Predigt von Bischof Bertram zum 100. Geburtstag des Caritasverbandes am 19. November 2021 im Dom

Die hl. Elisabeth: „eine starke Frau der Kirche“

19.11.2021 10:00

Deus caritas est. Gott ist die Liebe. Das ist der Kern der christlichen Botschaft. Die vielen Geschichten, die in den Schriften des Neuen Testamentes enthalten sind, kreisen immer wieder um die eine Mitte: Gott ist der große Liebhaber des Menschen. Das Heilsdrama um die menschliche Schuld und die Vergebung Gottes deutet letztlich den Willen Gottes, „Mitliebende“ zu haben. Deshalb ist jeder menschliche Lebensentwurf, der den Namen „christlich“ verdient, eine Antwort auf Gottes Liebesofferte, eine existentielle Antwort des Loslassens und der Hingabe in ein Geheimnis hinein, das einmal unser ganzes Glück sein soll: geliebt zu werden ohne Ende und ohne Maß. Denn Gott ist die Liebe. Ich kenne Heilige, die lebendige Kommentare dafür sind. Einer davon ist die hl. Elisabeth von Thüringen. Gott ist die Liebe. Dieser Gedanke hat ihr Leben erfüllt. Zugleich sind Heilige nicht vor Missverständnissen gefeit, die sich um ihr Leben ranken. Einige dieser Missverständnisse möchte ich benennen und korrigieren.

Erstes Missverständnis:Heilige sind lieb und nett, denken wir, und sie tun gute Werke, aber niemandem tun sie weh. Stimmt das wirklich? Hören wir einen Hofbeamten von der Wartburg. „Meine Damen und Herren! In diesem Saal fand gestern Abend ein Galaessen statt. Es kam zum Eklat. Als Speisen und Getränke aufgetragen wurden, fragte die Landgräfin Elisabeth laut und vernehmlich, woher die Speisen kämen. Die Unterhaltung verstummte. Der Diener zögerte mit der Antwort. Sie ließ nicht locker. Schließlich musste er zugeben: Das meiste war durch Raub und Plünderung von den Armen erpresst. ‚Nun’, entgegnete die Gräfin, ‚dann werde ich heute weder essen noch trinken. Denn Raub, Plünderung und Erpressung sind die Ursachen für Armut in unserem Land.’ Elisabeth, die Landgräfin im Hungerstreik. Die Stimmung war dahin.“

Dieses Beispiel zeigt, dass Elisabeth eine Heilige ist, die nicht nur ein paar gute Werke tut. An ihrem Leben können wir ablesen, was im 1. Johannesbrief steht: „Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit“ (3,18). Es geht um Wahrhaftigkeit. Wahrhaftig ist einer, dessen Handeln und dessen Gesinnung übereinstimmen. Hier geht es um Glaubwürdigkeit, um Stimmigkeit.

Das Problem mangelnder Glaubwürdigkeit hat auch die hl. Elisabeth gespürt. Sie fragt nach den Ursachen von Armut und Not. Und sie eckt damit an. Elisabeth möchte auch bei uns anecken. Wie steht es bei uns mit der Glaubwürdigkeit, mit der Wahrhaftigkeit, mit der Ehrlichkeit? An schönen Worten fehlt es uns nicht, aber an guten Taten. Wo werden bei uns Menschen ausgenützt, ausgepresst, gemobbt? Mobbing macht auch vor den Türen von Kirchen und Klöstern nicht halt. Auch in einer Diözese gibt es dieses Phänomen. Ob da der Caritasverband eine rühmliche Ausnahme ist? Die Antwort überlasse ich Ihnen. Wenn dieser festliche Tag ein unpassender Anlass für diese Frage ist, bitte ich, mir diesen Fauxpas nicht übel zu nehmen. Doch wir müssen im Alltag ehrlich bleiben: Die viel beschworene Rede von der Dienstgemeinschaft darf keine Floskel sein - keine Hülse ohne Inhalt.

