Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zum 900. Geburtstag der Prämonstratenser am Sonntag, 6. Juni 2021 in Roggenburg

Ein „geistliches Start-up“

06.06.2021 12:50

Am 18. Juli 1126 ist was los in Magdeburg: Eine Stadt im Ausnahmezustand. Das will sich niemand entgehen lassen. Als der neue Bischof in Magdeburg einreitet, ist er – so erzählt man sich bis heute - nur mit einem Büßerhemd bekleidet, barfuß und sitzt auf einem Esel. Das hat es so noch nie gegeben!

Die Pförtner des Bischofspalastes verwehren dem offensichtlich armen und mit Staub bedeckten Bettelmönch den Zutritt. Doch das Volk jubelt ihm zu. Wenigstens vorerst!

Auch für mich ist heute ein besonderer Tag. Denn vor genau einem Jahr wurde ich im Dom von Augsburg zum Bischof geweiht. Ich zog nicht auf einem Esel in die Kathedrale ein, aber es war doch eine ungewöhnliche Feier: wenige Leute, nur ein paar ausgewählte Menschen aus verschiedenen Strömungen und Gruppen, Vertreter aus Politik und Gesellschaft, karger Gesang, spärlich besetzte Kirchenbänke – Corona geschuldet, das leuchtet ein. Doch in der Armut des Rahmens konnten alle etwas spüren von der Arm-Seligkeit des Dienstes, der einem Bischof aufgetragen, ja aufgeladen wird – heute im 21. Jahrhundert und schon damals vor 900 Jahren, als Norbert sein Amt in Magdeburg antrat.

Blättern wir im Lebensbuch des hl. Norbert: Es herrscht Unwetter, das dem Weg des jungen Kölner Domherrn Norbert eine neue Richtung gibt. Ein Blitz stellt sein Lebenshaus komplett auf den Kopf. Erinnerungen werden wach an Saulus-Paulus und auch an den Reformator Martin Luther, der 400 Jahre später lebte. Dem luxuriösen Lebensstil und dessen Vorzügen durchaus nicht abgeneigt, wird für den adligen ambitiösen Geistlichen 1115 ein Unwetter zum Bekehrungserlebnis. Den jungen Karriere-Kleriker hat es voll erwischt. Umgekrempelt und geläutert kehrt er von einem Ausritt in das reiche Stift Sankt Viktor nach Xanten am Niederrhein zurück. Allein auf weiter Flur fühlt er sich wie Johannes der Täufer als einsamer Rufer in der Wüste seiner Gemeinschaft. Bei seinen Mitbrüdern, die viele Einkünfte und wenige Verpflichtungen haben, die satt sind nicht nur wegen des kulinarischen Genusses, sondern selbstzufrieden ihr Leben auskosten, stößt Norbert mit seinen plötzlichen Appellen zu geistlicher Umkehr auf taube Ohren. Doch dieses Scheitern ist nur der Anfang, die Startrampe für eine größere Geschichte, die Gott mit ihm schreibt. Schauen wir auf dieses „Start-up“, das Norbert widerfährt und an dem er selbst mitgestaltet!

Mit 35 Jahren kehrt er seinem bisherigen Leben, den Privilegien und üppigen Pfründen den Rücken. Sein neues Outfit: aszetischer Wander- und Bußprediger. Im einfachen Volk kommt das Kontrastprogramm an. Doch der „Amtskirche“, den ein- und festgefahrenen Hierarchen, ist eine unkontrollierte Wanderexistenz verdächtig. Ich denke an Norberts Zeitgenossen Robert d’Abrissel (um 1045-1116), den Gründer der Abtei Fontevraud. Wie dieser, so wird auch Norbert eher wider Willen zum Gründer. Im nordfranzösischen Prémontré, auf Fernbesitz der Abtei Prüm, sammelt er eine neue geistliche Gemeinschaft Gleichgesinnter: die Wiege der Prämonstratenser. Weihnachten 1121 gilt als Geburtstag des neuen Ordens. Mit dem Christkind wird er aus der Taufe gehoben.

Begeistert vom neuerwachten Armutsideal, betrachtet Norbert die Lebensweise der traditionellen Chorherren, die Privatbesitz und eigene Wohnungen haben, nicht kompatibel mit dem Ideal der radikalen Nachfolge Christi. Norberts Vision sieht anders aus: Wie die Apostel sollen Priester aus einer Lebensgemeinschaft heraus als Seelsorger wirken, nicht vereinzelt, geschweige denn als Singles. Ein Leben nach den evangelischen Räten in Armut, Gehorsam und Keuschheit ist keine Berufung von Egoisten und Einzelkämpfern, sondern von Brüdern, die sich als Gemeinschaft verstehen, die Leben und Glauben teilt. Die Spiritualität der Prämonstratenser steht bis heute auf den drei Säulen: Priestergemeinschaft, geistliches Ordensleben und engagierte Seelsorge. Das schlägt sich nieder in gut vorbereiteten Predigten, im Unterricht und in der Pfarreiarbeit, aber auch auf anderen Gebieten wie Kirchenmusik, Kunst und Kultur, Jugend-, Familien- und Schöpfungspastoral. Danke Euch, liebe Brüder hier in Roggenburg, dass Ihr dieses vom hl. Norbert überlieferte Erbe vor bald 40 Jahren gehoben und mit Eurem Charisma unsere Diözese bereichert. Unsere Ordenslandschaft wäre ärmer, wenn es Euch nicht gäbe! Dass Ihr da seid, ist ein Segen für die Menschen hier am Ort, im Dekanat, im Landkreis Neu-Ulm, im Bistum. Vergelt’s Gott!

