Predigt zum 75. Geburtstag von Bischof Dr. Konrad Zdarsa am Freitag, den 7. Juni 2019, im Dom zu Augsburg

Ein lebenslanger Dialog der Liebe

07.06.2019 11:35

Kinder fiebern ihm entgegen und löchern die Eltern, wann es endlich soweit ist. Ältere Menschen möchten manchmal die Zeit etwas verlangsamen und sind vor allem dankbar, wenn sie ihn noch bei einigermaßen stabiler Gesundheit begehen dürfen: Die Rede ist vom Geburtstag. Bis heute gibt es Glaubensrichtungen, die Geburtstage bewusst übergehen; auch in der katholischen Tradition hatte früher eher der Namenstag seinen Platz. Haben wir überhaupt einen Grund, Geburtstag zu feiern?

Keine Angst, wir müssen das Fest heute nicht abblasen. Ja, wir haben sogar einen guten Grund zu feiern. Denn bei näherem Hinsehen erweist sich das Verhältnis von Geburtstag und Namenstag als ein Spezialfall der Beziehung von Natur und Gnade. Wenn gut katholisch gilt „gratia supponit naturam", dann dürfen wir auch sagen: „Dies festus nominis supponit diem natalem." ‚Der Namens-tag setzt den Geburtstag voraus‘. Denn die Gnade der Taufe hebt die Geburt nicht auf, sondern vollendet sie. Der Tag der Geburt darf und soll als Tag des Dankes gefeiert werden für das Geschenk des Lebens. Wie gut haben wir es doch als Katholiken! Auch was Geburts- und Namenstag betrifft, gilt das „et … et", das „sowohl … als auch". Wir dürfen also zweimal feiern. Und wenn wir es ganz genau nehmen, sogar dreimal: Denn wir sollten auch den Tauftag nicht vergessen - den Tag, an dem wir eingegliedert wurden in den Leib Christi und neu geboren für das ewige Leben. So gesehen ist unser wahrer Geburtstag eigentlich der Tauftag. Für das Geschenk des natürlichen und übernatürlichen Lebens sagen wir unserem Schöpfer und Erlöser von Herzen Dank.

Grund zum Danken hat in erster Linie der Jubilar selbst. Denn dass er einmal hier im Augsburger Mariendom seinen 75. Geburtstag feiern würde, war ihm bei seiner Geburt am 7. Juni 1944 im sächsischen Hainichen wahrlich nicht in die Wiege gelegt. „Ich danke meinem Gott", so wird er heute sagen - und wir schließen uns ihm an -, „dass er mich in seine Kirche, in diese alle Kontinente, Völker und Kulturen, Klassen und Sprachen übergreifende Gemeinschaft des Glaubens berufen und als Priester und Bischof in der katholischen Kirche zum Dienst bestellt hat, das Evangelium von der Gnade Gottes zu bezeugen‘." (Apg 20, 24)

Begeben wir uns nun im Geiste an das Ufer des Sees von Tiberias, wo ein Kohlenfeuer brennt. Dass uns die Leseordnung diesen Text für heute zur Verkündi-gung vorlegt, könnte nicht besser gefügt sein. Im ganzen Neuen Testament kommt übrigens das Wort „Kohlenfeuer" nur zweimal vor – und das im Johan-nes-Evangelium. Bei Johannes sind solche Details kein Zufall. Was ist die Botschaft, die dahintersteckt?

Die erste Stelle, an der vom Kohlenfeuer die Rede ist, steht im 18. Kapitel: Es brennt im Vorhof des hohepriesterlichen Palastes, wohin Jesus zum Verhör gebracht wurde. Und wir wissen, was dort geschieht: An diesem Kohlenfeuer verleugnet Petrus den Herrn dreimal. Die zweite Stelle findet sich im 21. Kapitel: Am See von Tiberias flackert erneut ein Kohlenfeuer. Und an diesem Kohlen-feuer ereignet sich das letzte, tiefe Zwiegespräch zwischen Jesus und Petrus. Dreimal fragt Jesus ihn: Liebst du mich? Der Leugner Petrus bekommt eine zweite Chance – war es damals Nacht, so steht jetzt der frühe Morgen unter dem Zeichen des Neuanfangs: Wie wunderbar ist doch die Pädagogik Jesu!

