Die oberste Ehre gebührt Gott, nicht dem Menschen
Lieber Pfarrer Beck, lieber Benjamin, liebe Schwestern und Brüder in Christus, die Inschrift über der hölzernen Eingangstüre an der Westfassade verweist auf den Zweck dieses Gebäudes: Erbaut zur Verehrung des Höchsten – und nennt zugleich den obersten Bauherrn, den bayerischen König Maximilian I. Joseph. Er ist auch Stifter der Kirche, denn die Kosten für ihren Bau trug allein der bayerische Staat. So wurde also vor 200 Jahren diese Kirche nach rund dreijähriger Bauzeit eingeweiht.
Deswegen sind wir heute hier versammelt, um dieses für ihre Pfarrei und die gesamte PG Nördlingen so bedeutende Ereignis miteinander zu feiern. Denn: Von da an hatten die damaligen Katholiken einen ausreichend großen Versammlungsraum für ihre Gottesdienste; die zuvor verwendete Schlosskapelle war zu klein, der Turm durch Blitzeinschläge ein Sanierungsfall. Das alles klingt nach geradezu paradiesischen Zuständen der damaligen kirchlichen Situation - nicht zuletzt, wenn man aus heutiger Sicht die Baulast der Pfarreien im Bistum für die vielen Kirchen und Kapellen betrachtet. Doch der Schein trügt. Blenden wir zurück.
Die Strömung der Aufklärung und die Wirren der Französischen Revolution veränderten die geistig-gesellschaftliche Situation und die kirchliche Ordnung Europas. „Die Vernunft“ wurde über alles gestellt, der Mensch galt als das „Maß aller Dinge“. So führten grundlegende Umbruchsprozesse seit dem Ende des 18. Jahrhunderts zu einer erheblichen Destabilisierung der bis dahin herrschenden Lebenswelt. Zudem prägten die konfessionellen Spannungen zwischen Protestanten und Katholiken das zeitgeschichtliche Klima. Folge: Die Erwartungen des Staates an die Kirche und das kirchliche Selbstverständnis gerieten zueinander in Konflikt. Alles Religiöse sollte verdrängt, der Glaube funktionalisiert werden. Der bayerische Staat sah in der Kirche ein „bloßes Werkzeug“, „Mittel zum Zweck“ der Erziehung und zur moralischen Bewusstseinsbildung der Bevölkerung. Demgegenüber wollte die Kirche ihre Angelegenheiten eigenständig regeln.
Es stimmt: Jede Zeitepoche hat ihre eigenen Herausforderungen, doch stechen mit Blick auf heutige gesellschaftliche Entwicklungen nicht manche Parallele eklatant hervor? Der Kirchenbesucher wird beim Eintreten zurecht daran erinnert: Es geht um die Verehrung Gottes als dem Höchsten und nicht des Menschen, der sich jedoch zunehmend für das Höchste hält. Da berühren wir den springenden Punkt: Mit dem Einsetzen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wächst der Glaube an den Fortschritt von Wissenschaft und Technik. Gott wird vom Thron gestürzt. Im Mittelpunkt steht von nun an der Mensch und sein (Alles-)Können. Dabei übersieht er jedoch, wie er sich zunehmend „selbst verliert“ und sich seiner Lebensgrundlagen beraubt.
Erinnert sei an die damals schlechten Bedingungen der Arbeiter in den Fabriken und Bergwerken. Es ist übrigens der Verdienst der Kirche mit ihrer Soziallehre, die diese unhaltbaren Zustände anprangert. Die zunehmende Technisierung und eine mit ihr einhergehende Globalisierung haben eine – gern verdrängte – Ausbeutung von Mensch und Natur zur Folge, insbesondere in den Ländern des globalen Südens. Nach der industriellen Revolution erleben wir derzeit mit der sogenannten „digitalen Revolution“ eine weitere umstürzende Entwicklung nie gekannten Ausmaßes, dessen Ausgang völlig offen ist. Wer weiß, wo wir beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) hinsteuern? Wie bei allen Dingen gibt es sowohl eine positive wie auch eine negative Seite. Ich bin weder Technikverweigerer noch möchte ich einem bevorstehenden Weltuntergang das Wort reden. Jedoch bedürfen die Entwicklungen einer verantwortungsvollen Begleitung durch einen breiten konstruktiv-kritischen Diskurs über die möglichen Folgen und entsprechende juristische Regelungsmechanismen.
