Predigt zum Hochfest des hl. Johannes Bosco bei den Salesianern Don Boscos in Benediktbeuern 2021

Don Bosco: ein Modell für geistliche Vaterschaft

31.01.2021 14:37

Mater semper certa, pater incertus – vielleicht haben einige von Ihnen aus ihren Gymnasialzeiten diesen römischen Rechtsgrundsatz noch in Erinnerung. Er gilt wie das meiste, das die Römer mit unnachahmlicher Prägnanz auf den Punkt brachten, bis heute. Wörtlich übersetzt heißt er: Die Mutter ist immer sicher, der Vater dagegen unsicher.

Wir kennen und er-kennen unschwer die Mutter eines Kindes, der Vater aber muss sich zum Kind, das er gezeugt hat, ausdrücklich be-kennen. Und so gab es im Alten Rom das Ritual, dass die Mutter das Neugeborene dem Vater zu Füßen legte. Wenn er es aufhob, erkannte er es als das seine an und zeigte, dass er für dessen Unterhalt aufkommen wollte; ließ er es aber liegen, dann hieß das: Ich will es nicht, es ist in meinen Augen nicht wert, mein Kind zu sein – was - wie könnte es anders sein - bei Mädchen sehr viel häufiger vorkam als bei männlichen Säuglingen! Selbst wenn der Vater und die Mutter des Kindes sicher wussten, dass sie - und nur sie - dessen Eltern waren, so war dies für den Mann nicht bindend. Denn der biologische Vorgang der Zeugung war nicht zwingend an eine entsprechende soziale Verantwortung gekoppelt. Dies gilt, allen heutigen Gesetzen und flankierenden Hilfsangeboten zum Trotz, vice versa selbst noch in unserem hoch entwickelten Rechtsstaat! Außer die Mutter klagt vor Gericht ihr Recht und das ihres Kindes ausdrücklich ein…

Nicht zuletzt dies ist ein Zeichen dafür, dass die dunkle Seite des Patriarchates noch immer den Unterstrom unserer, von 2000 Jahre Christentum geprägten Gesellschaft bildet. Dabei birgt – wenn man diesen Begriff wörtlich nimmt als „Herrschaft des Vaters“ – gerade das viel geschmähte Patriarchat ein Potential, das meines Erachtens sehr wohl im Sinne des Evangeliums entfaltet werden könnte, im Sinne jenes menschgewordenen Sohnes Gottes, der vom Vater „Kunde gebracht“ hat (vgl. Joh 1,18).

Bei den Römern hatte der Familienvater (Pater familias) die Macht über Leben und Tod seiner Kinder. Erst in der späten Republik wurde dieses archaische Recht endgültig beschnitten, um dem allgegenwärtigen Missbrauch einen Riegel vorzuschieben. Die frühen Christen im römischen Reich, die solchen tief sitzenden Verhaltensweisen das Vaterbild Jesu entgegenstellten, standen also vor einer nicht geringen Herausforderung. Und sind wir ehrlich: Sie kämpften auf ziemlich verlorenem Posten. Schon Paulus bzw. die Verfasser der Briefe unter seinem Namen knickten ein und kapitulierten vor der herrschenden Familienordnung (vgl. u.a. Kol 3,18ff.). Der barmherzige Vater, wie ihn uns das bekannte Gleichnis Jesu (Lk 6, 39-42) vor Augen stellt, hat sich Jahrhunderte lang nicht einmal als Gottesbild durchgesetzt, geschweige denn, dass er stilbildend für den christlichen Vater hier auf Erden wurde!

Doch wenn Ausnahmen die Regel bestätigen, dann gehört Ihr Ordensgründer zu den Ausnahmen, die hoffen lassen.

Ausgerechnet Giovanni Bosco, der seinen eigenen Vater mit zwei Jahren verlor, also ihn ausschließlich aus den Erzählungen seiner Mutter oder seines älteren Bruders kennen konnte, wurde als zölibatär lebender Priester zum Vater von Hunderten Kindern und Jugendlichen. Er vollzog mit seinem Leben buchstäblich die Gegenbewegung zum autokratischen Pater familias und hob alle auf, die am Boden lagen. Er sammelte die verlorenen und verirrten Söhne (Lk 6; Jes 40), garantierte ihnen nicht nur Sicherheit und körperliches Wohlergehen, sondern bot Heimat, Geborgenheit und als Wichtigstes: Anerkennung und liebevolle Beziehung.

Hier ging einer in Vorleistung – nicht, indem er seine Macht zu zeugen demonstrierte und dann sein eigen Fleisch und Blut großzog, sondern indem er sich gerade im Verzicht auf eine eigene Familie all derer annahm, die, in welcher Weise auch immer, vaterlos waren oder sich mutterseelenallein ganz konkret durchs Leben „schlagen“ mussten. Im erbarmungslos fortschrittsgläubigen und auf Maximalleistung und Kapitalgewinn setzenden 19. Jahrhundert hat der hl. Don Bosco das väterliche Ideal des Evangeliums in die Realität umgesetzt und revolutionierte damit – Ironie der Geschichte – auch die christliche Pädagogik. Dass er sich gleichzeitig unter den Industriellen und Neureichen erbitterte Feinde erwarb, verweist einmal mehr darauf, welche Konsequenzen echte Nachfolge Jesu mit sich bringt.

