Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am Samstag, 25. September 2021 bei der Aussendung pastoraler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Dom

Ein Vademecum für die Evangelisierung

25.09.2021 11:30

Als Bischof wird es einem nicht langweilig. Nicht nur, weil der Terminkalender prall gefüllt ist, sondern auch, weil die Themen, die gesetzt werden, und die Probleme, die sich stellen, zunehmen. So erfahre ich Stress weniger als Fülle an Arbeit und dafür mehr als Belastung in Spannung und Streit. Davon haben wir derzeit in der Kirche in Deutschland mehr als genug.

Umso dankbarer bin ich, dass wir im Bistum Augsburg verhältnismäßig ruhig und gelassen unterwegs sein können – bei allen Gruppen und Strömungen, die es gibt und die sich nach gut katholischer Manier auch artikulieren dürfen und sollen. Denn die katholische Kirche - ein Bistum, das sich katholisch nennt – ist keine Monokultur, sondern ein bunter Garten, Einheit in Vielfalt.

Diese Einheit in Vielfalt durfte ich spüren, als wir uns, liebe Kandidatinnen und Kandidaten für den pastoralen Dienst, zu unserer Begegnung treffen konnten. Das Spektrum Ihrer Persönlichkeiten ist ebenso breit wie die künftigen Bereiche, in denen Sie zum Einsatz kommen: aufgespannt zwischen Jugendkatechese und Cityseelsorge. Darüber kann ich nur staunen. Danke für die Zeit, die wir miteinander verbrachten, für die Vorstellungsrunde, das Gespräch über wechselseitige Wünsche und Erwartungen und nicht zuletzt für das Spiel, zu dem Sie mich eingeladen haben. Diese entspannte Atmosphäre, noch dazu im präsentischen Format, werte ich als tragfähige Basis, auf die wir unser künftiges Miteinander bauen können. Wir sollen einander kennen, einander in unseren Diensten und Ämtern nicht nur wahr-nehmen, sondern auch wert-schätzen, damit das Zu-trauen und Ver-trauen im Laufe der Jahre weiter wächst.

Dass Sie die wunderschöne Perikope aus dem Johannes-Evangelium als Motto für den heutigen Gottesdienst gewählt haben, sehe ich als Statement: „Ich nenne euch Freunde, denn ich habe euch alles anvertraut.“ (Joh 15, 15b) So lesen wir in der sog. Basis-Bibel, was in der Einheitsübersetzung heißt: „Ich habe euch alles mitgeteilt.“ Ich finde die Variante der Basis-Bibel sehr treffend, weil es letztlich um Vertrauen geht. Und so rufe ich Ihnen heute als Ihr Bischof zu: Ich vertraue Ihnen! Ich traue Ihnen etwas zu! Gemeinsam mit den Brüdern im priesterlichen und diakonischen Dienst wollen wir das Schiff der Kirche von Augsburg nach vorn bringen, das Ruder der Gewöhnung und Stagnation herumreißen und mit dem Rückenwind des Heiligen Geistes das Unsrige tun, damit das Evangelium Kreise ziehen kann!

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, heute werden Sie in Dienst genommen und im Auftrag der Kirche ausgesandt. Das übersteigt die Besiegelung eines Arbeitsvertrags, nachdem Sie die Ausbildungs- und  Probezeit bestanden haben. Die Kirche soll mehr sein als Ihr Arbeitgeber, der relativ sicher ist - ähnlich wie der Staat. Sie werden nicht quasi verbeamtet, um sich nun zur Ruhe zu setzen. Im Gegenteil: Jetzt geht es erst richtig los! Sie werden gesandt, um aufzubrechen. Bleiben Sie in Bewegung und machen Sie die Ihnen Anvertrauten, besonders die vielen ehrenamtlichen Frauen und Männer, für das Reich Gottes mobil. Das ist Evangelisierung: ein weites Feld, das sich uns auftut, ein Bereich, der keine Nische ist, sondern ein offener Horizont, in dem sich alles kirchliche Leben abspielen soll, das „Wasserzeichen“ der Kirche. Kirche hat keinen Sinn, wenn sie nicht evangelisiert. Die pastoralen Berufsgruppen könnten wir uns sparen, wenn diese sich nicht als Schrittmacher der Evangelisierung sähen. Das ist kein Job, sondern Berufung! Oder mit Worten des hl. Augustinus: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“

Im Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“, seiner „Regierungserklärung“, bringt es Papst Franziskus auf den Punkt: „Evangelisieren bedeutet, das Reich Gottes in der Welt gegenwärtig zu machen.“ (Nr. 176) Mit Bezug auf Paul VI. und sein Schreiben „Evangelii nuntiandi“ (8.12.1975) fährt Franziskus fort: „Keine partielle und fragmentarische Definition entspricht der reichen, vielschichtigen und dynamischen Wirklichkeit, die die Evangelisierung darstellt; es besteht immer die Gefahr, sie zu verarmen und sogar zu verstümmeln.“ (Nr. 17)