 

Zweites Missverständnis: Heilige sind bedürfnislos, haben keine Ansprüche, wenn es um menschliche Nähe geht. In ihrem persönlichen Leben kommen sie ohne Gefühle aus. Eine Legende um die hl. Elisabeth scheint dieses Bild zu bestätigen: Einmal nahm die Landgräfin einen Aussätzigen auf, wusch und pflegte ihn und legte ihn dann ins Ehebett, das sie eigentlich mit ihrem Mann teilte. Als dies dem Landgrafen zu Ohren kam, eilte er, um sich von der Ungeheuerlichkeit zu überzeugen. Ein fremder Mann im Ehebett: Da steht nicht nur die Hygiene auf dem Spiel, sondern die Treue, die den Schutz der Intimität braucht. Doch als der Landgraf die Decke des Bettes zurückschlägt, erblickt er statt des erwarteten Aussätzigen den gekreuzigten Jesus.

Sicher gab es damals noch andere Betten auf der Wartburg. Es hätte nicht das Ehebett sein müssen, in das Elisabeth den Aussätzigen legte. Skandal auf der Wartburg, die Gräfin geht fremd und legt sich mit einem Bettler in Bett. Das sind unsere menschlichen Fantasien. Bei Sex und Geld sind wir alle elektrisiert. Das interessiert. Doch wir müssen tiefer gehen. Mit dieser ungewöhnlichen, ja provokativen Handlung wollte Elisabeth ihrem Mann wohl etwas anderes zeigen. Menschlich gedacht könnten wir Elisabeths Verhalten als Statement interpretieren: „Ich setze neue Prioritäten. Mein Einsatz für die Armen ist mir wichtiger, für unsere Ehe bleibt keine Zeit mehr.“ Aber Elisabeth hat ihren Mann heiß und innig geliebt: „Ihren Gatten liebte sie mit der ganzen Glut ihres Herzens“ (Präfation). Es ist belegt, wie intensiv die Beziehung zu ihrem Mann war, wie Elisabeth ihre Sinnlichkeit entwickelte und ihre Körperlichkeit lebte, was manchen – gerade ihrem schillernden, dem Sadomasochismus zuneigenden Beichtvater Konrad von Marburg– befremdlich erschien. Dieser Geistliche – übrigens nahm sein Leben ein jähes Ende: Er wurde vergiftet! – verhielt sich gegenüber der blutjungen Elisabeth übergriffig; die Grenzen zwischen sexuellem und geistlichem Missbrauch waren fließend. Kaum vorstellbar, dass Elisabeth einen Schlussstrich unter ihre tiefe und emotionale Liebe zu ihrem Mann Ludwig ziehen wollte, indem sie das Ehebett mit einem Aussätzigen belegte. Elisabeth war Frau, ganz Frau mit Leib und Seele. Sie stand zu Sinnlichkeit, Leiblichkeit und Geschlechtlichkeit.

So bleibt für das, was sie mit dem Aussätzigen tut, nur die Annahme: Sie will ihrer Ehe eine neue Qualität geben: Liebe ist mehr als Erotik. Liebe ist Agape, Caritas, die den Kreis der Intimität mit einer Person aufsprengt und sich öffnet für viele andere. Mit der Episode vom Aussätzigen legt sie ihr Herzensanliegen offen: die Hilfe für die Armen und Unterdrückten in der damaligen Gesellschaft. Es war ihr zu wenig, dass ihr Mann ihren Einsatz nur tolerierte. Indem Elisabeth den Aussätzigen ins Ehebett legte, wollte sie ihren Mann ins Boot holen für ihr caritatives Engagement: Gott selbst ist Caritas!

Elisabeth wollte ihrem Mann Ludwig damit sagen: „Was ich für die Armen tue, betrifft auch unsere Ehe. Wir lieben uns nicht nur als Mann und Frau, wir wollen den Armen gegenüber Landesvater und -mutter sein. Es ist die Liebe, die uns dazu drängt. Caritas Christi urget nos. Denn was wir einem der geringsten Brüder tun, das tun wir für Jesus Christus, den Gekreuzigten.“

 

Ein drittes Missverständnis: Heilige werden geachtet und verehrt.

