Predigt von Bischof Dr. Bertram Meier zur Ewigen Profess von Sr. Annabell Rief am 18. Juli 2021

Ewige Profess: Liebeserklärung einer Ordensschwester

18.07.2021 21:30

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Schwester Annabell denken? - Ein Schreihals, der uns einst als Baby in Atem hielt. Sagen die Eltern Anita und Bernd, die über die Geburt ihrer Tochter staunten. - Die junge Frau, die selbst eine gute Mutter abgegeben hätte. Meinen all jene, die überrascht waren, als sie vom Klostereintritt hörten.

- Ein Energiebündel, das Schwung ins Leben bringt.

Spüren sowohl die leibliche Schwester Carina als auch die Mitschwestern in der Gemeinschaft sowie die Menschen, die sie von Kindesbeinen an kennen.

- Die Feuerstelle, wo der Funke überspringt.

Wer daran denkt, ist mitten drin in dem Gespräch, das Jesus mit Schwester Annabell seit Jahren führt. Dieser Dialog hat sein Urbild am See von Tiberias: Als Petrus und die anderen Apostel an Land gingen, „sahen sie am Boden ein Kohlenfeuer“ (Joh 21, 9). Die Frage, die Jesus dem Petrus am Kohlenfeuer dreimal stellte, findet heute ihr Echo. Hier in der Pfarrkirche von Weiler, in der sich Annabell engagiert hat als Ministrantin, im Gebetskreis und in der Gebetsgruppe CREDO, hallt die Frage Jesu wider: „Annabell, liebst du mich?“

„Liebst du mich?“ Wer fragt denn so etwas? Kinder, die am Gänseblümchen zupfen, und Jungverliebte beim Kerzenschein. Und am Kohlenfeuer kein geringerer als Jesus. Er fragt nicht allgemein: „Liebt man mich eigentlich heute noch?“ Er fragt sehr direkt - damals Petrus, heute Annabell: „Liebst du mich?“

Die Frage nach unserer großen Liebe begleitet unser ganzes Leben. Immer wieder kehrt sie zurück, Jahr um Jahr, Stufe um Stufe, den Phasen unserer Biographie entsprechend. Mal reagieren wir skeptisch und zurückhaltend, mal eindringlicher und verbindlicher. Entlang dieser Frage tasten wir uns voran und reifen.

Die Frage nach der großen Liebe, für die es sich zu leben lohnt, richtet uns. Wenn wir in zehn, zwanzig, dreißig Jahren gefragt werden, was aus uns geworden ist, dann bündelt sich die Antwort letztlich in der Frage nach unserer Liebe. „Liebst du mich?“. Merken wir, dass uns diese Frage letztlich in einem Boot sitzen lässt: die Unverheirateten mit den Ehepaaren; die jungen Leute auf der Suche nach einer tragfähigen Beziehung ebenso wie die Frauen und Männer, die in ihrer Beziehung gescheitert sind; die Priester zusammen mit ihren Gemeinden, die Ordensleute mit denen, die mitten in der Welt Zeugnis geben, und mit uns allen heute besonders Schwester Annabell: „Liebst du mich?“ In den kommenden Wochen wird diese Frage erneut widerhallen in den Herzen der Mitschwestern Franciska in Polen und Ivana in Kroatien. Viele Muttersprachen – eine Frage, die Schlüsselfrage, ob unser Leben gelingt: Liebst du mich?

Dreimal hat Jesus diese Frage gestellt, fast penetrant. Es geht eben nicht nur um die erste Liebe. Davon schwärmen wir, oft auch in frommer Träumerei. Wehe, wenn die Luftschlösser ausgeträumt sind! Dann fragen wir schnell: Wo ist nur die erste Liebe geblieben?

Das Internet vergisst nichts. So bin ich beim Googeln Ihres Namens auf ein Ereignis gestoßen, das sie folgendermaßen kommentierten: „Man muss die Kirche nicht neue erfinden. Sie bietet jedem viel. Doch viele haben Hemmung, wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Diese Sorgen vergessen Jugendliche bei uns. Wir sprechen einfach miteinander und finden im Gebet zu Jesus.“ Danke für dieses Glaubenszeugnis, Schwester Annabell, das sie 2013 nach dem Prayerfestival in Bobingen für die Zeitung abgegeben haben. Wenige Wochen danach, am 17. September 2013, sind Sie nach Polen gereist, um in Gorzów (Landsberg an der Warte) ihr Postulat bei den Schwestern vom Barmherzigen Jesus anzufangen. Wir alle werden älter. So gehören auch Ihre „Sturm-und-Drang-Phase“, Ihre ersten Schritte in der Nachfolge Jesu mittlerweile der Vergangenheit an. Sie haben sicher erlebt, dass es Zeit braucht, um am Ziel der Ewigen Profess anzukommen.

