Predigt zur Profanierung der Kirche St. Martin in Lagerlechfeld am 27. Dezember 2020

Eine Stunde der Wahrheit: Abschied und Aufbruch

27.12.2020 21:43

Corona bringt vieles ans Licht. So gesehen, ist diese Krise auch eine Stunde der Wahrheit. Corona hält uns den Spiegel hin. Ist die Kirche vielleicht schon profan, d.h. außerhalb des Heiligen, längst bevor wir Gotteshäuser offiziell profanieren?

Wie weltlich ist die Kirche geworden? Was läuft wirklich im kirchlichen Leben? Was dürfen wir noch ausbauen und verstärken? Worauf können wir verzichten? Wovon müssen wir uns trennen? Was sollten wir verabschieden?

In diesen Spiegel der Wahrheit haben auch Sie, liebe Schwestern und Brüder, in den vergangenen Jahren aufmerksam und ehrlich geschaut, als sie überlegten, welche Zukunft das Gotteshaus St. Martin in Lagerlechfeld künftig haben solle. Von Herzen danke ich Ihnen dafür, dass sie den Weg des geduldigen Dialogs gegangen sind. Hinter Ihnen liegt ein teilweise langatmiger und mitunter langwieriger Dialog mit vielen nicht immer pflegeleichten Partnern – etwa dem Bischöflichen Ordinariat mit seinen weitverzweigten Dienststellen sowie den kommunalen Entscheidungsträgern. Ideen wurden eingespeist und wieder verworfen, Pläne geschmiedet und dann doch auf die Seite gelegt. Dass der heutige Tag dennoch weniger einer Bestattung gleicht, sondern den Geburtstag für neues kirchliches Leben in Lagerlechfeld vorbereiten soll, ist allen zu verdanken, die sich auf den geistlichen Prozess der Unterscheidung – des discernimiento, wie Papst Franziskus es gern nennt – eingelassen haben. Ja, es braucht „Unterscheidung“ – einen oft jahrelangen Prozess des Anhörens und Zuhörens, bis aus dem sensiblen Unterscheiden eine Entscheidung reifen kann: Das discernimiento mündet ein in die distincion. Nun sind die Würfel gefallen! In Lagerlechfeld wird „die Kirche im Dorf bleiben“, aber sie wird anders präsent sein, als Sie es gewohnt waren.

53 Jahre lang hat Gott sein Volk hier in der St. Martinskirche zusammengerufen. 1967 wurde sie gebaut als Kooperationsprojekt zwischen der Diözese Augsburg und dem Militärbischofsamt auf nationaler Ebene. Aufbruch lag damals in der Luft! Durch die sog. Jazzmessen mit Militärpfarrer Herold war die Kirche in den Anfangsjahren mit bis zu 1000 Besuchern ein Magnet weit über das Lechfeld hinaus. Bis 1992 wurden auch jeden Sonntag sog. Standortgottesdienste gefeiert. Die politische Wende wurde zum Wendepunkt auch im Hinblick auf die Rolle von St. Martin auf dem Lechfeld. Was wir jetzt in Corona-Zeiten selbst in großen Kirchen wie im Dom oder in einer Basilika erleben, ist die Erfahrung, die Sie, liebe Schwestern und Brüder in Lagerlechfeld, schon seit Jahren machen müssen: Die Bänke sind ausgedünnt, die Zahl der Gottesdienstbesucher ist überschaubar, das Gotteshaus ist viel zu groß und weit – und energetisch überhaupt nicht mehr up to date.

Daher ist der Schritt, den wir heute setzen, logisch und geistlich notwendig. Herzlich danke ich den Seelsorgern, die das Volk Gottes an dieser heiligen Stätte im vergangenen halben Jahrhundert vereint haben: zur Feier der Gottesdienste, zur Spendung der Sakramente, zur praktizierten Nächstenliebe. Was wurde hier in St. Martin nicht alles auf die Beine gestellt! Wie viele Stühle wurden gestellt, Tische gedeckt, Besucher begrüßt! Wie viele Gebete wurden gen Himmel gerichtet! Unser Diözesancaritasdirektor, Domkapitular Dr. Andreas Magg, selbst ein Sohn dieser Gemeinde, weiß um die St. Martinskirche, in der er getauft wurde, die Erstkommunion empfing und auch seine Primiz feiern durfte. Er steht für viele andere, die mit St. Martin gute Erinnerungen an ihre Glaubensbiographie verbinden: die Sakramente der Buße und der Firmung, die Eheschließung, aber auch traurige Ereignisse wie Abschiednehmen bei einem Requiem. Zahlreichen Menschen ist diese Kirche ans Herz gewachsen. Tempi passati! Diese Zeiten sind nun vorbei.

