Eine „gute Hirtin“ für Ursberg
Vier Tage vor seinem Tod ereilte Dominikus Ringeisen ein leichter Schlaganfall. Sein Bischof, Maximilian von Lingg, schickte umgehend ein Telegramm, in dem er seinem Mitbruder versprach, für ihn zu beten und ihn zu segnen. Als Zeichen seines Dankes schrieb Dominikus Ringeisen mit zittriger Hand: „Vergelt’s Gott“. Dies sollten seine letzten Worte sein, mit denen er sich von dieser Welt verabschiedete. Mit einem „Vergelt’s Gott“ ist die Melodie seines Lebens ausgeklungen.
Heute ist ein Tag der Trauer, aber auch des Dankes. Auch wir haben allen Grund, „Vergelt’s Gott“ zu sagen. Wir danken für Schwester Gunda Gruber, deren Leben gefüllt war mit vielfältigen und großen Aufgaben, und gleichzeitig erfüllt von einer Tiefe, die sich nicht mit Oberflächlichem zufriedengab, sondern den Dingen und Menschen auf den Grund zu gehen vermochte. Wenn uns die Feier der Eucharistie auf den Friedhof entlässt, dann begegnen wir in der Kapelle einem Fenster, auf dem der Gute Hirt dargestellt ist. Die Idee, den Priestermaler Sieger Köder mit der Gestaltung dieses Motivs zu betrauen, hat Sr. Gunda wesentlich vorangetrieben. Vergangene Woche hat sich ihr Wunsch erfüllt, vom Guten Hirten zu den Wassern des Lebens geführt zu werden. Kann es ein schöneres Bild geben, um das Leben von Schwester Gunda zu spiegeln als das Bild vom Guten Hirten? Wenn Schwester Gunda noch einmal den Mund öffnen könnte und uns die Predigt hielte, dann wäre es wohl der Gute Hirt, den sie in den Mittelpunkt ihrer Gedanken stellen würde.
Denn sie selbst war eine Art „gute Hirtin“ in ihren Aufgaben als passionierte Lehrerin, als Inspiratorin besonders in Maria Bildhausen, als Filialleiterin und Konventoberin und schließlich als umsichtige Generaloberin. Ich lade Sie ein, in den Spiegel des Guten Hirten zu schauen, und wir werden darin die Lebensbotschaft entdecken, die Schwester Gunda uns hinterlässt.
1. Fragt man nach dem typischen Handwerkszeug des Hirten, dann fällt einem sofort der Stab ein. Der Stab hat eine tiefe Aussagekraft. Er steht zunächst für Geradlinigkeit und Konsequenz: Tugenden, die den Charakter von Schwester Gunda auszeichneten. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil verantwortlich sein, dafür brauchte es die Gabe der Unterscheidung der Geister, um nicht in Extreme wegzukippen: ein hoher Anspruch und eine echte Herausforderung. Wer im Rückblick auf die zahlreichen Neuerungsmaßnahmen in äußeren Bauwerken ebenso wie im inneren Lebenshaus der Gemeinschaft schaut, hat eine Ahnung davon, dass die Arbeit, die Schwester Gunda anzupacken hatte, bestimmt nicht immer vergnügungssteuerpflichtig war. Zukunftsweisend waren die strukturellen Veränderungen auf kirchlicher und politischer Ebene. Wie sie Schritte setzte, um das Dominikus-Ringeisen-Werk den Anforderungen der Zeit anzupassen, so gelang es ihr auch, ihre Gemeinschaft in das Hoffnungsnetz der Kirche und der Kommune einzubinden. Ein fruchtbares Miteinander von Orden und Gemeinde ist daraus erwachsen. Vergelt’s Gott, Schwester Gunda, dass Sie als gute Hirtin von Ursberg den Stab immer hochgehalten haben.
2. Der Wohnort des Hirten ist meist nicht der blühende Garten, sondern oft die Steppe und die Wüste. Wüste bedeutet Einsamkeit, Alleinsein, aber auch Ort der Gottesbegegnung, wo das Wort den Menschen trifft. Und dann holt den Hirten oft die andere Seite des Lebens ein: die Öffentlichkeit, sehen und gesehen werden, sprechen und angesprochen werden, Freud und Leid der Menschen berühren, dafür sorgen, dass alle mitkommen: Gesunde, Kranke und Menschen mit Behinderung, Starke und Schwache, Junge und Alte. Vor allem in ihrer Zeit als Generaloberin hat Schwester Gunda diese Spannung zwischen Wüste und Marktplatz, zwischen Einsamkeit und Öffentlichkeit immer wieder erfahren. Nur wenigen hat sie einen Einblick in ihr Herz erlaubt, mit Disziplin gegen sich selbst ist sie mit manchen Umbrüchen und Abbrüchen umgegangen, die es in der Gemeinschaft gab und an denen sie litt. Gerade dadurch hat sie eine Würde ausgestrahlt, die nicht arrogant war oder von oben herab, sondern von der inneren Mitte zeugte, aus der sie lebte: Jesus Christus.