Wo Menschen am Rande der Gesellschaft stehen, ausgebeutet und entrechtet werden, kann die Kirche nicht schweigen. Wo die Gefahr besteht, dass die Würde des Menschen mit Füßen getreten wird, gilt es für sie dem Beispiel Jesu Christi zu folgen. Er stand auf der Seite der Ausgestoßenen, Armen und Kranken. Wie ihm sind uns hierbei Gottes Gebote Richtschnur und Weisung. Davon sprechen die heutigen Lesungstexte. Sie gilt es zu bewahren und zu halten (vgl. Dtn 4,2.6). Doch dabei geht es nicht um ein rein äußerliches und blindes Befolgen wie bei den Pharisäern im Evangelium – ein uns heute befremdlich anmutender Text. Demnach haben die Pharisäer durch ihre Art der Gesetzesdeutung den eigentlichen Kern der Weisungen Gottes ausgehöhlt. Auf diesen kommt Jesus in seiner Erwiderung zu sprechen und macht deutlich, dass nicht die Äußerlichkeiten im rituellen Vollzug unrein machen, sondern die bösen Gedanken aus dem Inneren des Menschen (vgl. Mk 7,14ff.). In diesem Sinn ist es für uns als Christen angezeigt, Gewissenserforschung zu betreiben, die alltäglichen Gedanken und Worte beispielsweise am Abend Revue passieren zu lassen und reflektierend an Jesus Maß zu nehmen.
Christlicher Glaube bleibt aber nicht bei „unfertigen Gedanken“ und „leeren Worten“ stehen, sondern zeigt sich in der Tat, wie wir es in der zweiten Lesung hörten: „Werdet Täter des Wortes und nicht nur Hörer“ (Jak 1,22), mahnt der Jakobusbrief. Inwieweit der Glaube sich in Werken zeigt, war auch ein zentrales Thema in theologischen Diskussionen zwischen Protestanten und Katholiken in den vergangenen Jahrzehnten. Es hat zwar lange gedauert, aber mittlerweile konnte in dieser Streitfrage der „Rechtfertigung allein aus Glauben“ eine Einigung erzielt werden. Im Oktober dieses Jahres begehen wir in Augsburg das Jubiläum der Unterzeichnung der sogenannten „Gemeinsamen Rechtfertigungslehre“ vor 25 Jahren. Und Gott sei Dank gehören die konfessionellen Auseinandersetzungen generell der Vergangenheit an, die doch teils recht „seltsame Blüten trieben“. So herrscht nunmehr auch hier im Ries ein gutes ökumenisches Verhältnis. Danke allen, die sich in der Ökumene engagieren und um ein gutes Auskommen bemüht sind!
Nochmal: Dem Beispiel Jesu folgend kann sich Kirche nicht in den „Elfenbein der Selbstbeweihräucherung“ zurückziehen. Kirche sein heißt nicht um sich selbst kreisen, obgleich man derzeit diesen Eindruck haben mag. Ich gebe zu: In letzter Zeit wurde viel an Glaubwürdigkeit verspielt, verlorenes Vertrauen können wir nur allmählich wieder zurückgewinnen. Dennoch gilt für die Kirche, Jesu Auftrag nachzueifern und das Evangelium den Menschen anzubieten. So erhebt die Kirche ihre Stimme, auch wenn viele sie in heutiger Zeit am liebsten mundtot sehen – so beim Thema „Schöpfung bewahren“ und mischt sich ein in die politischen Debatten wie aktuell zur Frage der Leihmutterschaft oder des Lebensschutzes vom Anfang bis zum Ende des Lebens.
