„Eine neu erstrahlende Wallfahrtskirche“
Lieber Herr Stadtpfarrer, lieber P. Brühl, liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst, liebe Friedberger, liebe Mitglieder der deutschen St.-Jakobus-Gesellschaft, liebe Verehrerinnen und Verehrer der hl. Märtyrerin Afra – Schwestern und Brüder im gekreuzigten und auferstandenen Herrn, „Freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt“ – so unverblümt und direkt haben wir soeben die Empfehlung aus dem 1. Petrusbrief gehört.
Nun ist Freude ja grundsätzlich nicht auf Befehl zu erzeugen und dann noch Freude über etwas, was uns eher mit Schrecken und Sorge erfüllt! Wie kommt der Autor dieses Apostelbriefes dazu, seiner Gemeinde am Ende des ersten Jahrhunderts so etwas zu schreiben?
Der Schlüssel zu diesem frühchristlichen Selbstverständnis ist die Tatsache, dass die ersten christlichen Gemeinden angesichts der wachsenden Ausgrenzung und Bedrohung durch ihre Umgebung bald einen scharfen Gegensatz zwischen ihrem leidvollen irdischen Leben und dem künftigen erkannten. Denn der Schreiber fährt fort: „So könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln“ (1 Petr 4,13).
Wir Heutigen sind gegenüber einer solchen Argumentation skeptisch geworden, wir wollen nicht ‚aufs Jenseits vertröstet‘ werden, sondern hier und jetzt in Freiheit und Selbstbestimmung leben. Dabei nehmen wir jedoch oft die mühsamen Errungenschaften vergangener Jahrzehnte wie Religions- und Meinungsfreiheit allzu selbstverständlich als etwas Gegebenes und Garantiertes hin. Doch die Entwicklung in Indien, einigen Staaten Lateinamerikas und Afrikas, vor allem aber in den auch europäischen Ländern, in denen Krieg herrscht, zeigt, dass es schleichend über Jahre hin oder auch ganz plötzlich zu einer völlig anderen Situation kommen kann.
Die heilige Afra, die als eine der ersten Christinnen des römischen Militärstützpunktes Augusta Vindelicum hier um das Jahr 304 den Märtyrertod fand, hat sich in all ihrer Not sicher an der Verheißung Jesu Christi festgehalten. Wir wissen nicht, ob sie, wie es das eben gehörte Matthäusevangelium durchklingen lässt, überhaupt eines Verhörs gewürdigt wurde[1] oder man einfach kurzen Prozess mit ihr gemacht hat. Die ältesten uns erhaltenen Gerichtsprotokolle gegen Christen aus dem 2. Jhd. n. Chr. zeigen, wie schematisiert, ja unpersönlich ein derartiges Verfahren ablief: Man forderte die als Christinnen und Christen denunzierten Menschen auf, beim Genius, dem Schutzgeist, des Kaisers zu schwören und ein Bittopfer für ihn darzubringen. Weigerten sich die „Delinquenten“, war dies Majestätsbeleidigung und Hochverrat und sie hatten sich damit selbst ihr Todesurteil gesprochen, das sofort vollstreckt wurde.
Hier drängen sich unwillkürlich Ähnlichkeiten zu Schauprozessen der jüngeren und jüngsten Vergangenheit auf. Denken wir nur an die Gerichtsverhandlungen gegen die Mitglieder der Weißen Rose in München: Von der Verhaftung am 18. Februar 1943 bis zur Hinrichtung am Prozesstag durch das Fallbeil am 22. Februar waren es gerade einmal vier Tage!
Als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Protokolle, die jahrzehntelang im Sowjetischen Geheimarchiv lagerten, veröffentlicht wurden, konnte man in der Standhaftigkeit z. B. von Sophie Scholl noch ihr festes christliches Vertrauen spüren. Das viele Seiten lange Vernehmungsprotokoll schließt mit den bekannten Sätzen: „Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“[2]
Heutige Märtyrerinnen, gewaltsam getötet oder solche, die auf Todeslisten stehen, tragen oft keine lateinischen oder altgriechischen Namen mehr. Dennoch geben ihre Vornamen nicht selten Hinweise auf Namenspatroninnen wie die Mutter Jesu, Katharina von Alexandrien oder die Personifizierung der göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe. Außerdem scheint es, dass sich ein uraltes, auch tief in den sog. zivilisierten Kulturen der Welt verankertes Phänomen heute wieder enorm ausbreitet, nämlich, dass speziell Frauen unabhängig von ihrem Alter und nur aufgrund ihres Geschlechtes zu Opfern von Gewalt und Tod werden.
