Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier am 5. Fastensonntag bei den Andechser Europatagen

Europa, denk an deine Wurzeln!

21.03.2021 10:15

„Wir sind Missionsland geworden. Diese Erkenntnis muss vollzogen werden. Die Umwelt und die bestimmenden Faktoren allen Lebens sind unchristlich. Aus dieser Einsicht ergeben sich notwendige und natürliche Konsequenzen für Art, Stil und Takt der Arbeit.“ Diese Worte sprach der Jesuitenpater Alfred Delp vor mehr als sechzig Jahren bei einer Konferenz der Männerseelsorger in Fulda (Gesammelte Schriften I, 280). Wenig früher war in Frankreich ein Buch erschienen mit dem programmatischen Titel: „La France - pays de mission“. 1948 kennzeichnete Pater Ivo Zeiger SJ, der ehemalige Rektor des Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom, auf dem Mainzer Katholikentag die Situation der Kirche in unserer Heimat so: „Deutschland ist ein Missionsland geworden“. Millionen rechnen in ihrem Leben nicht mehr mit Gott, „sie bekämpfen ihn nicht, sie kümmern sich einfach nicht um ihn“.

Diese Blitzlichter, die im 20. Jahrhundert von verschiedenen Menschen an unterschiedlichen Orten aufgenommen wurden, bündeln sich heute gleichsam in einem Lichtkegel, den der heilige Papst Johannes Paul II. treffend umschrieben hat: „Wir befinden uns heute vor einer stark veränderten und schillernden religiösen Situation: die Völker sind in Bewegung; soziale und religiöse Wirklichkeiten, die früher klar definiert waren, entwickeln sich zu komplexen Situationen. Man denke dabei nur an einige Phänomene wie die Verstädterung, die Massenwanderungen, die Flüchtlingsbewegung, die Entchristlichung von Ländern mit alter christlicher Tradition, an den deutlich erkennbaren Einfluss des Evangeliums und seiner Werte in Ländern mit größtenteils nichtchristlicher Mehrheit, an das Umsichgreifen von Messianismen und religiösen Sekten. Es geht eine Umwälzung von sozialen und religiösen Situationen vor sich, die es schwer macht, gewisse kirchliche Unterscheidungen und Kategorien, an die man gewöhnt war, konkret anzuwenden. Schon vor dem Konzil sagte man von einigen Hauptstädten oder christlichen Ländern, die seien ‚Missionsländer’ geworden. Die Situation hat sich in den darauffolgenden Jahren sicher nicht verbessert“ (Enzyklika Redemptoris missio, 32).

Werfen wir noch einen Blick ins 21. Jahrhundert: Während am 25. März 2007 die „Berliner Erklärung“ der Europäischen Union unterzeichnet wurde, hat Papst Benedikt XVI. im Vatikan bei einer Rede vor Bischöfen aus Europa davor gewarnt, beim Bau des gemeinsamen „Hauses Europa“ auf die christliche Identität zu verzichten. Diese Identität sei in erster Linie historisch, kulturell und moralisch, erst dann geographisch, kulturell und moralisch zu verstehen: „Wenn sich die Regierungen der Union anlässlich des 50. Jubiläums der Römischen Verträge wieder ihren Bürgern annähern wollen, wie können sie dann ein so wesentliches Element der europäischen Identität ausschließen, wie es das Christentum ist, mit dem sich eine große Mehrheit weiter identifiziert?“ Dass Europa und Christentum ein brennendes Thema ist, zeigt die Tatsache, dass Papst Franziskus, der Lateinamerikaner mit italienischen Wurzeln, in seinen monatlichen Gebetsimpulsen „Europa und seine Wurzeln“ regelmäßig benennt.

Auf dieser Folie bekommt unser Tag heute Konturen: Europa und das Christentum im dritten Jahrtausend. Was haben wir von der Kirche zu erwarten?

Meine Gedanken sind weder theologisches Glasperlenspiel noch erhabener Elfenbeinturm, sondern Nachdenken über uns, d.h. die Christen in Deutschland und Europa. Zwar ist das Wort vom „Haus Europa“ in aller Munde, doch immer mehr Länder scheinen in diesem Gebäude zu fremdeln. Dabei machen mir die neuen Nationalismen und Egoismen große Sorgen: Anlass für ein anderes Bild. Neben die gängige Metapher vom Haus stelle ich ein Symbol, das mir passend erscheint, um gerade auch Unsichtbares und Verstecktes aufdecken zu können. Die Rede ist vom Brunnen. Um nicht auszutrocknen, um (über-)leben zu können, braucht das Haus Europa einen Brunnen. Und dieser Brunnen ist der christliche Glaube.