„Da mihi animas, cetera tolle (Gen 14,21; Vulgata) – Gib mir Menschen, alles andere nimm!“ – Ganz gleich, ob sich der Heilige diesen Leitspruch selbst wählte oder er ihm erst im Nachhinein zugeschrieben wurde, er benennt radikal die Priorität, die für jeden Seelsorger/Seelsorgerin gelten sollte: „Gib mir Menschen, das übrige nimm!“ Sicher ein Ideal, das Menschen nur selten erreichen, und doch dürfen wir uns nie mit der Mittelmäßigkeit zufriedengeben, sonst lügen wir uns in die eigene Tasche. Papst Franziskus hat erst kürzlich darauf hingewiesen: „Die Heiligen helfen allen Gläubigen bei ihrem ‚Streben nach Heiligkeit und ihrem Stand entsprechender Vollkommenheit‘. Ihr Leben ist ein konkreter Beweis dafür, dass es möglich ist, das Evangelium zu leben.“[1]

Es ist möglich, das Evangelium zu leben – keiner von uns würde dem widersprechen wollen. Und doch widerspricht unser Leben allzu oft dieser Wahrheit. Wir lassen uns gerne Vater nennen, aber handeln wir „mit dem Herzen eines Vaters“? Bis heute ist die Anrede „Pater“ gebräuchlich und nicht wenige tragen diesen Titel mit Stolz, denn der „Herr Pater“ ist in katholischen Kreisen immer noch eine Respektsperson. Viele von uns erinnern sich noch an die Zeiten, als auch Bischöfe sich gerne mit ‚Vater ‚titulieren ließen - und der Papst wird nach wie vor als Hl. Vater angesprochen. Auch wenn die Anekdote vom jetzigen Bischof von Rom erzählt, er habe, als er bei der Essensausgabe in Santa Marta gefragt wurde: „Einen Nachschlag, Hl. Vater? “, schlagfertig zurückgegeben: „Sehr gerne, Hl. Tochter!“

Was heißt also Vater sein – im christlichen, evangeliumsgemäßen Sinn? Ihr Ordensgründer hat es vorgelebt. Zusammen mit der hl. Maria Mazzarello nahm er sich derer an, die am Rande der Gesellschaft standen, die im Schatten der prosperierenden Wirtschaft ihr Dasein fristeten, als Abschaum, Bodensatz, Ausbund der Schlechtigkeit galten. Beide Heilige versuchten mit scheinbar schwachen Mitteln dem ungebremsten Kapitalismus ihrer Zeit die Schöpfungsordnung entgegenzustellen. Sie gaben den jungen Menschen ihre unveräußerliche Würde zurück, die sie als Ebenbild Gottes (Gen 1) immer schon besitzen.

Nur so verändern wir als Cooperatores Dei die Welt, liebe Mitbrüder: Nicht indem wir uns „Vater/Pater“ nennen lassen, sondern indem wir „Patris corde/mit dem Herzen eines Vaters“ handeln - wie der erste männliche Heilige, der sich in den Dienst des menschgewordenen Gottes nehmen ließ, der hl. Josef.

Ihm hat Papst Franziskus vor einigen Wochen eine gleichnamige Betrachtung gewidmet, um damit ein Jahr des hl. Josef einzuläuten. Eine Bibelmeditation, wie für Sie geschrieben und für alle, die im Dienst der Jugend stehen. In nuce finden Sie darin auch die ganze Pädagogik Don Boscos, eben weil sie derselben Quelle entspringt, nämlich der unendlichen Liebe des Vaters Jesu Christi zu uns Menschen!

Ich kann diese Überlegungen nicht schließen, ohne meine persönliche Dankbarkeit für das große Engagement auszudrücken, dass Sie, liebe Salesianer Don Boscos, hier in Benediktbeuern an den Tag legen. Ihre Aktivitäten sind vielfältig; da kann ich nicht alles nennen, was wichtig ist. Doch verbinde ich selbst mit Benediktbeuern das Aktionszentrum. Oft und gern sind wir von Landsberg aus hierher zu Veranstaltungen gefahren, das AZ war für uns Markenzeichen und Gütesiegel: eine Tankstelle, aus deren Zapfsäulen wir schöpfen, eine Ideenbörse, aus der wir weitergeben konnten – auch in Pfarrei und Schule hinein: hier gab und gibt es Spirit, Sprit für die Seele, damit gerade junge Menschen sich ihren Weg ins Leben bahnen können. Das ist – bei allen Veränderungen - bis heute so geblieben. Vergelt’s Gott! Gerade in der Begleitung der Jugend ist es wichtig zu beachten, was Vaterschaft im geistlichen Leben bedeutet: fruchtbar sein und doch nicht binden, beraten und dabei nicht drängen, Nähe geben und gleichzeitig Distanz halten. Das konnte ich im Aktionszentrum bei den Patres, die damals tätig waren, immer spüren. Gerade in der Berufungspastoral, die mir auch als Bischof ein Herzensanliegen ist, muss das unsere Grundregel sein: jungen Leuten helfen, in Freiheit Entscheidungen fürs Lebens zu treffen. Wir dürfen nicht engführen, wir brauchen Tiefe und Weite. In dieser Hinsicht, liebe Mitbrüder, haben Sie sich als Salesianer wirklich den Namen „Pater“ verdient! Werden wir immer mehr väterliche Begleiter mit mütterlichen Zügen. So wächst die geschwisterliche Kirche. 

Heute am Hochfest Ihres Ordensgründers, des begnadeten Erziehers und Menschenführers, des hingebungsvollen Seel- und Leibsorgers Giovanni Bosco wünsche ich jedem Einzelnen von Ihnen und mir selbst, dass wir mit unserem Leben den eingangs zitierten Rechtsgrundsatz Lügen strafen: In Zukunft soll es nicht nur heißen: Mater semper certa, sondern auch pater semper certus est! Amen.

[1] Franziskus: Patris corde (8. Dez. 2020), Schluss.