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Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier in Kloster Roggenburg anlässlich des 900-jährigen Gründungsjubiläums

Ein Zeichen „himmlischer Experimentierfreudigkeit“

03.10.2026 11:17

900 Jahre Prämonstratenser im Kloster Roggenburg! Was für ein Jubiläum – zurecht wird das gefeiert! Kritische Stimmen könnten anmerken: 900 Jahre an Dauer sind es ja nicht, zwischendrin fehlen Jahrzehnte. Die Säkularisation machte auch vor diesem Kloster nicht Halt, und alle Versuche, prämon-stratensisches Leben in Roggenburg aufrecht zu erhalten, sind im frühen 19. Jahrhundert nicht geglückt, so dass 1822 die letzten Chorherren weichen mussten.

Umso interessanter aber ist das, was vor knapp 50 Jahren geschah! Wir haben viele Klöster im Bistum, die seit Jahrhunderten bestehen, im Laufe ihrer Geschichte aber durch verschiedene Ordensgemeinschaften belebt wurden. Insofern ist es schon etwas Besonderes, dass es Ihnen, verehrte Prämonstratenser-Chorherren, nach Jahren der Krise – so formuliere ich es einmal - gelungen ist, diese Niederlassung wieder zum Leben zu erwecken. Darauf möchte ich heute das Augenmerk lenken. Es soll uns als Hintergrundfolie dienen - für das Auf und Ab im persönlichen Leben, jedenfalls aber auch für das geistliche Leben in unseren Pfarreien und anderen kirchlichen Gemeinschaftsformen!

Was können wir alle also von den Prämonstratensern lernen? Der erste Punkt ist an den heutigen nationalen Feiertag angelehnt: Tag der Deutschen Einheit.

Einheit innerhalb der Gesamtkirche sehe ich durch die Prämonstratenser darin verkörpert, dass sie weltweit über Niederlassungen verfügen und sie so gut katholisch vernetzt sind! In Zeiten kirchenpolitischen Reformdrucks, in denen Länder und Bistümer mit unterschiedlichen Vorstellungen und Tempi unterwegs sind, schaffen sie Verbindendes über Bistums- und Ländergrenzen hinweg! Diese Vernetzung wird heute auch musikalisch zum Ausdruck gebracht: die ortsansässigen Sängerinnen und Sänger aus Roggenburg und Biberach werden zur Feier des Anlasses verstärkt durch den Abteichor Windberg. Herzlich Willkommen im Bistum Augsburg! Musik lässt uns immer wieder erfahren, dass Vielstimmigkeit und Harmonie Hand in Hand gehen. Vergelt´s Gott allen Chören!

Eine Facette von Einheit ist die Einmütigkeit. In der Jubiläumszeitung des Klosters befindet sich ein Interview mit dem erst kürzlich verstorbenen Altabt Pater Thomas Handgrätinger; sicher würde er heute gerne dieses Jubiläum mit uns feiern. In diesem Interview blickt er zurück auf die Jahre der Wiederbesiedelung von Kloster Roggenburg und da fiel mir doch das Moment der raschen Zustimmung auf, die erforderlich war, um diesem Kloster neues Leben einzuhauchen. War das Ausdruck prämonstratensischer Einmütigkeit? Vielleicht - von außen ist das schwer festzustellen. Wie einmütig die Entscheidung zur Wiederbesiedelung dieses Klosters damals wirklich vonstattenging, kann uns wohl heute nur noch Pater Rainer Rommens sagen. Die Augustinische Ordensregel jedenfalls räumt diesem Punkt Gewicht ein: „Zuallererst sollt ihr einmütig zusammenwohnen, wie ein Herz und eine Seele auf dem Weg zu Gott.“[1] Ist das nicht eine allzu romantische Idealvorstellung? Wer die Ordensregel weiterliest, merkt alsbald, dass sie in der Praxis erprobt ist, denn dem Thema Streit und Vergebung ist ein ganzes Kapitel gewidmet. Ja, „Streit kommt in den besten Familien vor“!

Einheit ist uns von Christus nicht nur aufgetragen; sie wird uns auch durch ihn geschenkt. „Blut ist dicker als Wasser“, sagt der Volksmund. Und Jesus könnte erwidern: „Noch dicker ist das Wasser der Taufe! Es verbindet euch unter-einander, über soziale, familiäre und kulturelle Grenzen hinweg, und es verbindet euch mit mir (Jesus), eurem Bruder und eurem Gott!“ Das spiegelt sich alltäglich in der Lebensform der Priestergemeinschaft der Chorherren wider: Leben, Glauben, Besitz und Zeit miteinander teilen, sich gegenseitig stützen, um stark nach außen wirken zu können. Ein bevorzugter Wirkort der Prämonstratenser ist seit vielen Jahrhunderten die Pfarrei. Sie verfügen als Ordensgemeinschaften über eine jahrhundertelange Expertise in der Pfarrei-seelsorge. Als Bischof schätze ich mich glücklich, Prämonstratenser im Bistum zu haben; Sie wissen, dass mir die Zukunft der Territorialseelsorge sehr am Herzen liegt. Dass unsere Pfarreien Orte bleiben, an denen Menschen geschwisterlich verbunden sind, einander Unterstützer und Wegbegleiter werden; daran sollten wir alle gemeinsam arbeiten. Gläubige brauchen die Geborgenheit und Stärkung einer geistigen Heimat, um in der Welt ihre Frau und ihren Mann stehen zu können.

