Mastodon
Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zum Don-Bosco-Fest in Benediktbeuern am 31. Januar 2024

Don Bosco: ein Apostel der Jugend mit Ecken und Kanten

31.01.2024 11:00

blenden wir zurück ins letzte Jahr! Don Bosco Fest 2023 in der Basilika. Wer hätte gedacht, dass es nur einiger weniger, aber verheerender Minuten bedurfte, um die Basilika und mit ihr den ganzen Klosterkomplex für Monate, vielleicht sogar für Jahre zur Baustelle zu machen? Viele von Ihnen sind bis heute persönlich Leidtragende des furchtbaren Hagelschlags vom 26. August 2023.

Da können tatsächlich apokalyptische Ängste aufsteigen, die jeder von uns tief in sich trägt. Nicht umsonst haben viele Verantwortliche und Helferinnen und Helfer das Ausmaß und die Wucht der Schäden mit denen, die durch einen Krieg entstehen, verglichen…

Heute feiern wir deshalb das Fest Ihres Ordensgründers und leuchtenden Vorbildes Giovanni Bosco in einer Turnhalle – ein Ausweichort, ein aus der Not geborener Ersatz für die geweihte Gebets- und Gottesdienststätte und doch, so wage ich zu behaupten, ein Ort, der dem Jugendseelsorger und begeisterten Sportler Johannes Bosco sehr entsprochen hätte. Er hätte sich heute bei uns „pudelwohl“ gefühlt. Denn er lebte in äußerst widrigen Verhältnissen, vergleichbar den Slums in den Metropolen Indiens oder Lateinamerikas, und schuf gerade deshalb für „seine“ Straßenkinder und Jugendlichen in Turin einen Zufluchtsort, in dem rohe Gewalt, Hunger und Verwahrlosung keinen Platz hatten. Womit? Mit fast nichts oder: wenn man es mit den Augen des Glaubens betrachtet, mit sehr viel: mit seinem unerschütterlichen Vertrauen auf Gottes Führung, seiner unbeirrbaren Fröhlichkeit und seinem unwiderstehlichen Charisma der Menschenliebe – drei Eigenschaften, die wir heute gern als außerordentlich bezeichnen. Dabei vergessen wir, dass auch wir solche Menschen werden könnten, wenn nur unser Glaube so groß wäre wie ein Senfkorn, wenn wir uns ganz der Führung Gottes überlassen würden!

Wir haben es gerade im Evangelium gehört, woran es in unserer Welt krankt: Neid, Eifersucht, Konkurrenzdenken, intrigantes Verhalten, Ellenbogenmen­talität – all das steckt in den allzu bekannten, süffisanten Fragen der Menschen, die hier überliefert sind: „Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen? - Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns?“ (Mk 6,2f.)

Das, meine lieben Schwestern und Brüder, ist die Kehrseite des sozialen Miteinanders, die Kurzsichtigkeit, die die Mittelmäßigkeit zur Norm erhebt und zu einer brutal ausgeübten Sozialkontrolle werden kann. Hier erleben wir das Entstehen einer mitmenschlichen Wüste mit, den Hagelsturm der Aggression, der erbarmungslos jedes Pflänzchen niedermacht, jede Initiative vernichtet – und das ist das Erschreckende: selbst dem Sohn Gottes verwehrt, seine Macht der Liebe und des Erbarmens, sein Heilswerk und heilsames Wirken zur Entfaltung zu bringen! Machen wir uns diese Katastrophe für einen Moment klar – ist sie nicht viel, viel größer und furchtbarer als der Hagelschlag, die Sturmböen und die Zerstörungen vom 26. August letzten Jahres?

