Predigt des Bischofs Dr. Bertram Meier am 8. Juli 2021 bei der Stabübergabe der Leitung der Hauptabteilung III

„Evangelisierung braucht nicht nur Anbeter, sondern Anpacker“

09.07.2021 09:50

In der Hauptabteilung III sind wohl manche nervös und unsicher. Mehrfach wurde ich in letzter Zeit mit der Frage konfrontiert: Herr Bischof, wie stellen Sie sich Evangelisierung und Jugendarbeit vor? Was erwarten Sie von unserer Hauptabteilung, die den Titel beibehält: Evangelisierung – Jugend - Berufung? Welche neuen Akzente sollen wir in der Leitung sowie als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzen?

Viele Fragen, auf die zu antworten ich mindestens einen ganzen Abend bräuchte. Denn es gibt weder ein Patentrezept noch einen Masterplan, um flächendeckend das ganze Bistum „durchzuevangelisieren“. Bevor ich dennoch versuche, einige zentrale Wegmarken aufzustellen, um die Richtung aufzuzeigen, ist es mir ein Anliegen, allen zu danken, die bisher das Feld Jugend und Evangelisierung beackert haben.

Da ist zunächst Domvikar Dr. Florian Markter. Aus den Händen des damaligen Jugendpfarrers Florian Wörner, der mir mittlerweile als Weihbischof zur Seite steht, hat Dr. Markter die Verantwortung sowohl für das Bischöfliche Jugendamt als auch seit 2018 für die Gesamtleitung der Hauptabteilung III übernommen, zu der auch das Institut für Neuevangelisierung zählt. Leider ist Domvikar Markter heute verhindert, da er sich in dieser Woche geistliche Tage gönnt, um in Exerzitien nach dem Willen Gottes für seine künftige Tätigkeit als Pfarrer von Mering zu fragen. Aber ich bin sicher, dass es Drähte gibt, die meine Worte an ihn weiterkommunizieren. Domvikar Markter war es - im Sinn des Propheten Ezechiel, über den er zum Stichwort „Transformationen“ promovierte, unter besonderer Berücksichtigung des Begriffes „Herz“ – ein Herzensanliegen, Jugendpfarrer zu sein. Die Akzente, die er in all den Jahren gesetzt hat, gehen nicht verloren. Ich wünsche dem künftigen Pfarrer Dr. Markter von Herzen, dass er den Menschen sein Herz aus Fleisch zeigt, das mitfühlt und mitzweifelt, das vertraut und glaubt.

Ebenso danke ich Sr. Dr. Theresia Mende, der es als Dominikanerin auf den Leib geschrieben war, im Institut für Neuevangelisierung dem Wort Gottes zu dienen. Sie trat in aller Klarheit dafür ein, dass dieses Wort Gottes nicht nur im heiligen Buch der Bibel steht, sondern sichtbar und greifbar wird in den Sakramenten, vor allem in der Eucharistie. Mit fester Entschlossenheit und großem Fleiß hat Sr. Theresia ihre Talente eingesetzt, um dem Evangelium den Weg zu bahnen. Auch diese Mühen werden wir in Erinnerung behalten.

Christus ist unser Weg, daher wollen wir nicht bei der Rückschau stehenbleiben, sondern beherzt weitergehen. Im Folgenden will ich ein paar Grundlinien aufzeigen, die ich Euch bitte, in der weiteren Arbeit weiter auszuziehen:

1.     Evangelisierung braucht keinen eigenen „Sonderauftrag“.

Der Begriff „evangelisierende Kirche“ ist eigentlich so etwas wie ein „weißer Schimmel“. Denn die Kirche wäre nicht Kirche, wenn sie nicht evangelisiert, d.h. wenn sie das Evangelium Jesu Christi nicht bezeugt. Schon der hl. Papst Paul VI. hat seiner Programmschrift zur Evangelisierung in der Welt von heute (Evangelii nuntiandi) eine klare Ansage gemacht: „Evangelisieren ist die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Die Kirche ist da, um zu evangelisieren“ (EN 13). Aus dieser Berufung heraus wird die Kirche geradezu „geboren“ (EN 15). Daher stellt sich die Frage gar nicht, ob und wann die Kirche evangelisieren soll. Im Gegenteil gilt vielmehr: Wenn die Kirche nicht evangelisierend unterwegs ist, verrät sie ihren Auftrag. Sie wäre nicht mehr Kirche Jesu Christi, dessen letztes Wort vor seiner Himmelfahrt lautet: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen.“ (Mt 16,15). Evangelisierung ist also kein Sonderauftrag für einige besonders Auserwählte, sondern ein Dauerauftrag für alle, die aus dem Wasser und dem Heiligen Geist, d.h. in Taufe und Firmung wiedergeboren sind. So hat es seinen guten Grund, das bisherige Institut als künftige Abteilung für Evangelisierung mehr in das diözesane pastorale Leben der Kirche von Augsburg einzugliedern.

