Predigt des Bischofs Dr. Bertram Meier am 10. Juni 2021
zur Wiedereröffnung der beim Brand von 2015 schwer beschädigten Margarethenkapelle des Klosters Maria Medingen

Ein Ort erfüllt vom Heiligen Geist: das Trösterlein soll trösten

10.06.2021 16:23

Liebe Mitbrüder, liebe Dillinger Franziskanerinnen, liebe Schwestern aus nah und fern, verehrte Festgäste, liebe Schwestern und Brüder in Christus, „Hebt euch, ihr Tore, unser König kommt!“ (vgl. Ps 24) Soeben wurden wir hier an diesem Ort, der erfüllt ist vom Heiligen Geist, Zeugen eines in unseren Tagen selten gewordenen Vorgangs.

Doch gerade deswegen ging mir – und sicher auch Ihnen - die kleine Prozession mit dem Jesuskind der sel. Margaretha sehr zu Herzen: Nach allem, was in jener verstörenden Julinacht 2015 geschah und das sich Ihnen, liebe Schwestern von Maria Medingen, zweifellos bis heute ins Gedächtnis eingegraben hat, erscheint es wie ein Wunder, dass diese hölzerne Jesusfigur, die einst die Dominikanerinnen als „Trösterlein“ verehrten, durch den Brand nicht beschädigt wurde. Damit macht es seinem Beinamen alle Ehre. Das „Trösterlein“ soll uns - besonders Ihnen, die Sie hier leben, und den Besuchern, die in Zukunft wieder voller Staunen die Klosterkirche und die Margarethenkapelle betreten - ein Zeichen des göttlichen Trostes sein: Das Trösterlein soll uns trösten. Doch sind wir noch bei Trost?

Erst kürzlich feierten wir Pfingsten: das Fest des Heiligen Geistes, des Trösters schlechthin. Ihn sandte der Auferstandene seinen Jüngerinnen und Jüngern als Helfer und Tröster für die Zeit, in der sie die Nachfolge Jesu leben und gestalten sollten. Seit fast 2000 Jahren stehen wir mitten im Zeitalter des Heiligen Geistes. Unter den drei göttlichen Personen wird er oft stiefmütterlich behandelt. Schade! Viele von uns wissen gar nicht so recht, was sie mit dem Heiligen Geist anfangen sollen; oft fehlt auch uns Priestern der Zugang zu diesem göttlichen „Atem“ und „Geist“. Dabei ist die Erklärung ganz einfach: Gott ist Beziehung. Diese Beziehung meint Ruach, Pneuma, Spiritus und Geistkraft: in allen Sprachen, in denen Menschen Erfahrungen mit dem dreifaltigen Gott ins Wort bringen und sich im Gebet an ihn wenden: Im Gebet wenden wir uns IHM, unserem Herrn und Schöpfer, zu, mit Leib, Seele und Geist.

„Du sollst den Herrn, Deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (Dtn 6,5; vgl. Lk 10,27). Das ist das erste Gebot für das Volk Israel, die Magna Charta für jede geistliche Gemeinschaft. Praktisch gewendet: echte Hinkehr zu Gott meint immer den ganzen Menschen, nicht nur Hirn, sondern auch Herz. Ausdruck dieses Glaubens ist die Tradition der Jesusfiguren in Kindsgestalt, die Ordensfrauen beim Klostereintritt oft schon als familiäres Erbe mitbrachten oder im Konvent anfertigen ließen.

Im Abstand von Jahrhunderten, da Reformation, Aufklärung und Säkularisation uns derartigen Frömmigkeitsübungen entfremdet haben, fällt es uns heute schwer, das richtige Verhältnis zur damals so fruchtbar praktizierten Glaubenspraxis zu finden. Andererseits leiden viele jetzt schmerzvoll unter der emotionalen Dürre unseres durchgetakteten, unverbindlichen Alltags. Die Pandemie mit ihrem Kontaktverbot, wörtlich: Berührungsverbot, und der beinahe flächendeckenden Vorherrschaft des Computers hat diese Tendenz noch drastisch verstärkt. Die diözesanen Beratungsstellen, die Ehe- Lebens- und Familienberatung, psycho- und physiotherapeutische Praxen erleben derzeit einen Zulauf, den sie kaum mehr bewältigen können. Dies ist eine Problemanzeige, der wir uns als Christinnen und Christen, als Kirche, stellen müssen!

Worin besteht nun das Defizit genau und wie können wir Abhilfe schaffen? Welche Angebote bietet unser spirituelles Erbe?

Dass der Mensch ein Naturwesen ist, machte uns allen die weltweite Virusinfektion, die noch nicht überwunden ist, unmissverständlich deutlich: wir brauchen Berührung, wir brauchen Nähe und An-Sehen. Ein Kind, ein erwachsener und ein alt gewordener Mensch lebt davon, dass er wahr-genommen wird; er will nach seinen Bedürfnissen gefragt werden, er will geliebt sein, weil nur erfahrene Liebe dem Leben Fundament und Sinn verleiht. Kein Mensch ist solitär und unabhängig von äußeren Einflüssen. Krisen und Durststrecken bleiben keinem erspart. Doch um sie durchstehen zu können, brauchen wir einander und wir brauchen Vertrauen in einen Gott, der uns verkündet wird als liebender und barmherziger, als vergebender und tröstender.

