Ein Fest des Abschieds und der Danksagung
Ehrwürdige Frau Generaloberin Schwester M. Juliana, liebe barmherzige Schwestern vom heiligen Karl Borromäus, hochwürdiger Herr Pfarrer Kühn, lieber Josef, liebe Schwestern und Brüder im Herrn, es war mir wichtig, als Diözesanbischof am heutigen Tag des Abschieds persönlich dabei zu sein, insbesondere um „Danke“ für mehr als 100 Jahre segensreichen Wirkens der Borromäerinnen zu sagen.
Ein stolzes Kapitel im Leben der Kongregation sowie der Geschichte von Altstädten geht zu Ende. Viel Gutes wurde hier geleistet; die Bewohner des Ortes, die Gläubigen und Gäste aus nah und fern werden die Schwestern und ihr Charisma sicherlich vermissen, denn das christliche Diptychon von Diakonie und Spiritualität wirkt überall dort, wo es präsent ist, heilend. Lassen wir aber die Trauer, die allzu verständlich ist, diesen Tag nicht gänzlich überschatten. In der Eucharistie feiern wir den Herrn der Hoffnung, dessen unergründliche Wege (vgl. Röm 11,33) wir gerne lobpreisen. Ein Schwesternkonvent wird aufgelöst, aber die Botschaft des Evangeliums, die die Ordensfrauen gewissenhaft und konsequent getragen haben, lebt weiter. Ich selbst durfte die Borromäerinnen kennen und schätzen lernen, als ich am Anfang meines Studums in Vilgertshofen im Altenheim ein Sozialpraktikum absolvierte. Einige der Schwestern sind auf dem Friedhof nebenan beigesetzt.
Ausgehend von den heutigen Lesungen möchte ich einige Gedanken über drei wichtige Begriffe mit Ihnen teilen. Denn Verantwortung, Liebe und Gemeinschaft sind unmittelbar mit den Gaben verbunden, mit denen die Borromäerinnen diesen Ort beschenkt haben.
In der ersten Lesung haben wir beim Propheten Ezechiel das starke Motiv des Wächters gehört. Seine Worte mögen in unseren Ohren heutzutage eher fremd klingen; wenn man aber den Text genau liest, dann entsteht ein anderer Eindruck. Die Aufgabe des Wächters ist unmittelbar mit Vertrauen und Verantwortung verbunden. Ähnlich ist es beim Mitglied eines karitativen Ordens wie der Kongregation der Borromäerinnen. Das setzt die Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung voraus – in tiefem Gottvertrauen; man ist nicht nur für sich da, sondern vor allem für die Gemeinschaft der Kranken, Schwachen und Bedürftigen, die an der Tür klopfen und ihre Sorgen, ja manchmal sogar ihr Leben, den Schwestern anvertrauen.
Verantwortung baut auf einem soliden Glaubensfundament auf und erfordert Standhaftigkeit sowie die Bereitschaft zur Offenheit über die eigenen Interessen hinaus. Zudem geht es - und das sehen wir auch bei Ezechiel - sogar um den überhaupt nicht selbstverständlichen Mut, unangenehme Sachen zu sagen. Eine Person, die Verantwortung ernst nimmt, kann nicht everybody’s darling, jedermanns Liebling, sein. Wache und scharfe Augen sind erforderlich, um rechtzeitig eine Gefahr zu erkennen und entsprechend zu warnen, wie es auch der Prophet Ezechiel tat.
Verantwortung setzt einen gut funktionierenden Kompass voraus; sie ist unmittelbar mit Orientierung verbunden. Nicht nur das eigene Wertesystem, sondern vielmehr die Frohe Botschaft soll die Richtung weisen. Karitative Verantwortung ist gleichzeitig praktizierte Mission.
Wenn wir zum Leben im Glauben einladen, schließen wir den Respekt für die jeweils andere Meinung nicht aus, ganz im Gegenteil. Verantwortung und Freiheit gehören immer zusammen. Zwang führt zum Totalitarismus; es ist die Freiheit, die auf den Geist Gottes hinweist – und umgekehrt, was wir in unserer immer säkularer werdenden Gesellschaft nicht vergessen dürfen.
