Predigt zum Hohen Umgang in Oberelchingen am 13. Juni 2021
von Bischof Dr. Bertram Meier, Augsburg

Ein Lob auf Mutter Kirche

13.06.2021 16:44

Mutter Kirche: So zu reden ist ungewöhnlich. „Mutter, ich lege mein Haupt in deine Hände“. So dichtete Gertrud von le Fort 1924 in ihren berühmten „Hymnen an die Kirche“. Unzählige engagierte Katholiken teilten damals mit Begeisterung diese positive Einstellung zur Kirche. So konnte Romano Guardini um dieselbe Zeit das Wort wagen vom „Erwachen der Kirche in den Seelen“.

Doch was ist aus diesem Hochgefühl geworden? Können wir selbst einstimmen in solche Hymnen auf die „Mutter Kirche“? Auch dann, wenn wir in der eigenen Familie, im Freundeskreis oder in unserer Pfarrgemeinde von der Kirche reden?

Leider müssen wir erfahren, was schon um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine prophetische Stimme als Zeitansage angemerkt hatte: „Es gibt auch das ‚Sterben der Kirche in den Seelen’. Wir erleben es rund um uns, mitten unter uns, meistens als das langsame, schleichende, unmerkliche Sterben an geistlicher Unterernährung. Und in wie vielen Geistern kommt es weder zum Erwachen noch zum Absterben, sondern ‚Kirche’ ist und bleibt das unverstandene, durch die Taufe ‚zufällig’ auferlegte Joch, das aus Gewohnheit weitergeschleppt oder eines Tages ‚verloren’ wird, ohne jemals innerlich bejaht zu werden“ (Ida Friederike Görres).

Doch auch Christen, denen der Glaube an sich viel bedeutet, wissen mit „Mutter Kirche“ oft nicht viel anzufangen. Die Mutterrolle ist in den gesellschaftlichen Umbrüchen unserer Zeit in eine tiefe Krise geraten. Die generelle Einengung der Frau auf ihre Funktion als Hausfrau und Mutter wird mit guten Gründen abgelehnt. Aber ist unsere Gesellschaft nicht gerade dabei, ins andere Extrem zu fallen? Trotz aller Vorbehalte wollen wir versuchen, uns behutsam in das Bild von der Kirche als Mutter hineinzutasten.

1.      Wer ein rätselhaftes Bild entschlüsseln will, muss nach seinem Ursprung fragen. Mit dem Bild von „Mutter Kirche“ stoßen wir auf die Wurzeln des christlichen Glaubens. Eine brennende Frage bewegte damals die Theologen: Wie können wir das neue Leben, das der Christ in der Taufe empfängt, beschreiben? Wir verdanken es dem hl. Augustinus, der ein Bild wählte, das jeder Mensch verstehen kann: das Bild der Mutter. Eine Frau ist ganz intim mit ihrem Kind verbunden. Auf diese Weise kann sie ihm das Leben vermitteln. Mutter sein bedeutet: leben im Leben; im eigenen Leben neues Leben wachsen sehen. Gott will uns das neue Leben schenken. Er tut es durch Mutter Kirche. Wie ein Kind über die Nabelschnur Anteil am Leben der Mutter hat, so sollen Gottes Wort und Sakrament uns in Fleisch und Blut übergehen. Gottes Leben im menschlichen Leben! Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.

2.      Es ist etwas anderes, eine Mutter zu haben, oder nur zu wissen, was eine Mutter ist. Was „Mutter Kirche“ bedeutet, kann man nicht aus Büchern studieren, man lernt es nur in lebendiger Beziehung zu ihr. Bei „Mutter Kirche“ sind nicht wir die Macher, sondern die Beschenkten. Wo sind Ereignisse im Leben, die ich nicht selbst gemacht habe, wo ich spürte, dass ich mich anderen verdanke, wie das Kind sich der Mutter verdankt?

Manche Worte können wir uns nicht selbst zusprechen: „Ich bin froh, dass es dich gibt. Du kannst auf mich bauen. Deine Schuld ist vergeben. Von mir kannst du zehren. Dein Leben hat Sinn. Ich liebe dich“. Aus diesen Worten leben wir. Solche Worte möchte Gott, unser Vater, auch heute sagen – und Er tut es durch „Mutter Kirche“. Ich lade Sie ein, in der Kirche immer wieder zu schöpfen aus den Quellen des Lebens: Gottes Wort und Sakrament. Dass wir diese Quellen des Heils haben, darum dürfen wir heil-froh sein.

3.      Um das Bild von „Mutter Kirche“ noch weiter auszuleuchten, lohnt sich ein Blick in unsere Familien. Was erlebt man da nicht alles an Überraschungen? Mich erstaunt es immer wieder, wie verschieden Kinder ein und desselben Elternpaares sein können – im Aussehen, in ihren Fähigkeiten und Anlagen! Da gibt es forsche und bedächtige, unauffällige und schwierige, anhängliche und eigenständige. Sie haben unterschiedliche Standpunkte und ebenso verschieden geartete Beziehungen zu ihren Eltern und Geschwistern. Gerade das macht den Reichtum einer Familie aus. Eine gute Mutter fördert die Vielfalt und sorgt für ein gutes Miteinander, damit in der Vielfalt die Einheit gewahrt bleibt.