Der spontan ausgestellte Blankoscheck der Hingabe wird eingelöst mit dem mühsam verdienten Kleingeld des Alltags. Nicht umsonst sind Jahre vergangen seit Ihrer Einkleidung, bis Sie heute an den Professaltar treten, nüchtern und besonnen. Im Lauf der Zeit ist in Ihnen sicher auch die Erkenntnis gewachsen, wie wichtig für den Berufungsweg die Tugend der Geduld ist: Denn Geduld ist gezähmte Leidenschaft. So freuen wir uns mit Ihnen, liebe Schwester Annabell, dass Sie heute nach langen Jahren der Vorbereitung mit gezähmter Leidenschaft antworten: „Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe“ (Joh 21,17). Gleichzeitig beten wir für Sie, dass Sie in dieser Liebe bleiben.

Bleiben: ein Grundwort im Johannes-Evangelium, besonders schön entfaltet im Bild vom Weinstock und den Reben (Joh 15,1-8). „Bleibt“, sagt Jesus immer wieder. Aber er fügt gleich hinzu: „Bleibt in meiner Liebe!“ (Joh 15,9). Jesus will kein starres, nur gewohnheitsmäßiges Bleiben. Er möchte kein Dabeibleiben nur aus Bequemlichkeit, weil die Kraft zu einer neuen Lebensgestalt fehlt. Das Bleiben soll geschehen aus Liebe und in Liebe. Bleiben hat mit Dauer zu tun. Bleiben braucht Zeit. Bleiben ist nicht langweilig, zumindest nicht, wenn es bewusst gelebt wird. Nur darauf warten, dass die Zeit vergeht, ist Aussitzen, aber kein Bleiben. Die Kunst des Bleibens beherrschen wir, wenn wir gelernt haben, bei uns selbst zu bleiben, uns treu zu bleiben ohne falsche Kompromisse und ohne Selbstbetrug. Meisterin in dieser Kunst des Bleibens sollen Sie werden, liebe Schwester Annabell. Zeichenhaft legen Sie heute die Ewige Profess ab und versprechen dabei die evangelischen Räte, in denen Sie bleiben wollen ein Leben lang:

Bleiben im Gehorsam: Ich stelle meine eigenen Fähigkeiten und Talente, meine eigenen Ideen und Konzepte in den Dienst der Gemeinschaft. Ich dränge mich weder vor noch auf. Ich bin so frei. Gott schenkt mir diese Freiheit. Mögen Sie sich diese Freiheit weiterhin bewahren: Aus dem verträumten Allgäu sind sie schon weit herumgekommen. Sie waren in Polen, Kroatien, Litauen und Sierra Leone. Wer weiß, was da noch alles auf Sie zukommt!

Bleiben in Armut: Nichts gegen das Geld. Nichts gegen Pläne, die Eltern und Freunde mit mir haben. Das reicht nicht. Das füllt mir die Hände, aber nicht das Herz. Ich bin so frei und lasse es. Gott schenkt mir die Freiheit. Aufgrund ihrer Fähigkeiten wären Sr. Annabell viele Türen offen gestanden. Sie hat ihre Kompetenzen als zahntechnische Fachangestellte und Informationsdesignerin in den Dienst eines Höheren gestellt: Gott steht für sie ganz oben!

Bleiben in Keuschheit: Wir alle verdanken uns der Liebe unserer Eltern. Die Ehe ist gut, aber alles ist sie nicht. Deshalb lasse ich sie um Gottes willen. Ich werde nicht kalt und lieblos. Im Gegenteil: Ich werde fähig, viele Menschen gern zu haben. Ich bin so frei. Gott schenkt mir diese Freiheit.

In Keuschheit, Armut und Gehorsam bleiben. In diesem Dreiklang entfaltet sich, was Jesus uns ans Herz legt: Bleibt in meiner Liebe. Freilich: Auch in einem Kloster zeigt die Liebe immer wieder Schwächen. Sie muss sich behaupten gegen Zweifel, Angriffe und widrige Umstände. Sie ist dem Neid, der Eifersucht und dem Misstrauen ausgesetzt. Denn auch den Schatz der Liebe tragen wir in zerbrechlichen Gefäßen. Die Liebe muss kämpfen gegen Angriffe von außen und Bedrohungen aus dem Inneren. Das ist ein Kampf mit ungleichen Mitteln, da die Liebe, wenn sie Liebe bleiben will, nicht dieselben Waffen anwenden darf wie ihre Gegner. Was kann sie der spitzen Zunge, dem gezückten Schwert entgegenhalten: nur die offenen, wehrlosen Hände, die sich binden lassen, und das weite offene Herz, das bereit ist, auch die letzten Konsequenzen der Hingabe anzunehmen, die Krankheit, das Leid und den Tod.