Glaube erweist sich im Tun! Daher setzt Kirche auf die Caritas als „starken Partner“, um den Menschen durch eine Vielzahl an Angeboten professionelle Hilfe zukommen zu lassen. Doch das ist keine alleinige Aufgabe der institutionellen Caritas, sondern letztlich ein Grunddienst aller Getauften. Das müssen keine heroischen Taten sein, oft fängt ein Werk der Nächstenliebe im Kleinen an – durch ein gutes Wort des Trostes, der Ermunterung, des Lobes oder Dankes, durch Geduld und Nachsicht mit ihren Mitmenschen, ein unverhofftes Lächeln, eine tröstende oder mitfreuende Umarmung, eine versöhnende Geste der Entschuldigung und Wiedergutmachung, durch „stilles Da-Sein“ und mitfühlendes Zuhören… Mein Wunsch an Sie: Werden Sie in „Täter des Wortes“, geizen Sie in Ihrem Alltag nicht mit derartigen Werken der Nächstenliebe – eines guten und friedvollen Miteinanders wegen.
Schauen wir nochmals zurück zu den Anfängen dieses 200-jährigen Bauwerks. Die damalige Gemengelage schlug sich im Kunststil des sogenannten Klassizismus nieder. Ein beredtes Zeugnis dafür ist - bei allen Umgestaltungen in den vergangenen Jahrzehnten - die hiesige Pfarrkirche St. Johann Baptist, die Ihnen so vertraut ist. Der Klassizismus strebt, wie wir sehen können, eine Überschaubarkeit und Klarheit, eine Begreifbarkeit des Raumes an. Der Mensch sollte nicht wie in den gotischen Kathedralkirchen oder den mit Puten und Engel geschmückten, mit Stuck überzogenen Barockkirchen süddeutschen Stils in der Raumwirkung „entrückt“ werden. An die Stelle übernatürlicher Visionen und Ekstasen tritt eine logische Gesetzmäßigkeit. Nüchterne Sachlichkeit prägt den Kirchenraum. Vorbild für diese Form rationaler Gestaltung ist „die Antike, deren ungetrübte Quellen in der griechischen Kunst mit ihren ganz auf den Menschen bezogenen Maßen gesucht werden.“[1]
Liebe Pfarrgemeinde, an ihnen liegt es, diesen Kirchenraum mit Leben zu füllen. In ihm drückt sich der Glaube an Jesus Christus im stillen Gebet und der gemeinsamen Feier der Eucharistie aus. Was hier zum Tragen kommt, machen Sie in Ihrem Umfeld – in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz etc. – deutlich: Die Verehrung gebührt allein Gott, dem Höchsten, dem Schöpfer von Himmel und Erde, dessen Abbild wir sind. Sehen wir in der Vielfalt an Kirchen und Kapellen mit ihren unterschiedlichen künstlerischen Ausformungen ein Abbild von Kirche insgesamt, in der verschiedene Spiritualitäten ihren Platz haben. So können Sie wahrlich stolz sein auf diesen schlichten, aber eleganten Kirchenbau! Durch ihr Engagement bleibt der Glaube vor Ort lebendig, so ist Kirche in Kleinerdlingen präsent – dafür danke ich Ihnen von Herzen! Dazu stärke und begleite Sie auf die Fürsprache Ihres Kirchenpatrons, des hl. Johannes des Täufers, der treue und gute Gott, der + Vater, der + Sohn und der + Heilige Geist.
[1] Vgl. hierzu Werner Roemer: Abbild des Himmels. Zur Theologie des Kirchengebäudes. Kevelaer 2001, S. 120ff.