Weil sie um Ihn als den Guten Hirten wusste, konnte sie in Ursberg für ihre Mitschwestern eine gute Hirtin sein. Leitung war für sie stets ein geistliches Tun. Was sie von anderen verlangte, das forderte Schwester Gunda zuallererst von sich selbst. Sie achtete nicht nur Dominikus Ringeisen als Gründer, ihre besondere Verehrung galt dem hl. Franziskus, den sie der Gemeinschaft als geistlichen Vater immer wieder als Vorbild empfahl. Besonders achtete sie auf die franziskanische Armut und die Tugend der Verschwiegenheit. Es ging ihr nicht nur darum, den Gürtel enger zu schnallen, sondern auch die Zunge. Eine enger geschnallte Zunge hindert uns daran, zu viel über andere zu reden und hilft, umso mehr miteinander in ein geistliches Gespräch zu kommen. Vergelt’s Gott, Schwester Gunda, dass Sie als gute Hirtin von Ursberg die Gemeinschaft zwölf Jahre lang geführt haben.
3. Im Spiegel vom Guten Hirten, der sich und den Seinen mit dem Stab in der Hand den Weg durch die Wüste bahnt, erscheint noch ein drittes Motiv, das dem heutigen Tag einen Glanz der Ewigkeit verleiht. Osterikonen der Ostkirche zeigen Christus, den Guten Hirten, wie er den Menschen aus der verschlossenen Unterwelt nach oben ins Licht reißt. Neben ihm fallen zahlreiche Schlüssel in den Abgrund hinab. Der Mensch hat alle seine Schlüssel versucht, um die Tür aufzusperren. Jetzt fallen sie nichtig-nutzlos ins Leere. Wir brauchen nicht mehr schieben und drücken und drehen. Die Tür zum Leben steht offen. Es liegt an uns, die richtige Tür zu wählen und einzutreten in den Raum, wo Leben auf uns wartet, wo sich erfüllt, was der Gute Hirt selbst gesagt hat: „Ich bin die Tür. Und ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Schwester Gunda hat es sich in ihrem vielfältigen Wirken zum Anliegen gemacht, den ihr anvertrauten Menschen zu helfen, die Tür zu finden, von der es heißt: „Ich habe vor dir eine Tür aufgetan, die niemand mehr schließen kann.“
Heute ist für Schwester Gunda der „Tag der offenen Tür“. Als sie das Amt der Generaloberin niedergelegt hatte, trat sie ins zweite Glied zurück und machte sich im Mutterhaus nützlich. Im Archiv vertiefte sie sich in die Schriften von Dominikus Ringeisen und entdeckte darin einen großen geistlichen Schatz. Und als sie an ihrem Lebensabend wieder nahe an den Menschen mit Behinderung lebte, brach für sie noch einmal gleichsam der Morgen ihrer Berufung an, die sie einst als junges Mädchen im Lehrerinnenseminar verspürt hatte. Schwester Gunda ist in den letzten Jahren ihres Lebens in die Schule des Loslassens gegangen, und sie hat das Examen mit Auszeichnung bestanden. Bei aller Würde, die sie bis zuletzt ausstrahlte, konnte sie auch Nähe zulassen. Als die Zielgerade ihres Weges näher rückte, wurde Schwester Gunda immer wesentlicher, noch klarer, ausgereift wie eine Frucht, die auf die Ernte wartet.
Vergelt’s Gott, Schwester Gunda, gute Hirtin von Ursberg, dass Sie am Abend Ihres Lebens darauf aufmerksam machten, worauf es im Leben ankommt.
So ist dieser Tag nicht nur ein Anlass, Abschied zu nehmen, sondern auch ein Grund, sich aufs Wiedersehen zu freuen. Möge der Auferstandene, der Gute Hirt, unsere geschätzte und geliebte Schwester Gunda auf grüne Auen führen und zum Wasser des Lebens geleiten, so dass sie spüren darf, was ein Gedicht von Pater Ernst Vogt in Worte fasst:
Auch für mich ist heute Frühling,
blühen Blumen,
rote, gelbe,
singen Vögel im Gezweige,
summen Bienchen
leis ihr Lied.
Auch für mich ist heute Frühling,
leuchten Farben
in den Wiesen,
strahlen Zweige voller Blüten,
scheint die Sonne
warm und hell.
Auch für mich ist heute Frühling,
spielen Kinder
froh ihr Lachen,
machen tanzend ihre Spiele,
und im Herzen
Lieb erwachet.
Auch für mich ist heute Frühling,
neues Leben,
Osterfreude,
Auferstehn aus Nacht und Dunkel,
Jubel singend,
Seligkeit.