Liebe Schwester Annabell, noch sind Sie mit knapp 34 Jahren ein frischer Wirbelwind, der vielen guttut, aber auch Ihnen bleiben Flauten nicht erspart, und auch Momente werden nicht fehlen, da ihnen der Sturm ins Gesicht bläst. „Du wirst deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und dich führen, wohin du nicht willst“ (Joh 21,18). Dann sind nicht mehr wir die Macher, die alles in der Hand haben, sondern die Geführten in der Nachfolge.

Mögen Sie gerade in schwierigen Lebenslagen erfahren, dass sich Beständigkeit und Treue auszahlen, dass Sie eine Bleibe gefunden haben in der Gemeinschaft der Schwestern vom Barmherzigen Jesus, die trägt und Heimat schenkt, vor allem aber bei Gott, der bleibt und mit Ihnen geht durch dick und dünn.

Diese Gedanken weiten unseren Blick auf die ganze Landschaft unserer Orden. Die Ordensleute und Priester, die heute hier sind, feiern nicht nur eine Person, sie schauen auf ihren eigenen Weg. Uns wird bewusst, dass wir bei den großen Worten, die wir machen, zerbrechliche und schwache Menschen sind. Doch selbst wenn die Statistiken sinkende Zahlen melden, sind wir nicht allein. Andere sind mit uns auf dem Weg. Wir haben Schwestern und Brüder, die ähnliche Lebensentscheidungen getroffen haben.

Entschuldigen Sie die Bemerkung, aber wir müssen realistisch bleiben: Schwester Annabell macht Ewige Profess auf eine Gemeinschaft, in der – menschlich gesehen – viele Mitschwestern ihre Mütter oder Großmütter sein könnten. Doch das ist kein Grund, die Beerdigung des Klosters einzuläuten. Schwester Annabell ist ins Kloster gekommen, nicht als Bestatterin, sondern als Hebamme.

Ich wünsche Ihnen, liebe Schwester Annabell,

- dass Sie eine geistlich fruchtbare Frau bleiben, Geburtshelferin sind für neues Leben, gerade bei den jungen Menschen, die Ihnen anvertraut werden;

- dass Sie sich vielleicht auch als Pfadfinderin betätigen für den Weg, der Ihre Gemeinschaft in die Zukunft führt. Diese Gedanken sollen in Bilder münden, die ich bei Joan Chittister gefunden habe:

„Als Ordensmitglied zu leben, nimmt unser ganzes Leben in Anspruch. Es verlangt das Herz eines Einsiedlers, die Seele einer Bergsteigerin, die Augen eines Liebenden, die Hände einer Heilenden und den Verstand eines Rabbis.“

Es verlangt das Herz eines Einsiedlers.

Wo ist mein Herz verankert, womit ist es beschäftigt? Kann ich allein sein?

Es verlangt die Seele einer Bergsteigerin.

Habe ich Ideale? Was gibt meinem Streben Maß und Ziel? Regt sich in mir die Sehnsucht, den Gipfel zu stürmen?

Es verlangt die Augen eines Liebenden.

Wo schaue ich hin, wo lieber weg? Was sehe ich gern oder wen? Welchem Blick halte ich stand, welchem weiche ich aus?

Es verlangt die Hände einer Heilenden.

Sind unsere Begegnungen heilsam oder machen sie krank? Wo strecke ich meine Hand zur Versöhnung aus? Wo hält, trägt und streichelt meine Hand?

Es verlangt den Verstand eines Rabbis.

Woher beziehe ich mein Wissen über Gott und die Welt, über Mitschwestern und -brüder? Für wen bin ich Ratgeber(in)? Bete ich um den Geist der Weisheit?

Noch einmal: „Als Ordensmitglied zu leben, nimmt unser ganzes Leben in Anspruch. Es verlangt das Herz eines Einsiedlers, die Seele einer Bergsteigerin, die Augen eines Liebenden, die Hände einer Heilenden und den Verstand eines Rabbis“. Und mehr noch: Es verlangt das Einswerden mit dem Leben Jesu.

Er fragt hier und jetzt: „Annabell, liebst du mich?“ – „Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe.“ Amen.