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Zur Eröffnung des Hedwigsymposiums an der Katholischen Akademie in Berlin

"Eine besondere Ehre und Freude"

15.10.2026 15:00

Lieber Erzbischof Heiner, liebe bischöfliche und priesterliche Mitbrüder aus Polen, Österreich und Deutschland, liebe Mitglieder des Veranstaltungsteams, sehr geehrte Referentinnen und Referenten und nicht zuletzt: sehr geehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Hedwigsymposiums, es ist mir eine besondere Ehre und Freude hier gewissermaßen als Heimatbischof der heiligen Hedwig zu sprechen, liegt doch der Ort, an dem sie in den 70er Jahren des 12. Jahrhunderts geboren wurde, der heilige Berg Andechs, im Bistum Augsburg.

Bereits um 1100 hatte das Dießener Grafenge­schlecht seinen Sitz aus der Nähe des von Berthold II. gestifteten Augustiner-Chorherrenstiftes auf das gegenüberliegende Hochufer des Ammersees verlegt. Grablege der seither Andechs-Meranier genannten Familie blieb aller­dings nach wie vor die Krypta in der Stiftskirche, dem heute prächtig barocken Marienmünster. Dort besuchen Gläubige bis in unsere Tage vor allem das Grab der Brotmutter von Dießen, einer Großtante Hedwigs. Die selige Mechtild (gest. 1160) war Meisterin der dortigen Augustiner-Chorfrauen und ihr caritatives Wirken galt als prägend für die Region und weit darüber hinaus.

Angesichts der zahlreichen herausragenden Mitglieder des verzweigten Andechser Geschlechtes staunen wir bis heute gemeinsam mit Joseph Gottschalk, dem Historiker, der zur 750-Jahrfeier der Heiligsprechung der Herzogin von Schlesien 1967 die textliche Überlieferung auf den Prüfstand stellte und dabei konstatierte, „dass es in der gesamten christlichen Welt keine andere Familie gibt, aus der im Laufe von vier Jahrhunderten so viele als Heilige oder Selige Verehrte hervorgegangen sind, wie aus dem Hause Andechs.“[1] Dabei muss man ergänzen: Es sind vorrangig die Frauen, die sich durch außer­gewöhnliche Christusbeziehung, herrscherliche Güte für Arme und straffällig Gewordene bzw. den Einsatz für die körperliche und geistige Bildung der ihnen Anvertrauten hervortaten.

Vor 60 Jahren gab es - nicht zuletzt aufgrund des großen Engagements der Vertriebenenverbände - keine einzige deutsche Diözese, die sich das Jubiläum zu Ehren der heiligen Hedwig entgehen ließ. Allein das Programm, mit dem unser Bistum Augsburg auf den Plan trat, beeindruckt bis heute. Zudem spürt man beim Lesen der Fülle von Veranstaltungsformaten noch etwas von der Aufbruchstimmung, die Katholikinnen und Katholiken im Zuge des Aggiornamentos durch das II. Vatikanische Konzil erfasst hatte. Damals trug wohl auch der zurecht berühmt gewordene Briefwechsel vom Herbst 1965 zwischen dem polnischen und deutschen Episkopat das Seine zur guten Atmosphäre bei.

In der Folgezeit konnten nach Jahrzehnten des Schweigens und der inneren Verhärtung endlich die Traumata von Krieg und Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung angesprochen werden, weil sich die Bischöfe die Hand reichten. Für viele hierzulande, die immer noch auf eine Revision der Grenzziehung von 1945 hofften, kam das zu früh. Doch vor allem der nach­wachsenden Generation diesseits und jenseits des Eisernen Vorhangs gab dieser erste Schritt die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen und echt nachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen. Seinen vorläufigen Höhepunkt fand der Prozess der Annäherung schließlich in der Versöhnungsmesse, die der Oppelner Bischof Alfons Nossol am 12. November 1989 in Krzyżowa/Krei­sau zelebrierte. Beim Friedensgruß umarmten sich der anwesende polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl. Sie setzten damit ein deutliches Zeichen der Hoffnung, das bis heute in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Krzyżowa lebendig gehalten wird.

Obwohl bereits Jahrhunderte seit ihrem Wirken in Schlesien vergangen waren, spielte die heilige Hedwig dabei als Mittlerin und Brückenbauerin, wie wir heute Nachmittag noch ausführlich hören werden, eine kaum zu überschätzende Rolle. Sie hatte an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert in beispielhafter Weise gezeigt, dass Menschen aus verschiedenen Volksgruppen, mit hetero­genem soziokulturellen Hintergrund und zweierlei Sprache unter einer, dem christlichen Wertecodex verpflichteten und damit als gerecht empfundenen Obrigkeit eine tragfähige gemeinsame Identität entwickeln konnten.

Schlesierin bzw. Schlesier zu sein bedeutete fortan, sich in der vom Lauf der Oder durchzogenen mitteleuropäischen Landschaft zwischen den Sudeten und den Beskiden daheim zu fühlen. Obwohl mancherlei Machtgelüste und Begehrlichkeiten Leid und Tod über die Bevölkerung brachten und immer wieder zu wechselnden Herrschaften führten, blieb über die Zeiten hinweg, und selbst unabhängig von der eigenen konfessionellen Prägung, die Landespatronin als Integrationsgestalt bedeutsam. Mehr als alle Herr­scherinnen vor und nach ihr hatte sich die aus Bayern stammende Herzogin in den Dienst des ihr anvertrauten Volkes gestellt, war ohne „Ansehen der Person“[2] zur Schwester und Mutter aller geworden, besonders aber der Armen und Bedürftigen. Das vergaßen ihr die Schlesier nie.