So wichtig Katechese und Sakramentenpastoral auch sind, wir dürfen darüber nicht die sozial-caritative Dimension unseres Handelns vergessen. Ich träume von einer missionarischen Kirche von Augsburg, die nicht nur den Kopf betrifft, sondern Herz, Hand und Fuß. Evangelisieren können wir nicht an ein Institut delegieren. Das wäre eine Engführung. Genauso wenig nimmt Mission bzw. Evangelisierung nur die Abteilung Weltkirche im Bischöflichen Ordinariat in die Pflicht, die Hilfswerke und Projekte, die gefördert werden, die Missionskreise in den Gemeinden und Verbänden. Eine-Welt-Arbeit meint nicht nur Geld, Mission- Evangelisierung hat mit Bewegung zu tun, mit Beziehung und Freundschaft, mit Vertrauen, Zuneigung und Zuwendung. Papst Franziskus erwartet von uns die Fähigkeit, „alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung er erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden.“ (Evangelii gaudium [EG] Nr. 27)

Unsere Gemeinden und Pfarreiengemeinschaften, aber auch die kategoriale Seelsorge brauchen mehr Dynamik und vor allem Offenheit für Menschen am Rand und sogar für Leute, die sich draußen aufhalten, die ausgetreten sind. Dafür brauchen wir Kontakt mit dem wirklichen Leben des Volkes, damit unsere Pfarreien, aber auch andere kirchliche Einrichtungen (z.B. die Caritas) sowie Verbände, geistliche Bewegungen und Gruppen nicht Gefahr laufen, eine „weitschweifige, von den Leuten getrennte Struktur oder eine Gruppe von Auserwählen zu werden, die sich selbst betrachten“ (EG 28) und damit beschäftigt sind, um sich selbst zu kreisen und nur „Dienst nach Vorschrift“ zu machen. Ich ermutige Sie: Probieren Sie Neues aus unter zwei Voraussetzungen: dass Sie Ihre Ideen im Team beraten und dass Sie im Rahmen der Vorgaben bleiben, die die Kirche absteckt. Ich bin mir sicher, dass es viel Raum gibt, um das Evangelium neu zur Entfaltung zu bringen. Noch ein Rat: Bleiben Sie gelassen! Machen Sie nichts mit der Brechstange! Denn verbissene und verbitterte Frauen und Männer, die in der Seelsorge tätig sein wollen, sind ein Widerspruch in sich. Sie ziehen nicht an, sie stoßen ab. Vor solchen Menschen bewahre uns, o Herr!  

Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ein Gedankensplitter aus unserer Begegnung hat sich mir eingeprägt. Es war die Bitte, achtsam zu sein, damit uns die Bürokratie nicht übermannt und einschnürt. Dieses Anliegen trifft den Nagel auf den Kopf; mehr noch: Es legt den Finger in eine Wunde. Die Administration darf nicht zum Korsett werden, das der Seelsorge die Luft abdrückt.  Ich gebe zu, dass ich noch kein Patentrezept habe, um diese Tendenz zu brechen. Mit Ihrer Sorge bin ich ganz bei Ihnen. Gerade die Pandemiezeit hat mir gezeigt, worum es in Zukunft gehen muss: Wir waren eifrig dabei, Corona-Schutzkonzepte zu formulieren und entsprechend zu kontrollieren, doch wie ist es uns gelungen, den Glauben auch unter den widrigen Vorgaben zu zelebrieren, zu bekennen und zu bezeugen? Die Menschen erwarten von der Kirche – auch und gerade von uns hauptberuflichen Frauen und Männern – zuallererst, dass wir ihnen das Evangelium anbieten: keine Drohbotschaft, sondern Frohe Botschaft, nicht als fertiges Konzept, sondern als Perspektive, die dem Leben Hoffnung und Freiheit gibt. Auch das ist für mich Evangelisierung: weniger Bürokratie und dafür mehr Raum und Zeit für die Menschen, die uns brauchen.

Ich wünsche Ihnen solche Zeiträume als Freiräume für die Seelsorge. Das ist es, was wir als Kirche den Leuten schuldig sind. Enttäuschen wir ihre Erwartungen nicht! Bleiben wir bei aller Digitalisierung nah an den Menschen dran: live, face to face, präsentisch. Denn wir sind keine virtuelle Organisation, sondern eine reale Gemeinschaft, vereint in Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese Dimension müssen wir gemeinsam wieder neu entdecken, lernen und leben!

Wir sind auf der Zielgeraden. Unsere Gedanken münden ein in Ihre Beauftragung und Sendung in die Arbeit für die Kirche von Augsburg, der ich als Bischof und Diener der Einheit vorstehen darf. Was ich nachher im Ritus offiziell sagen werde, nehme ich jetzt schon vorweg: „Ich freue mich über Ihre Bereitschaft zum pastoralen Dienst in Einheit mit der Kirche und nehme Sie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an.“ Ad multos annos! Auf viele gemeinsame Jahre! Amen.