Das Gegenteil hat Elisabeth schmerzlich erfahren müssen, nachdem ihr Mann bei einem Kreuzzug ums Leben gekommen war. Ihre Stellung am Hof ist geschwächt. Sie verfügt über keinen Reichtum mehr, ihre Macht hat sich in Ohnmacht gewandelt. Die Rollen sind vertauscht. Die Legende berichtet: Eines Tages begegnete Elisabeth einer alten Frau, die oft Almosen von ihr empfangen hatte. Elisabeth war auf dem Weg zur Kirche und befand sich an einer schmalen Stelle, wo man flache Feldsteine in den Schlamm der Straße gelegt hatte, um das Überqueren der Straße möglich zu machen. Genau an diesem Ort begegnen sich die beiden Frauen. Aber die alte Frau tritt nicht auf die Seite, wie sie es wohl getan hat, als die Landgräfin am Hofe noch hoch im Kurs stand. Stattdessen stößt sie Elisabeth in den Schlamm, so dass diese hinfällt und ihre Kleider vom Kot beschmutzt sind. Elisabeth aber steht gelassen auf - ungeachtet der Leute, die lachend um sie herumstehen, um sich über sie lustig zu machen. Sie wäscht ihr Gewand im öffentlichen Brunnen, heiter und unbefangen.

Vermutlich hat sich für Elisabeth in diesem Moment verdichtet, was sie immer geahnt hat: dass Hilfe demütigt. Die alte Frau hatte wohl keinen schlechten Charakter, aber sie war gedemütigt. Lebenslänglich Almosenempfängerin zu sein, das tut weh und macht klein. So tut es ihr gut, Rache zu nehmen für diese Zeit der Duckmäuserei. Die Ehefrau, Landgräfin und Politikerin Elisabeth hat, als sie Macht und Mittel dazu hatte, ihre Schatzkammern geöffnet und amtliches wie persönliches Geld für die Hungernden eingesetzt. So wurde ihr Leben zu einer lebendigen Illustration dessen, was es heißt, in Wort und Tat zu lieben. Auch unsere Caritas, unsere Nächstenliebe, wird dann wahrhaftig und glaubwürdig, wenn sie Antwort ist auf eine noch viel größere Tat: die Hingabe des Sohnes Gottes für uns Menschen. Durch seine Liebe sind wir gerettet. Oder umgekehrt: Wer nie erlebt hat, geliebt zu sein, tut sich schwer, selbst zu lieben. Denn Liebe setzt Vertrauen voraus.

Das ist mein Wunsch für Sie, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Caritas: Ihr Mitwirken gilt nicht nur einem Verband mit Satzung, Organigramm und Struktur. Freilich muss es das geben, doch wenn das alles ist? Das können weltliche Einrichtungen und Träger mindestens genauso. Bitte zeigen Sie den „Mehrwert“ der Caritas: Sie sind mehr als ein sozialer Träger, sind geben der Liebe Gottes Hand, Fuß und Herz. Danke für Ihr Engagement, das gerade jetzt in der chronisch gewordenen Corona-Pandemie zur Belastungsprobe geworden ist. Mein Wort will keine Durchhalteparole sein, sondern ein Mutmacher. Wenn Sie, liebe Schwestern und Brüder, nah an den Menschen dranbleiben – bei Wahrung der Abstandsregeln, dann ist das mehr als eine menschliche Geste oder eine professionelle Berufstätigkeit. Sie bringen keinen Geringeren als Christus! Das ist ein hoher Auftrag.  

Deus caritas est. Gott ist die Liebe. Ihm dürfen wir vertrauen. Diese Botschaft wollte die hl. Elisabeth den Menschen ihrer Zeit nahebringen. Darum kannte sie beides: den täglichen Gang zu den Kranken ins Spital und das tägliche Nieder-knien vor dem Bild des Gekreuzigten. Beides ist ein und dieselbe Antwort auf erfahrene Liebe, zwei Seiten der einen Medaille: „Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm“ (1 Joh 3,16b).