Aber, so könnte jemand einwenden, die Katastrophe, von der das Evangelium spricht, ist ja gar nicht sichtbar – umso schlimmer, sag ich Ihnen! Stellen Sie sich doch nur für einen Augenblick vor, was alles NICHT passiert ist! Ganz lapidar und beinahe ohne Vorwurf, aber für mich mit unüberhörbarer Traurigkeit heißt es am Ende: „Und er konnte dort keine Machttat tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie. Und er wunderte sich über ihren Unglauben.“ (Mk 6,5f.) Ist das nicht zum Weinen?

Wie könnte die Welt heute, 2000 Jahre später, aussehen, hätten die Menschen damals sich einfach gefreut, dass einer, der aussah wie ein Mensch, der Hunger hatte und müde war wie ein Mensch, der sich freuen konnte und leiden konnte wie ein Mensch – und welche Leidensfähigkeit besaß er! – der einsam und traurig war wie ein Mensch – dass dieser unscheinbare und so leicht zu übersehende, weil nicht aus vornehmer Familie stammende Zimmermannssohn von Gott außerordentlich begnadet war, ja als Messias, als Sohn Gottes erkannt und geglaubt werden soll?

Wenn wir auf den heiligen Johannes Bosco und viele andere, besonders die sog. Sozialheiligen schauen, dann sollte es uns wie Schuppen von den Augen fallen: dies sind nicht einfach nur Geschichten aus längst vergangenen Zeiten, sondern dies ist beständige, ja ich möchte sagen, blutige Gegenwart!

Bei meiner Predigtvorbereitung versuchte ich mir über die Homepages der Salesianer wieder ein biographisches Detail herzuholen, das ich vor Jahrzehnten in einer Lebensbeschreibung Don Boscos gelesen hatte, nämlich, dass er mindestens einmal Ziel eines Attentats geworden ist. Ein Meuchelmörder, ein bezahlter Killer war auf ihn angesetzt worden, um diesen lästigen Mahner, diesen Liebhaber des menschlichen „Abschaums“, mundtot zu machen. Vielleicht war es auch der Reaktionsgeschwindigkeit des durchtrainierten Jugendseelsorgers zu verdanken: Don Bosco konnte den nächtlichen Angreifer abwehren und trug keinen größeren körperlichen Schaden davon. Ich wollte mich gerne noch einmal vergewissern, ob ich meinem Gedächtnis trauen kann – doch Fehlanzeige: ich fand auf den offiziellen Biographieseiten diese sicher sehr belastende Erfahrung des Heiligen nicht!

Das halte ich für bedauerlich, denn ich glaube mich zu erinnern, dass die Zeitgenossen hinter dem Anschlag einen kirchlichen Auftraggeber vermuteten. Dies wäre dann auch genau der Fall, den der Evangelist hier als Jesuswort überliefert: „Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie.“ – Warum, so sollte sich jede und jeder von uns fragen, halten wir Menschen für groß, die wir nicht kennen, warum sind auch gläubige Christen in der Gefahr, Personenkult zu betreiben, Demagogen bei Wahlen ihre Stimme zu geben und vieles mehr, übersehen aber oder missachten gar die Allernächsten, die Eltern, die eigenen Kinder, den Bruder, die Schwester, Cousin und Cousine?

Wenn Kirche eine Gemeinschaft von Menschen ist, die sich um Jesus Christus als die Mitte scharen, dann ist das Bild dafür die Familie. Schon Jesus selbst sieht das so: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Siehe, meine Mutter und meine Brüder. Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,48a-50).

Der heilige Johannes Bosco setzte dieses Wort in seinem Leben in die Tat um: Er wusste sich zur Familie Jesu gehörig, weil ihm der Wille des himmlischen Vaters oberstes Gebot war – allen Einschüchterungen zum Trotz. So wurde er für seine Ragazzi, die heimatlosen Jugendlichen, zum selbstlosen väterlichen Erzieher, zum seelischen und geistigen Halt und Vorbild.

Wenn wir heute sein Fest entsprechend feiern wollen, dann sollten wir uns fragen: Für wen kann ich zum Vater, zur Mutter, zur Schwester, zum Bruder werden?