlt und mit dem er uns zum Leuchten bringen will.

Die Strahlkraft des Auferstandenen hat auch im Allgäu Wirkung gezeigt! Kaufbeuren darf sich glücklich schätzen, dass im Herzen dieser Stadt die Wiege einer Heiligen steht. Schon als Mädchen hat sich Anna Höß von Jesus in Bann ziehen lassen. Als sie sich einmal mit ihrer Mutter im Kloster aufhielt und vor einem Kruzifix betete, hörte sie eine Stimme zu ihr sagen: „An diesem Ort soll deine Wohnung sein“. Beim Kreuz Wohnung nehmen: Unter diesem Vorzeichen sollte das Leben der späteren Schwester Crescentia stehen. So wird die heilige Ordensfrau oft mit einem Kreuz in der Hand dargestellt. Das trifft den Nagel auf den Kopf. „Das heilige Kreuz“, sagte sie einmal, „muss unser Hauptbuch sein. In diesem Buch wird alle Vollkommenheit gelehrt“. Und in einem Gebet ruft sie Jesus mit folgenden Worten an: „Dein ganzes Leben war nichts als Kreuze, die dir zuteilwurden. Ich will dir nachfolgen auf dem Kreuzespfad“.

Dieser Gedanke umschreibt jedoch nur einen Teil der heiligen Crescentia. Um ihre ganze Lebensbotschaft auszuleuchten, lohnt sich ein Blick auf die ersten Gedenkbildchen, die nach dem Tod der Ordensfrau verbreitet wurden. Darauf ist Crescentia mit dem Heiligen Geist dargestellt. Er schwebt über ihr in Gestalt eines jungen Menschen. Von dessen Körper und Kopf gehen Strahlen aus, in deren Krone sieben Flammen leuchten als Hinweis auf die sieben Gaben, die Gottes Geist ausspendet. Diese Art der Darstellung entspricht der Weise, wie Crescentia in ihren Visionen die dritte göttliche Person immer wieder schauen durfte. Der Heilige Geist ist jung, er bringt Schwung. Er ist nicht konservativ, sondern innovativ. Haben wir keine Angst vor dem Heiligen Geist!

Zu unserer Heiligen gehört also nicht nur das Kreuz, sondern ebenso der Heilige Geist. Er war für sie eine Art Rettungsanker. Bei Sticheleien, die nicht selten aus den eigenen Reihen kamen, und in Schikanen, die ihr von der Oberin und den Mitschwestern besonders schmerzlich auferlegt wurden, nahm sie Zuflucht beim „Veni Creator Spiritus“: Komm, Schöpfer Geist.

Obwohl sich die Heilige stets gut überlegte, was sie im Umgang mit den Mitmenschen reden sollte, kam es vor, dass sie weit mehr oder ganz anderes sagte, als sie es sich ausgedacht hatte. „In den geistlichen Lehrstunden, die sie (als Novizenmeisterin) mit uns hielt“, bezeugt eine Mitschwester, „sprach sie zwei, drei, ja noch mehr Stunden von Gott und göttlichen Dingen. Oft sagten wir voll Erstaunen: Es redet Crescentia nicht wie ein Mensch, der Heilige Geist spricht durch ihren Mund. Vorher rief sie kniend den Heiligen Geist an: ‚Rede du, Herr, denn deine Dienerinnen hören, und mache, dass alle Worte, die dein armes Geschöpf Crescentia ausspricht, lauter feurige Kohlen seien, die die Herzen dieser meiner lieben Schwestern mit deiner Liebe entzünden’“.

Diese Worte dienen nicht nur als Erinnerung an eine Ordensfrau aus der sog. „guten, alten Zeit“; wir selbst machen uns ihr Gebet zu eigen: „Komm Heiliger Geist, entzünde in uns das Feuer deiner Liebe“. So öffnet sich das Geheimnis der Ausstrahlung. Die Strahlen, die tödlich sind, überfallen uns aus dem Hinterhalt – entfesselte Materie, die dem Menschen aus der Hand gleitet und sich gegen ihn wendet, gesichtslos, anonym. Auch ein Virus hat eine solche gemeine Ausstrahlung: Es ist ansteckend. Ganz anders verhält es sich mit den Strahlen des Auferstandenen: Der Heilige Geist überfällt uns nicht von hinten; er verlockt und umwirbt uns mit seinem Charme, bis er uns zu Herzen geht und seine Charismen in uns legt. „Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht ausstrahlen, er ist in unseren Herzen aufgestrahlt, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis des göttlichen Glanzes auf dem Angesicht Christi“ (2 Kor 4,6). Es sind Strahlen, die aus der Quelle der Energie kommen, aus Gott selbst. Sie sind es, die das wahre „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) schenken.