Das furchtbare Exempel, das die Besatzungsmacht unter Kaiser Diokletian an einer jungen Frau namens Afra statuierte, es wurde während dieser schwersten Christenverfolgung im Römischen Reich tausendfach - und wird bis heute millionenfach wiederholt. Gerade das ist ein Skandal, der für uns Christinnen und Christen wie ein Stachel im Fleisch sein sollte! Denn solche Übergriffe und Untaten sind auch immer ein Angriff auf die Würde der Menschen, die die Basis der Menschenrechte ist und die für uns in der Gottesebenbildlichkeit aller Menschen gründet.
Papst Franziskus hat 2018 einen Schlussstrich unter die jahrhundertealte Diskussion gezogen, ob sich die Todesstrafe vom christlichen Standpunkt her rechtfertigen lässt oder nicht. Doch bis heute tun sich selbst viele Katholiken mit seiner Entscheidung schwer. Dies zeigt, wie tief in uns Menschen der Gedanke der Rache und Vergeltung verankert ist. Aber gerade da, wo sie innerlich „gegen den Strich“ geht, muss die Botschaft Jesu greifen!
Den Sätzen des Matthäusevangeliums, die wir eben hörten, geht noch einer voraus, dessen Bildersprache uns nicht über den geforderten fundamentalen Gegensatz zwischen den Jüngerinnen und Jüngern Jesu und anderen Menschen hinwegtäuschen sollte: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben! Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht!“ (Mt 10,16)
Hier soll nicht grundlosem Misstrauen oder gar einer unkontrollierten Menschenfeindlichkeit das Wort geredet werden. Die Aussage steht vielmehr im Kontext der Aussendung der Zwölf und unterstreicht die Wehrlosigkeit auf der rein menschlichen Ebene zugunsten eines absoluten Vertrauens in den Vater Jesu Christi. Afra hat alles auf eine Karte gesetzt und „in den Augen der Menschen“ (Weish 3,4) komplett verloren. Doch der gläubige Mensch sieht tiefer: „Gott hat sie geprüft und fand sie seiner würdig – wie ein Ganzopfer hat er sie angenommen“, hörten wir im Buch der Weisheit (Weish 3,5-6).
Es ist wahrlich harte Kost, wenn ich ein solches Schicksal auch für mein Leben als Option in Betracht ziehen soll! Und doch ist genau das unsere Aufgabe: Die Nachfolge Christi zu leben, so gut wir nur können, an dem Ort, an dem eine jede, ein jeder von uns gestellt ist!
Wir feiern heute einen Festgottesdienst nach der Generalsanierung dieser Kirche, der man nicht ansieht, dass ein Vorgängerbau wohl schon um das Jahr 1000 den Platz bezeichnete, auf dem der Überlieferung nach die heilige Afra den Feuertod starb. Und doch erkennen wir auf den zweiten Blick, dass dieser Raum seltsam leer erscheint: Tatsächlich tragen Architektur wie Ausstattung die Narben der gewaltsamen Umnutzung im Gefolge der Säkularisation. Das Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra, dem Papst Alexander III. 1177 den Besitz von Kirche und Priesterstelle in der Siedlung Lechfelderdorf[3] bestätigt hatte, wurde kurzerhand zur Kaserne bestimmt und diese Kirche hier - nach ihrer prächtigen Neuerrichtung zum 1400. Afrajubiläum (1704 bis 1712) - als Wallfahrtskirche idyllisch in den Lechauen gelegen, musste ab 1812 als Munitionslager herhalten.
Erst 1877 gelang es dem damaligen Wallfahrtsdirektor von Herrgottsruh, Alois Melcher, durch persönlichen Einsatz und vermittels einer generösen Spende einer ungenannt bleibenden Augsburger Dame das arg geschundene Gotteshaus vom Staat zurückzukaufen und mit viel Mühe wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen. Auch Gebäude haben also ihre Geschichte und geben Zeugnis von hellen wie dunklen Zeiten.
Möge die nun neu erstrahlende Wallfahrtskirche, die in den letzten Jahrzehnten zu einer beliebten Kirche für Trauungen und Taufen geworden ist, vielen Menschen, die hier Rast machen oder einen familiären Höhepunkt feiern, die Frohe Botschaft künden, für die die heilige Afra mit ihrem Leben einstand. Amen.
[1] Die frühmittelalterliche, reich ausgeschmückte Afralegende, die von einem solchen Verhör erzählt, bleibt hier aus guten Gründen unberücksichtigt.
[2] Zitiert nach Sophie Scholl: Vernehmungsprotokoll (mythoselser.de), aufgerufen 28.08.2024.
[3] Die Siedlung ist 1391 bereits abgegangen. Vgl. Hubert Raab: Die Wallfahrtskirche St. Afra auf dem Felde, unter: Wallfahrtskirche St. Afra im Felde - Sankt Jakob Friedberg (sankt-jakob-friedberg.de), aufgerufen 28.08.2024