Am Kohlenfeuer hat Petrus den Herrn dreimal verleugnet; am Kohlenfeuer fragt Jesus ihn dreimal nach seiner Liebe, um ihm als erstem das Amt des Hirten zu übertragen. Sollte das Kohlenfeuer am See Petrus – und heute uns! – erinnern an jenes andere Kohlenfeuer im Vorhof des Hohepriesters? Soll der Jünger daran erinnert werden: Bedenke, dass du dir das Amt nicht durch deine Würdigkeit, deine Leistung oder Tüchtigkeit „verdient" hast? Einzig aus der Erwählung der Liebe wurde es dir geschenkt! Vergiss das Kohlenfeuer nicht! Wir könnten über diesen Abschnitt auch die Überschrift setzen: Berufung als Verwandlung. Immer gilt es im Glauben zu bedenken: Wir selber sind gefragt - unverwechselbar und ganz persönlich. Der Herr steht vor mir – und ich vor dem Herrn:

Liebst du mich? – Du weißt, dass ich dich liebe. – Weide meine Schafe.

Wenn der Liebesdialog des Herrn mit Simon Petrus mehr war als eine einmalige biographische Szene, wenn das Gespräch vom Herrn gedacht ist als der ständige Dialog der Liebe mit dem Amt in der Kirche – welch eine Dimension wird hier angerührt! Johannes Bours, jahrzehntelang als Spiritual in der Priesterausbildung tätig, bringt diese Spannung auf den Punkt: „Amt und Liebe – wie Spannungspole einer Ellipse und nur so lebendige Spannungseinheit. Es ist die not-wendige Aufgabe des Amtes zu regeln. Aber die Anfrage der Liebe an das Amt macht alle Regelung, alles System immer wieder auch fragwürdig und erinnert das Amt daran, dass das Herz der Kirche nicht das Gesetz, sondern die Liebe ist und dass das Gesetz dazu da ist, der Liebe das Haus zu bauen." [1]

Der Liebe das Haus bauen – darin liegt die Dynamik der geistlichen Erneuerung, die Dynamik des Aufbruchs der Kirche in eine Welt, die zugleich Fremde und ein Stück Zuhause ist. Daran erinnern uns Herkunft und Prägung unseres Bischofs. Aus einer Region stammend, in der die katholische Kirche eine Minderheit ist, mahnt er uns, dass wir es uns in der Kirche nicht bequem machen dürfen wie in einer Kuschelecke, die noch mit volkskirchlichen Elementen ausgepols-tert ist, sondern ernst nehmen, was Kirche im Umbruch bedeutet: Nicht wir müssen die Kirche ändern, sondern die Kirche wandelt sich, ja sie wird verwan-delt durch die Kraft des Heiligen Geistes, und wir dürfen dabei mitwirken, wenn wir als Getaufte und Gefirmte unsere Charismen entdecken und einsetzen. Eine so verstandene geistliche Erneuerung der Kirche betrifft Haupt und Glieder des Leibes Christi. Das hat der verstorbene Kardinal Joachim Meisner beim internationalen Priestertreffen in St. Paul vor den Mauern in Rom pointiert umschrieben: „Die Kirche ist die ‚Ecclesia semper reformanda‘, und darin sind der Priester und Bischof ein ‚semper reformandus‘, der immer wieder – wie Paulus vor Damaskus – vom hohen Ross gestoßen werden muss, um in die Arme des barm-herzigen Gottes zu fallen, der uns dann in die Welt hinein sendet." [2]

Besonders am Herzen liegen unserem Bischof die Feier der Liturgie, vor allem die würdige Spendung der Sakramente, und die Verkündigung des Wortes Gottes. Das spürt jeder, der mit ihm die hl. Messe feiern und seine Predigten hören darf. Gleichzeitig betont Bischof Konrad aber immer wieder, dass Verkündigung und Gottesdienst der Erdung im Dienst am Nächsten bedürfen. Martyrie und Liturgie bekommen erst Hand und Fuß in der Diakonie, der gelebten Caritas, die mehr ist als ein gut funktionierender Sozialkonzern. Christliche Caritas ist der Lackmustest für glaubwürdige Verkündigung und ehrfürchtigen Gottesdienst – und das gilt für alle Ebenen von der Diözese über das Dekanat bis in unsere Pfarreiengemeinschaften.