Wenn wir erneut in Norberts Lebensbuch blättern, stoßen wir auf einen zweiten Bruch in seiner Biographie. Nicht nur, dass Papst Honorius II. Anfang 1126 die Regel der „Chorherren des hl. Augustinus nach den Gebräuchen der Kirche von Prémontré“ bestätigt; der Nachfolger Petri zieht den Gründer ab und ernennt ihn – sehr überraschend – im Einvernehmen mit König Lothar III., bestätigt durch ein Votum des Hoftags von Speyer, zum Erzbischof von Magdeburg. Während Norbert offenbar hofft, damit eines der wichtigsten deutschen Bistümer auf einen Schlag reformieren zu können, formiert sich Opposition.

Die Bischofsernennung ist umstritten: Die eigenen Mitbrüder sind erstaunt und erschrocken, weil sie meinen, Norbert sei rückfällig geworden und kehre als Bischof in die Gebräuche einer verweltlichten Kirche zurück. In der Tat entwickelt sich Norberts Auftreten zunehmend höfisch. Dann rührt sich nach anfänglicher Begeisterung für den ungewöhnlichen neuen Bischof auch Gegenwind aus dem Magdeburger Volk. Denn Norbert zieht nicht nur im Büßergewand in seine Diözese ein; seine Reformideen zeigen, woher und wohin der Wind weht: von Christus her auf Christus zu. Norbert will Umkehr vom alten Leben und Hinkehr zum Herrn. Das kommt bei den meisten nicht gut an. Sie wollen es bequemer.

Als unnachgiebiger Reformer mit Kopf und Willen macht sich Norbert unbeliebt sowohl bei adeligen Domherren, deren Lebensstil und Besitzverhältnisse er anprangert, als auch bei einfachen Priestern, denen er die Einhaltung des Zölibats einschärft. Auch viele Gläubige tun sich schwer mit einem Bischof, der die Messlatte hochlegt. Sie fühlen sich von ihrem Hirten gegängelt. In der Stadt herrscht Empörung. Nach einem Aufstand und zwei Mordanschlägen muss der Bischof nach Halle fliehen. Auch der „Geschasste“ agiert nicht gerade zimperlich. Die Aufsässigkeit seiner Diözesanen beantwortet er mit einem Interdikt, dem Verbot aller kirchlichen Handlungen einschließlich der Sakramentenspendung, um das Volk zur Räson zu bringen. Nicht auszudenken, wenn der Bischof von Augsburg die Chorherren von Roggenburg mit einem Interdikt strafen würde! Aber keine Angst, liebe Brüder: wir kennen uns und ich vertraue Euch, weil ich weiß, dass Ihr bei allen eigenen Gedanken und Ideen, ja beim Selbstbewusstsein, das etliche von Euch auszeichnet, diesbezüglich keine Gefahr besteht.

Norbert lässt sich aber von seinem Kurs nicht abbringen. Das zeigt sich auch im Attribut, das ihm die Kunst in die Hand gegeben hat: die Monstranz. Norberts Botschaft an uns besteht darin, dass er uns dringend empfiehlt: Behaltet bei Eurem Diskutieren und Kritisieren, bei Euren Debatten auf dem Synodalen Weg, bei der Aufklärung und Bearbeitung Eurer Skandale stets die Mitte im Blick: den Herrn Jesus Christus! - Er ist die Quelle, aus der Norbert seinen Elan, seine Energie, seine Emsigkeit geschöpft hat. Er trug die Welt in die Einsamkeit, um sie da dem Herrn hinzuhalten. Und er trug seine Einsamkeit in die Welt, um sich zu schützen gegen Abschottung und Flucht vor dem wirklichen Leben.

Anfangs lobte ich Norbert für seinen „Start-up“, den er in schwerer Zeit hingelegt hat. Was ist ein Start-up? Laut Wikipedia ist das „eine Unternehmensgründung mit einer innovativen Geschäftsidee und hohem Wachstumspotential“. Ja, das waren und das sind sie bis heute: die Prämonstratenser, alt und jung zugleich. Darauf können wir mit Ihnen, liebe Brüder, in diesem Jubiläumsjahr stolz sein. Auch wenn der hl. Norbert im hohen Mittelalter gelebt hat, ist er doch nicht von gestern. Ihm heute nachzueifern ist eine gute Idee. Sie zielt nach vorn. Das Start-up der Prämonstratenser vor 900 Jahren mit dem hl. Norbert, vor 40 Jahren ein Start-up seiner Nachfolger hier in Roggenburg. Starten wir gemeinsam durch – im Namen des Herrn!