Trotzdem sind der Abschied und die damit verbundene Trauer nur die eine Seite der Medaille. Wenn jetzt die Kirche geschlossen wird, ist dann auch der Himmel verschlossen? Es tut weh, wenn eine Kirche zugemacht wird. Aber ich verspreche Ihnen: Der Himmel bleibt offen. Mehr noch! Der heutige Tag ist ein Auftrag für Sie, liebe Christen von Lagerlechfeld: Halten Sie einander den Himmel offen! Mit Weihnachten hat Gott den Himmel aufgesperrt, indem er seinen Sohn zu uns auf die Erde sandte – auch aufs Lechfeld! In Jesus schließt Gott einen neuen Bund der Treue mit uns Menschen. Er erwartet, dass wir ihm auch in Zukunft die Treue halten – trotz der Tatsache, dass wir diese Kirche im Großformat dichtmachen müssen. Aber das heißt doch nicht: In Lagerfechfeld ist kirchlich nichts mehr los. Im Gegenteil: Ich freue mich, dass es eine neue Nutzung des Sakralraumes geben wird. Das Bistum ist froh, um ein passendes Depot für religiöse Kunstgegenstände zu wissen. Zudem soll es einen kleinen Pfarrsaal geben für Versammlungen, denn Kirche ist und bleibt Gemeinschaft; sie lebt von Begegnung – nicht nur digital, sondern real mit Präsenzveranstaltungen. Und schlielich dürfen Sie, liebe Lagerlechfelder, dankbar sein, dass Ihre Kirche nicht abgerissen, sondern als Kirchenraum nur verkleinert und damit der Wirklichkeit angepasst wird. Im Abschiedsgebet für Ihre Kirche werde ich sprechen: „Herr, unser Gott, Hirte deines Volkes! Begleite auch unsere künftigen Wege. Lass uns neu aufbrechen und schenke uns in diesem Gebäude einen neuen Kirchenraum, in dem wir uns als Volk Gottes um deinen Sohn Jesus Christus versammeln können.“

Im Licht der Weihnacht heißt das: Die Kirche wird profaniert, damit der Mensch sich daran erinnert, wer und was heilig ist. Das Gotteshaus wird kein Vakuum, es wird umgewidmet; und darin liegt die Mahnung, Gottes Heiligkeit noch tiefer zu erfassen. Ich wünsche Ihnen einen neuen Aufbruch im Namen des Herrn! Wenn ich lese, was schon alles geplant und verwirklicht ist, dann geht mir als Bischof das Herz auf: Papst-Franziskus-Kreis und Eine-Welt-Laden, Besuchsdienst für die Kranken und Wohnviertelapostolat, flankiert von der Lechfelder Tafel, die eines von vielen Beispielen ist für die gute Kooperation zwischen Kommune und Caritas. Auch die Verantwortung für Gottes Schöpfung und das Anliegen des Friedens werden großgeschrieben, meist im ökumenischen Schulterschluss.

Liebe Martinsgemeinde, halten Sie Ihren Patron auch weiter hoch! St. Martin steht nicht nur für eine Kirche aus Stein; er ist Programm für eine Gemeinde, die miteinander teilt und sich das Geheimnis der Menschwerdung mitteilt.

Am heutigen Tag kommt mir ein Gedicht von Hilde Domin, einer Deutschen jüdischer Abstammung, in den Sinn, das den Titel trägt: Ziehende Landschaft.

Man muss weggehen können

und doch sein wie ein Baum:

als bliebe die Wurzel im Boden,

als zöge die Landschaft und wir ständen fest.

Man muss den Atem anhalten,

bis der Wind nachlässt

und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,

bis das Spiel von Licht und Schatten,

von Grün und Blau,

die alten Muster zeigt

und wir zuhause sind,

wo es auch sei,

und niedersitzen können und uns anlehnen,

als sei es an das Grab

unserer Mutter.

Menschsein heißt „in der Liebe wurzeln“, sagt Hilde Domin. Wir werden als Christen nur leben – hoffentlich überleben – können, wenn uns klar ist, dass unsere tiefste Wurzel die Liebe ist. Diese Liebe hat ihren Grund, sie ist begründet - selbst auf dem Lechfeld, wo der Boden trocken und steinig ist. Der greise Simeon hat aus Gottes Liebe gelebt, so dass er sich am Abend seines Lebens beim Herrn einbetten konnte: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, (…) in Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen, (…) ein Licht, das die Heiden erleuchtet und Herrlichkeit für dein Volk Israel.“ (Lk 2,29-32)  

Nehmen wir Abschied von Alt-St. Martin und freuen wir uns, wie der hl. Martin Glauben und Leben zu teilen – hier auf dem Lechfeld und darüber hinaus!