Die göttlichen Strahlen widerspiegeln, damit sie andere erfassen: Die heilige Crescentia steht dafür Modell. Es ist unsere Berufung: „die Herrlichkeit des Herrn“ widerspiegeln, wie ein Reflektor Strahlen auffängt und reflektiert. Sind wir uns dieser Berufung wirklich bewusst? Was oder wen strahlen wir aus?

         

Was strahlt unsere Gesellschaft aus?

Unlängst war zu lesen, dass der Gesetzentwurf zum assistierten Suizid die ersten politischen Hürden genommen habe. Wer von uns hat diesen Schritt eigentlich registriert? Ich meine, dass er aufgesogen wurde vom Strudel der Corona-Nachrichten, die derzeit alles andere überspülen. Doch der assistierte Suizid betrifft eine Frage, bei der es nicht nur ums Leben, sondern ans Leben geht. Kann man im Galopp zu einer echten Unterscheidung der Geister finden? Sind unsere Politiker von allen guten Geistern verlassen, wenn sie beim Leben Kompromisse zulassen? In der Pandemie wird alles getan, um Leben zu schützen, doch wir verteidigen das Leben nicht, wo es auf der Kippe steht: im Mutterleib und am Ende, wenn sich der Mensch nicht mehr artikulieren kann. Wenn die Organisation „Dignitas“ auf Parkplätzen dem Sterben nachhilft, dann entspricht das nicht der Dignitas, der Würde des Menschen. Es ist unter seiner Würde, sich selbst das Leben zu nehmen. Das Leben haben wir uns nicht selbst gegeben, so dürfen wir es uns auch selbst nicht nehmen. Wer hilft, wenn einer es sich nehmen will, setzt kein Zeichen der Humanität. Im Gegenteil: Er handelt unmenschlich, unchristlich. Denn uns steht es nicht zu, über das Recht auf Leben zu befinden. Die Geschichte unseres Volkes sollte uns Mahnung sein.

Hören wir, wie Papst Johannes Paul II. am 25. November 2001 Schwester Crescentia als Heilige würdigte: als „begehrte Ratgeberin. An der Klosterpforte drängten sich die Besucher. neben ganz einfachen Männern und Frauen auch Fürsten und Kaiserinnen, Priester und Ordensleute, Äbte und Bischöfe. So wurde sie zu einer Art ‚Hebamme‘, um in den Herzen der Ratsuchenden die Wahrheit entbinden zu helfen.“ Wenn doch heute die Verantwortlichen in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft auf solche Ratgeber und Begleiter zurückgreifen könnten und auch offen dafür wären!

         

Was strahlt unsere Kirche, unsere Gemeinde, unser Kloster aus?