Schauen wir allerdings mit heutigen Augen auf die frühen Jahre der kleinen Hedwigis, eingedeutscht: Haedewig[3] oder Heduiga[4], deren Name „die Kämpferin“ heißt, dann mag es befremdlich, um nicht zu sagen skandalös erscheinen, dass die erst 12jährige gewissermaßen als lebendige Verfügungs­masse aus der Hand ihres Vaters Bertholds IV. von Andechs-Meranien in die ihres Bräutigams, des Piastenherzogs Heinrich I. des Bärtigen, überging. Hedwigs Brautfahrt von der „Stammburg Andechs“[5] in das unbekannte Schlesien könnte dann - unter Missachtung des historischen Kontextes – gar als Kinderehe, verbunden mit der Zwangsmigrationserfahrung einer beglei­teten Minderjährigen, betrachtet werden.

Ein solches Gedankenexperiment ist m. E. nicht zu weit hergeholt, hat doch die Geschichtsschreibung ein ähnliches Problem wie die Hagiografie: Sie muss eine oft große, ja stetig wachsende Distanz zwischen der erzählten Zeit und dem Standpunkt der interessierten Leserschaft überbrücken. Den Fragen, die diese an eine vergangene Epoche bzw. an eine historische Person stellt, Raum zu geben, ist Verpflichtung und Herausforderung zugleich, will man nicht riskieren, dass sich der heutige Mensch verständnislos abwendet. Denn als empathiebegabte Wesen möchten wir uns – meist unbewusst, aber dann umso zwingender – in einer Gestalt, die uns noch dazu als Vorbild präsentiert wird, zumindest zu einem Teil wiederfinden. Erst dann wird sie uns vertraut und kann vielleicht sogar lebensprägend sein!

Vor diesem Hintergrund wünsche ich uns, dass das Symposium zu Ehren der heiligen Hedwig von Andechs und Schlesien nicht nur als Sternstunde der Spiritualitätsgeschichte und Mittelalterforschung in die Annalen der Katho­lischen Akademie zu Berlin eingeht, sondern dass wir alle, die Referierenden ebenso wie die Zuhörenden, sich mit Kopf und Herz auf diese außerge­wöhnliche Frau einlassen und ihr in einem höheren Sinne wirklich begegnen können; ja mehr noch, dass sie als Mensch und als Heilige in unserem Leben eine Spur ziehen darf!

Tatsächlich hat ja die heilige Hedwig auf ihre Zeitgenossen einen derart nachhaltigen Eindruck gemacht, dass sie bereits 1225 - Jahrzehnte vor ihrem Tod und erst recht vor der offiziellen Heiligsprechung - Eingang fand in die Schriften des Zisterziensers Caesarius von Heisterbach (um 1180 - nach 1240) im rheinischen Siebengebirge.[6]

Ein besonders bewegendes Zeugnis persönlicher Zuneigung gab allerdings ein Kampfgefährte ihres unglücklichen Sohnes Heinrichs II., nachdem er 1241 von der katastrophalen Niederlage gegen die Mongolen bei Wahlstatt wohlbehalten in seine schwäbische Heimat zurückgekehrt war: Graf Ludwig von Helfenstein (gest. 1278) ließ in seiner romanischen Burgkirche St. Michael oberhalb von Geislingen/Steige ein Fresko anbringen, das, namentlich überschrieben, die schlesische Herzoginwitwe in anbetender Haltung zeigt. Die schlichte Umriss­zeichnung hat die Jahrhunderte überdauert und wurde als einzige Ausmalung der ehemaligen Basilika 1961 bei Umbaumaßnahmen wiederentdeckt.[7] - So kam sie auf uns als ein unmittelbar wirkender Gruß aus dem Mittelalter. Ich sehe darin eine Einladung der heiligen Hedwig, sich mit ihr, ihrem Leben und Wirken und dem, was sie uns als Schwester im Glauben hinterließ, ernsthaft zu beschäftigen!

+ Bertram

Dr. Bertram Meier
Bischof von Augsburg

[1] Gottschalk 1964: Joseph Gottschalk, St. Hedwig. Herzogin von Schlesien, Köln-Graz: Böhlau 1964 (= Forschungen und Quellen zur Kirchen- und Kulturgeschichte Ostdeutschlands, Band 2), S. 60.

[2] Vgl. u. a. Jak 2,1: Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrlichkeit, frei von jedem Ansehen der Person! 

[3] So lautet die Überschrift über das Hedwigsfresko, das man 1961 in der ehemaligen Michaelskirche auf dem Lindenhof in Geislingen/Steige entdeckte.

[4] Vgl. Gottschalk 1964 (wie Anm. 1), S. 7.

[5] Ebd. S. 93: „Als Ort der Trauung nimmt man die Stammburg Andechs an.“

[6] Ebd. S. 9f.

[7] Ziegler 2009: Walter Ziegler: in „oppido gisilin“ 1227. Bischof Heinrich von Eichstätt und Abt Berthold von Ottobeuren in Geislingen. In: ‚in oppido giselingen‘ 1108-2008. Acht Vorträge zum 900jährigen Jubiläum von Geislingen. Hrsg. v. Kunst- und Geschichtsverein Geislingen e.V. Geislingen an der Steige 2009, S. 119-140, hier: 119-121.