Auch „Mutter Kirche“ steht für solche Einheit in Vielfalt. Das betrifft nicht nur die Weltkirche, die vom Papst zusammengehalten wird, und die Diözese, die im Bischof eine Klammer der Einheit hat. Das gilt auch für eine Pfarrgemeinde. In der Gemeinde dürfen und müssen nicht alle über einen Kamm geschoren werden. Gewiss gibt es Grenzen, und wir haben Maß zu nehmen am Grundsatz des hl. Augustinus: „Im Notwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem die Liebe“. Doch in diesem Rahmen spannt sich der Freiraum auf für die Vielfalt im Beten und Singen, eine Vielfalt an Glaubens- und Lebenswegen, an Standpunkten und Meinungen, an Aufgaben und Diensten. Wer diese Vielfalt einebnen möchte, nimmt der Kirche das Leben.

4.      Wo Menschen zusammenleben, bleiben Spannungen nicht aus. Dürfen wir uns wundern, wenn sie auch uns nicht erspart bleiben? Spannungen und Richtungskämpfe in der Kirche sind ein Kreuz. Familien haben ihre eigenen Gesetze, damit umzugehen: Die Mutter will keinen Streit unter ihren Kindern – und trotzdem greift sie nicht gleich in jedes Wortgefecht ein. Sie weiß, dass manches die Kinder unter sich ausmachen müssen.

Oder eine andere Erfahrung: Auseinandersetzungen können zur Zerreißprobe werden, auch die Schwierigkeiten zwischen Eltern und Kindern oder die Kritik der Heranwachsenden an Vater und Mutter. Greift aber jemand von außen die Familie an oder gerät jemand in Not, halten doch alle zusammen wie Pech und Schwefel. Auf die Familie lässt man nichts kommen.

Wie schön wäre es, wenn das auch für unsere „Mutter Kirche“ gälte! Es darf Spannungen geben in der Gemeinschaft der Gläubigen, selbst wenn sie wehtun. Wir spüren sie zwischen Amtsträgern und Laien, zwischen Jung und Alt, zwischen denen, die auf Veränderungen drängen, und jenen, die alles beim Alten lassen wollen. Auch Sie werden davon erzählen können, dass die Stimmung nicht immer nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ ist. Doch das ist an sich nicht schlimm. Wichtig ist, dass sich die Mitglieder einer Familie nicht auseinanderdividieren lassen, dass sie festhalten an der Einheit und einander in Liebe in den Mantel der Wahrheit helfen.

Die festen Bande, die auch in schweren Zeiten eine Gemeinschaft zusammenschweißen, heißen herzliche Liebe und viel Geduld. Mütter wissen sie ihrer Familie in besonderer Weise zu schenken. Ohne Liebe und Geduld hält keine Gemeinschaft. Die jüdische Dichterin Nelly Sachs hat gesagt: „Mütter wiegen in das Herz der Welt die Friedensmelodie“. Keiner von uns kann glaubwürdig von der „Mutter Kirche“ reden, ohne selbst beizutragen, dass in ihr diese Friedensmelodie erklingt. Wir wiegen in das Herz der Stadt die Friedensmelodie. Kann es etwas Schöneres geben?

5.      Unsere Deutung von „Mutter Kirche“ bliebe unvollständig, würden wir nicht noch einmal in die menschliche Familie schauen. Bald wächst der Sohn oder die Tochter über die Familie hinaus in die Welt hinein: Schule, Freunde, Beruf, eigenes Leben. Eine gute Mutter lässt ihre Jungen ziehen. Sie wäre eine schlechte Mutter, wenn sie klammern würde, so dass ihre Kinder nicht flügge werden. Eine gute Mutter kann lassen. Auch wenn sie sorgt, ist sie gelassen.

Auch die Muttergottes ist in die Schule des Loslassens gegangen. Auf der Wallfahrt nach Jerusalem hat Jesus schon mit 12 Jahren gezeigt, dass er Freiraum brauchte für seine Mission. Und am Kreuz hat Maria sicher gespürt, was das Sprichwort im Hinblick auf das Sterben sagt: „Ein Mann geht von der Seite, ein Kind geht vom Herzen.“ „Mutter Kirche“ geht es nicht anders. Menschen kehren ihr den Rücken. Sie sei altbacken und wenig ansprechend. Doch „Mutter Kirche“ ist nicht eingeschnappt; sie knallt die Tür nicht zu, sondern lehnt sie nur an, damit auch Fernstehende eintreten können, wenn sie ihre Nähe brauchen.

Das wünsche ich der Kirche:

-        dass sie auch den nicht abschreibt, der sich entfernt hat;

-        dass sie für die betet, die sich verabschiedet haben;

-        dass sie mit jenen leidet, die an ihr leiden;

-        dass sie denen Mutter ist, die mutterseelenallein sind.

Ich habe jetzt viel geredet, vielleicht zu lang gepredigt. Doch um was es mir im Grunde ging, war dies: Es sollte eine Liebeserklärung sein, eine Liebeserklärung an meine „Mutter Kirche“, der ich in meinem bisherigen Leben viel verdanke als Mensch, Christ und Priester. Maria unter dem Kreuz hat mich zu dieser Betrachtung angeregt. Mit ihr stellen wir uns unter das Kreuz und beten mit dem Psalmisten: „Birg mich im Schatten deiner Flügel.“ (Ps 17,8).

Es sind die Arme des Kreuzes, unter denen wir uns bergen. Gekreuzigter Herr Jesus Christus, birg mich im Schatten deiner Flügel! Und Maria, breit den Mantel aus, mach Schutz und Schirm für mich daraus.