Liebe Schwestern, durch Ihre Tätigkeit in Altstädten haben Sie jahrzehntelang Zeugnis vom Evangelium abgelegt. All die Menschen, denen Sie beigestanden sind, all diejenigen, die das Kloster als Ort der Ruhe aufsuchten, konnten schnell spüren, dass sie hier nicht nur eine unmittelbare Hilfe- bzw. Dienstleistung angeboten bekamen; es ging um etwas Größeres: Die sanfte, feine und gleichzeitig heilende Stimme der christlichen Tradition, der Geist der Liebe, prägte den Ton.
Diese Liebe stellt der Apostel Paulus in der neutestamentlichen Lesung ins Zentrum. Das mag auch nicht verwundern; sie gilt als der unumstrittene Kern unseres Glaubens. Es wird immer wieder von ihr gesprochen; die Liebe ist unerschöpflich, weil auch ihre Erscheinungsformen unzählig und freilich unbezahlbar sind. Unser Glaube geht noch einen mutigen Schritt weiter, indem er lehrt, dass Gott selbst Liebe ist (1 Joh 4,16): „Deus caritas est“. Die Liebe ist unerschöpflich, weil letztendlich Gott unerschöpflich ist.
Nach Paulus ist sie mehr als bloße Emotion. Als Zusammenfassung der Gebote und Erfüllung des Gesetzes ist sie auch sehr facettenreich. Und sie besitzt die Kraft, uns zu überraschen, immer und immer wieder.
Mit Blick auf die Leistungen der Borromäerinnen in Altstädten denke ich daran, wie multidimensional die karitative Liebe ist – und wie herausfordernd. Ein Lippenbekenntnis reicht da nicht aus. Die Nächstenliebe ist greifbar; sie wird an den Herausforderungen des Alltags, vor allem am Leid und an den Sorgen des anderen, geprüft.
„Die Liebe hört niemals auf“ (1 Kor 13,8). Gerade wegen dieses paulinischen Satzes überwältigt uns die Trauer in Momenten des Abschieds nicht. Die Liebe trägt Früchte, schenkt Orientierung, weist auf die Zukunft hin. Wer für die Liebe gearbeitet hat, braucht sich nicht verloren zu fühlen, denn er hat für Gott gewirkt. In Altstädten ist dies spürbar.
Gott ist Liebe und damit auch Gemeinschaft. Er ist Einer und doch nicht einsam; er existiert in drei Personen – als Vater, Sohn und Heiliger Geist. Um der Liebe willen ist Gott Mensch geworden. Sichtbarer Ausdruck der Liebe Gottes ist die Gemeinschaft der Kirche als Leib Christi: „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,20), sagt Jesus. Diese Worte beschreiben eine Tatsache, zugleich umfassen sie einen Auftrag: Bleibt zusammen, damit der Herr mit Euch sein kann. Pflegt die Einheit, arbeitet daran, nehmt alle mit. Die Worte Christi sind ein Einheitsauftrag!
Einheit kann entstehen, wenn zwei oder drei im Namen Christi versammelt sind. Was heißt aber „im Namen Christi“? Bestimmt ist damit der Glaube gemeint, aber auch ein Leben, das der kirchlichen Botschaft zu entsprechen versucht, ein Leben in Verantwortung und Liebe, die nicht tatenlos bleibt. Der Name Christi ist Lebensprogramm und ist gemeinschaftsstiftend.
Christliche Gemeinschaft erlebt ihren Höhepunkt in der Feier der Eucharistie, daher haben wir gerade nicht ohne Schmerz die Hauskapelle profaniert – im Wissen darum, dass das Evangelium nicht verstummt. Von den prächtigsten Kathedralen bis hin zu den bescheidensten Kapellen wird weiterhin Eucharistie gefeiert; Christus verlässt uns nicht – und er überrascht uns immer wieder positiv!
Liebe Borromäerinnen, liebe Schwestern und Brüder,
Eucharistie heißt auf Griechisch Danksagung. Dank soll den Geist dieses Tages bestimmen. Danken wir den Schwestern für ihr Wirken an diesem Ort. Danken wir allen, die den Schwestern behilflich waren. Beten wir für die verstorbenen Schwestern und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Beten wir dafür, dass Altstädten die Früchte der Präsenz der Schwestern weiterhin wachsen lässt. Möge Gott durch die Fürbitte des heiligen Karl Borromäus die weiteren Schritte der Schwestern begleiten.
Lesungen: Ez 33,7-9; Röm 13,8-10; Mt 18,15-20