2.     Die Evangelisierung geht der Sakramentalisierung voraus.[1]

Damit wiederhole ich eine alte Wahrheit, den ich den Priestern bei meiner ersten Chrisammesse am Fest Kreuzerhöhung 2020 ans Herz gelegt habe: Das Wort kommt vor dem Sakrament. Für mich ist ganz klar: Wir können die katholische Kirche nicht mit Mitteln und Methoden erneuern, die nicht katholisch sind. Die katholische Kirche „tickt“ sakramental; wir leben – wie unsere ostkirchlichen Schwestern und Brüder - aus der Eucharistie. Wort und Sakrament sind nicht als „aut – aut“ / entweder – oder zu sehen, sondern als „et – et“ zu verstehen: sowohl Wort als auch Sakrament, also ganz katholisch. So hat auch der hl. Pfarrer von Ars gedacht, den 2010 der damalige Papst Benedikt XVI. den Pfarrern zum Patron gegeben hat: „Unser Herr, der die Wahrheit selbst ist, schätzt sein Wort nicht geringer als seinen Leib. Ich weiß nicht, ob es schlechter ist, bei der hl. Messe unaufmerksam zu sein oder bei der Predigt. Ich sehe keinen Unterschied: Während der Messe verliert man die Verdienste des kostbaren Leidens und Sterbens unseres Herrn, während man bei der Predigt sein Wort, das er selber ist, verliert.“[2]

Wie Ihr wisst, habe ich als ersten Teil meines bischöflichen Wahlspruchs eine Formulierung des hl. Augustinus gewählt: vox Verbi, Stimme des Wortes. Ich betone immer wieder: das Wort „Verbi“ ist großgeschrieben. Denn es geht nicht so sehr um das akustische, gepredigte, geschriebene, gedruckte Wort, sondern um Jesus Christus als Person, wie es der Johannesprolog auf den Punkt bringt: „Und das Wort ist Fleisch geworden“ (Joh 1,14). Das Wort Jesus Christus hochhalten, den (!) Allerheiligsten anbeten, IHN jeden Sonntag gebührend feiern, das ist mein Anliegen! Wir wollen Jesus Christus hochleben lassen. Sein Lob soll in unseren Herzen nicht verstummen.

3.     Die eucharistische Anbetung drängt in die Nächstenliebe.

Wovon das Herz überfließt, davon spricht sein Mund (Lk 6,45). Dieses Wort Jesu findet seinen Widerhall in der Aussage des Völkerapostels Paulus: Caritas Christi urget nos. Die Liebe Christi drängt uns. (2 Kor 5,14) – Nicht umsonst haben zahlreiche heilige Ordensgründer und Ordensgründerinnen ihr Leben unter diese Wahrheit gestellt (z.B. Vinzenz von Paul und Luise von Marillac). Es ist daher mein Wunsch, dass unsere Bemühungen zu evangelisieren, junge Menschen mit der Frohen Botschaft vertraut zu machen und ihnen auf dem Weg ihrer Berufung zu helfen, noch mehr vom caritativen Engagement getragen und durchdrungen werden. Wir brauchen nicht nur Menschen, die anbeten, sondern die anpacken. Es gibt genug Möglichkeiten, „Liebe zur Tat“ werden zu lassen:

-         In der Arbeit mit jungen Leuten soll aus dem Nebeneinander zwischen dem Bischöflichen Jugendamt und dem BDKJ mehr ein Miteinander werden. Gemeinsam sind wir stark! Beide Stränge, das Evangelium den Kindern und Jugendlichen anzubieten, sind gleich viel wert und kostbar: da sind z.B. die 72-Stunden-Aktion des BDKJ und gleichzeitig Formate wie Nightfever und Prayerfestival. In den Augen des Bischofs gibt es hier kein Ranking, weder Bevorzugung noch Benachteiligung. Ich schätze Euch beide! Daher nochmals meine Bitte: Rückt noch mehr zusammen!