Wie werden unsere Pfarreien mehr und mehr zu solchen Orten? Wie werden wir zu einer Kirche, die bei aller Buntheit Einheit ausstrahlt, die geschwisterliches Leben bereithält, die attraktiv ist, ohne auf ungute Weise abhängig zu machen? Aufschlussreiches enthalten die heutigen Lesungen. Als gemeinsame Linie trägt sich durch, was Paulus der Gemeinde in Philippi zuruft: „Sorgt euch um nichts!“ (Phil 2,1-5) und ich ergänze: „außer um die Sache Gottes!“. Passt das nicht gut zu den Wiederanfängen dieses Klosters zu Beginn der 80er Jahre? Ja, es war Wagnis! Da gab es keine langen Planungsperioden mit Sanierungs- und Pastoralkonzepten. Es war ein Sprung in die Hände Gottes! So lautete auch der Wahlspruch von Altabt Pater Thomas Handgrätinger: „In manus tuas - In deine Hände lege ich mein Leben.“ Dieses Zeugnis soll uns ermutigen zu einer himmlischen Experimentierfreudigkeit! Das heißt nicht, dass es uns egal wäre, was herauskommt, sondern himmlische Experimentierfreudigkeit liegt in der Bereitschaft, Wagnisse einzugehen, weil wir wissen, dass uns ein Größerer in seiner Hand hält. Dieses Wissen meint innere Gewissheit und setzt voraus, dass ich dem Gott, den die Kirche verkündigt und von dem die Hl. Schrift erzählt, ja, dass ich diesem Gott in meinem Leben vertrauen kann. Am Ende erkennt Hiob, der sein Leben lang fromm und treu war, Gott auf neue Weise. Er spricht geradezu staunend von ihm und seiner Größe. Entscheidendes war passiert: „Vom Hörensagen nur hatte ich von dir gehört, jetzt aber hat mein Auge dich geschaut!“ (Hiob 42,5)

Nach Gott zu suchen, darin sehen die Prämonstratenser eine Lebensaufgabe. Ja, es sollte unsere vorrangige Sorge sein, die alle anderen Sorgen hinter sich lässt. Jede und jeder darf einen persönlichen und authentischen Draht zum Herrgott entwickeln. Und dahin sollen wir auch andere führen und begleiten, zu Gott, und nicht in Abhängigkeit zu uns. Wenn wir mit dem, was wir tun, nach dem Himmel streben und nicht danach, den eigenen Ruhm zu vermehren, dann fällt es uns wohl manches Mal auch leichter mit der Einmütigkeit.

Vor der Gefahr, den eigenen Ruhm zu suchen, warnte Jesus schon seine Jünger nach deren ersten Missionserfolgen: „Freut euch nicht darüber, [was ihr Tolles erreicht habt], … freut auch darüber, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind!“ (vgl. Lk 10,20) Die Worte Jesu halten für unseren Zeitgeist ein großes Befreiungspotential bereit: Wieviel Energie kostet es, dass wir Kopien unserer Selbst am Leben erhalten, die uns gut dastehen lassen vor anderen? Mit Social Media wird dieses Geschäftsmodell auf die Spitze getrieben! Ein wahres Gegenmodell lebte vor 800 Jahren – der hl. Franz von Assisi, den die gesamte Kirche morgen feiert. „Kleider machen Leute“, das wusste er als Sohn eines Stoffhändlers allzu gut. Bettelkleidung zu tragen, war für Franziskus von daher wohl nicht in erster Linie mühsamer Verzicht, sondern vielmehr sichtbarer Ausdruck dafür, sich durch die Bindung an Christus von allen anderen Abhängigkeiten losgesagt zu haben. In einer kritischen Auseinandersetzung hebt der evangelische Theologe Volker Leppin hervor, dass Franziskus „sich selbst nicht zu sehr mit Christus identifizieren wollte.“ Er habe sich nicht als Vorsteher einer neuen Jüngerschar begriffen, sondern „als Teil dieses Kreises“. Franziskus wollte, dass Menschen „nicht ihm nach[…]folgen, sondern mit ihm Jesus Christus.“[2]

Auf diese Weise kann der Herr uns Erfolg im biblischen Sinn schenken. Bei Hiob hat sich die Fruchtbarkeit in den Kategorien des Alten Testaments gezeigt: in schönen Töchtern und einer großen Viehherde. Töchter wären den Chor-herren nicht anzuraten, ein paar Rinder da schon eher… Das nur mit Augenzwinkern gesprochen, um zu würdigen, was aus dem einstigen Wagnis emporwachsen durfte: ein Bildungszentrum für Familie, Umwelt und Kultur und die erneute Erhebung der hiesigen Priestergemeinschaft zum Priorat mit eigenem Noviziat. Auch das feiern wir heute!

Die Jünger Christi, der hl. Norbert, der hl. Franziskus – sie zeigen uns durch die Jahrhunderte hinweg, wie es uns gelingen kann, Menschen für die Sache Jesu zu begeistern. Das Beispiel des Klosters Roggenburg lehrt uns, dass es manchmal mehrere Anläufe braucht, bis eine Mission fruchtbar wird. So unterschiedlich die Früchte sind, die der Herr denen schenkt, die an seinem Reich mitbauen - allen wird gemein sein, dass er seinen Frieden dazugibt. Bitten wir darum, dass auch uns Freude zuteilwird, weil unsere Namen im Himmel verzeichnet sind.

[1] Die Augustinische Ordensregel ist auf der Website des Klosters nachzulesen unter www.kloster-roggen-burg.de/web/de/orden/05_ordensspiritualitaet/gesamter-regeltext.php (letzter Aufruf: 14.09.2026).

[2] Leppin, Volker, Art. „Der mit den Tieren tanzt. Franz von Assisi zwischen Hagiografie und Biografie“, in: Herder Korrespondenz 9/2026, S. 13-15, hier S. 15.