So nimmt uns auch das Anliegen der Neuevangelisierung, das unser Bischof angestoßen hat, ganzheitlich in Anspruch. Danke für diesen nachhaltigen Impuls, der wie ein Wasserzeichen unser kirchliches Leben durchziehen soll! Bei der Europawallfahrt in Mariazell gab erst kürzlich der Prager Prof. Tomáš Halík, der 2016 als Gast bei unserem Jahresempfang beeindruckt hat, diesbezüglich zu bedenken: „Manche ‚neuen religiösen Bewegungen‘ haben die Aufforderung von Johannes Paul II. zu einer Neuevangelisierung Europas als Anregung zu einer ‚religiösen Mobilmachung‘ verstanden, die den evangelikalen und pfingstkirchlichen Stil von Religion nachahmt. Es ist jedoch notwendig, zwischen Emotionalität und Spiritualität zu unterscheiden. Nicht alle emotionalen Stürme bringen Flammen des Heiligen Geistes mit sich." Und weiter nimmt er die aktuelle Situation der Kirche in den Blick: „Der gute Hirte lässt die neunundneunzig Schafe auf der Weide weitergrasen und sucht das verlorene. Papst Franziskus fügt diesem Satz Jesu hinzu: Heute muss der Hirte der Kirche das eine übriggebliebene Schaf verlassen und sich aufmachen, die neunundneunzig verlorenen zu suchen. So sieht heute die Situation des Christentums in Europa aus. Die Hauptaufgabe der Kirche heute besteht darin, diese ‚neunundneunzig Verlorenen‘ zu suchen. Viele von denen, die das Vertrauen in die Kirche verloren haben, sind nicht zu Atheisten geworden, sondern zu ‚Suchern‘, sie sind ein Bestandteil der großen Familie der ‚Suchenden‘ geworden. (…) Das große Schiff des traditionellen Christentums von gestern sinkt auf den Grund und wir sollten die Zeit nicht damit verlieren, um die Liegestühle auf der Titanic hin und her zu schieben." [3]
Die Titanic der Volkskirche geht zu Grunde. Das ist zugleich die Chance, dem christlichen Glauben neu auf den Grund zu gehen. Wir danken Dir, lieber Bischof Konrad, dass du uns auf diese Notwendigkeit immer mit großem Ernst und Wachsamkeit hinweist.

Mit seiner eindringlichen Frage ist Jesus dem Glauben des Petrus auf den Grund gegangen. Denn der Glaube gründet in der Liebe: Simon, liebst du mich? Heute am 75. Geburtstag findet diese Frage ihr Echo:

Konrad, liebst du mich? – Ja, du weißt, dass ich dich liebe. – Weide meine Schafe. „Als du jünger warst", fährt Jesus fort, „hast du dich selbst gegürtet und gingst, wohin du wolltest. Wenn du aber alt geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich führen" (Joh 21,18).

Lieber Bischof Konrad, du wirst das Amt, unser Bistum zu leiten, in die Hand des Papstes zurücklegen, und ein neuer Lebensabschnitt fängt an. Doch die Frage Jesu nach deiner Liebe zu ihm stellt sich weiter und wird immer tiefer. Denn du bleibst ja Diakon, Priester und Bischof, bestellt zum Dienst an den Gläubigen in einem Umfeld, das sich nach Weisung und Versöhnung sehnt. Möge sich für dich bei allem, was kommen mag, immer aufs Neue einlösen, was dein Wahlspruch zum Ausdruck bringt: „Er ist unser Friede" (Eph 2,14). Und wer glaubt, ist nie allein! [4]

Mit dir, lieber Bischof Konrad, danken wir heute für das Geschenk deines Lebens und deines Dienstes für uns und wenden uns an Christus mit den Worten, die wir aus dem Stundenbuch kennen:

Christus, göttlicher Herr,
dich liebt, wer nur Kraft hat zu lieben:
unbewusst, wer dich nicht kennt;
sehnsuchtsvoll, wer um dich weiß.
Christus, du bist meine Hoffnung,
mein Friede, mein Glück, all mein Leben:
Christus, dir neigt sich mein Geist;
Christus, dich bete ich an.
Christus, an dir halt‘ ich fest
mit der ganzen Kraft meiner Seele:
dich, Herr, lieb‘ ich allein –
suche dich, folge dir nach. Amen.

 
[1] Johannes Bours, Da fragte Jesus ihn. Schritte geistlicher Einübung in die Jesusnachfolge, 5. Auflage, Freiburg-Basel-Wien 1983, S. 215.

[2] Meditation von Kardinal Meisner am 9. Juni 2010.

[3] Aus: Christen im Herzen Europas. Festrede zur Europawallfahrt der Ackermann-Gemeinde am 4. Mai 2019.

[4] Antrittspredigt von Papst Benedikt XVI. 25. April 2005; Motto der Pastoralreise nach Bayern September 2006.