Die selige Margaretha und ihre Mitschwestern haben diesen Gott gefunden. Auch schweres Leid ließ sie daran nicht irrewerden, im Gegenteil: So innig band sich Margaretha mit Leib und Leben an ihren Bräutigam, dass sie – wie es der Maler des Altars in der Kapelle eindrucksvoll dargestellt hat – gleichsam einen Herzenstausch mit ihm erfuhr. Wir sollten dies nicht vorschnell als veraltete, vielleicht sogar peinliche Szene abtun, sondern uns mit allem Ernst fragen: Dringt meine Beziehung zu Gott, zu Jesus Christus wirklich vor bis zur Mitte meiner Person, bis zum Herzensgrund? Ist sie für mich so existenziell, dass ich ohne IHN nicht sein kann, dass mir das Herz aus dem Leib gerissen würde, wenn ich meinen Glauben nicht in Wort und Tat leben könnte?

Früher sagte man von einer schwangeren Frau: Sie trägt ein Kind unter dem Herzen. Im Evangelium haben wir gehört, wie sich zwei schwangere Frauen und mit ihnen sogar die beiden ungeborenen Kinder begegnen: wirklich begegnen, so wie wir uns alle eine gelingende, beglückende Begegnung wünschen. Selbstverständlich schildert diese Szene eine einmalige historische Begebenheit, und doch wird sie uns nicht einfach aus geschichtlichem Interesse erzählt, sondern wir dürfen darin ein Vorbild erkennen. Wir spüren den Impuls zur Nachahmung: Übersetzen wir die Haltung dieser beiden Frauen, die offen für Gottes Botschaft sind und buchstäblich zu Samenkapseln seines Wortes werden, in unsere Wirklichkeit, in die Welt des 21. Jahrhunderts!

Sie, liebe Schwestern, haben sich vom ersten Tag Ihres Postulates die Worte Mariens im kirchlichen Stundengebet zu eigen gemacht. Auch wir Priester beten täglich das Magnifikat zur Vesper. Wir beten es mit den Lippen, doch wir beten es auch mit dem Herzen, damit das Wort in uns Fleisch werde, auch in uns Männern! Denn auch wir, liebe Geschlechtsgenossen, können mit Gottes Wort schwanger gehen, auch wir können das Gotteskind im Herzen tragen! Wie es schon der Ordensvater Franziskus, selbst einer der feinfühligsten Gottesfreunde in der Nachfolge Jesu, im Brief an die Gläubigen sagt: „Mütter sind wir, wenn wir ihn durch die göttliche Liebe und ein reines und lauteres Gewissen in unserem Herzen und Leibe tragen; wir gebären ihn durch ein heiliges Wirken, das anderen als Vorbild leuchten soll“ (1 Gl,10).

So darf auch Liturgie nie zum Selbstzweck werden, sie hängt an den beiden anderen Grunddiensten des Christseins, des Menschseins!, nämlich der Martyria, dem Zeugnisgeben, und der Diakonia, der Nächstenliebe. Franziskus, Margaretha und vielen Heiligen war bewusst: Es ist zu wenig, eine schöne Liturgie mit erhebenden Gesängen und festlichen Ritualen zu feiern, wenn nicht die Mitmenschen, denen ich begegne, spüren, aus welchen Quellen ich lebe! – Der Trost, den wir durch die Feier der Eucharistie und der anderen Sakramente sowie die Meditation der Heiligen Schriften erfahren, muss man uns anmerken. Der Eindruck soll zum Ausdruck werden – nicht verbissen und verbittert, nicht als Überforderung, die bei Ordensleuten leicht zur Versuchung werden kann, sondern aus der Lust heraus, als Freundin und Freund Gottes leben zu dürfen, Beseelte von Seinem Heiligem Geist.

Die sel. Margaretha kann uns auch 730 Jahre nach ihrer Geburt und bald 670 Jahre nach ihrem Tod kompetente Impulse geben. Dabei muss man sich nicht mühsam in ihre Mystik hineintasten oder gar sprachliche Hürden dafür nehmen; versuchen wir ganz einfach, eine von ihr geschilderte Erfahrung umzusetzen. Sie schreibt: „Wenn ich den Namen Jesus nennen hörte, wo ich auch ging, so überkam mich allergrößte Freude und ich wünschte selig den, von dem ich‘s hörte.“[1] In der christlichen Spiritualität ist das Herzensgebet beliebt und verbreitet – dies gibt es übrigens in allen Religionen. Ich lade Sie ein: Probieren Sie’s aus, nehmen Sie den Namen Jesu oder einen Vers aus den Psalmen, aus dem Evangelium, und verbinden Sie sich im Alltag immer wieder mit Ihrem Urgrund, dem Mutterboden (Matrix) des Glaubens. Ich verspreche nicht zu viel, wenn ich Ihnen sage: Sie werden spüren, wie sich Ihr Leben wandelt - ganz im Sinne dessen, was wir in der Lesung aus dem Brief an die Kolosser hörten.

Wir feiern Eucharistie zum Dank für die gelungene Renovierung der Margarethenkapelle. Kirche und Kloster erstrahlen in herrlichem Glanz - so schön, wie es keiner von uns bisher gesehen hat. Doch mischt sich in diese Freude auch Wehmut: Beim Brand im Juli 2015 wurden nicht nur die Gebäude beschädigt und Kunstschätze gingen in Flammen auf; auch das irdische Leben von Sr. Gertrud Remmele fand ein jähes Ende. Den Schmerz über ihren Tod und die Trauer über den Verlust einer Mitschwester, die mit großer Ernsthaftigkeit den Spuren Jesu folgte, nehmen wir mit hinein in die Feier der hl. Messe. Der Geist des Lebens tröste uns, dass Sr. Gertrud das Ziel erreicht hat, zu dem wir alle unterwegs sind: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht, o Gott, in Dir.“ Amen.

[1] Zit. n. Wolf Brixner: Die Mystiker - Leben und Werk. Weltbild Verlag, Augsburg 1987, S.336ff.