Wer unsere Kalender studiert, kann über mangelnde Aktivitäten nicht klagen. Vieles bieten wir an, auch in Corona-Zeiten. Was präsentisch nicht geht, probieren wir digital. Die Folge ist ständige Betriebsamkeit. Wir sind sogar im Betrieb, um andere zur Besinnung zu bringen. Doch was richten wir wirklich aus? Wer die Modelle des modernen Managements direkt auf die Kirche übertragen will, gerät schnell unter den Druck der Effektivität. Wenn Seelsorge zum Betrieb wird, dann opfern wir auf Dauer unser geistliches Leben auf dem Altar der menschlichen Organisation. Selbst der Heilige Geist, der weht, wann und wo er will, tut sich schwer. Nichts als „Volldampf im Leerlauf“ strahlt eine solche Kirche aus. Diese Gefahr lauert auch im Ordinariat und, davon abgeleitet, in den Pfarrbüros: wir sind beschäftigt mit Anweisungen, Rechtsvorschriften und Schutzkonzepten. Kommt der Heilige Geist noch durch? Gott bewahre und davor! Bekanntlich stirbt die Verwaltung zuletzt. Eine reine „Apparate-Kirche“ bringt uns nicht nach vorn. Nicht Maschinen, sondern Menschen – vom Geist erfüllt – erneuern die Kirche. Wir dürfen uns nicht selbst in einen pastoralen Dauer-Lock-Down kicken. Das betrifft auch mich: Ich bin nicht mehr Diözesanadministrator (Verwalter), ich will als Bischof wirken: nah bei den Menschen Hirte und Seelsorger sein, das Evangelium anbieten. Da lasse ich auch in Augsburg nicht locker. Hoffentlich fehlt es mir an Verbündeten nicht!

 

Was strahlen Sie aus, liebe Franziskanerinnen „zum Maierhof“?

Sie dürfen sich glücklich schätzen, eine Heilige zu Ihrer Familie zählen zu dürfen. Eine Heilige in der Familie haben, das verpflichtet. Ich bin sicher, dass Sie, liebe Schwestern, „Ihre“ heilige Crescentia nicht nur auf den Sockel heben, sondern in Ihre Mitte stellen und bei Ihnen auch heute mitleben lassen.

Das liegt auch nahe: Ihre zur Ehre der Altäre erhobene Mitschwester hatte ja kein leichtes Klosterleben. Der Konvent der späteren Heiligen begegnete ihr nicht immer als heilige Gemeinschaft. Erneut will ich Papst Johannes Paul II. zu Wort kommen lassen: „Der Heiligen blieb (auch im Kloster) das Leiden nicht erspart. ‚Mobbing‘ gab es schon zu ihrer Zeit. Die Schikanen in der eigenen Gemeinschaft ertrug sie, ohne an ihrer Berufung zu zweifeln.“ (25.11.2001) Trotzdem ließ sich Crescentia in ihren Idealen nicht beirren. Das Vertrauen auf den Heiligen Geist war ihre Quelle. Aus der Kraft des Heiligen Geistes strahlt sie bis heute. Ich weiß, dass sinkende Zahlen und düstere Zukunftsprognosen auch uns geistliche Menschen manchmal mutlos machen können. Doch wir werden wieder mehr ausstrahlen, wenn wir uns nicht nur selbst bespiegeln als Nachlaßverwalter einer verklärten Vergangenheit, sondern uns mehr begreifen als Wegbereiter einer Zukunft, in die der Herr uns führen will - auch Sie, liebe Franziskanerinnen vom Crescentiakloster!

Im Hinblick auf nötige Schritte ins Morgen lege ich Ihnen einen Gruß ans Herz, den sich die Christen am Anfang der Kirche gern zugesprochen haben: „Ambula in Spiritu Sancto“. Wandle im Heiligen Geist. Mit diesem guten Wunsch könnten auch Sie sich als Schwestern begegnen. „Wandle im Heiligen Geist“, damit wir gemeinsam unseren Weg finden und gehen.

Wir alle, gerade die gebeutelte Kirche in Deutschland, suchen nach einem sinnvollen Weg in die Zukunft. Weil ich auf den Heiligen Geistes setze, ist es mir nicht bang.

„Komm, Heiliger Geist, entzünde in uns das Feuer deiner Liebe“, damit wir strahlen aus deiner Kraft. Entzünde in uns das Feuer deiner Liebe, das die Langeweile tötet und den Betrieb entlarvt. Lass in Flammen aufgehen, was leeres Stroh geworden ist, im Guten verhärtet, verholzt; die Berge von Papier, die wir in der Kirche produzieren, und die vielen Satzungen, die uns am Leben hindern. Entfache das Feuer in uns neu, damit wir andere damit anstecken.

Die heilige Crescentia zeigt uns: Leicht ist es nicht – und auch nicht ganz ungefährlich. Man kann sich dabei die Finger verbrennen oder gar die Zunge. Heilige Crescentia, du Frau voll Heiligen Geistes, bitte für uns.