Wenn wir im Brunnen der Vergangenheit nachbohren, dann können wir die Frage nicht ausblenden, die uns derzeit in verschiedenen Abwandlungen bewegt: Werden wir Christen Fremde in Europa? Werden sich Zahl und Prägekraft der Christen in Deutschland, ja auf diesem Kontinent zwischen Atlantik und Ural, zwischen Nordkap und Sizilien in diesem Jahrhundert weiter drastisch vermindern? Ist das Christentum zukunftsfähig oder eher ein Auslaufmodell?

In seiner bisherigen Geschichte ist Europa durch das Christentum mehr geprägt worden als alle anderen Kontinente, seit der Apostel Paulus nach einem Bericht der Apostelgeschichte des Neuen Testaments in Troas, am Westzipfel Kleinasiens, jenen viel zitierten Traum hatte, in welchem ihm ein Mazedonier, ein Grieche, erschien und zurief: „Komm herüber zu uns und hilf uns!“ Paulus setzte am nächsten Tag zu Schiff nach Griechenland über. Diese Reise steht faktisch und symbolisch für den Schritt des in Westasien entstandenen Christentums hinüber nach Europa. Wenig beachtet wird freilich, dass andere Christen – unter ihnen nach alter Überlieferung auch der Apostel Thomas – missionierend nach Osten gezogen sind, bis nach Indien, wo es bis heute in Kerala die ansehnlichen Kirchen der so genannten Thomas-Christen gibt. Außerdem gab es Jahrhunderte lang ein blühendes Christentum im Zweistromland, in Persien und in Palästina. Später wurde es leider durch den Ansturm des Islam weitgehend vernichtet. Gleiches gilt für Nordafrika, das mit Origenes und Augustinus der Kirche die wohl größten Theologen des 1. Jahrtausends ihrer Geschichte geschenkt hat. Auch hier hat nur die monophysitische koptische Kirche in großem Ausmaß bis heute überlebt. Sie wird von einem selbstbewussten Islam stark bedrängt.

Europa wurde also seit der Zeit des Apostels Paulus für ungefähr 1500 Jahre der größte und wichtigste Lebensraum des Christentums. Von hier aus wurden vom Beginn der Neuzeit an die Wellen der Missionierung in die beiden Teile Amerikas vorangetrieben sowie nach Asien getragen, zumal auf die Philippinen, später auch nach Australien. Während im frühen 19. Jahrhundert die katholische Kirche in vielen Ländern Europas nach dem Fegefeuer von Aufklärung und französischer Revolution von ihren Gegnern schon ausgezählt wurde, setzte sie von Europa aus zu einem neuen missionarischen Schwung an, der Nordamerika, Asien und Schwarzafrika erfasste und über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus dauern sollte.

Europa stellt sich geographisch nur als eine riesige Halbinsel im Verbund „Eurasien“ dar. Sein Aufstieg zur geistig-kulturellen Mitte der Welt verdankt sie vielleicht eben dieser Randlage. Der französische Philosoph Remi Brague ist jedenfalls dieser Überzeugung. Europa, der Ursprung der heute global wirksamen naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation, von der aus alle anderen Kontinente erobernd und kolonialisierend erfasst wurden, ist nicht selbst die Wiege der großen Weltreligionen, auch nicht des Christentums. Aber gerade in Europa wuchs dem Christentum die Rolle zu, eine ungemein große Zahl von Menschen zu formen, die wie Leuchttürme ausstrahlten und hineinwirken bis in unsere Tage. Unter ihnen seien genannt Benedikt, Cyrill und Methodius, Franziskus, Theresa von Avila; nicht zu vergessen in der Gegenwart Mutter Teresa und Papst Johannes Paul II. Das Christentum machte also das aus, was man metaphorisch „die Seele Europas“ genannt hat. Trotz aller Umbrüche und Abbrüche ist es bis heute als „Seele des Kontinents“ unsterblich geblieben.

Allerdings dürfen wir nicht verschweigen, dass gerade in Europa auch Dunkles und Pathologisches aus dem Christentum erwachsen ist. Wiederholt haben die Päpste Fehler beklagt und um Vergebung gebeten: für die Behandlung der Sklaven aus Afrika, Antisemitismus, Ketzerverbrennungen und anderes mehr. Zu „heißen Themen“ wie Inquisition, christlicher Antijudaismus oder zur Gestalt des böhmischen Reformators Jan Hus wurden Experten-Konferenzen einberufen. Vor allem der heilige Papst Johannes Paul II. hat eine kritische Rückschau auf Fehler von Christen in der Vergangenheit gehalten und damit zu einer „Reinigung des Gedächtnisses“ der Kirche beigetragen. Ein Höhepunkt dabei war die öffentliche Bußfeier im Petersdom am ersten Fastensonntag im Großen Jubiläumsjahr 2000. Der Grundtenor seiner „Confessio“ klang damals so: Die dunklen Schatten, die durch Söhne und Töchter der Kirche auf die Geschichte geworfen wurden, haben keine Grundlage im Evangelium.