-         Dieser Grundgedanke soll uns auch leiten, wenn wir neu ein „Jahr der Orientierung“ konzipieren. Damit wird das „Basical“ nicht abgeschafft, sondern bekommt ein anderes Gesicht: Es soll ein Lernort werden für Weite und Offenheit, fürs Suchen und Fragen, vor allem aber für die nötige Freiheit zu einem tragenden Lebensentwurf, der Entscheidungsfindung für Beruf und Berufung. Dabei steht mir auch eine ganz persönliche Erfahrung vor Augen, die viele Christen in meiner Generation machen durften: Als ich die ersten Semester im Priesterseminar absolvierte, gehörten Praktika im Altenheim, auf der Sozialstation oder in der außerschulischen Jugendarbeit zum Pflichtprogramm. Ich konnte einen Einblick in die Pflege, in die Bedürfnisse und Freuden, ja auch die Not meiner Mitmenschen gewinnen, die mich nachhaltig prägten. Das caritativ-soziale Charisma, das in jedem jungen Erwachsenen schlummert, zu stärken, das wünsche ich mir vom Jahr der Orientierung.

4.     Wir brauchen eine Kultur der Achtsamkeit.

Denn zum Evangelisieren gehört nicht nur Begeisterung für die Frohe Botschaft, sondern auch Sensibilität und Empathie für den Anderen. Jesus selbst hat zuallererst die Menschen angeschaut und zugehört, was sie brauchten. Die beiden Jünger, die ihm folgen wollten, fragte er: „Was wollt ihr?“ (Joh 1,38) Vielen Kranken begegnete er einfühlsam und auf Augenhöhe: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ (Mk 10,51) Immer wieder ist die Rede davon, dass Jesus Menschen, die zu ihm kamen, zuerst intensiv wahr-nahm, mit ihnen sprach und ihnen dann das gab, was sie nötig hatten. So setzt auch bei uns Evangelisieren Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für die voraus, denen ich die Botschaft Jesu anbiete. Leider gibt es ja so etwas wie einen „Evangelisierungsübereifer“, der die Menschen zurückschrecken lässt. Wahrscheinlich hat es jede/r von uns schon erlebt: Jemand überfällt mich regelrecht mit seinem Glaubenseifer oder kann sich nicht zurückhalten, anderen immer wieder von seinem Bekehrungserlebnis zu erzählen, ohne sensibel dafür zu sein, ob sein Gegenüber gerade dafür offen ist oder nicht. Es geht also beim Evangelisieren darum, feinfühlig zu unterscheiden, was wann „dran“ ist. Das Wort aus dem 1. Petrusbrief kann uns dafür wegweisend sein: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die euch erfüllt; antwortet aber bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen“ (3,15f.).

Vier Grundlinien habe ich in die Landkarte der Zukunft gezeichnet, um Euch zu zeigen, wie ich mir den Weg der Hauptabteilung III: Evangelisierung - Jugend - Berufung vorstelle. Ich weiß, dass sich manche damit erst vertraut machen müssen. Doch als Bischof erwarte ich mir von Euch, dass Ihr mitzieht, dass Ihr nicht im Hintergrund „die eigene Suppe kocht“ und meint, der Bischof ist weit weg. Ich verspreche Euch: Ich bleibe dran – nicht um Euch zu kontrollieren, sondern um Euch zu helfen, die Wegmarken zu erkennen und beherzt auszuschreiten. Dies sehe ich als meine Pflicht. Denn wir gehen ja Seite an Seite, „einbezogen in die Sendung der Kirche“ - wie es Papst Benedikt XVI. in einer Katechese über den hl. Ignatius von Antiochien formuliert hat, „um mit neuem apostolischem Elan den zahlreichen sozialen und religiösen Herausforderungen der gegenwärtigen Zeit entgegenzutreten.“[3]

Lieber Domvikar Andreas Miesen, lieber Jugendpfarrer Tobias Wolf, lieber Pfarrer Reinfried Rimmel, ich wünsche mir eine Erneuerung der Kirche aus der Kraft des Heiligen Geistes. Werden wir immer mehr, was wir schon sind: Salz der Erde und Licht der Welt! (vgl. Mt 5,13-16) So verstehe ich diesen Neuanfang mit Euch und Euren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Kairos, als Zeit der Entscheidung und als Chance: für Euch persönlich und für das ganze Bistum!

[1] Diese Gedanken finden sich in: Duc in altum – Impulse zu einer Seelsorgeinitiative 1. Teil (Augsburger Schriftenreihe Nr. 64) 2020.

[2] Bernard Nodet, Le Curé d’Ars, sa pensée, son coeur, Le Cerf 2006, S. 126.

[3] Generalaudienz am Mittwoch, den 14. März 2007.