Eine Zäsur in der hier skizzierten europäischen „Erfolgsgeschichte“ des Christentums, zumal in seiner katholischen Gestalt, setzte das II. Vatikanische Konzil. In seinem Gefolge hat es Umbrüche gegeben: Wir danken für die zahlreichen Aufbrüche, die das Konzil ohne Zweifel gefördert hat. Aber wir nehmen mit Schmerzen auch die Abbrüche wahr, die das Leben und die Gestalt der katholischen Kirche gerade bei uns überschatten. Es wäre ungerecht, diese Abbrüche monokausal dem Konzil zuzuschreiben. So hat etwa der atheistische, kulturell höchst sensible Soziologe Alfred Lorenzer diese Kirchenversammlung in Bezug auf die von ihr ausgelösten liturgischen Veränderungen in einem plakativen Buchtitel einfach als „Konzil der Buchhalter“ abqualifiziert. Von Erzbischof Lefèbvre wurde es schlicht als „kirchlicher Sündenfall“ bewertet. In Wahrheit hat das Konzil eine „Sklerotisierung“ der Kirche verhindert, freilich mitunter um den Preis einer Reduzierung einiger Elemente kirchlichen Lebens, die man hätte bewahren müssen und deren Wiedergewinnung und Integration in einer geistlich erneuerten Kirche mir notwendig erscheint. Als Beispiele dafür nenne ich das Vergessen der mystischen Dimension, die Marginalisierung der Transzendenz in der Spiritualität des Alltags und in der Liturgie sowie die Reduzierung der Bemühungen um eine „Einübung in das Christentum“.

Trotz allem aber gilt: Noch immer gibt es in den katholischen Ortskirchen Europas auch bei uns millionenfach glaubhaftes christliches Leben. Trotzdem haben wir den Eindruck, dass manche der Kirche die Sterbeglocke läuten wollen. Dieses Urteil wird zwar durch den Einfluss von Medien verstärkt, aber nicht einfach von ihnen erzeugt. Kritiker innerhalb und außerhalb, die der Kirche einen Modernisierungsschub verordnen wollen, greifen zu kurz. Wir brauchen Erneuerung, was aber mehr ist als neue Strukturen. Wir brauchen eine „geistliche Revolution“, eine spirituelle Offensive.

Für die Kirche hat die Stimmung von Depression und Aggression, in der wir – auch bedingt durch die Pandemie - gerade stecken, Brisanz, weil hier zu den weltlichen Standards noch spezifisch christlich-moralische hinzukommen, die meist nicht eingeholt werden können. Das schwelende Unglücksbewusstsein – ein Leiden auf hohem Niveau – wird besonders auf die Kirche projiziert. Von ihr erwarten viele jenes perfekte Glück, das sonst niemand einlösen kann. Gleichzeitig macht man sie für das Ausbleiben ungebremster Glückserfüllung verantwortlich. An solchen Kampagnen beteiligen sich besonders auch jene Christen, bei denen die eschatologische Dimension des Glaubens – die Hoffnung auf ein ewiges Leben – stark geschrumpft ist. Ein heilendes Mittel gegen diesen kollektiven Trübsinn wäre die Wiederentdeckung des Humors, von welchem der nordamerikanische Protestant Harvey Cox gesagt hat, er sei „die letzte Waffe der Hoffnung“. Theologisch vertieft hieße das zu begreifen, was mit der Rechtfertigung des Sünders durch Gott im Sinn der ökumenischen Erklärung von Augsburg 1999 zutiefst gemeint ist: vor Gott, vor den Menschen und vor sich selbst geradestehen zu können.

Damit kommt unsere Tiefenbohrung an ihr Ziel: Bei allem Wandel der bislang 2000-jährigen Kirchengeschichte gibt es ein unauflösbares Band zwischen Europa und dem Christentum: Da Europa der Brückenkopf für die Globalisierung des Christentums wurde, verdankt das Christentum Europa viel. Und umgekehrt verdankt Europa dem Christentum viel, zumal der christliche Glaube weitgehend das ausmacht, was man die Seele Europas genannt hat. Am Anfang waren die Christen allerdings Fremde auf diesem Kontinent und heute scheinen sie in vielen Lebensbereichen wieder Fremde zu werden. Macht aber das Fremdsein in gewisser Hinsicht nicht gerade das Christsein aus? Stromlinienförmige Christen gestalten Europa nicht. Sie ecken nicht an, fallen aber auch nicht auf. Paulus schreibt uns ins Stammbuch: „Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist.“ (Röm 12,2)